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Glosse in der Wiener Zeitung: Schnauz-Zeichen

Meine Glosse in Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung (6. Dezember 2014)…

Der “Movember” ist vorbei und geht – wie immer – nahtlos in den Advent über. Aus Übersee erreichte mich deshalb Nachricht von einer lieben Freundin. Ob ich ihr den Wunsch erfüllen möge und den grauslichen Schnauzer endlich aus meinem Gesicht entferne?

Mit diesem Anliegen ist die Gute nicht allein, auch unter daheimgebliebenen Bekannten gibt es viele, die mein Bärtchen mit Attributen wie “irgendwie unheimlich”, “wie unser ehemaliger Nachbar in Liesing”, “wie ein Statist in einem Mantel- und Degenfilm” oder nur “brrr” belegen. Einigen gefällt er auch, sie sind aber in der Minderheit.

Mit dem Schnauzbart ist es so, dass er jeden zu Positionierung zwingt. Es gibt kein anderes Haar am menschlichen Körper, das derart polarisiert. Das Achselhaar vielleicht: Aber das hat politische Gründe. Nasenhaar oder Ohrhaar wiederum sind relativ einhellig unerwünscht. Keiner lässt sich einen Ohrbusch stehen, um damit ein ästhetisches Zeichen zu setzen oder stilistisch an eine historische Epoche zu erinnern.

Aber der Reihe nach. Vergangenen Monat reiste ich nach Graz, um dort einer Operettenpremiere (“Die lustige Witwe”) beizuwohnen. Für diese Gelegenheit rasierte ich mein Gesicht, mit Ausnahme eines schmalen Streifens auf der Oberlippe. Ein guter Zeitpunkt aus dreierlei Gründen: Erstens, “Die lustige Witwe”, wo Schnurrbart – weil Operette – quasi ohnehin Pflicht. Zweitens, Movember, also medizinisch indiziert (das “Movember” genannte Schnauzerwachsenlassen im November soll auf die Wichtigkeit von Prostata-Vorsorgeuntersuchungen hinweisen). Drittens: Weil ich bald 40 Jahre alt sein werde.

Rund um diese Zeiten-Schneise beobachte ich bei vielen meiner Freunden eine gewisse Irritation, die zur Ausbildung neuer, teilweise recht eigentümlicher Verhaltensweisen führt, etwa zu leistungssportmäßig betriebenem Bodybuilding und Salsa-Tanzen bis in die Morgenstunden. Einer fährt von einem Seminar zum nächsten, um unter Drogeneinfluss die eigene Männlichkeit zu verstehen. Der Nächste reagiert mit totalem sozialen Rückzug oder profunder sexueller Neuorientierung. Manche flüchten auch in die Vaterschaft.

Woher diese Irritation kommt, vermag ich nicht zu erklären. Wohin sie geht, lässt sich beobachten. In meinem Fall: in den Schnauz. Der Bart markiert den Zeitpunkt großer Veränderung. Zeigt starken Wellengang auf dem Meer der Gefühle an.

In diesem Sinn bitte ich also mein Umfeld um größtmöglichen Respekt und Rücksichtnahme. Seht den Schnauz wie ein Fragezeichen, das sich um meine “Oberliebe” schmiegt. Er ist ein Zeichen des Wissen- und des Verstehenwollens. Kann gut sein, dass er sehr bald seinen Zweck erfüllt hat. Ich hoffe es beinahe.

http://www.wienerzeitung.at/meinungen/glossen/720867_Schnauz-Zeichen.html

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DRAHTESEL 2.0 – Die Relaunch Party

Das Magazin “DRAHTESEL” lädt am kommenden Donnerstag, dem 10. Juli 2014, zur Relaunch-Party in die Strandbar Adria am Wiener Donaukanal (Beginn 20 Uhr).

Wien (OTS) – Gefeiert wird die inhaltliche und grafische
Überarbeitung des Heftes, das heuer sein 30-jähriges Jubiläum begeht. Das neue “DRAHTESEL”-Team um Chefredakteur Matthias Bernold und Art Direktorin Anna Hazod freut sich, an diesem Abend Leserinnen und Leser persönlich kennen zu lernen. Seit 6. Juli ist auch die neue Website http://www.drahtesel.or.at online.

Der von der Radfahrer-Interessensvertretung ARGUS herausgegebene “DRAHTESEL” (Auflage: 15.000 Stück, Reichweite: 40.000) ist das meist gelesene österreichische Fahrrad-Magazin. Der “DRAHTESEL” berichtet über Mobilität, Lifestyle, Mode und Reisen. Er wirkt zudem als verkehrspolitisches Sprachrohr der ARGUS und der anderen Vereine der Radlobby Österreich. Art

Direktorin Hazod – sie war zuvor u.a. für den “Falter” und die “Zeit” tätig – hat für den “DRAHTESEL” ein dynamisches Layout entworfen, das sich durch klare Struktur und freche Illustrationen auszeichnet.

“Der DRAHTESEL ist die Stimme für eine Fahrrad-freundliche Politik”, sagt Chefredakteur Bernold, der als Radblogger für die “Wiener Zeitung” schreibt und lange für die Stadtzeitung “Falter” tätig war: “Jetzt zeigt der DRAHTESEL auch die Vielfalt der Rad-Szene und macht Lust darauf, in den Sattel zu steigen.”

Für Herausgeber-Vertreter und ARGUS-Obmann Andrzej Felczak soll
das Magazin neue Zielgruppen erschließen: “Immer mehr Österreicher fahren Rad. Mit einem attraktiven Heft wollen wir die Öffentlichkeit für deren Bedürfnisse sensibilisieren.”
http://www.drahtesel.or.at

Relaunch-Party: DRAHTESEL – Das österreichische Fahrrad-Magazin Die “DRAHTESEL”-Redaktion feiert zusammen mit Leserinnen und Lesern den Relaunch des Magazins. Datum: 10.7.2014 um 20:00 Uhr Ort: Strandbar Adria, Donaukanal, zwischen Salztorbrücke und U2/U4-Schottenring (2. Bezirk-Seite) http://www.adriawien.at/ 1020 Wien

LINK ZUR OTS-MELDUNG

DRAHTESEL – das österreichische Fahrrad-Magazin

Matthias Bernold übernimmt DRAHTESEL-Chefredaktion

Mit Jahresanfang habe ich die Chefredaktion des österreichischen Fahrrad-Magazins DRAHTESEL übernommen. Zusammen mit Art Direktorin Anna Hazod (vorher: Falter, Zeit) haben wir das Heft neu strukturiert und grafisch grundlegend überarbeitet. Der DRAHTESEL wird von der Fahrrad-Interessensvereinigung Argus herausgegeben. Unser Ziel ist es, die vierteljährlich erscheinende Publikation Schritt für Schritt in ein kommerzielles Produkt umzubauen, das alle Facetten des Radfahrens beleuchtet.

Hier ein Link zur Ausgabe DE 2/14:

Hier ein Link zur Ausgabe DE 1/14:

Hier ein Link zur neuen DRAHTESEL-Website:

http://www.drahtesel.or.at/DRAHTESEL – das österreichische Fahrrad-Magazin

 

 

 

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Die Zeit: Heißer Kampf um ein Filetstück

Mein Artikel für die Österreich-Ausgabe der Zeit vom 7.3.2014

Auf dem 15 400 Quadratmeter großen Gelände zwischen Stadtpark und Konzerthaus soll ein millionenschweres Bauprojekt verwirklicht werden. Kritiker sehen den Ausverkauf der Stadt an finanzkräftige Investoren. Ist das Megaprojekt wirklich ein Bruch der Bautradition mit Vorbildwirkung für alle weiteren Städteplanungen?

