Schäfchen zu Schäfern

23 03 2010

Missbrauchsfälle, Kirchenkrise, Papstbrief. Auch Menschen im Priesterseminar erfahren dieser Tage Ungemach

Der Tag beginnt mit Gott. Danach erst gibt es Frühstück. Schon kurz vor sieben Uhr sammelt sich ein Dutzend Männer in der „Santa Maria de Mercede“-Kirche schräg vis-à-vis der amerikanischen Botschaft. Unter einer prunkvollen Stuckdecke liest der Priester aus dem Johannes-Evangelium. Auf Fürbitten folgt die Eucharistie. Kurz nach halb acht segnet er die Gläubigen und entlässt sie in Frieden, um hernach den Ministranten durch ein Holztürchen neben dem Altar zu folgen. Auch die übrigen Anwesenden schlüpfen – ein paar Momente der Besinnung später – durch diesen schmalen Gang. Einer nimmt das Gebetsbuch mit. Ein zweiter Kelch und Patene. Der Letzte löscht die Kerzen und sperrt die kleine Türe zu.

Misstöne stören die Harmonie

Die frühmorgendliche Messe ist Teil des Ausbildungsprogramms, das aus Schäfchen Schäfer machen soll und aus Ökonomen, Psychologen, Journalisten und Amtsdirektoren Prediger. Dem Ruf Gottes sind sie in die Wiener Boltzmanngasse gefolgt. Allein: Zurzeit überlagern schrille Misstöne die göttliche Harmonie.

Seitdem in Irland, Deutschland und Österreich immer mehr Fälle von Missbrauch und Gewalt durch Geistliche bekannt werden, seitdem sich Kirchenaustritte häufen und Facebook-Seiten gegen katholische Kinderschänder wettern. Seit selbst der Papst verdächtigt wird, als Präfekt der Glaubenskongregation Missbrauch gedeckt zu haben, und sich am Wochenende genötigt sah, einen Hirtenbrief zu den ungustiösen Übergriffen zu verfassen, herrscht Irritation unter den werdenden Priestern. Der gewohnte Ablauf aus Beten, Arbeiten und Studieren ist durcheinandergeraten. „Machen wir uns nichts vor“, fasst ein Wiener Seminarist die vergangenen Wochen zusammen, „es ist eine Scheißsituation.“

„Sie schauen uns komisch an“

Wie sich die Stimmung in den vergangenen Tagen gegen Vertreter der katholischen Kirche wendete, hat Richard Tatzreiter, der Subregens des Wiener Priesterseminars, persönlich erlebt. Er spricht von einem Generalverdacht, der sich „wie ein schwarzer Mantel“ über die Geistlichen gelegt habe: „Viele schauen uns auf der Straße komisch an, wenn wir als Priester erkenntlich sind“, sagt er, „erst vor zwei Tagen hat man mich angerempelt und beschimpft, als ich auf die Straßenbahn gewartet habe.“

Tatzreiter, der auch am Morgen die Messe leitete, hat im obersten Stock des Priesterseminars seine Unterkunft, „auf der Alm“, wie das hausintern heißt. Seit fast 100 Jahren ist das Haus mit den langen, hellen Gängen und den vielen Zimmern mit ihren grün getünchten Kassettentüren Ausbildungsstätte und Wohnsitz.

Tagsüber sind die angehenden Priester draußen, studieren Theologie, nehmen Unterricht in Stimmbildung, arbeiten als Religionslehrer oder in Pfarren. Am Abend trifft man sich im Kreis der Kollegen, studiert in der Bibliothek und nimmt gemeinsam die Mahlzeiten ein. Den Werdegang von Subregens Tatzreiter, der bereits als 18-Jähriger ins Priesterseminar eintrat, darf man nach heutigen Maßstäben getrost als untypisch bezeichnen. Während der Subregens früh um seine Bestimmung wusste, ereilte die meisten der heutigen Aspiranten der göttliche Ruf erst Jahre später.

„Es ist ein Prozess“, erklärt etwa der 36-jährige Thomas Marosch, „irgendwann deuten so viele Dinge in diese Richtung, dass es der einzig logische Weg ist.“ Wenngleich in einem katholischen Milieu groß geworden, erlernt die Mehrheit der Seminaristen zunächst einen weltlichen Beruf, einige heiraten sogar, bis sie eines Tages ein „Gotteserlebnis“ haben oder bis sich der Wunsch, ihr Leben Gott zu weihen, nicht mehr unterdrücken lässt.

Spätberufen ins Priesteramt

Einer jener Spätberufenen ist auch Wolfgang Kimmel. In der „Bar“ im Erdgeschoß, die ganz im Stil der 70er-Jahre eingerichtet und deren Spirituosenkühlschrank mit einem Vorhängeschloss gesichert ist, sitzt er neben seinem grauen Windhund Pimperl auf der braunen Ledercouch. Mit seinen 41 Jahren hat Kimmel schon einiges erlebt: Nach der Matura verbrachte er sechs Jahre als Mönch in Stift Göttweig. Um Theologie zu studieren, verließ er das Benediktinerkloster. Und wandte sich danach profaneren Geschäften zu: profil-Innenpolitikredakteur, parlamentarischer Mitarbeiter des Liberalen Forums und schließlich Konzernsprecher waren Zwischenstationen, bis er – wenn alles nach Plan verläuft – im Juni die Priestersoutane überstreifen wird.

Wie die meisten im Seminar sieht Kimmel sexuellen Missbrauch von Jugendlichen weniger als Problem der katholischen Kirche denn als Problem geschlossener Systeme. „In Familien, die sich hermetisch abschließen, in schulischen Einrichtungen, speziell, wenn ein verqueres Elitedenken dazukommt“, erklärt er, „speziell in Männergesellschaften und Männerbünden besteht immer die Gefahr von sadistischen und pädophilen Tendenzen.“

Das typisch Katholische an den Fällen, die jetzt bekannt werden, sagt er, sei auch die verkorkste Sexualmoral des 19. Jahrhunderts, die bis heute nachwirke. Sowie das Unter-den-Teppich-Kehren durch Bischöfe in der Vergangenheit: „Ich halte es“, sagt Kimmel, „für unentschuldbar, dass man pädophile Priester von einer Pfarre in die nächste verschoben hat.“

Seit dem Skandal um Kardinal Hans Hermann Groër, der Mitte der 1990er-Jahre Österreich schockierte, habe sich in Österreich allerdings Erhebliches getan.

Tatsächlich wurde die Priesterausbildung seit der Jahrtausendwende umfassend erneuert. „Wir versuchen, die Sexualität unserer Seminaristen und ihre biografischen und geistigen Wurzeln zu durchleuchten“, erklärt Nikolaus Krasa, der Regens des Priesterseminars, „um festzustellen, ob einer verklemmt ist oder frei, offen oder verschlossen.“ In vorbereitenden Gesprächen, durch ständige Supervision, mit Hilfe von Psychologen und im Zusammenleben versuche man zu verhindern, dass „seltsame Typen“ die Priesterweihe erlangen.

Eine der wichtigsten Veränderungen war die Einführung des sogenannten Propädeutikums vor acht Jahren: ein einjähriger Intensivlehrgang im niederösterreichischen Städtchen Horn. „Es geht dabei um eine ganzheitliche Einführung in den Lebensstil des Priesters“, erklärt Spiritual Harald Mally, der in Horn Seminaristen sozusagen als Vertrauenslehrer betreut. Sexuelle Gefühle – weiß Mally – gehörten zum Menschsein dazu: „Es kann sein, dass man an gewissen Idealvorstellungen scheitert. Manchmal hat vielleicht einer in einem Punkt eine Schwäche, oder es passiert ihm öfters Masturbation. Dann soll man nicht so tun, als ob das die schwerste Sünde wäre. Es gibt Schlimmeres.“

Zölibat ist auch Befreiuung

Während der Zölibat von vielen außerhalb der Kirche als eine Wurzel des Übels gesehen wird, verneinen viele im Seminar einen Zusammenhang des priesterlichen Keuschheitsgebots mit den sexuellen Irrungen, die zum Missbrauch Minderjähriger führen. „Zölibat ist Verzicht, keine Frage“, wehrt sich Seminarist Kimmel, „aber es ist nicht so, wie alle glauben, dass mir Sexualität dauernd im Kopf sitzt und aus jeder Pore dringt.“ Zölibat sei vergleichbar mit einer monogamen Beziehung: „Es ist eine Befreiung: Man ist nicht mehr getrieben auf der Suche nach Liebe, Partys oder Konsum.“

Auch Regens Krasa warnt vor Kurzschlussargumentation „nach dem Muster: Missbrauch ist gleich ein Problem der Priester ist gleich ein Problem des Zölibats.“ Die mediale Berichterstattung sei von Stereotypen und Klischees geprägt. „Wir bedauern jedes Opfer zutiefst“, sagt Krasa, „aber man muss die Wahrheit sagen: Es gibt kein Ausbildungssystem, das 100-prozentig garantieren kann, dass kein Pädophiler dabei ist. Weder in der Kirche noch sonstwo.“

Mit Spannung beobachten die jungen Priesteramtsanwärter, wie sich der Papst angesichts der Krise verhält. Dass sich allzu schnell etwas ändert, glauben sie nicht. Eines ist sicher: Auch morgen Früh werden sie nach althergebrachtem Ritus ihre Eucharistie begehen. Allen Dissonanzen zum Trotz.

