Mobilitätskolumne: Dein Lenz, dein Wind, dein Feuerross


Oh, mein Gott: Frühling ist’s. Die Herzen schlagen schneller, die vielfältigen Früchte des Lebens werden sichtbar. Es riecht nach knospenden Blüten, zartem Grün und frisch gewaschenem Haar. Da blähen sich gierig die Nüstern, da schweift rastlos der Blick, und – sieh! – ein Lächeln umspielt die von Winterleid gehöhlten Wangen.

Der eine holt den Tretroller aus dem Keller, der Nächste verliebt sich in die singende Serviererin vis-à-vis. Apfl tänzelt durch die Redaktion, macht Pantomime. Andere singen, pfeifen, scherzen, schnalzen mit der Zunge oder wollen am Samstag grillen gehen. Jeden – außer Nüchtern, der sich ohnehin das ganze Jahr wie eine Wiese voll Blumen kleidet – verzaubert der Lenz auf seine eigene Weise.

Manch einer, der jetzt den Ruf des Lebens hört, kramt seinen Nierengurt aus dem Kasten, fischt den Helm hinter den Skischuhen hervor und schnürt die festen Stiefel. Greift sich das steife Leder. „Streck dich, reck dich, auf!“, schreit ihn der Frühling an. „Da draußen steht dein Feuerross und will bewegt, getreten, bestiegen, geritten werden, will pfauchen, beißen, knurren – RRRRRRRRAUS!“

Doch Vorsicht: Vom Winter sind die alten Knochen morsch geworden. Wir gewöhnten uns zu gern und schnell an heißen Tee mit Honig, ans Kuscheln vorm Kamin. Die warme Stube hat uns zahm gemacht und brav. Der Sprung ins Abenteuer muss sachte, sachte sein. Die kleine Yamaha ist eine gute Wahl für deinen ersten Ritt. Verzeiht dir dein Ungestüm und deine dummen Fehler. Sie mag den Meister langweilen, doch diesem Laien ist sie das treueste Gefährt. Hinaus zum Rübenacker nun und üben, üben, üben.

Der Ladeplatz ist ein gar guter Ort. Denn diese erste Fahrt muss deiner Wandlung, deiner Heilung dienen. Die Autoreifen flugs gelegt zum Hindernisparcours: nun eingelenkt, hineingelegt, den Hintern in die Kurve. Das Knie muss raus, zwei Finger an die Kupplung: leicht gezogen. Zum Kurvenausgang einkuppeln, Gas für die Gerade. Bremsprobe. Stop and go. Balance. Zurück an den Start, und alles von vorn. Ruhig wie wenig andere läuft die XJ6, gerät durch nichts in Rage. Fein lässt sich das Gas dosieren, fein klicken die Gänge.

Eineinhalb Stunden lang trainiere ich auf dem alten Rübenverladeplatz nahe Groß-Enzersdorf und bin schon recht zufrieden mit mir, bis ich höre, wie sich hochdrehende Motoren nähern. Gleich darauf befahren zwei Menschen den großräumigen Platz, der vielleicht ein mal ein Kilometer misst, wo nur in der Mitte ein Haufen Sand und Unrat liegen.

Fühlte ich mich bis dahin vom Frühling getragen und bald schon bereit für die große Tour, belehrten mich die zwei – in professioneller Rennmontur Gekleideten – eines Besseren: Speziell der dicke Mann war eine chthonische Urgewalt. Holte alles aus der KTM, was in ihr steckt. Die meiste Zeit fuhr er auf dem Hinterrad. Nur für die Kurven gönnte er auch dem Vorderreifen Bodenkontakt. Brutal zwang er die Maschine in die Kehre, um mit ausbrechendem Hinterrad aus der Kurve zu beschleunigen und alsbald das Vorderrad neuerlich gen Himmel zu recken.

Zweimal kam er sogar zu Sturz. Sogar einen kapitalen „Highsider“ legte er hin: einen Sturz, bei dem es ihn durch plötzlichen Lastwechsel – zuerst zu viel, dann zu wenig Gas am Ende der Kurve – über das Motorrad in den Rübenacker schleuderte. Schnell sprang der Mann aus dem Kraut hervor, lachte laut, stellte die Maschine wieder auf die Räder, startete und raste im Wheelie und mit gebrochenem Seitenspiegel davon.

Resigniert blieb ich noch eine Weile am Parkplatz stehen, bis der dicke Mann und sein Freund am Horizont verschwunden waren. Ich wusste: Gegen das, was diesen Herren die Segel blähte, war mein Frühlingssturm ein laues Lüfterl. Weil ich inzwischen schon recht kalte Hände hatte, fuhr ich heim, um ein heißes Bad zu nehmen. Mal sehen, wie weit der Frühlingswind mich morgen trägt.

Fazit:

Die XJ6 ist ein verlässliches und handliches Naked Bike, ideal für Anfänger, Kleingewachsene und Wiedereinsteiger. Kein Kraftprotz, aber viel Fahrspaß für wenig Geld.

“Falter” Nr. 12/10 vom 24.03.2010 Seite: 34 Ressort: Stadtleben

About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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