Es ist ein Ort mit Tradition, an dem viele Erinnerungen hängen. Seit mehr als hundert Jahren erfüllten sich Wiener Kinder auf dem Gelände des Wiener Eislaufvereins ihre Winterträume. Noch bis Ende vergangener Woche zogen hier die Schlittschuhläufer ihre Kreise. Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt an der Lothringerstraße. Erst im Sommer wird wieder Leben einziehen, wenn Arbeiter Sand aufschütten und Gastro-Buden öffnen. Doch selbst der Beach-Club Sand in the City wird wenig an der trübseligen Stimmung des Platzes im dritten Wiener Gemeindebezirk ändern. Das angrenzende Hotel Intercontinental, in seinem Baujahr 1964 ein erster Fußabdruck Amerikas, mutet heute wie ein Plattenbau an, während die kleinen Nutzbauten des Eislaufvereins den schäbigen Charme der sechziger Jahre verströmen.

Die Tage der Tristesse könnten allerdings bald gezählt sein: Auf dem 15 400 Quadratmeter großen Gelände zwischen Stadtpark und Konzerthaus soll ein millionenschweres Bauprojekt verwirklicht werden, das allerdings höchst umstritten ist. Es drohe der Ausverkauf der Stadt an finanzkräftige Investoren, sagen Kritiker. Ist das Megaprojekt wirklich ein Bruch der Bautradition mit Vorbildwirkung für alle weiteren Städteplanungen?

Der Konflikt rührt an eine grundsätzliche Frage: Wessen Interessen sind es, die in der Großstadt Wien Vorrang genießen? Der Wunsch der Bevölkerung nach frei verfügbarem öffentlichen Raum gerät in Widerstreit mit den Bestrebungen eines Immobilienentwicklers, der vor allem WEV_siegerprojektwill, dass seine Investitionen einen möglichst hohen Gewinn abwerfen. Zugleich stehen auch die Grünen, die in der Wiener Stadtregierung das Planungsressort zu verantworten haben, auf dem Prüfstand.

Das Areal des Eislaufvereins ist das letzte große unverbaute Gelände im innerstädtischen Bereich – ein Filetstück, bei dem Bauhaien das Wasser im Mund zusammenläuft. Zugleich befindet sich hier allerdings auch eine besonders traditionsreiche Freizeiteinrichtung, die über einen Pachtvertrag verfügt, der noch einige Jahrzehnte läuft. Als das Grundstück vor sechs Jahren vom Stadterweiterungsfonds, die Bundesbehörde ist ein Relikt der Ringstraßen-Ära, privatisiert wurden, schrillten zahlreiche Alarmglocken. Ein langes Tauziehen folgte.

Vergangene Woche wurde nun von dem Bauherrn WertInvest und der Stadt Wien der Sieger des abschließenden Architekturwettbewerbs vorgestellt. Der Brasilianer Isay Weinfeld aus São Paulo soll für eine Investitionssumme von 220 bis 300 Millionen Euro von 2016 an nicht nur das Hotel Intercontinental verschönern und erweitern, sondern auch einen urbanen “Hotspot” schaffen: am besten so hip wie das Museumsquartier. Als Cash-Cow für die Investitionen sehen die Pläne einen 73 Meter hohen Turm vor, mit Apartments für betuchte Anleger.

“Wien entwickelt sich, und dem muss die Stadt mit neuen Angeboten Rechnung tragen”, erklärte Thomas Madreiter, Planungsdirektor der Stadt. “Hier wird aus einem abgeschlossenen Gelände ein großzügiger Platz, der allen offensteht.” Weinfelds Entwurf sei ausgewählt worden, weil er das Potenzial des Standortes und der Architektur anerkenne, modifiziere und erweitere: Der Freiluft-Eislaufplatz bleibe bestehen, ebenso wie das schon reichlich angejahrte Hotelgebäude. Während das Eislaufgelände zur Lothringerstraße hin frei werde und einen offenen Platz bilde, soll das Areal an der Heumarkt-Seite mit einem viergeschossigen Bauwerk begrenzt werden. Der Eislaufverein soll eine ganzjährig nutzbare Trainingshalle erhalten und das Akademische Gymnasium einen Turnsaal. Außerdem – so verspricht der Investor – werde es ein öffentliches Hallenbad mit 50-Meter-Sportbecken geben.

Laut Rechnungshof ist das Grundstück zu billig verkauft worden

Was in den Beschreibungen des Entwicklerteams so appetitlich klingt, verdirbt anderen den Magen. Das Projekt, so formuliert es der Wiener Architekt und Architekturforscher Otto Kapfinger, sei “architektonisch und in der Proportion äußerst schwach, nichtssagend, funktional und ökonomisch extrem fragwürdig”, ein Bruch mit der Bautradition am Glacis, jener Freifläche, auf der nach dem Abbruch der alten Stadtbefestigung die erste Stadterweiterung von Wien stattfand. Dem Projekt komme vor allem deshalb so große Bedeutung zu, weil es sich um einen Probelauf für künftige Hochhaus-Widmungen in Zentrumslage handle. Schließlich kritisiert Kapfinger einen Ausverkauf öffentlicher Flächen an private Investoren, die von den Umwidmungen massiv profitieren würden. Andreas Vass von der Österreichischen Gesellschaft für Architektur stellt sogar die völlige Aufgabe städtebaulicher Steuerungskompetenz fest: “Die Stadt lässt sich von reichen Investoren vor sich hertreiben.”

Seit der in der Kompetenz des Innenministeriums stehende Wiener Stadterweiterungsfonds das Grundstück im Jahr 2008 verkaufte – zu einem nach Meinung des Rechnungshofes übrigens viel zu niedrigen Preis – , kursierten Befürchtungen, dass sich Immobilienentwickler dieses Filetstück in bester Innenstadtlage unter den Nagel reißen und es verbauen könnten.

Im Mai 2012 ging das Grundstück an den Risikokapitalgeber WertInvest, dem auch das Hotel Intercontinental gehört. Das anschließend durchgeführte partizipative Verfahren mit Anrainern, Experten und Vertretern der Stadt stellte ein Novum in der Geschichte des Wiener Städtebaus dar. Dennoch: Es formierte sich Widerstand.

Der Wiener Eislaufverein bleibt vorerst gelassen. Andere hingegen sorgen sich um die Zukunft der Stadt. Im Juli 2013 ging ein offener Brief an Vizebürgermeisterin und Planungsstadträtin Maria Vassilakou von den Grünen, in dem prominente Vertreter der Architektenkammer und diverser Architektenvereinigungen die Neubauten und Umbauten als zu hoch und zu dominant kritisierten und darauf hinwiesen, dass die Hochhauspläne den Auflagen des Unesco-Weltkulturerbes für die Wiener Innenstadt widersprechen würden.

Galt doch am sogenannten Glacis der Grundsatz, dass Private nicht höher bauen dürfen als die öffentliche Hand. “Das System gerät aus dem Gleichgewicht, wenn man willkürlich Hochhäuser baut”, meint Vass. “Mit der Errichtung des Turmes wird ein Präzedenzfall für den Bau weiterer Hochhäuser im historischen Zentrum geschaffen.” Der jetzt preisgekrönte 73 Meter hohe Turm ist noch die harmloseste Variante dessen, was die Fantasie der Planer möglich macht. Eine Ausstellung über die eingegangenen Entwürfe, die derzeit im Souterrain des Hotel Intercontinental zu besichtigen ist, zeigt kühne Zwillingstürme, fantastische Bauwerke, die Eis-Stanitzeln ähneln, und einen Eislaufplatz, der ein paar Stockwerke in die Tiefe verlegt wird.