“Falter” Nr. 12/10 vom 24.03.2010 Seite: 14 Ressort: Politik





Mobilitätskolumne: Dein Lenz, dein Wind, dein Feuerross

23 03 2010

Oh, mein Gott: Frühling ist’s. Die Herzen schlagen schneller, die vielfältigen Früchte des Lebens werden sichtbar. Es riecht nach knospenden Blüten, zartem Grün und frisch gewaschenem Haar. Da blähen sich gierig die Nüstern, da schweift rastlos der Blick, und – sieh! – ein Lächeln umspielt die von Winterleid gehöhlten Wangen.

Der eine holt den Tretroller aus dem Keller, der Nächste verliebt sich in die singende Serviererin vis-à-vis. Apfl tänzelt durch die Redaktion, macht Pantomime. Andere singen, pfeifen, scherzen, schnalzen mit der Zunge oder wollen am Samstag grillen gehen. Jeden – außer Nüchtern, der sich ohnehin das ganze Jahr wie eine Wiese voll Blumen kleidet – verzaubert der Lenz auf seine eigene Weise.

Manch einer, der jetzt den Ruf des Lebens hört, kramt seinen Nierengurt aus dem Kasten, fischt den Helm hinter den Skischuhen hervor und schnürt die festen Stiefel. Greift sich das steife Leder. „Streck dich, reck dich, auf!“, schreit ihn der Frühling an. „Da draußen steht dein Feuerross und will bewegt, getreten, bestiegen, geritten werden, will pfauchen, beißen, knurren – RRRRRRRRAUS!“

Doch Vorsicht: Vom Winter sind die alten Knochen morsch geworden. Wir gewöhnten uns zu gern und schnell an heißen Tee mit Honig, ans Kuscheln vorm Kamin. Die warme Stube hat uns zahm gemacht und brav. Der Sprung ins Abenteuer muss sachte, sachte sein. Die kleine Yamaha ist eine gute Wahl für deinen ersten Ritt. Verzeiht dir dein Ungestüm und deine dummen Fehler. Sie mag den Meister langweilen, doch diesem Laien ist sie das treueste Gefährt. Hinaus zum Rübenacker nun und üben, üben, üben.

Der Ladeplatz ist ein gar guter Ort. Denn diese erste Fahrt muss deiner Wandlung, deiner Heilung dienen. Die Autoreifen flugs gelegt zum Hindernisparcours: nun eingelenkt, hineingelegt, den Hintern in die Kurve. Das Knie muss raus, zwei Finger an die Kupplung: leicht gezogen. Zum Kurvenausgang einkuppeln, Gas für die Gerade. Bremsprobe. Stop and go. Balance. Zurück an den Start, und alles von vorn. Ruhig wie wenig andere läuft die XJ6, gerät durch nichts in Rage. Fein lässt sich das Gas dosieren, fein klicken die Gänge.

Eineinhalb Stunden lang trainiere ich auf dem alten Rübenverladeplatz nahe Groß-Enzersdorf und bin schon recht zufrieden mit mir, bis ich höre, wie sich hochdrehende Motoren nähern. Gleich darauf befahren zwei Menschen den großräumigen Platz, der vielleicht ein mal ein Kilometer misst, wo nur in der Mitte ein Haufen Sand und Unrat liegen.

Fühlte ich mich bis dahin vom Frühling getragen und bald schon bereit für die große Tour, belehrten mich die zwei – in professioneller Rennmontur Gekleideten – eines Besseren: Speziell der dicke Mann war eine chthonische Urgewalt. Holte alles aus der KTM, was in ihr steckt. Die meiste Zeit fuhr er auf dem Hinterrad. Nur für die Kurven gönnte er auch dem Vorderreifen Bodenkontakt. Brutal zwang er die Maschine in die Kehre, um mit ausbrechendem Hinterrad aus der Kurve zu beschleunigen und alsbald das Vorderrad neuerlich gen Himmel zu recken.

Zweimal kam er sogar zu Sturz. Sogar einen kapitalen „Highsider“ legte er hin: einen Sturz, bei dem es ihn durch plötzlichen Lastwechsel – zuerst zu viel, dann zu wenig Gas am Ende der Kurve – über das Motorrad in den Rübenacker schleuderte. Schnell sprang der Mann aus dem Kraut hervor, lachte laut, stellte die Maschine wieder auf die Räder, startete und raste im Wheelie und mit gebrochenem Seitenspiegel davon.

Resigniert blieb ich noch eine Weile am Parkplatz stehen, bis der dicke Mann und sein Freund am Horizont verschwunden waren. Ich wusste: Gegen das, was diesen Herren die Segel blähte, war mein Frühlingssturm ein laues Lüfterl. Weil ich inzwischen schon recht kalte Hände hatte, fuhr ich heim, um ein heißes Bad zu nehmen. Mal sehen, wie weit der Frühlingswind mich morgen trägt.

Fazit:

Die XJ6 ist ein verlässliches und handliches Naked Bike, ideal für Anfänger, Kleingewachsene und Wiedereinsteiger. Kein Kraftprotz, aber viel Fahrspaß für wenig Geld.

“Falter” Nr. 12/10 vom 24.03.2010 Seite: 34 Ressort: Stadtleben





Im Zweifelsfall milder

16 03 2010

Fall Krems: Wie ein ambitionierter Richter die Wahrheit suchte und am Korpsgeist der Ermittler scheiterte

Im Korneuburger Gasthof Zum Rattenfänger tunkt ein Mann mit Sorgenfalten auf der Stirn einen Schinkenkäsetoast ins Ketchup. Robert P. wartet auf das Ende der Mittagspause von Verhandlung 503Hv21/10h. In drei Stunden wird er wissen, wie das Landesgericht Korneuburg über jenen Streifenpolizisten urteilte, der seinen 14-jährigen Sohn aus zwei Meter Entfernung in den Rücken schoss. Und er wird „fassungslos“ sein.

„Ich kann nicht verstehen“, wird er sagen, „wie der Richter, nachdem er alles so genau wissen wollte, nachdem er alles aufgedeckt und jede Lüge entlarvt hat, so ein mildes Urteil fällen kann.“

Acht Monate Freiheitsstrafe, bedingt, fasste Revierinspektor Andreas K. aus. Er ist schuldig, Florian P. fahrlässig und unter besonders gefährlichen Verhältnissen getötet zu haben. Das (zu Redaktionsschluss noch nicht rechtskräftige) Urteil ist strenger als alle gerichtlichen Entscheidungen, die je in Österreich gegen Polizisten nach einem Todesschuss gefällt wurden (siehe Kommentar auf Seite 6). Aber es ist mild genug, sodass auch dieser Beamte seine Karriere fortsetzen kann. Das Verfahren wiederum ist ein Beispiel dafür, wie falsch verstandener Korpsgeist unter Polizisten und angstvolle Behäbigkeit der Staatsanwaltschaft die Wahrheitsfindung erschweren.

„Wenn Sie Ihren Job ordentlich erledigt hätten, wäre Florian heute noch am Leben“, sagte Richter Manfred Hohenecker bei der Urteilsverkündung: „Ich werde Ihre Dienstwaffe an Ihr Polizeikommando senden. Und ich hoffe, dass Ihnen diese Waffe nie wieder ausgehändigt wird.“

Zurück zu den Geschehnissen in der Sommernacht des 5. August 2009, wie sie Richter Hohenecker mit Zeugenaussagen, ballistischen, chemischen, medizinischen und psychologischen Gutachtern minutiös zu rekonstruieren suchte.

Es ist 2.35 Uhr, als die Polizeistreife mit Andreas K. und seiner Kollegin Ingrid G. beim Kremser Merkur-Markt eintrifft. In einem dunklen Verbindungsgang stoßen die beiden auf Florian P. und dessen damals 16-jährigen Komplizen Roland T., die sich dort in einer Mauernische verstecken. Im Licht der Taschenlampen springen die Jugendlichen hervor und flüchten. „Wir haben nur die Kapuzen gesehen, die Vermummung“, erinnern sich die Beamten im Prozess, „wir sind total erschrocken.“ Es folgen die ersten beiden Schüsse: Andreas K. setzt einen Warnschuss, der wenige Zentimeter über den Köpfen der Flüchtenden vorbeizischt. Polizistin G. schießt Roland T. in die Oberschenkel. Die Polizisten folgen den beiden Jugendlichen mit der Waffe im Anschlag in den hellerleuchteten Verkaufsraum.

