Smart Evolution


Glosse im Extra der Wiener Zeitung

Das erste Telefon, das ich gegen die Wand schleuderte, war ein Ericsson R320s. Zehn Jahre vor Erfindung des SmartPhone hatte dieses Gerät bereits Kalender, Sprachsteuerung und sogar einen Touch-Screen, der mittels Plastikstift zu bedienen war. Doch leider funktionierte nichts im R320s richtig. Als sich mein wochenlang gestauter Groll dann entlud, zerbarst das Ding krachend.

Das R320s war seiner Zeit weit voraus in die Irre gelaufen. Um mit Charles Darwin zu sprechen: es war eine zum Aussterben verdammte Kreatur. Ähnlich der Säbelzahnkatze, der – angeblich – die langen Eckzähne irgendwann derart aus dem Maul standen, dass sie nicht mehr zubeißen konnte. Man sieht ihn fast vor sich, den letzten Säbelzahnkater, wie er – vermutlich sehr hungrig und traurig – vor mehr als zehntausend Jahren die Pranken streckte.

Ähnlich brutal wie die Natur geht die Unterhaltungselektronik mit ihren Geschöpfen um. Während es in der Tier- und Pflanzenwelt meist nachvollziehbar ist, warum manche Spezies ausstirbt (Faultiere einmal ausgenommen: wie die überleben, versteht keiner), sind die Erfolgskriterien von Handy, Video & Co rätselhaft.

Was zum Beispiel war schlecht am Knopf? Mehr als hundert Jahre leistete er gute Dienste, bewährte sich bei HiFi-Anlagen, Computertastaturen und in Automobilen. Dennoch ist er heute im Begriff, R320s und Säbelzahnkatzen in die Finsternis zu folgen. Gefühlssensible Glasplatten, schmierig von Fingerfett, verdrängen ihn von Kopiermaschinen und Fahrscheinautomaten. Eine Waschmaschine mit knarzenden Drehschaltern zu finden, wird auch immer schwieriger.

Dass es den Herstellern zupass kommt, mit neuen und kurzlebigeren Produkten ihre Profite zu steigern, ist klar. Warum aber gleiten den Konsumenten bewährte Technologien so selbstverständlich aus der Hand?

Der englische, in New York lebende Autor Malcolm Gladwell vertritt in seinem Buch “The Tipping Point” die Theorie, dass sich Ideen oder Produkte urplötzlich verbreiten und durchsetzen, wenn nur die richtigen, d.h. die gut vernetzten, die angesehenen Leute darauf ansprechen und die Neuheit weiter tragen. Was für solche Sympathien den Ausschlag gibt, vermag auch Gladwell nicht zu sagen. Die Qualität eines Gedankens oder eines Produkts spielt offenbar nur eine untergeordnete Rolle.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Produkte immer cleverer werden. Wie mein Vaio-Notebook, über das ich mich seit Monaten ärgere. Trotz hohem Preis läuft es nämlich instabil. Als ich letzthin knapp daran war, es gegen die Wand zu werfen, weil es wieder inmitten einer wichtigen Arbeit zusammenbrach, verteidigte es sich: Es stellte sich tot! Sein Summen verstummte. Sein Bildschirm wurde dunkel, und es ließ sich nicht mehr starten. Wenn das keine Smart Technology ist . . .

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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