Was Kritiker des Projektes als Kniefall vor privaten Profitinteressen sehen, wertet man innerhalb der Stadtverwaltung als gelungenes Beispiel für Public-Private-Partnership. Der Magistrat widmet Grundstücke in Bauland um oder gestattet Gebäude mit mehr Nutzfläche. Als Gegenleistung für diesen Widmungsgewinn sollen Immobilieneigentümer und Projektentwickler an stadtplanerische Vorgaben gebunden werden.

In Zukunft könnten in Wien nicht mehr die Stadtplaner den Ton angeben

Auch Kritiker Vass will nicht bestreiten, dass die genannten städtebaulichen Überlegungen und die Zuckerln für die Anrainer gewisse Meriten haben. Ob der Eislaufverein, das Konzerthaus und das Akademische Gymnasium dieser Investition so dringend bedürften und ob die Errichtung eines Gebäudes mit einer derart massiven Baumasse diese Maßnahmen rechtfertigt, sei allerdings zu bezweifeln.

Dass in Wien häufig die Geldgeber und nicht die Stadtplaner den Ton angeben, ist der traurige Befund des Raumplaners und Autors Andreas Seiß, der sich in seinem Buch
Wer baut Wien
mit den Besonderheiten des Städtebaus in der österreichischen Bundeshauptstadt befasste. Anders als in anderen Städten – analysiert Seiß – fehle es in Wien an einem durchgängigen dreidimensionalen Konzept. “Die Investoren bestimmen, was geschieht”, sagt er. “Die öffentliche Hand nutzt ihre Macht nicht, um sinnvolle Stadtstrukturen zu schaffen.”

Wenn Daniela Enzi mit den Ängsten und Sorgen der Kritiker konfrontiert wird, reagiert sie immer gleich: Sie beschwichtigt. Das ist der Job der ehemaligen Prokuristin des Wiener Museumsquartiers, die im Sommer 2012 bei WertInvest als Projektbetreuerin angeheuert hat. Für WertInvest-Boss Michael Tojner, der in den 1990er Jahren mit seiner Firma Global Equity Partners viel Geld mit Unternehmensbeteiligungen und deren rechtzeitigem Verkauf verdiente, sei der Heumarkt kein Spekulationsobjekt. Vielmehr wolle Tojner an dem Standort “etwas richtig Schönes für die Stadt schaffen. Um die maximale Rendite geht es uns nicht.” So viel altruistische Selbstbeschränkung ist in der Immobilienbranche eher nicht üblich.

Noch steht freilich weder endgültig fest, wie viel Rendite das Projekt letztlich abwerfen wird, noch, ob es überhaupt je realisiert werden kann. Müssen doch zuerst die Flächenwidmungsphase und die Gespräche mit der Unesco abgeschlossen werden. Inzwischen formiert sich die Koalition der Hochhausgegner, die in Wien verlässlich noch jedem Großprojekt erbitterten Widerstand entgegengestellt hat. Vermutlich kommt es zu einer Neuauflage der urbanen Schlacht um den Bahnhofs- und Bürokomplex Wien Mitte, der nach empörten Protesten redimensioniert und umgeplant werden musste.

Gerade in die Widmungen sollten die Gegner des Projektes allerdings nicht allzu viele Hoffnungen setzen. Andere Beispiele verwirklichter Projekte wie der Millennium-Tower oder die Danube Flats des Bauunternehmers Erwin Soravia zeigen, wie einfach es in Wien zumindest in weiter vom Zentrum entfernten Gebieten ist, über den ursprünglichen Widmungsrahmen hinaus zu bauen. Gut möglich, dass sich Vass und die anderen Kritiker eines Tages wünschen, dass der Turm lediglich so errichtet worden wäre, wie er jetzt in den Plänen steht.

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Reportage in der Wiener Zeitung: Räder mit Seele

In dieser Wohnküche wird primär weder gewohnt, noch gekocht. Sondern geschraubt. Ein Fahrrad-Rahmen in Weiß hängt in einer Monatagehalterung in der Mitte des Zimmers, daneben liegen Kästen mit Werkzeug und Komponenten. Ein Dutzend halb fertige Räder lehnen in der Ecke. Rahmen, Bremsen, Naben, Felgen, Ketten, ja sogar die Speichen leuchten in den wildesten Farben. Eine psychedelische Farbenkammer mitten in der Leopoldstadt.

“Was in Wien als Citybike verkauft wird, ist meistens unauffällig und grau”, sagt Marcin Dopieralski, “dabei ist Radfahren etwas, das extrem viel Freude bereitet. Ich finde, das Rad soll diese Freude verkörpern “.

Seit fünfzehn Jahren montiert der Absolvent der Bildhauerei-Klasse an der Universität für Angewandte Kunst in Wien in seiner Wohnung Fahrräder. Sogar aus Holz-, Harz und Bambusteilen hat der 33-Jährige schon Gefährte konstruiert. Bisher bloß aus Zeitvertreib. Jetzt formen restaurierte Stahl-Rahmen, moderne Komponenten und ein künstlerisches Farbkonzept eine Geschäftsidee.

Marcin in seiner Wohnküchenwerkstatt in Wien 2. Foto: Bernold

Marcin in seiner Wohnküchenwerkstatt in Wien 2. Foto: Bernold

Die Inspiration dafür kam zu Marcin letzten Winter in Gestalt seiner Bekannten Verena. Die vermochte nämlich kein Rad zu finden, das ihr gefiel, und sie wusste um Marcels Leidenschaft für stählerne Rösser. “Klassisch sollte es sein, und elegant und ,mädchenhaft’ in rosa und weiß gehalten und schnell”, erinnert sich Marcin: “Ich habe zu ihr gesagt: Du kannst so ein Fahrrad nirgends kaufen. Aber vielleicht kann ich dir eines bauen”.

Marcin trieb einen alten Mixte-Rahmen auf, reinigte und lackierte ihn, tauschte, was zu tauschen war und irgendwann stand es da, das alte neue Rad. Verena war glücklich. Marcin war stolz. Und auf der Straße erkundigten sich andauernd Leute, woher Verena schicker Flitzer stamme.

Schicke Farben in Marcins Wohnküchenwerkstatt Foto: Bernold

Schicke Farben in Marcins Wohnküchenwerkstatt Foto: Bernold

Das Interesse bestärkte Marcin. Er löst einen Gewerbeschein und begann sich nach geeigneten Teilen umzusehen. Wie für Verenas Prototypen verwendet er auch für die späteren Modelle klassische alte Rahmen aus Stahl, die nicht nur – wie er sagt –”wahnsinnig viel aushalten”, sondern auch “eine Seele haben”. Über das Internet kauft er die Rahmen in Deutschland, Österreich und Osteuropa ein, kontrolliert sie auf Dellen oder Risse und klärt die Rahmennummern mit der Polizei ab, um nicht an Hehlerware zu geraten. An der Technischen Universität in Krakau lässt er die Rahmen mit Sandstrahl reinigen und den Altlack entfernen. Dank Pulverbeschichtung erstrahlen die Teile bald in neuer Farbenpracht.

Modell Agresia. Foto: http://biq-shop.com/

Modell Agresia. Foto: http://biq-shop.com/

Zurück in Wien versieht Marcin die Rahmen mit Sattelstützen, Felgen und allen sonstigen Komponenten. Farblich abgestimmt und zur Bauart der Rahmen passend. “Alte Gabeln aus den 1970er- und 1980er-Jahren erlauben nicht jede beliebige Art Bremsen und Schaltsätze”, erklärt er. Jedes Fahrrad ist ein Einzelstück und kostet ab 900 Euro aufwärts. “Die Farben können sich meine Kunden aussuchen”, sagt Marcin, “im Endeffekt ist alles möglich”.