Roland T. liegt gleich hinter der Türe auf dem Boden, wo er infolge seiner Schussverletzung zusammenbrach. Florian P. versteckt sich hinter einem Stapel Flaschen. Als sich der Polizist nähert, springt der 14-Jährige auf. Erschreckt und abgelenkt von einem, wie der Angeklagte sagt, „Schatten oder Geräusch“, drückt er ab und trifft den Burschen aus zwei Meter Entfernung. In den Rücken deshalb, rechtfertigt sich der Polizist, weil der Jugendliche gerade eine „Drehbewegung“ durchführt.

Die Mediziner finden die Eintrittswunde links hinten in Höhe des neunten Brustwirbels. Das Projektil quetschte das Rückenmark, durchbohrte die Lunge und trat vorne wieder aus. Florian stürzt auf die rechte Gesichtshälfte und erleidet einen Schädelbruch.

Als der Arzt mit seinen Ausführungen beginnt, hält es den Vater nicht länger im Gerichtssaal. Er hört nicht mehr, wie besprochen wird, dass nach einer zweiten Streife ein Krankentransporter eintrifft: ohne Notarzt. Dass die Sanitäter seinen Sohn notdürftig versorgen, ihm eine Atemmaske aufs Gesicht pressen, obwohl seine kollabierten Lungenflügel gar keinen Sauerstoff mehr aufnehmen können. Dass es Florian zwar noch ins Spital schaffte, wo man aber – weil die Telefonverbindung nicht funktionierte – keine Zeit hatte, eine Notoperation vorzubereiten. Auch als der Arzt erzählt, dass Florian verblutete und erstickte, ist sein Vater nicht im Saal.

Was Robert P. allerdings sehr wohl mitbekommt, ist, wie die Kremser Polizisten versucht hatten, den Vorfall zu verschleiern. „Verantworten Sie sich wahrheitsgemäß“, mahnt der Richter, „das ist bei mir immer das Beste.“ Die Erinnerung erfolgt aus gutem Grund: Im Merkur-Supermarkt bereits wurde mit der Verschleierung begonnen. Ungeklärt ist bis heute, warum der durch den Schuss gelähmte Verletzte auf dem Rücken liegend aufgefunden wurde. Warum im ersten Festnahmebericht nicht von einem Angriff seitens der Einbrecher die Rede war, obwohl Andreas K. später erklärte, dass der 14-Jährige mit einer Gartenkralle auf ihn losgesprungen sei. Warum in späteren Einvernahmen Tatorte vertauscht, Distanzen falsch eingeschätzt und Licht mit völliger Dunkelheit verwechselt wurde. Warum man sogar vergaß zu erwähnen, dass Florian in den Rücken geschossen wurde.

Aber nicht nur die mangelnde Kooperation des angeklagten Polizisten und seiner Partnerin erschwerte die Aufklärung. Wie die ermittelnden Kriminalisten aus Oberösterreich im Prozess darlegen, wurden sie bei ihren Untersuchungen massiv behindert. Laut Aktenvermerk des Leiters der Sonderkommission, Oberst Wolfgang Palmetshofer, war bei der Staatsanwaltschaft Korneuburg tagelang kein zuständiger Sachbearbeiter erreichbar, um eine U-Haft gegen den Beschuldigten zu veranlassen oder dessen Vernehmungsfähigkeit zu überprüfen.

Gut möglich, dass sich in den Reihen der Staatsanwaltschaft – auch unter dem Eindruck von Aussagen höchstrangiger Politiker – niemand darum riss, den brisanten Fall anzufassen. Für Heinz Patzelt von Amnesty International jedenfalls ist die Tatsache, dass erst nach vier Tagen ein zuständiger Staatsanwalt bestimmt war, „indiskutabel“: „Es kann nicht sein“, sagt Patzelt, „dass die Ermittler tagelang im luftleeren Raum arbeiten müssen.“

Als der Angeklagte am dritten Prozesstag seine Verantwortung von unschuldig auf schuldig ändert, ist Richter Hohenecker bereit, dieses – späte – Geständnis als mildernden Umstand zu berücksichtigen. „Im Zweifel ist anzunehmen“, schließt Hohenecker, „dass K. den Tod nicht in Kauf genommen hat und dass er in Verteidigungsabsicht handelte“: „Putativnotwehrexzess“ heißt das im Juristendeutsch.

Am Samstagvormittag nach dem Urteilsspruch weht ein starker Wind über den Kremser Friedhof. Wie jeden Tag ist der Vater da, um vor dem reich geschmückten Grab seines Sohnes zu gedenken. Auch 22 Jugendliche sind gekommen, sie diskutieren. Acht Monate bedingt: „So sieht Gerechtigkeit nicht aus“, sind sie sich einig. „Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren“, sagt der Vater. Bis man Trauer, Wut und Fassungslosigkeit überwinde, sei es ein langer Weg. „Auch bis man akzeptiert, was da passiert ist“, sagt er. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass Florian da drinnen liegt.“

“Falter” Nr. 11/10 vom 17.03.2010 Seite: 14 Ressort: Politik





„Die haben mich gemartert“

16 03 2010

Der ehemalige Fürnkranz-Geschäftsführer Karl Bauer erinnert sich an die Anti-Pelz-Kampagne gegen seine Firma

Wenn es um Tierschutzaktivisten geht, wird Karl Bauer fuchtig. „Lauter Wahnsinnige“, ärgert sich der ehemaligen Fürnkranz-Geschäftsführer, der sich in 30 Jahren vom Lehrling zum Chef hochgearbeitet hat. Von 2006 bis 2008 stand die Wiener Modekette Fürnkranz im Visier der Tierschutzbewegung. Zuerst mit E-Mails, später mit Demonstrationen forderten Tierrechtsaktivisten sie auf, den Handel mit Pelzen einzustellen. Bauer, der Ende April beim Tierschützerprozess in Wiener Neustadt als Zeuge aussagen wird, erinnert sich, wie er während der Kampagne als Lügner und Mörder beschimpft wurde.

Falter: Wann kamen Sie zum ersten Mal mit den Tierschützern in Berührung?

Karl Bauer: Im Herbst 2006 sind die ersten E-Mails eingetroffen. Ein gewisser Felix H. (der Zweitangeklagte im Tierschützerprozess in Wiener Neustadt, Anm.) hat sie unterzeichnet. Die ersten waren in sehr freundschaftlichem Ton. Darin ist gestanden: „Es findet in Kürze beim Verein gegen Tierfabriken eine Abstimmung statt, in der wir entscheiden, gegen wen die nächsten Aktionen gestartet werden.“ Wenn ich ein beigelegtes Formular unterschreiben würde, in dem ich verspreche, ab sofort den Pelzhandel einzustellen, haben die gesagt, werde es keine Kampagne geben.

Wie haben Sie reagiert?

Bauer: Ich habe ihnen irgendwann zurückgeschrieben, dass wir den Pelzhandel ohnehin einstellen, weil das derzeit kein Geschäft ist, dass wir aber vorhandene Bestände abverkaufen. Eine Zeitlang war Ruhe. Aber dann sind wieder E-Mails gekommen. Als wir die ignorierten, haben sie geschrieben, dass sie in 24 Stunden eine Kampagne beginnen. Ein Link zu einer Seite war auch dabei, auf der über Antipelzaktionen berichtet wurde.

Was ist dann passiert?

Bauer: An den Wochenenden haben sich 50 bis 100 Gestörte vor einzelnen Filialen versammelt. Vermummt wie in der deutschen Terrorszene, mit Hauben wie beim Banküberfall oder in blutigen Pelzen. Niemand wurde unbehelligt ins Geschäft gelassen und die, die herausgekommen sind, mussten ihre Sackerln öffnen. Nachdem H.C. Strache unser Anliegen aufgegriffen hat, sind sie persönlich auf mich losgegangen. Die haben skandiert: „An Karl Bauers Händen klebt Blut“ und „Karl Bauer ist ein Versprechensbrecher“. Es war eine Marter.

Klebt Blut an Ihren Händen? Sind Sie ein Versprechensbrecher?

Bauer: Ich habe denen nie irgendetwas versprochen. Und an meinen Händen klebt sicher kein Blut: Ich hab sowohl Felix H. als auch Martin Balluch (der Erstangeklagte in Wiener Neustadt, Anm.) gesagt: „Hören Sie, gegen Tierleid bin ich auch. Da laufen Sie bei mir offene Türen ein.“ Deswegen hat Fürnkranz nie Pelze aus irgendwelchen dubiosen Pelzfarmen in Asien gekauft. Ich habe mich sogar freiwillig dazu bereit erklärt, eine Pelzauszeichnungspflicht für unsere Produkte einzuführen: Auf jeder Rechnung ist gestanden, ob dieser Rotfuchs aus Kanada oder aus Skandinavien kommt.

