Meiner Seel!


Glosse im Extra der Wiener Zeitung

Die Seele will den Winter nicht.

Sie leidet, wenn die Bäume ihre kahlen Äste in den Himmel recken. Sie hasst Minusgrade. Sie revoltiert, wenn das Licht so zeitig hinterm Horizont verblasst.

Es war kluges Kalkül unserer Vorväter, die großen Feste in diese Jahreszeit zu legen. Gleich dem Ausguck an Bord einer spanischen Fregatte, der seine von Skorbut müden Kameraden mit Zuruf aufmuntert: “Land in Sicht!”

Die Seele freilich, die Unfassbare, die Feinsinnige, durchschaut derlei Bemühen im selben Augenblick. Es sind noch lange Wochen bis zum Neubeginn; Wer jetzt schon Land erblickt, der lügt. So kommt es, dass viele Menschen zu Weihnacht und Neujahr besonders schlechte Laune haben. Statt sich an Keks und Nadelzweig zu freuen. Statt Kork und Knallfrosch der Zukunft ins Gesicht zu schleudern, verlieren sie den Lebensmut. Manche legen sich sogar in die Badewannen zum Hörbuch hören: Harry Potter zum Beispiel, wunderbar gelesen vom britischen Schauspieler Stephan Frey.

Dabei ist die Seele nicht bloß empfänglich für eigenes Leid: Wie ein Seismograph verzeichnet sie jede Störung des Weltenlaufs. Radfahren zum Beispiel, zumal im Winter, ist bekanntlich nicht immer angenehm: Die Radwege sind oft unpassierbar, weil dort Schnee- und Schotterklumpen lagern. Die kalte Luft rupft mit eisiger Klaue an den Alveolen. Im Bart formen sich Schneekristalle in zu wundersamen Gebinden.

Die Seele so manchen Autofahrers reagiert auf den Anblick eines strampelnden Kerls mit Pudelhaube verstört: Sieht sich einer unmögliche Tatsache gegenüber. So eine einspurige Irregularität ist für die Seele – zumal, wenn sie auf geheiztem Ledersitze ruht – nur schwer erträglich.

So muss es auch dem empathischen Wiener BZÖ-Chef Michael Tscharnutter ergangen sein, als er zuletzt ein Fahrverbot für Radler bei Schneefall forderte. Weiß man doch spätestens seit dem Narrenschiff, dass die Juden und die Radfahrer an allem Schuld sind. Warum also nicht auch am Verkehrschaos auf der A21?

Vermag die Seele des Autofahrers nicht, spontan eine Presseaussendung auszuscheiden, muss sie ihre Irritation mit anderen Mitteln mildern: Ausschwenken, den Raum eng machen, den Fahrradfahrer in die Schneewechten drängen – so schützen vieler Autofahrer Seelen ihr Heil.

Vielleicht ist es an der Zeit, Worte des Trostes an die Autochauffeure zu richten: Seht doch Radfahrer nicht als persönliche Kränkung, sondern als Frohbotschafter in der Dusternis, ähnlich dem Christkind oder dem Rauchfangkehrer aus Marzipan. Wie der Ausguck an Bord der Santa Maria stehen sie für Hoffnung. Auch wenn es jetzt noch stürmt und schneit: Es gibt ein Leben nach dem Jänner. Es lächelt der Krokus irgendwann wieder von der Haide. Es gibt sogar Bewegung außerhalb der Blechkiste. Und solltet Ihr wirklich keine Radfahrer ertragen: Nehmt doch einfach ein Bad!

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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