Rund 20.000 Euro hat Marcin bisher in seinen Fuhrpark investiert. Derzeit sind im Grazer Mobilitätszentrum zwei Modelle – Agresia und Vagant – ausgestellt. Die komplette Kollektion kann man sich auf Marcins Web-Seite anschauen.

Modell Vagant. Foto: http://biq-shop.com/

Modell Vagant. Foto: http://biq-shop.com/

Im Frühling, hofft Marcin, könnten seine “Räder mit Seele” bereits das Stadtbild bereichern. Für ihn selbst hat sich sein Engagement schon jetzt ausgezahlt. Und zwar in einem ganz anderen Lebensbereich. Seine erste Kundin Verena gewann nämlich nicht nur das rosaweiße Fahrrad lieb, sondern auch den Monteur: Seit Sommer vergangenen Jahres sind Marcin und Verena ein Paar…

Link zu Freitritt, dem Radblog der Wiener Zeitung

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Reportage in der Wienerin: Lektionen aus der Apokalypse

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eine Reportage in der Dezember-Ausgabe der Wienerin
Kein heißes Wasser, kein Strom, keine Heizung, dafür verzweifelte Menschen, die sich stundenlang für Benzin anstellten – so apokalyptisch ging es nach dem Wirbelsturm Sandy in New York City zu. Und die nächste (Natur-)Katastrophe kommt bestimmt, wenn auch voraussichtlich nicht am 21. Dezember. Höchste Zeit also für WIENERIN-Autor Matthias Bernold, von Endzeit-Predigern und Survival-Experten zu lernen.

Er trägt Springerstiefel, Militär-Parka und Khakihosen mit Camouflagedruck, dazu blonde Surfer-Locken, die ihm lustig in die Stirn hängen. Den Wanderstock aus Buche hat er in eine Ecke gelehnt. Hund Bruno, eine Dobermann-Schäferhund-Mischung, sieht ihm zu, wie er sein Seil mittels Mastwurf am Gaszähler im Vorzimmer befestigt. Das andere Ende knüpft er an seinen behelfsmäßigen Klettergurt: “So. Jetzt können wir uns aus deinem Fenster in den Hof hinunterlassen!“

Martin Mollay ist Survival-Trainer. Aus seiner Liebe zur Natur, zum Kampfsport und zu Aktivitäten wie Wandern, Klettern und Rafting hat sich der ehemalige Elektrotechniker und Bundesheer-Ausbildner ein eigenes Berufsbild erschaffen. Jetzt bringt der 37-Jährige anderen Menschen – in diesem Falle mir – bei, wie sie ohne die Hilfsmittel der bürgerlichen Welt überleben können. Oder eben, wie sie aus dem dritten Stock flüchten könnten, wenn die Endzeit das Stiegenhaus unpassierbar gemacht hat. (Link zu Martin Mollays Website)

Zivilisation am Ende. Wie schnell das zivilisatorische Fundament einer Gesellschaft wegbrechen kann, zeigte sich zuletzt in New York, wo die Bürger nach dem Wirbelsturm Sandy tagelang ohne Heizung, Strom und Benzin auskommen mussten – aber kaum konnten. Für Menschen wie Martin Mollay sind derlei Ereignisse die Bestätigung, dass die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr lange stehen wird: “Es gibt zwei Szenarien: eines des revolutionären Umbruchs und eines des sanften Wandels“, sagt er. “Entweder alles kollabiert mit einem Schlag – gefolgt von Chaos und einer Neu-Formierung der Gesellschaft, die friedlich oder gewaltdominiert sein kann. Oder aber es wird ein schleichender Umbruch. Die Menschen erkennen, dass sie die Gesellschaft ändern müssen, um sie zu erhalten.“

Lust am Untergang. Mit seinen Ideen steht Martin nicht allein da. Die Gruselindustrie, die vor dem “bewussten“ 21. Dezember sicher noch ein paar skurrile Blüten treibt, zeigt das deutlich. Apokalyptische Visionen begleiten den Menschen, seit er sich Glaubenssysteme schuf, um die Rätsel des Lebens zu verstehen. Religiösen Geboten Nachdruck zu verleihen, mag ein Grund für die Menetekel gewesen sein. Dazu die Bedrohungen, vor denen weder der urzeitliche noch moderne Mensch gefeit ist: Kometen auf Kollisionskurs, Vulkanausbrüche, Fluten, später dann: Weltkriege, altersschwache Atom-Meiler und schmelzende Polarkappen.

Es gibt, weiß die Literaturwissenschafterin Judith Schossböck, die sich dem Thema in ihrem Buch Letzte Menschen näherte (s. Interview), eine ungebrochene Lust am Untergang. Wer auf amazon.com etwa “End of the World“ eingibt, erhält 342.115 Treffer (Stand: 15. November 2012), darunter Ratgeber, Romane, sogar Survival-Kits mit Trockennahrung, Chlortabletten und Kompass.

Bei vielen steckt hinter der Beschäftigung mit dem Untergang die Sehnsucht, auszubrechen – aus einer immer komplexer, immer technisierter und künstlicher werdenden Welt. Diese Sehnsucht schlägt sich in Urban Gardening, Gemüsekistl-Abos, Lastenfahrrädern und Wald-Kindergärten nieder. Und es gibt sie wahrscheinlich bereits ebenso lange wie den technischen Fortschritt. So formulierte Henry David Thoreau in seinem Werk Walden bereits im Jahr 1854: “Luxus und Komfort sind nicht nur überflüssig, sondern der menschlichen Entwicklung sogar hinderlich.“ Anzustreben sei, so formulierte es der US-Schriftsteller, der sich zum Schreiben des Buches zwei Jahre lang in eine primitive Holzhütte an einem Teich im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts zurückgezogen hatte, ein “Leben in Einfachheit und Unabhängigkeit, gekennzeichnet von Großmut und Vertrauen“.

Technik schützt nicht. Einfach leben: Genau das fasziniert auch Martin Mollay. Schon als Kind fühlte sich der gebürtige Wiener Neustädter am wohlsten im Wald. Nach der HTL verschlug es den sportlichen jungen Mann zum Jagdkommando, der Eliteeinheit des österreichischen Bundesheeres. Knapp fünf Jahre lang blieb er dort, stieg auf, wurde selbst Ausbilder.

“Eines Tages ist mir bewusst geworden:, He, ich bilde Elitesoldaten aus, die aufs Töten konditioniert sind.‘“ Und das Töten ist Martins Sache nicht. Zwar habe er kein Problem damit, sich zu verteidigen. Doch für den überzeugten Vegetarier hängt das Überleben weniger an Gewaltbereitschaft, Körperkraft und Guerilla-Taktik als am Wissen um alte Kulturtechnik und das Knüpfen von sozialen Netzwerken. “In uns schlummert das Wissen vergangener Generationen“, sagt er. “Aber es geht mehr und mehr verloren.“

Diesen Befund teilt Martin mit Wissenschaftern. Der kanadische Fortschrittskritiker Pat Roy Mooney etwa vertrat heuer in seinem Vortrag im Europäischen Forum Alpbach die These, dass wir die erste Generation seien, die mehr Technologien verliere als gewinne. Zwar werde der Konsument dauernd mit neuen Techno-Gadgets und immer mehr Megapixeln für die Handykamera gelockt. Wirkliche Innovationen, meint der Träger des Alternativen Nobelpreises, seien allerdings rar. Und während sich die Agrarindustrie Patente auf Saatgut sichert, geraten traditionelle Getreidesorten und Ackerbaumethoden in Vergessenheit.