Laut Verein für Tierfabriken sind auch die Haltungsbedingungen in Skandinavien alles andere als artgerecht. Martin Balluch hat im Zuge mehrerer Recherchereisen dokumentiert, dass die Tiere auch dort in den Pelzfarmen auf Eisenrostböden in viel zu engen Käfigen stehen.

Bauer: Wenn man sich diese Farmen anschaut, hat er inhaltlich schon Recht. Aber warum setzt man nicht dort den Hebel an, wo produziert wird?

Warum, denken Sie, kam es gegen Fürnkranz nicht zu ähnlichen Gewaltakten wie bei Kleider Bauer, wo es Stalking gegen einzelne Mitarbeiter gab, wo Autos beschädigt und Geschäfte mit Buttersäure attackiert wurden?

Bauer: Weil man ihnen rechtzeitig das Handwerk gelegt hat. Wir haben damals natürlich versucht, alles in Bewegung zu setzen. Bis hinauf in höchste Polizeikreise. Die Polizei hat uns gebeten, jede Erfahrung zu übermitteln. Es ist übrigens ein lustiger Zufall, dass ich mit dem Chefermittler Zwettler gemeinsam in die Volksschule gegangen bin. Wir haben der Sonderkommission Sachverhaltsdarstellungen und Fotos geschickt, die wir von den Vermummten gemacht haben. Übrigens auch einen interessanten Kurzfilm von einer Demonstration im Oktober 2008, wo Balluch Terror verbreitete.

Was meinen Sie mit Terror?

Bauer: Er ist vor einer Filiale gestanden und hat „Karl Bauer ist ein Tiermörder, an seinen Händen klebt Blut“ in ein Megafon gerufen. Ich bin hingegangen und hab mich ihm vorgestellt. Daraufhin hat er in Richtung Polizei gesagt, dass er von mir bedroht werde. Was für eine Absurdität.

Sie sprechen von Terror. Dabei geht es um angemeldete Demonstrationen.

Bauer: Wenn einer auf der Kärntner Straße seinen Willen kundtut, Spenden und Unterschriften sammelt, mag das rechtens sein. Wenn aber 100 Wahnsinnige an einem Einkaufssamstag vier, fünf Stunden lang ein Geschäft blockieren, ist das gezielter Terror in Richtung Einzelhandel, mit dem Ziel, Schaden anzurichten. Ein Tag Demonstration hat uns 10.000 Euro gekostet plus Imageschaden. Wie so etwas in Österreich toleriert werden kann, ist mir – auch als Demokrat – ein Rätsel.

“Falter” Nr. 11/10 vom 17.03.2010 Seite: 15 Ressort: Politik





Warum die Machete der Kettensäge im Ernstfall vorzuziehen ist

12 03 2010

Entgegen landläufiger Meinung ist die Kettensäge kein ideales Mittel zur Selbstverteidigung. Zwar suggerieren Filme wie „Army of Darkness“ oder „Texas Chainsaw Massacre“ das Gegenteil, doch warnt bereits Buchautor Max Brooks im „Zombie Survival Guide“ vor der lärmenden und unhandlichen Maschine: Sie schneide „mühelos durch Fleisch und Knochen“, schreibt er, in Wirklichkeit aber habe die Motorsäge „einen extrem niedrigen Platz in der Rangordnung der Waffen“. Wie Recht Brooks hat, zeigt der sonntägliche Angriff am Praterstern, als es dem Täter nicht gelang, die Kettensäge anzuwerfen. Brooks Waffe der Wahl ist übrigens die Machete – zuletzt von der Berliner Poker-Bande mit Bravour eingesetzt. Diese Truppe hat im Unterschied zum Wiener Dilettanten ihre Hausaufgaben gemacht: Lesen bildet eben!

Glosse im “Falter” Nr. 10/10 vom 10.03.2010 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung





„Nicht legal, aber super“

10 03 2010

Wie der Angeklagte Martin Balluch im Tierschützerprozess die Verhandlungsführung übernahm

Wer vergangene Woche ortsunkundig aus dem Wiener Neustädter Bahnhofsgebäude trat, der brauchte nur den Klängen der Beastie-Boys-Nummer „Fight for Your Right“ zu folgen. Drei Dutzend Aktivisten hatten den Bereich vor dem Landesgericht in eine Protestzone verwandelt und beschallten Maria-Theresien-Ring und Stadtpark mit einer mächtigen Soundanlage. In einer Mobilküche bereiteten sie Gemüsemakkaroni und fleischloses Chili. Zwischen Transparenten mit Aufschriften wie „Tierschutz = Staatsfeind Nummer eins“, einer gefleckten Plastikkuh und Broschüren über Anarchoveganismus skandierten sie Trommeln schlagend und rosa Luftballons aufsteigen lassend: „Handler, du Lügner“, „Handler, du Lügner“.

Wolfgang Handler steht derweil im Schwurgerichtssaal, um die Anklage zu verlesen. Je tiefer die Bässe wummern, je wilder der Tusch wirbelt, umso konzentrierter setzt der Staatsanwalt mit den streng gelackten Haaren seine Rede fort. Nur einmal unterbricht er, um zu schmunzeln: Als Edith Piafs „Non, je ne regrette rien“ durch die Fenster des Gerichtssaals dringt.

Es ist die erste Woche im Tierschützerprozess. Und sie verläuft turbulent. Auf dem Programm stehen die Eröffnungsplädoyers und die erste Einvernahme. Die 13 Angeklagten müssen sich wegen Delikten wie Sachbeschädigung, Brandstiftung und Nötigung verantworten. Sechs von ihnen ausschließlich wegen § 278a des Strafgesetzbuchs, der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation: dem sogenannten Mafiaparagrafen, der unter Strafrechtlern höchst umstritten ist.

„Sämtliche Angeklagte handelten in der Gewissheit um das Bestehen einer kriminellen Organisation“, sagt Staatsanwalt Handler. „Sie wollten Mitglieder sein und wussten um die kriminellen Zielsetzungen.“

„In der Begründung werden so viele Straftaten angeführt“, sagt Verteidiger Philipp Bischof, „warum sind sie nicht angeklagt?“

„Ich lehne Gewalt ab und distanziere mich davon“, sagt Martin Balluch, der Obmann des Vereins gegen Tierfabriken, der – wie alle anderen – auf unschuldig plädiert.

Der Reihe nach: Zunächst führt der Staatsanwalt den Zuhörer an den Beginn der Tierrechtsbewegung. Seit den 70er-Jahren befreiten radikale Tierschützer Labortiere und setzten Sabotageakte. In Österreich bildete sich erst zehn Jahre später eine Splittergruppe der – vom FBI als Terrororganisation eingestuften – Animal Liberation Front (ALF). 200 Anschläge gab es in der Folge in Österreich: gegen Tierversuchsanstalten, gegen den Zirkus Knie, gegen Jagdgesellschaften und gegen den Handel mit Pelzen bei Firmen wie Kleider Bauer, Fürnkranz oder Escada. Einzelne Mitarbeiter dieser Unternehmen wurden regelrecht gestalkt. Nicht selten ereigneten sich die Attentate parallel zu legalen Kampagnen der Tierschützer.

Der unter dem Eindruck der Terroranschläge von 9/11 im Jahr 2002 neugeschaffenen § 278a, der die Mitgliedschaft bei einer kriminellen oder einer terroristischen Organisation unter Strafe stellt, ermöglichte der Polizei den Einsatz eines großen Lauschangriffs. Im Frühjahr 2008 wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt und Tierschützer festgenommen. Zwei mannshohe Aktenschränke umfasst das Konvolut aus Telefonprotokollen, E-Mail-Abschriften und Medienberichten, das Handler in eine 217 Seiten starke Anklageschrift goss.

Folgt man den Ausführungen der Staatsanwaltschaft, war Balluch nicht nur Obmann des Vereins gegen Tierfabriken, sondern Fädenzieher jener kriminellen Organisation, die unter Pseudonymen wie ALF schwere Straftaten beging. Als Beweise führt die Anklage aus, dass Balluch mit militanten Tierschützern in England und Skandinavien Kontakt hielt. Dass er Gewaltaktionen sammelte, um darüber sympathisierend zu berichten. Und dass er – während er das friedliche Gesicht des Tierschutzes gab – Aktivisten zu Straftaten ermunterte und ihnen Tipps gab, sich vor den Behörden zu schützen. Sogar Bekennerschreiben soll der promovierte Physiker und Philosoph verfasst haben.

Als am zweiten Prozesstag die Einvernahme Balluchs beginnt, startet zugleich ein – wenn man so will – Lehrstück strafprozessualer Gruppendynamik: Richterin Sonja Arleth lässt belastendes Material an die Leinwand projizieren. Es sind E-Mails wie jenes, in dem Balluch nach einem Buttersäureanschlag in einer Kleider-Bauer-Filiale schreibt, dass es der effektivste Weg sei, „so viel Schaden wie möglich anzurichten, ohne die Sympathie der Öffentlichkeit zu verlieren“. Oder Telefongespräche, in denen Balluch von „offenen Befreiungen“ und „offenen Lagerfeuern“ in Zusammenhang mit Aktionen gegen Legebatterien spricht. Oder Onlinebeiträge, in denen Balluch davor warnt, sich beim Umwerfen und Umsägen von Hochständen zu verletzen, weil so DNA-Spuren zurückbleiben können.

