Mama sagt: Der Kofferraum ist zu klein


Wie zwei scheue Rehlein, die nach den Entbehrungen des Winters die Nähe des fütternden Försters suchen, laufen sie das Trottoir entlang. Machen irgendwann kehrt, um die Straßenseite zu wechseln. Zögerlich kommen sie näher. Glucksen, kichern, während ich lässig am Fahrzeug lehne und vorgebe, sie nicht bemerkt zu haben. Die Sonnenbrille und das Telefonat mit Kollegen Apfl, der mir von Armenien erzählt, helfen mir dabei. Als die Mädels ganz nah am Gefährt sind, fasst sich die eine Mut: “Schönes Auto. So ein schönes Blau.”

Sekunden später bin ich mitten drin in einem Gespräch über Testautos, Journalismus und das Publizistikstudium der beiden. Ich bin sehr stolz, während Kollege Apfl, den ich immer noch in der Leitung halte, keuchhustet vor Neid. Er wäre gern mitgekommen, aber für ihn ist Ausfahren heute tabu, weil er sich im Kaukasus einen exotischen Infekt zugezogen hat. Und wer zu krank ist, um in die Redaktion zu kommen – so die Regel -, der darf auch nicht raus auf die Straße zum Spielen.

Für Apfl ist das schade, weil der stahlblaue Mini Cooper mit dem milchschokoladebraunen Fetzendach, den mir Mini Wien (Standort Donaustadt) überlassen hat, macht mächtig Spaß. Das Auto pickt auf der Straße wie ein Kaugummi im Roulettekessel und hat dabei mit seinen 120 PS genug Kraft, um flott aus der Kurve zu beschleunigen.

Beschleunigen ist freilich so eine Sache in der Stadt. Bekanntlich soll die Freiheit des einen dort enden, wo die Freiheit des anderen beginnt. Und nirgendwo hat sich dieses Prinzip besser verwirklicht als in einem Automobil, das im Stau steckt. Da nützt auch der monströs dimensionierte Tacho nichts. Andere entscheiden jetzt, wie viele Meter es im Stop and Go auf dem Franz-Josefs-Kai weitergeht.

Radfahrer gleiten ungeniert an mir vorbei. Andererseits haben die keine Zeit, sich den vielen Schaltern und Knöpfen zu widmen, die in die Mittelkonsole gebaut sind: Fensterheber, Türverriegelung, Popoheizungsschalter und der Schieber, mit dem man die Farbtemperatur der Leuchten in der Fahrgastzelle ändern kann. Vermutlich als eine Art Hommage an britische Exzentrik befindet sich an der Stelle, wo normalerweise der Lautstärkeregler für das Radio angebracht ist, ein Drehknopf zum Verstellen des Senders.

Ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist die “Auto-Start-Stopp-Funktion”. Sie bewirkt, dass der Mini im Leerlauf automatisch den Motor abwürgt. Diese Technologie soll helfen, Benzin zu sparen. Wird die Kupplung getreten, rasselt der Starter und der Benzinmotor springt wieder an. Aber es dauert eine Schreckmillisekunde, bis der Wagen losfährt. Zeit, die notwendig wäre, den GTI an der Ampel abzuhängen. Der Apfl, wäre er zu diesem Zeitpunkt im Auto gesessen, hätte sich über derart gescheitertes Imponiergehabe blendend amüsiert.

Meine Mama hingegen hat für so ein Hatzerl ohnehin nichts übrig. Als ich sie besuche, um die Hemden abzuholen und ein Stück Kuchen zu essen, unterzieht sie den Mini gleich dem Praxistest.

Das Verdeck, das sich innerhalb von weniger als zehn Sekunden zurückschiebt, beeindruckt sie nicht wirklich. Die Alufelgen fallen ihr gar nicht erst auf. Vielmehr merkt sie kritisch an, dass der Kofferraum zu klein sei für die Kleidersäcke: “Na super, ich hab die ganze Arbeit und du stopfst die gebügelten Hemden da hinein, damit sie erst recht wieder zernudelt sind.”

So sind Mütter eben. Sie sehen nicht, dass der wirklich relevante Faktor ein anderer ist: die Autokinotauglichkeit nämlich. Und da schlägt sich der Mini ganz passabel. Die Freundin von der Arbeit abgeholt, Soulmusik rein, Wind ins Haar und ab über Blue Highways Richtung Groß-Enzersdorf. Noch ein Einkehrschwung bei McDrive, die Scheibe sorgfältig gereinigt und dann “X-Men” auf der großen Leinwand. Was könnte schöner sein!

Fazit:

Der Mini Cooper Cabrio ist ein sympathisches Auto, das Spaß macht. Im Alltagsbetrieb zeigt das Fahrzeug ein paar eigenwillige Schrullen. Wer dieses Auto erwirbt, muss außerdem fortan seine Hemden ungebügelt tragen oder selbst das Bügeln lernen.

“Falter” Nr. 20/09 vom 13.05.2009 / Mobilitätskolumne


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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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