Gedeckter Tisch. Ebenso vom Vergessen bedroht sind Grundtechniken des Kletterns, des Feuermachens, der Heilkunst und des Bauens von Unterständen. Allerdings reagieren die meisten Menschen begeistert, bekommen sie erst eine Chance, die alten Tricks zu erlernen, erzählt der “Survivalist“. “Bei meinen Outdoortrainings legt sich bei den Teilnehmern nach drei Tagen ein Schalter um“, sagt Martin. “Obwohl sie nie im Freien übernachtet haben, wird ihnen die Natur in kürzester Zeit zum Alltag. Viele sagen, sie könnten ewig so weitermachen.“

Zu den für die meisten Menschen erstaunlichsten Erfahrungen gehöre es herauszufinden, dass es gar nicht so schwierig sei, in der Wildnis genügend Nahrung zu finden. “Auch im Herbst findet man im Wald noch so viel zu essen, dass man nicht hungern muss“, sagt Martin: “Ein kundiger Sammler braucht eine Woche, um so viel zu horten, dass er durch den Winter kommt.“ Durch seine Augen betrachtet ist der Wiener Augarten ein gedeckter Tisch und die Donauinsel ein Delikatessengeschäft. Da wird gerupft, gezupft, ausgegraben: Weidenrinde als Aspirin-Ersatz, vitaminreiche Brennnesselsamen, Birkenbast, der zu Spaghetti, Kastanien, die zu Mehl verarbeitet werden können (die Rezepte finden Sie auf http://www.wienerin.at).

Mit Nahrung allein ist es freilich nicht getan. Sie steht bei Mollay sogar ziemlich weit unten auf der Liste. Einer der Grundsätze im Überlebenstraining ist die sogenannte Dreier-Regel: Der Mensch stirbt nach drei Minuten ohne Luft, nach drei Stunden ohne Wärme, nach drei Tagen ohne Wasser und nach drei Wochen ohne Nahrung. “Nach der Regel strukturieren wir unser Vorgehen im Ernstfall“, sagt Martin. Noch wichtiger ist aber die Vorsorge für eben jenen: Denn “wer nicht vorsorgt, muss dann viel Zeit aufwenden, um das Überleben zu sichern“ – und sich etwa nach einer Katastrophe im Supermarkt um die Waren prügeln.

Sicherheitsnetz. Wie und womit sorgt man also vor? Wasser, Chlortabletten zu dessen Reinigung, Waffen, eine Gasmaske, vielleicht ein Funkgerät – all das sei wichtig, um die ersten Tage nach einem Krisenfall zu überstehen, sagt Mollay. Und Vorräte in Form von Hülsenfrüchten, Reis, Weizensamen oder Gerste. Noch wichtiger jedoch ist: “Das eigene Netzwerk.“ Freunde, die über unterschiedliche Ressourcen, handwerkliche Kenntnisse und Know-how verfügen, seien schon im täglichen Leben praktisch. In der Krise entscheide dies aber über Leben und Tod: “Nur in der Gruppe kannst du bestehen“, sagt der Survival-Trainer. “Wenn du aus der Stadt flüchtest, aber niemanden kennst, der dir hilft, wirst du bald im Wald erfrieren.“

Ruhe bewahren. Dennoch: “Survival ist kein Kampf, sondern ein Geschenk“, ist Martin Mollay überzeugt. “Draußen in der Wildnis kommt alles, wie es kommen soll. Wenn ich gerade kein Wasser habe, vertraue ich darauf, dass ich es finde. Es geht da um ein Vertrauen in die Schöpfung und zum Leben, darum, immer Ruhe zu bewahren.“ Klingt vielleicht ein wenig spirituell, aber jedenfalls nach einer Weltsicht, der man auch in den Osttiroler Bergen oder in einer Wiener Altbauwohnung anhängen kann.

Allerdings muss die Entwicklung zum Überlebens-Guru in kleinen Schritten erfolgen: Als sich Martin anschickt, am Seil in den Hof hinunterzuklettern, bremse ich ihn. Was sollen denn die Nachbarn denken, wenn sich plötzlich ein Mann in Tarnkleidung an ihrem Küchenfenster vorbeihantelt: dass vielleicht der Jüngste Tag angebrochen ist?

Die australische Internet-Aktivistin Asher Wolf

Reportage in der Wienerin: Cypherpunk goes Mainstream

Meine Reportage zum Phänomen Krypto-Parties in der Dezember-Ausgabe der Wienerin:

Sie begannen in Melbourne, inzwischen steigen sie überall auf der Welt: Krypto-Partys, auf denen Computer-Nutzer nicht nur feiern, sondern auch lernen, anonym zu surfen, kodierte E-Mails zu verschicken und ihre Spuren im Netz zu verwischen. Gründerin der Bewegung ist die australische Internet-Aktivistin Asher Wolf. Und Schutz der Privatsphäre hin oder her: Sie gab uns ein Interview.

Sie ist keine Programmiererin, kein Cyber-Nerd, der das halbe Leben in virtuellen Welten wie World of Warcraft vergeudet. Überhaupt hat sie sich erst vor drei Jahren ihren ersten Laptop gekauft. Und doch hat die 32-jährige Australierin eine globale Bewegung gestartet. Einfach so. Mit einem Tweet.

Asher Wolf, unter diesem Pseudonym ist sie im Netz bekannt, ist die Erfinderin von “Krypto-Partys“, die heute in Athen ebenso stattfinden wie in Singapur, Kairo, Chicago oder Wien (siehe Kasten S. 60). Dabei lernen User, sich im Netz sicher und ungestört zu bewegen. Das heißt: frei von der Überwachung durch Behörden und von der unstillbaren Neugier datengeiler Konzerne wie Google und Facebook. Verschlüsselungssoftware – bisher Geheimdiensten, Behörden und einer Minderheit von Technik-Aficionados vorbehalten – wird dank Krypto-Partys ein Werkzeug für die Massen.

“Der Schutz der Privatsphäre ist in der Menschenrechtskonvention festgeschrieben“, sagt die alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Sohnes. “Aber in Wahrheit war sie noch nie so in Gefahr wie jetzt. Es ist das Thema des 21. Jahrhunderts.“

Am Anfang war der Tweet. Alles begann mit einer Konversation auf dem Mikroblogging-Dienst Twitter im vergangenen August, die Asher, im Brotberuf Social-Media-Verantwortliche, mit ihrem Kollegen Mikey hatte. Die beiden unterhielten sich über das soeben beschlossene australische Cybercrime-Gesetz, das eine Ausweitung der Überwachungsmöglichkeiten für Ermittlungsbehörden und einen erleichterten Informationsaustausch zwischen Behörden verschiedener Staaten vorsieht. Dass das Gesetz massiv ins Privatleben jedes Einzelnen eingreifen würde, war Asher und Mikey sofort klar. Nur nicht, wie sich die Bürgerinnen und Bürger gegen mögliche Grenzüberschreitungen am besten zur Wehr setzen könnten. “Wir haben herumfantasiert, Gedanken fortgesponnen“, erzählt Asher. Irgendwann seien sie auf Kryptographie und Partys gekommen – und dass beides gut zusammenpasst.