Balluch soll mit kurzen Entscheidungsfragen aus dem Konzept gebracht werden: „Ist es nicht Ihre Einstellung, die Gesellschaft in eine vegane Gesellschaft umzubauen?“, „Wollen Sie eine Gesellschaft ohne Tierhaltung?“, „Was halten Sie von Keith Mann?“ (einem zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilten Tierrechtler aus England, Anm.), „Sind Sie gegen die Jagd?“

Als die Richterin Balluch nicht zu Wort kommen lässt, schütteln die rund 50 meist mit den Tierschützern sympathisierenden Zuseher die Köpfe. Verärgertes Gemurmel setzt ein. Einer schreit: „Lass ihn aussprechen!“, eine andere: „Seid ihr komplett angelaufen?“ Die Richterin droht, den Saal zu räumen.

Gerade noch hat ihn Arleth von einer Frage zur nächsten getrieben, jetzt duckt sie sich hinter den Monitor oder unterhält sich mit dem Richteramtsanwärter. Balluch bekommt Oberwasser: „Frau Rat, hören Sie mir jetzt zu oder nicht?“ „Frau Rat, Sie sprechen, während ich rede. Das ist unhöflich.“ An einem Punkt trällert er sogar ins Mikrofon: „Lalala.“

Nach der Mittagspause, ein völlig anderes Bild. Arleth erkundigt sich, ob das vegane Menü in der Gerichtskantine gemundet habe. „Wir werden jetzt langsamer vorgehen“, sagt sie, „Punkt für Punkt.“ Spätestens als das Gericht auf Initiative der Verteidigung ein Video zeigt, mit dem Balluch Pelztierfarmen in Skandinavien dokumentierte, hat der Angeklagte die Verhandlungsführung praktisch übernommen. Vergleicht sich mit Martin Luther King. Pendelt zwischen dem Tisch der Verteidiger und dem der Richterin. Zeigt Dokumente, verweist auf sein Buch. Wenn der Staatsanwalt Belastendes zitiert, kann sich Balluch nicht mehr erinnern, vermutet, dass die Sätze aus dem Zusammenhang gerissen wären oder dass es sich um einen Scherz gehandelt habe. „Barry Horn wurde verurteilt, weil er 80 Versuchshunde und einen Delfin befreit hat“, setzt er eine Pointe, „das war vielleicht nicht legal, aber super.“

Kein Leichtes für Einzelrichterin Arleth, die sich im größten und medienwirksamsten Prozess in der Geschichte des Gerichts gegen die Phalanx aus Verteidigern, Publikum und einem wortgewandten Angeklagten beweisen muss. Aber die Dynamik eines Verfahrens ist schwer einschätzbar. Und bis im Juni Recht gesprochen wird, vergeht noch viel Zeit.

Bild: Erstangeklagter Martin Balluch zu Beginn des Prozesses in
Wiener Neustadt. Vor dem Gericht protestieren
Tierschutzaktivisten

“Falter” Nr. 10/10 vom 10.03.2010 Seite: 14 Ressort: Politik





Sternchen im Staub

3 03 2010

Wie Österreichs Boulevard seine Stars erschafft, um sie anschließend zu entwürdigen. Der Fall von Anastasia Sokol

“Der Lugner ist ja immer so stolz, wie lieb ihn das Katzi hat – das hat sie ja gelernt“, sagt Dominic Heinzl in der ORF-Sendung „Chili“ und präsentiert zum Beweis verfängliche Fotos von Richard Lugners jüngster Freundin. „Das berühmteste Haustier des Landes ist für jeden sichtbar rollig“, formuliert Österreich. „Eine ganz schöne Nachteule“, höhnt der Kurier.

Es ist der Tiefpunkt im österreichischen Boulevard: die Bloßstellung einer 20-Jährigen, die angeblich als Callgirl gearbeitet hat. Wieder erklang eine Tonart, die die Kronen Zeitung bereits vor 20 Jahren mit ihrer Berichterstattung über die „Lainzer Mordschwestern“ anschlug, die sie als „Schweinchen, die alles machen“ beschimpfte. Dieselbe Tonart, die Wolfgang Fellners Hefte und Gratisblätter wie Heute weiter perfektionierten: wenn Anklageschriften bei schweren Sexualverbrechen – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Opfer – im Wortlaut zum Download angeboten werden (so wie im Fall Fritzl). Wenn Verbrechensopfern, Jahre nachdem sie ihren Peinigern entkamen, beim Schmusen aufgelauert wird (Natascha Kampusch). Oder wenn – so wie im Fall von Anastasia Sokol – anonyme Kronzeuginnen als „Puff-Kolleginnen“ auspacken.

Bedenkt man, dass sie wochenlang unter medialem Dauerbeschuss stand, betritt Anastasia Sokol – in Glitzershirt und Lederhose – sehr gelassen den Salon des Nobelfriseurs in der Wiener Innenstadt. „Ich weiß schon, dass sie auf mich losgehen, weil sie eigentlich dem Richard eine draufgeben wollen“, sagt sie, „aber ich hätte mir nicht erwartet, dass sie so über mich herziehen.“ In einem Eck des Frisiersalons erzählt sie, wie sie ihrer Mutter im Jahr 2002 aus Litauen nach Österreich folgte, wie es sie nach der Schule in Retz nach Wien verschlug, wie sie bei Fotoshootings mitmachte, um schließlich bei einer Castingshow für ein Abendessen mit Lugner den Baumeister kennenzulernen. Von einem Tag auf den anderen tauchte sie in eine Glitzerwelt ein, „die anstrengend ist, aber Spaß macht“, schüttelte Politikern und Wirtschaftsbossen die Hand und fand sich auf Hochglanzfotos in Zeitungen wieder.

Nur knapp zwei Wochen nachdem sie die Nachfolge von Nina „Bambi“ Bruckner an der Seite Lugners angetreten hatte, platzte das, was Journalisten die Bombe nennen.

„Ich habe durch eine Kollegin von Katzi den entscheidenden Tipp bekommen“, erklärt Heinzl. Wenige Tage vor dem Opernball zeigte er Fotos, die auf dem Onlineportal eines Nachtklubs und auf einer Kontaktseite gepostet waren, in der ORF-Sendung „Chili“. Damit hatte Heinzl seinen Coup. Das Boulevardkarussell war in Gang gesetzt: eine Hetzjagd, in der sich „Chili“, Österreich & Co mit immer neuen Enthüllungen überboten.

Doch was hat Anastasia Sokol eigentlich angestellt, um derart entwürdigt zu werden? Was ändert es, ob Katzi ein Callgirl war, eine Verkäuferin oder sonst ein zugereistes Mädel? Wem nutzt die „Investigativarbeit“ eines Dominic Heinzl, der in den Äther rotzt, was ihm aus dem Rotlichtmilieu zugespielt wurde?

Wo sich Heinzl als Aufdecker geriert, der Österreich die Wahrheit über Lugner erzählt, dort geht es in Wahrheit um ein Spiel mit der Demontage der Prominenz, abzielend auf die Schadenfreude der Zuseher. Um eine Art „Happy Slapping“ im ORF.

Der vom österreichischen Rundfunk für ein kolportiertes Jahresbudget von vier Millionen Euro gekaufte Klatschreporter, dem man zugutehalten muss, die kriecherische „Seitenblicke“-Fadesse aufgemischt zu haben, steht seit Beginn der Sendung im Jänner unter Quotendruck. Nachdem in den ersten Tagen 400.000 Seher zu „Chili“ schalteten, war es eine Woche später nur noch die Hälfte. Selbst das nach Heinzls Abgang neu aufgesetzte Format „ATV Life“ hat mitunter mehr Seher als „Chili Backstage“.

Dass Heinzl angesichts dieser Misere härtere Bandagen anlegt, verwundert wenig. Tiefschläge landete der 45-Jährige bereits in der Vergangenheit. So zitierte der ehemalige Ö3-Star in seiner ATV-Sendung aus dem Onlinetagebuch der 16-jährigen Gusenbauer-Tochter Selina. Ein anderes Mal berichtete er über Armin Assingers Ex-Geliebte, die versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Die „Causa Katzi“ ist sein jüngster Streich auf Kosten eines altbewährten Sündenbocks, den ohnehin jeder peinlich findet.

„Der Kunde ist König“, rechtfertigt Heinzl seine Abkehr von Lugner und von genau jenen Stars und Sternchen, mit denen er bei ATV gute Quote machte, „du kannst dir ja nicht vorstellen, wie viele Leute beim ORF angerufen haben, die den Lugner nicht mehr sehen wollen.“

Am Freitag ließ Heinzl via Kurier eine „schwarze Liste“ unerwünschter Personen veröffentlichen, die er in „Chili“ nicht mehr zeigen will. Die Liste umfasst genau die üblichen Verdächtigen, über die sich Heinzl schon seit Jahren lustig macht.

Dass die jüngste Aktion weniger der Versuch ist, dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF zu entsprechen, sondern eher jener, über Diskreditierung im Gespräch zu bleiben, liegt auf der Hand. Wenn er die 15 Personen auf der Liste nicht mehr zeigen wollte, könnte er dies ja auch einfach tun, ohne sie als „Lugners Zoo“, als „Malerin nach Zahlen“ (Verena Auersperg-Rotterdam) oder als „Blondine vom Dienst“ (Jeannine Schiller) zu verunglimpfen.

Die unfreiwillige Ironie des Spiels wird offensichtlich, wenn Heinzl voller Stolz im Kurier verkündet: „Mit der Katzi haben wir doch ganz schön was angerührt. Zehn Prozent Marktanteil, 237.000 Zuschauer.“

Wohl nützen die Protagonisten der Seitenblickewelt ihre gewonnene Prominenz zur Werbung für ihre Bauprojekte, für ihre Eventagenturen, ihre Charityveranstaltungen, ihre Designershops oder auch nur einfach dazu, Silikonkissen ins Bild zu heben. Der Preis für diesen Ruhm ist jedoch die nimmersatte Neugier der Yellow Press, die – im Bestreben, das schadenfrohe Publikum zu befriedigen – keine Chance auslässt, die Sternchen, die sie selbst schuf, wieder in den Dreck hinabzureißen.

„Schauen Sie, mir ist egal, ob mich der Heinzl abwatscht“, sagt Richard Lugner, Clown und Parvenü der österreichischen Seitenblickegesellschaft, „aber er soll meine Freundin in Frieden lassen.“

Lugner ist berühmt dafür, keinen Schmerz (mehr) zu empfinden. Zuletzt scheiterte der Kabarettist Robert Palfrader in seiner Talkshow „Wir sind Kaiser“ daran, dem 77-jährigen Blitzlichtjunkie etwas aufzuerlegen, das der als zu demütigend empfinden würde. Sogar als Baby mit Schnuller und Strampelanzug ließ er sich vorführen. So viel Nehmerqualität hat sonst keiner in der Bussi-Bussi-Szene. Zu ehern ist das Bemühen der meisten dort, wichtig und würdig zu wirken.

„Die meisten kriechen irgendwann zu Heinzl zurück“, sagt Charityorganisatorin Jeannine Schiller, die seit drei Jahren vom Klatschreporter durch den Kakao gezogen wird, „und betteln darum, dass er wieder gut ist mit ihnen.“ Schiller, die auch schon in „Best of Böse“ im Falter gehänselt wurde, berichtet, ab wann ihr die Dauerverarsche durch Heinzl zu viel wurde: „Jeder muss einstecken können“, sagt sie, „aber Heinzl hat mich jahrelang gekränkt. Irgendwann war die Grenze überschritten.“ Als sich Schiller bei ATV beschwerte, begann Heinzl, sie fortan nur noch mit vollen Backen beim Buffet zu filmen.

Wer keine dicke Haut hat, der steht das Seitenblickeleben nicht durch, erklärt Helmut Werner. Der burgenländische Eventmanager mit der blonden Mähne und dem Auftreten eines Schlagersängers ist mit Richard Lugners 16-jähriger Tochter Jacqueline liiert. Dieser Umstand und seine finanziellen Schwierigkeiten in der Vergangenheit machten Werner ebenfalls zur Zielscheibe von Spott und Häme. „Die Hälfte von dem, was da berichtet wird“, versichert Wagner, „ist ein inszenierter Schmäh.“

Geklagt wird im System der Verheinzelugnerung wenig. Laut Mediengesetz und Ehrenkodex der Presse ist der „höchstpersönliche Lebensbereich“ eines Menschen zwar tabu. Doch das Risiko einer Prozessführung trägt das Opfer. Dazu kommt, dass dem kleinen Triumph einer finanziellen Entschädigung die jahrelange Ächtung durch das Medium gegenübersteht.

Dabei nimmt die Judikatur in den letzten Jahren immer häufiger auch jene in Schutz, die sich stärkere Eingriffe in ihr Privatleben gefallen lassen mussten, weil sie ins Rampenlicht drängten. Richtungweisend ist das „Caroline-Urteil“: Caroline von Hannover klagte die Münchner Zeitschrift Bunte wegen des Abdrucks von Fotos, die sie mit ihren Kindern zeigen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gab ihr Recht und verurteilte Deutschland zu einer Zahlung von 109.000 Euro. Heute steht die Bunte übrigens erneut am Pranger, weil sie in Verdacht steht, eine Rechercheagentur beauftragt zu haben, die Prominente mithilfe unlauterer Methoden beschattete.

Bis zum Urteil der Straßburger Richter durfte Caroline außerhalb ihrer Wohnung in nahezu jeder Lebenslage fotografiert werden. Jetzt beschränkt sich die Berichterstattung auf jene Momente, in denen sie in öffentlicher Funktion auftritt oder ihr Auftritt zur „öffentlichen Debatte“ beiträgt.

Besonders sensibel ist der Umgang mit Personen im Umfeld von Prominenten, die selbst nicht prominent sind. Ihr gemeinsames Auftreten außerhalb offizieller Anlässe gilt gewöhnlich als „geschützter privater Bereich“. Auch wenn Heinzl die Schutzwürdigkeit von Personen wie Anastasia Sokol nicht erkennen kann – „sie ist über 18 Jahre alt und hat sich freiwillig ins Rampenlicht begeben“ –, hat auch sie ein Recht auf Privatsphäre. Dies auch denn, wenn das Abstecken privater Bereiche in Zeiten fortschreitenden allgemeinen Internetexhibitionismus immer schwieriger wird und rufschädigende Fotos bereits einer beschränkten Öffentlichkeit zugänglich waren.

„Die Grenze der Berichterstattung sollte spätestens dort liegen“, meint Anastasia Sokol, bevor sie sich zum Spiegel setzt, damit die Abendfrisur vorbereitet werden kann, „wo einem Sachen unterstellt werden oder wo Sachen zu Fleiß behauptet werden, um einen bloßzustellen.“

“Falter” Nr. 09/10 vom 03.03.2010 Seite: 17 Ressort: Medien





Stille in Eberau

24 02 2010

Sie stimmten dagegen. Porträt eines widerständigen Dorfes

Das Eberau von Günther Krobath ist ein arkadischer Ort. Er fährt vorbei an den putzigen Bauernhäusern der Alteingesessenen, vorbei an den modernen Wohnwürfeln der Pendler und Jungfamilien. Die schmale Straße den Hügel hinauf. Wo die Eberauer ihre Äcker und Weingärten haben. Wo sie an lauen Sommerabenden in der Buschenschank beieinandersitzen und hinunterblicken ins Kleine Pinkatal.

Am Fuß des Hügels zweigt von der Weinstraße ein Feldweg ab. Krobath steigt aus dem Wagen. Auf einem Acker im Ortsteil Kulm steht er im knöchelhohen Schnee, um auf zwei Parzellen zu deuten. Hier sollte das dritte österreichische Asyl-Erstaufnahmezentrum mit einer Kapazität für 300 Menschen entstehen.

Der südburgenländische Ort Eberau ist Sinnbild für den jämmerlichen Zustand österreichischer Asylpolitik und für falsches Selbstverständnis von Machthabern auf Bundes- und auf lokaler Ebene. Ein Sinnbild dafür, wie Politiker unsinnige Pläne an den Wünschen und Sorgen ihrer Bürger vorbeischummeln wollen. Ein Beispiel dafür, wie Widerstand effizient sein kann. Wie sich sogar ein kleiner Streifenpolizist gegen die Innenministerin durchsetzen kann.

„Ich hätte mir nichts Schlimmeres vorstellen können“, sagt Krobath. Er erzählt vom Abend des 18. Dezember 2009, als ihn der Bürgermeister anrief, um ihm von den neuen Jobs zu erzählen. Jobs für Polizisten, fünf Gehminuten von seinem Haus entfernt.

Krobath jagt als Streifenpolizist Einbrecher, Schmuggler und Menschenhändler auf heimischen Autobahnen. Er hat die Welt kennengelernt. Vor allem ihre dunklen Seiten. Das Flüchtlingsprojekt, über das der Bürgermeister mit der Innenministerin gemauschelt hatte, hätte die „Gemütlichkeit Eberaus“, wie Krobath sie kennt, zerstört: zu fremd, zu groß, zu gefährlich für eine Gemeinde mit 900 Einwohnern. Und, folgt man der Meinung vieler Asylexperten, unsinnig, weil viel zu weit weg vom urbanen Raum.