Als Asher dann die Nachricht “Ich will eine fette Melbourne-Krypto-Party! Laptops, Bier, & Musik. Bestimmen wir Zeit und Ort. Wer ist dabei?“ tweetete, hatte sie noch keine Ahnung, was sie damit auslösen würde. “Es war eines dieser Gespräche, das man am Abend um zehn Uhr führt und sich gar nicht so viel dabei denkt“, erzählt sie. “Aber am nächsten Tag stehst du auf, und plötzlich tweeten zehn Leute von irgendwo auf der Welt, dass sie jetzt Krypto-Partys organisieren.“ In Berlin, Canberra und Cascadia standen die ersten Termine bereits fest, in zwölf weiteren Staaten begann die Suche nach geeigneten Party-Locations. Und als sich in Melbourne zwei Wochen später 60 Interessierte in einer alten Fabrikshalle trafen, waren die Partys bereits ein weltweiter Trend.

Digitale Selbstverteidigung. Zusammen mit Freunden erstellte Asher eine Wiki – eine offene Datenbank – zu dem Thema, in der sich Interessierte, Organisatoren und Experten für Workshops zusammenschließen. Auch ein Handbuch findet sich im Netz – mit über 400 Seiten Krypto-Tipps und den Grundsätzen der Bewegung.

Bei den “digitalen Selbstverteidigungskursen“ – so nennt das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel die Veranstaltungen – lernen Computernutzer, ihre Daten geschützt zu lagern, abhörsichere Chat-Räume zu erstellen, verschlüsselte E-Mails zu schicken oder sich vor Datenjägern zu verbergen. Dies gelingt mithilfe von Programmen wie der Suchmaschine Duck Duck Go, die – anders als Google – nicht die Suchanfragen der Nutzer sammelt. Es gelingt mit Verschlüsselungssoftware wie Pretty Good Privacy (PGP) oder der Programm-Palette Tor und Off The Record Messaging (OTR).

Als dezentrales, von Userinnen für User gestaltetes Event ist das Programm bei jeder Party an jedem Ort ein bisschen unterschiedlich, erklärt Asher. “Wenn kein Experte bei der Party auftaucht, müssen die Teilnehmer eben voneinander lernen und sich so weiterentwickeln“, sagt sie. “Das geht auch.“

Hilfe zur Selbsthilfe. Warum ist es aber überhaupt so wichtig, Nachrichten zu verschlüsseln und sich im Internet geheimnisvoll umzutun? Man hat doch gar nichts zu verbergen … Auf derlei Fragen, die von Verschlüsselungs-Gegnern gern ins Treffen geführt werden, hat Asher eine klare Antwort: “Privatsphäre entspringt der Menschenwürde. Wenn ich ins Bett gehe, schließe ich die Vorhänge. Wenn ich aufs Klo gehe, mache ich die Tür zu. Das hat nichts mit Geheimniskrämerei zu tun.“ Jeder Mensch sollte das Recht haben, auf einer Parkbank zu sitzen, sich die Bäume und die Vögel anzuschauen und einen sonnigen Nachmittag zu genießen. “Diese Freiheit, allein und unbeobachtet tun zu können, was man will, sollte den Menschen auch zustehen, wenn sie im Netz surfen. Was immer ich mir anschauen mag, sollte ich mir anschauen können, ohne dass mich dabei eine Behörde oder ein Unternehmen beobachtet.“

Dass sie beobachtet wurde – und deshalb bis heute unter Pseudonym im Netz operiert -, weiß Asher nur zu gut. Nicht erst einmal, berichtet sie, habe sie als Unterstützerin der globalen Netzbewegungen Occupy und Wikileaks Morddrohungen erhalten.

Ob eines Tages alle Menschen ihren elektronischen Briefverkehr durch ein Verschlüsselungssystem schicken, glaubt auch Asher Wolf nicht. Aber immer mehr Menschen würden von derartigen Technologien Gebrauch machen. Im Zusammenschluss der Bürgerinnen und Bürger gegen einen sich immer mehr Rechte herausnehmenden Staat sieht sie – neben einer Änderung des Verhaltens im Umgang mit scheinbar kostenlosen Service-Anbietern, die ihre Profite mit den Daten der User machen – die einzige Chance, die Privatsphäre als schützenswertes Gut zu bewahren.

“Auf längere Sicht werden wir ohne massive gesetzliche Änderungen nicht auskommen“, ist Wolf überzeugt. “Meine Großeltern wären geschockt über die Masse an persönlichen Daten, die wir heutzutage so leichtfertig preisgeben.“

Einer der schönsten Abschnitte der Reise führt durch das böhmische Mittelgebirge

Wie ich von Wien nach Berlin radelte und was ich mir dabei zu sagen hatte

Reportage in der Wiener Zeitung

Radreisen sind SLandwirtschaftliches Idyll bei KozarovicheEiner der schönsten Abschnitte der Reise führt durch das böhmische Mittelgebirgeeelenreisen. Vielen Menschen begegnet man nicht. Aber einem dafür andauernd.

Durch Drazetice, ein paar Kilometer westlich der Moldau fährt ein schwer bepackter Radfahrer. Mühsam klettert er die Straße hoch, die sich durch den kleinen Ort windet. Die Einheimischen beobachten verwundert, wie er aufgeregt mit sich selber spricht, immer lauter wird und schließlich zu schreien beginnt. So wütend ist er, dass ihm die Adern wie Kabel vom Hals stehen. Seine Augen aufgerissen. Der Schweiß rinnt ihm durchs abgekämpfte Gesicht.

Der Mann auf dem Fahrrad bin ich. Am fünften Tag meiner Solo-Radreise von Wien nach Berlin vergangenen August. Als ich gerade bemerkte, dass ich mich abermals verfahren hatte und der Ärger über meinen schlechten Orientierungssinn nach außen brach.

1. Etappe: Wien – Geras

Wie intensiv die Auseinandersetzung mit mir selbst werden würde, ahne ich noch nicht, als ich am Sonntag, dem 5. August Rad und die vier Packtaschen frühmorgens aus dem dritten Stock die Stiegen hinunter schleppe. Meine Schwester schießt ein Startfoto. Dann geht es los: Donaukanal bis Nussdorf und weiter die Donau entlang – auf der vermutlich langweiligsten Strecke Österreichs.
Start der Radreise in der Wiener Brigittenau

Start der Radreise in der Wiener Brigittenau© M. Bernold

Bei Altenwörth setze ich über die Donau. Durch das Waldviertel hinauf Richtung Langenlois, den Kamp-Radweg entlang. Schwenke bei Altenburg auf den Kloster-Radweg, vorbei an malerisch gelegene Burgen, idyllischen Ortschaften, Feldern, die in der Sommersonne dampfen. Mit 130 Kilometern in den Beinen reite ich am Edlerseeteich bei Geras ein. Genau beobachtet von den Dauer-Campern, die in Klappsesseln zwischen aufgebockten Wohnwägen sitzen. Wann hört ein Wohnwagen auf, Wagen zu sein, frage ich mich, im Teich auf dem Rücken treibend, und schaue in den Abendhimmel.

2. Etappe: Geras – Litschau
Landwirtschaftliches Idyll bei Kozaroviche

Landwirtschaftliches Idyll bei Kozaroviche© M. Bernold

Probleme bringt jeder Lebenszustand: Der Nomade zum Beispiel muss seine Ausrüstung täglich aufs Neue verstauen und die kontaktfreundlichen Bockkäfer aus dem Zelt komplimentieren. Der sesshaft Gewordene grenzt das Seine ebenfalls gegen Eindringlinge ab. “Ihr Hund war schon wieder in unserem Gemüsebeet!”, höre ich einen Streit mit an, während ich die Luft aus der Matratze presse: “So ein deppertes Viech.”