Eberau, bis zum Friedensvertrag von Trianon 1921 nach dem Ersten Weltkrieg ein ungarisches Dorf mit Namen Monyorókerék, hat Wurzeln, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Ein ärmliches Gebiet, dessen ländliche Bewohner unter der jeweiligen Herrschaft malochten. Erst 1848 erlebte der Pinkaboden ein freies Bauerntum. Nach dem Zweiten Weltkrieg – in den Weingärten auf den Hügeln stellte sich die Wehrmacht den anrollenden russischen Truppen entgegen – folgte auf den Wiederaufbau eine Zeit relativen Wohlstands. Mit dem Eisernen Vorhangs stand Eberau jedoch wieder im Winkel. Ein „totes Gebiet“ nennt es Josef Polzer (84), der ehemalige Volksschuldirektor, das die Jungen zum Arbeiten und zum Studieren verlassen.

Das Eberau, wie es der Besucher an einem gewöhnlichen Wochentag kennenlernt, ist eines der Ruhe. Ein Hahn kräht. Die erste Honigbiene trudelt verwirrt durch den Eberauer Luftraum. Auf der einen Seite des Platzes befinden sich Gemeindeamt und Gasthaus, auf der anderen die Kirche und das Anwesen des Grafen. Nah&Frisch-Filiale und Mehlspeis-Paradies Ganzfuss sind zwischen zwölf und fünfzehn Uhr geschlossen. Zwei Präsenzdiener in orangen Warnwesten schlendern über die Straße, um das „subjektive Sicherheitsgefühl“, von dem Politiker gerne sprechen, zu verteidigen. Mit symbolhafter Politik wollte sich Walter Strobl, der Bürgermeister, nicht zufriedengeben. Er erzählt von der Suche nach neuen Chancen. Vom Energieradweg. Von der katholischen Privatschule. Als Tourismus- und als Weinbaugemeinde wollte man Eberau etablieren. Allein – die rote Landesverwaltung habe die schwarze Gemeinde stiefmütterlich behandelt. Die einzige Attraktion im Ort, ein Wasserschloss mittelalterlichen Ursprungs im Besitz derer von Erdödy, will der Graf partout nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Acht Jahre lang war Strobl erster und mächtigster Mann im Dorf. Einer, gegen dessen Willen man nicht leichtfertig aufbegehrte. Der es gewohnt war, für andere zu entscheiden. „Wie ein Lottogewinn“, sagt er, sei ihm das Angebot aus der Herrengasse vorgekommen. Und Innenministerin Maria Fekter legte zu den 130 Jobs, die sie den Eberauern versprach, ein paar Schmankerln auf den Tisch: 250.000 Euro extra für die Gemeindekasse, neue Feuerwehrautos, Sanierung des Schulgebäudes, Sanierung des Gemeindeamtes, bessere ärztliche Versorgung.

Welcher Bürgermeister hätte da nicht zugelangt?

Um zu vermeiden, dass der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl das Zentrum per Gesetz verhindern konnte, blieb der Pakt bis kurz vor Weihnachten geheim. Als Fekter dann an die Öffentlichkeit ging, machte sich Strobl binnen zwei Monaten mehr Feinde als andere Politiker während ihrer gesamten Berufslaufbahn. Drei blaue Aktenordner bewahrt Strobl im Schrank: voll mit Schmähbriefen und Drohungen. Im Jänner – wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt – schickte ihm jemand sogar einen Strick.

Als Polizist Krobath von den Plänen erfährt, setzt er sich ans Telefon und ruft jeden an, den er kennt. Innerhalb weniger Tage entsteht eine Unterschriftenliste, wenig später konstituiert sich eine Bürgerinitiative. Unterstützt von allen Landtagsparteien, von NGOs, Medien und allerlei xenophoben Trittbrettfahrern, erzeugt sie gewaltigen Druck. Zorn und Misstrauen in der Gemeinde werden so groß, dass sich eines Tages ein Mob vor einem Weinkeller versammelt, weil das Gerücht kursiert, ein Gemeinderat führe hier Geheimgespräche mit der Innenministerin. Bis heute sieht Gastwirt Hannes Buch einen „Keil, der die Dorfgemeinschaft spaltet“.

Irgendwann kippt der Gemeinderat, sogar der Bürgermeister ändert seine Meinung. Als die Eberauer einander am Freitag zur letzten Informationsveranstaltung vor der Abstimmung treffen, ist die Sache längst gelaufen. Da half es auch nichts, dass die Innenministerin mit Werner Miedl einen eloquenten Fürsprecher nach Eberau entsandt hatte, um eine Informationsoffensive zu starten. Der ehemalige Grazer Stadtrat harrte zwar tapfer mehrere Wochen im Hinterzimmer des Gasthofs aus, doch nur wenige wollten sachlich über eine Entscheidung informiert werden, nachdem man so unsachlich über sie hinweg entschieden hatte.

„Wir waren blauäugig“, gibt Strobl heute zu, „wir haben das Menschliche außer Acht gelassen.“ Zurücktreten will er nicht. Auch wenn er weiß, dass seine Zeit seit Sonntag, als neun von zehn Bürgern mit Nein stimmten, abgelaufen ist. Günther Krobath, der kleine Streifenpolizist, hat dem Ort die Stille zurückgegeben. Wer weiß, vielleicht kann er dies bald vom Sessel des Bürgermeisters aus tun. Ambitionen, Herr Krobath? „Wer kritisiert“, sagt der, „muss auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.“

Bild: Ansichten eines aufmüpfigen Dorfes. Das Bild unten aus dem Jahr
1969 zeigt den neugestalteten Hauptplatz

Bild: Günther Krobath startete den Kampf gegen den Bau des
Asylzentrums

Bild: Auf diesem Acker hätte das Zentrum errichtet werden sollen

Bild: Bürgermeister Walter Strobl und die Ordner mit den Drohbriefen

“Falter” Nr. 08/10 vom 24.02.2010 Seite: 14 Ressort: Politik





Klimawandel: Man wird bescheiden

3 12 2009

Mit der traurigsten Kyoto-Bilanz aller EU-Staaten reist Österreich nach Kopenhagen. Wie gehen die Verhandler damit um?

Wer den Lebensminister an seinem Arbeitsplatz besucht, dem fallen die beiden KTM-Fahrräder im Vorzimmer auf: Vor der Sitzgruppe beim Fenster lehnt ein Elektrofahrrad, daneben ein buntes Citybike für Damen. Mit ersterem war Nikolaus Berlakovich sogar schon auf dem Großglockner. Ansonsten dürften die Gefährte die Räumlichkeiten des Kabinetts noch nicht sehr oft verlassen haben. Die Ketten sind staubfrei, die Reifen recken noch die kleinen Gummitentakel in die Höhe, die sie erst nach ein paar Kilometern Asphalt verlieren.

Die prominent platzierten Fahrräder stehen symbolisch für den österreichischen Klimaschutz. Nur vordergründig bemüht man sich um ein untadeliges Öko-Image: beschließt halbherzige Ökostrompakete und Klimaverträglichkeitsprüfungen. Vor zwei Wochen veröffentlichte die EU-Kommission einen Bericht, wonach Österreich als einziges Mitglied der EU15 sein Kyoto-Ziel verpassen wird. Statt gegenzusteuern, wird in der Wirtschaftskrise mit einer Verschrottungsprämie zum Autokauf animiert. Auch das hat Symbolwert: Am autofreien Tag, den immerhin sein eigenes Ressort zusammen mit dem Klimaschutzbündnis veranstaltete, pendelte der Umweltminister mit dem Dienstwagen vom Burgenland in die Innenstadt.

Welchen Beitrag kann Österreich bei dieser kläglichen Ausgangslage zum Weltklimagipfel leisten? Wie ehrlich ist es, sich neu zu verpflichten, wenn das Land schon bei der Erfüllung des alten Paktes scheiterte? Und wie geht es den österreichischen Unterhändlern, die nächste Woche nach Kopenhagen fahren?

Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, kann man sich ins Umweltministerium begeben, jenen Teil des Lebensressorts, der getrennt vom Landwirtschaftsressort und dem Ministerbüro – in einem dunklen 1970er-Jahre Zweckbau in der Stubenbastei untergebracht ist.

In einem winzigen Büro mit Aquarellen an den Wänden bereitet sich dieser Tage die Juristin Gertraud Wolansky auf die Klimakonferenz vor. Über ihren Schreibtisch wandert seit zwei Jahren jedes Stück Papier, jeder Vertragsentwurf und jeder Abänderungsantrag, der in der vorbereitenden Arbeitsgruppe „Verpflichtungen für Industrieländer“ zum Klimagipfel, in der Wolansky den stellvertretenden Vorsitz führt, besprochen wird.

Zwölf Jahre ist Gertraud Wolansky schon mit internationalen Umweltschutzverträgen befasst. „Man wird bescheiden“, sagt sie heute, „auch uns geht es in den Verhandlungen oft zu langsam“.