Acht Uhr und ich bin wieder auf der Straße, lasse Hund wie Streithähne zurück. Durch Drosendorf, Raabs an der Thaya und Karlstein ziehe ich dahin. Während der Anstiege gewöhne ich es mir ab, nach vorne zu schauen. Stattdessen beobachte ich das Spiel meiner Oberschenkel. Dem sich verdichtenden Schmerz halte ich die Worte des US-amerikanischen Radfahrers Greg LeMond entgegen. “It never gets easier”, antwortete er auf die Frage, ob er die Bergfahrten als Mühsal empfinde, “you just go faster.”
Strandgefühl am Grünewalder Lauch in Brandenburg

Strandgefühl am Grünewalder Lauch in BrandenburgBei Großharmans verlasse ich den Thaya-Radweg in westlicher Richtung. In Litschau, unweit der tschechischen Grenze, nehme ich mir ein Zimmer. Eine kluge Entscheidung – denn in der Nacht geht ein schweres Gewitter nieder. Außerdem eine gute Gelegenheit, Leibchen und Radhose zu waschen sowie den Wolf mit Heilsalbe zu pflegen. Blunzengröstl im Gasthaus. Dann schlafen. Neun Stunden lang.

3. Etappe: Litschau – Hluboka

Vorbei am Herrensee über Schlag und die tschechische Grenze. Hier wird die Topographie angenehmer. Zuerst der E153, später den stark frequentierten Radweg entlang, der zuerst lange durch den südlichen Böhmerwald führt, um sich dann bei Domanin über wenig befahrene Straßen bis Budweis zu ziehen. Nach einem Kaffee am Ottokar -Pemysl-Platz spaziere ich durchs Stadtzentrum zur Moldau. Es sind noch zehn Kilometer bis Hluboka, wo ich die Nacht verbringen werde.

Auf dem kleinen Lagerplatz eines Sporthotels stelle ich mein Zelt auf. Umgerechnet 10 Euro kostet das, Frühstück inklusive. Die Nacht ist so kalt, dass ich im Schlafsack lange Hosen zur Fleecejacke trage. Nebenan schläft ein älteres Prager Ehepaar im Auto: Dass ich Krumau nicht besuche, sei fast obszön, meint der Mann: Gebe es doch in ganz Tschechien keinen schöneren Fleck.

4. Etappe: Hluboka – Zvikovske

Podhradi. Der vierte Tag beginnt gemütlich mit der Lektüre von Sten Nadolnys “Die Entdeckung der Langsamkeit”. Die Folge: Alles dauert viel länger als gewöhnlich. Der Radweg verläuft jetzt selten entlang der Moldau. Die meiste Zeit mäandert er in den Hügeln ringsum. Keine Karte dabei zu haben, erweist sich als großer Nachteil. Regelmäßig muss ich stehen bleiben, um mich mit Hilfe des GPS auf dem iPhone zu orientieren.

An diesem Tag fällt mir zum ersten Mal auf, wie einsam ich bin. Anders als beim Wandern, wo man oft mit anderen ins Gespräch kommt und ab und zu ein paar Kilometer gemeinsam zurücklegt, bleibt der Radfahrer mit sich allein. Als wäre die Menschheit ausgestorben. Isolation als postapokalyptischer Zustand, wie ihn die Philologin Judith Schossböck in ihrem Buch “Letzte Menschen” beschreibt. Oder in den Worten von Nietzsche: “Denn mein Herz sträubt sich zu glauben, dass die Liebe tot sei, es erträgt den Schauder der einsamsten Einsamkeit nicht und zwingt mich zu reden, als ob ich Zwei wäre.”

In Sichtweite fahre ich am AKW Temelin vorbei, weiter Richtung Albrechtice, dann die erste Irrung: irgendwo bei Slavetice eine Abzweigung: Alle Höhenmeter und sicher fünf Kilometer verloren. Kaum ist mein Ärger abgeflaut, schlittere ich in Irrung Nummer zwei. Nach den Dörfern Udraz und Jehnedsko zweige ich bei einer Herde Ziegen falsch ab. Befinde mich plötzlich auf einer Art Mountainbike-Strecke. Gift für die Reifen des Reiserades. Weil ich nicht umdrehen will, schiebe ich es querfeldein zwei Kilometer weit bis zur Straße nach Chrastiny.

5. Etappe: Zvikovske Podhradi – Zivohost

Diese Etappe hat als Höhepunkt den Staudamm des Wasserkraftwerks Orlik, der die Moldau in ein Bächlein auf der nördlichen und einen breiten See auf der südlichen Seite teilt. Auf der betonierten Brüstung nehme ich mein Mittagessen. Noch weiß ich nicht, dass ich in ein paar Stunden am eingangs geschilderten Tiefpunkt meiner Reise angelangt sein werde. In Orlik denke ich über die Gedanken nach, die einem beim Radfahren durch den Kopf ziehen. Keine logischen Konstruktionen sind es, keine Pläne oder tiefgründigen Erwägungen. Joseph Roth drückte es einmal so aus: “Die Gedanken waren wie fremde Vögel und flogen wieder davon.”

6. Etappe: Zivohost – Prag

Von der Moldau-Halbinsel Zivohost gönne ich mir die Fähre ins fünfzehn Kilometer entfernte Slapy. Als ich zur Anlegestelle haste, übersehe ich die Stahlverankerung eines gerade nicht dort befindlichen Pfostens und pralle mit dem Vorderrad dagegen: Reifenplatzer.

Schlauch tauschen in Slapy gelingt mir ohne Probleme. Eine großer persönlicher Triumph. Vielleicht der spirituelle Höhepunkt der Reise. Er trägt mich die letzten 40 Kilometer bis nach Prag. Nach kurzer Nostalgietour durch die Altstadt quartierte ich mich im Czech Inn Youth Hostel ein. Dank Ohrstöpsel funktioniert Schlafen auch in einem Saal voller betrunkener amerikanischer Teenager.

7. Etappe: Prag – Libochovice

Ursprünglich wollte ich weiter dem Verlauf der Moldau folgen. Doch bald muss ich feststellen, dass dies wegen der üblen Radwegführung – dauernd wird man vom Fluss weggelotst und findet sich dann ohne Hinweisschilder im Nirgendwo wieder – unmöglich ist. Stattdessen folgte ich der Straße 608, die parallel zur Autobahn verläuft. Die Route erweist sich aber wegen der Lkw als gemeingefährlich. Stattdessen im Zickzack kleinere Landstraßen, bis bei Kozarovice wieder eine vernünftige Radroute beginnt.

Leichtfertiger Weise habe ich in Prag weder Geld abgehoben noch Vorräte eingekauft. Nach Übersetzen mit der Fähre in Luzec kaufe ich mit den letzten Münzen Erdnüsse und Fanta. In Roudnicek beginne ich mit Quartier- und Bankomatsuche. Es sollte eine lange Suche werden. Erst in Libochovice werde ich fündig. Dass Hotel Zlaty Zajic ist allerdings wegen des Jahrmarkts ausgebucht. Weil ich partout auf ein Quartier bestehe – ich will bei Dunkelheit nicht weiter fahren -, stellt der Hotel-Eigentümer ein Klappbett im Frühstücksraum auf. Die 200 Kronen (acht Euro) zahle ich im Vorhinein. Während der Nacht queren die anderen Gäste den Raum. Es ist der einzige Zugang zum Obergeschoß. Aber das macht nichts. Ich schlafe herrlich.

8. Etappe: Libochovice – Teplitz

Am nächsten Tag quere ich das böhmische Mittelgebirge mit den Ortschaften Trebenice, Vlastislav und Milesov. Die landschaftlich vielleicht schönste Etappe der Reise. Bei der unheimlichen Kirche von Milesov beobachte einen alten Mann mit krummem Rücken, der mit einer Sense den verwilderten Friedhof zu ordnen sucht.

Nach Kostomlaty öffnet sich der Blick auf das von Industrie geprägte nordböhmische Becken. Von 800 auf 200 Meter Seehöhe geht es hinunter. Eine feine Abfahrt, die mich für die Strapazen davor entschädigt. Kurz vor Teplitz folgt noch einmal eine kurze Steigung. Zum Trost quartiere ich mich direkt am Schlossplatz und überlasse meine Schmutzwäsche dem Zimmerservice.

9. Etappe: Teplitz – Dresden

Teplitz, das seine Hochzeit als Kurort der Mächtigen während der k. u. k.-Monarchie erlebte, ist ein wilder architektonischer Mix: Gründerzeithäuser, sozialistische Zweckbauten, Industrieruinen. Ich quere die Stadt in nördlicher Richtung und nehme in Krupka die Seilbahn ins Erzgebirge. Oben angelangt fahre ich die Höhenstraße bis zum Grenzort Cinovec/Zinnwald: ein Shopping-Paradies für deutsche Touristen, die hier – dem Warenangebot nach zu schließen – vor allem eines kaufen: Gartenzwerge.

Ab Altenberg geht es dann nur noch bergab. Eine wirklich angenehme Etappe, die mich am Nachmittag problemlos bis Dresden bringt. Ich radle durch die Altstadt, deren Wiederaufbau so perfekt gelang, als sei hier niemals eine Bombe eingeschlagen. In Neustadt, dem Zentrum der alternativen Szene nehme ich ein Bett in einer Jugendherberge. Gut: Im Stiegenhaus hängen Fotos von Spock und anderen Außerirdischen.

10. Etappe: Dresden – Grünewald

Dresden verlassend, folge ich den Empfehlungen der ADAC-iPhone-App. Theoretisch kann man damit jede Menge Details einstellen: schnelle Routen, komfortable Routen, Mountain-Bike-Trails. Praktisch ist es so, dass die App unbrauchbar ist. (Vielleicht will der deutsche Autofahrerclub den Radlern das Fahren verleiden?) Ich fahre irgendwann nordwärts auf niederrangigen Straßen. Komme sogar durch Münchhausen! Es geht flach und flott dahin. Dann mache ich an einem See in Grünewald halt. Gewissermaßen der Karibik der ehemaligen DDR. Der Grünewalder Lauch verfügt über Sandstrand und einen alten Papagei. Außerdem hat die Wirtin, wie sie mir erzählt, am Tag davor ihren Mann vor die Tür gesetzt: “Wer nicht spurt”, sagt sie, “muss gehen.”

Berlin

Nach Berlin ist es von Grünewald dann nur noch ein Hupfer. Als ich meine Verlegerin im Hotel treffe, merke ich erst, wie viel Sprechbedürfnis sich in mir gestaut hat. Wir sind zum Sommerfest der Literarischen Gesellschaft Berlin am Wannsee eingetragen. Selten habe ich mich so sehr darauf gefreut, einen Vortrag zu halten. Endlich wieder Menschen. Die Apokalypse ist abgewendet. Zumindest für diesen Sommer.

Artikel erschienen am 28. September 2012 in: “Wiener Zeitung”, Beilage “Wiener Journal”, S. 22-27

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Creative Writing Seminar Ende September

zusammen mit rainer zoglauer, einem guten freund und improvisationstheaterspieler halte ich ende september (28. bis 30.9.2012) ein zweieinhalbtägiges “kreativ schreiben”-seminar. ziel dabei ist das erlernen und entwickeln von techniken zur freisetzung kreativer energien. außerdem wird’s lustig und wir essen ZEN-style! bitte an interessierte weiterleiten oder – noch besser – teilnehmen! mehr infos dazu auf dem flyer. Schnupperabend kommenden Dienstag im Hub Vienna (Dienstag, 4. September 2012, Lindengasse 56)Image

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Das Sein und der Sinn

Glosse in Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung

Das Deutsche kennt Wörter wie unsinnig, leichtsinnig, widersinnig und freisinnig. Aber es kennt kein Gegenstück zum Wort tiefsinnig. Dabei bräuchten wir eines, um die Gedanken zu beschreiben, die einem beim Radfahren durch den Kopf gehen.

Während die Beine ihr Kreiselspiel treiben und die Orte vorüber ziehen, entstehen Gedanken wie Wolkenbilder. Sie sind kurz da, nur um sich gleich wieder aufzulösen. Fragen oder Impulse sind sie. Fragmente. Bin ich durstig? Hungrig? Wie unerträglich schmerzt mein Hintern? Wo geht es weiter? Der Geruch einer feuchten Wiese, die in der Sonne dampft. Hunde, die den Fremden anzeigen. Ein Reh, das die Straße quert. Unheimlich: Die Kirche von Milesov (im böhmischen Mittelgebirge) hinter den beiden mächtigen Kastanienbäumen. Immer wieder: Euphorie, Ärger. „Warum stutzt keiner die Hecke vor dem Hinweisschild?“ „Weshalb überholt mich dieser Autofahrer so respektlos knapp?“ Keine Erörterung findet statt, keine Antworten werden gegeben. Kaum ein Gedanke, der nicht zur Gegenwart gehörte: Melodie einer Filmmusik. Auszug eines Gesprächs mit einem Freund. Erinnerung an eine Frau, die man liebte. Nichts bleibt lange haften. Alles zieht weiter.

Erst wenn das Etappenziel erreicht ist, das Quartier bezogen und der Magen gefüllt, bleibt Zeit für Reflexion. Außer der Schlaf trägt dich sogleich ins Andersland – auch das kommt vor.

Während ich dies schreibe, sitze ich in Teplice, dem Geburtsort meines Großvaters. Ich bin jetzt sechs Tage unterwegs und habe 600 Kilometer zurückgelegt. Am Vorplatz des Schlosses, der immer noch so aussieht wie vor hundert Jahren, stelle mir vor, wie der kleine Fritz und sein Zwillingsbruder auf dem Kopfsteinpflaster spielten. Dann denke ich wieder über das Denken nach.

Der eingangs beschrieben Zustand muss so etwas sein wie eine instinktive Überlebensstrategie aus einer Zeit, in der die Menschen Nomaden waren. Würde der Geist beim Umherziehen einmal dahin wandern und einmal dorthin, kämen wir nirgends unbeschadet an. Beim Erklimmen von Steigungen etwa, wäre Zerstreuung fehl am Platz. Da ziehe ich die Kappe tiefer ins Gesicht, senke den Blick Richtung Oberschenkel und konzentriere mich auf den Rhythmus der Kraft. Treten. Atmen. „Pumpen“, kommandiere ich dazu, „pumpen!“. Bis der Scheitelpunkt erreicht ist, schaue nicht mehr nach vorn.

In der Reise tauschen wir die Flüchtigkeit unserer Gedanken gegen die Flüchtigkeit unserer Verortung. Umherziehen bindet Gedankenkraft, die Überleben sichern muss und sich darin erschöpft. Erst jetzt, in Teplitz, scheint mir, lassen sich die Bilder und Eindrücke der vergangenen Tage ordnen. Morgen geht es dann weiter Richtung Dresden über Krupka und das Erzgebirge. Und wieder hinein in jenen eigentümlichen Sinneszustand, für den das Deutsche kein Wort kennt.

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