Internationale Vertragsverhandlungen laufen in der Regel so ab: Die Vorsitzenden verfassen einen Basistext. Die Parteien reichen sodann Ergänzungen und Änderungsvorschläge ein, die in eckigen Klammern zum Kernentwurf gestellt werden. Bei den Klimakonferenzen auf Expertenebene – heuer gab es bereits fünf – feilschen die Beamten in den Sitzungssälen, während der Text an die Wand projiziert wird. „Die Kenntnis der Geschäftsordnung ist dabei das allerwichtigste“, sagt Günther Liebl, Sektionschef im Umweltministerium, „wenn du nicht weißt, in welchem Verhandlungssaal du gerade sein musst, wie die Abstimmungsmodalitäten sind und wann in welcher Form du einen Antrag einbringen kannst, bist du verloren.“ Wieder und wieder stimmt man über die Optionen ab, schließt Varianten aus, präzisiert Formulierungen. Schrumpft den Text von ursprünglich mehreren hundert Seiten immer weiter zusammen. Das letzte Wort sprechen die Umweltminister. Bis zum Schluss – wie im Fall des Kyoto-Protokolls zum Beispiel – gerade einmal 34 Seiten stehen.

Zwei Kernziele verfolgt man in Kopenhagen: Ein Nachfolgeabkommen für die 2012 endende erste Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls zu beschließen. Und – zweitens – auch jene Staaten ins Boot zu holen, die beim letzten Mal draußengeblieben waren. Vor allem die USA und China, die beiden größten Dreckschleudern: Von den rund 28 Milliarden Tonnen Treibhausgas, die der Mensch jährlich in die Atmosphäre stößt, stammt die Hälfte von dort.

Obwohl über die Dimensionen des Klimawandels und dessen verheerende Auswirkungen heute unter Wissenschaftlern und Politikern weitgehend Konsens herrscht, stehen die Chancen für eine Einigung momentan schlecht. Zum einen, weil die USA keine verbindlichen Zugeständnisse machen können, da ihr nationales Klimapaket im Senat feststeckt. Zäh laufen die Verhandlungen aber auch, weil es um mehr geht als nur um die Berechnung und Begrenzung von Gaspartikeln. „Die Entwicklungsländer versuchen“, sagt Michael Desser, der für das Außenministerium nach Kopenhagen fährt, „über die Gespräche zum Klimaschutz auch die historische Ungerechtigkeit in der Welt zu beseitigen“.

Da geht es um den Nord-Süd-Konflikt zwischen den reichen Industrienationen, mit ihren ehemaligen Kolonien, die heute in der Schuldenfalle sitzen und kein Geld für teure Anpassungs- und Schutzmaßnahmen haben. Es geht um Ernährungsfragen, um Wasserverteilung, um schwelende Konflikte, die durch den Klimawandel angeheizt werden. Um Millionen Menschen auf der Flucht. Es geht um wirtschaftliche Interessen wie Standortschutz, Konkurrenz und um Patente auf Grüne Technologie. Dazu bringen die Staaten ihre Partikularinteressen ein: Für Österreich – das seine Position mit den anderen EU-Staaten in Einklang bringen muss – wird das etwa die Bewertung von Nuklearenergie sein, oder auch die Frage der CO2-Bilanz der Forstwirtschaft.

Unter den rund 15.000 Delegierten, die ab Montag im Bella Center am Stadtrand von Kopenhagen aufeinander treffen, sind – neben den verhandelnden Beamten – auch Wissenschaftler, Lobbyisten und die Vertreter von NGOs. Alle versuchen, in letzter Minute noch ihre Anliegen in den Vertragstext zu quetschen.

Österreich entsendet insgesamt 25 Delegierte. Neben den Unterhändlern sind Leute wie Andreas Zahner von der Entwicklungshilfeorganisation Care dabei, der ankündigt, ein bisschen Bewegung in dieses „Mikadospiel“ zu bringen, „in dem der verliert, der sich zuerst bewegt“. Der studierte Biologe will vor allem eines erreichen: „Dass Menschen in extremer Armut die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.“ In Zahlen übersetzt heißt das: Jährlich rund 100 Milliarden Euro an Grünen Investitionen, damit sich die Entwicklungsländer an die Erderwärmung anpassen können. Von dieser Zahl geht zumindest Nicholas Stern, der ehemalige Weltbank-Chefökonom und jetzige Leiter des volkswirtschaftlichen Dienstes der britischen Regierung, aus. Für die Umweltorganisation Global 2000 reist der gebürtige Schweizer Manuel Graf nach Kopenhagen, der darauf drängen will, dass die EU ehrgeizigere Ziele fasst als 20 Prozent Emissionsreduktionen bis 2020: „Weil jeder Europäer pro Kopf etwa drei Mal so viel CO2 emitiert wie ein Chinese.“

Interessensvertreter wie Graf oder Care-Mann Zahner sehen die Konferenz als Chance, nahe an Entscheidungsträger heranzukommen, die hier von acht Uhr morgens, wenn das Tagesprogramm festgelegt wird, bis spät in die Nacht zwischen Verhandlungen und Rahmenveranstaltungen hin- und herwuseln. Im Gepäck haben Graf und Zahner, die nicht bei allen Verhandlungen dabei sein dürfen, wissenschaftliche Analysen und Forderungskataloge, die sie bei Gelegenheit den Delegierten zustecken. Während die Vertragstexte in den Verhandlungsrunden kleiner und kleiner werden, „achten wir darauf, dass nichts Wichtiges rausfällt“, sagt Zahner. „Wir haben eine Watchdog-Funktion“, erklärt Graf, „wir halten die Leute draußen darüber auf dem Laufenden, was drinnen passiert.“

Mit Ausnahme von Barack Obama, der in der ersten Woche vorbeischauen wird, stoßen die Regierungsmitglieder – so auch Berlakovich – erst in Woche zwei zu der Tagung. „Gerade in den letzten Tagen gibt es eine große Dynamik“, sagt Berlakovich, „da sind Überraschungen möglich.“

Auch wenn der Minister beteuert, wegen der traurigen österreichische Kyoto-Bilanz keinen Nachteil zu haben: Leicht verhandelt es sich mit so einer Ausgangslage nicht. Als einziges EU-Mitgliedsland verfehlt Österreich nicht nur sein Kyoto-Ziel der Reduktion der Treibhausgase. Sondern die Emissionen stiegen im Vergleich zum Basisjahr 1990 sogar noch. Der Klimaschutzbericht des österreichischen Umweltbundesamtes, geht davon aus, dass das Kyoto Ziel für Österreich unerreichbar geworden ist. Für das Jahr 2020 rechnen die Experten den CO2-Ausstoß zumindest auf 90 Millionen Tonnen CO2 hoch. Wenn nicht gegengesteuert wird, werden es sogar 98 Millionen Tonnen sein – ein Plus von 20 Prozent. Für diesen Verstoß gegen den völkerrechtlichen Vertrag müsste Österreich bis zu 500 Millionen Euro zusätzliche CO2-Zertifikate ankaufen.

„Wir brauchen eine nationale Kraftanstrengung“, mahnt Umweltminister Berlakovich. Aber die engen Kompetenzen seines Ressorts lähmen sein Vorhaben. „Es ist nicht so“, betont Berlakovich, dass Klimaschutz nur den Umweltminister etwas angeht. Ich hoffe, dass im Lichte des Klimagipfels ein allgemeines Umdenken statfindet“.

Bisher vermochte die österreichische Klimastrategie nicht zu überzeugen. Reduktionen bei Raumwärme und Landwirtschaft durch die Förderung der thermischen Sanierung oder die Produktion von Biosprit sind zwar ehrenhaft. Doch der Autoverkehr, der heute doppelt so viele Emissionen wie 1990 erzeugt, bleibt unangetastet. Maßnahmen wie stärkere Geschwindigkeitskontrollen und erhöhte Treibstoffeffizienz genügen nicht, um die Vervielfachung des Straßenverkehrsaufkommens zu kompensieren. Weitergehende Ansätze, wie eine Hebung der Mineralölsteuer, sind nicht einmal angedacht. Das schlechte Abschneiden bei den Kyoto-Zielen darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Österreich 2006 bei den Treibhausgasemissionen pro Bruttoinlandsprodukt immer noch an drittbester Stelle lag. Nur Schweden und Frankreich wiesen niedrigere Emissionen pro Kaufkraftstandard auf.

An diese im internationalen Vergleich günstige Bilanz erinnert auch Dieter Drexel, der Umweltbeauftragte der Industriellenvereinigung, der dagegen ankämpft, dass die EU beim Klimaschutz „weiter vorprescht“. Ähnlich wie Drexel argumentiert auch Isabella Plimon, die Klimalobbyistin der Wirtschaftskammer, die die Notwendigkeit einer globalen Vereinbarung hervorstreicht und ansonsten auf positive Anreize setzt: Windräder, Biomassekraftwerke. „Wir müssen das Klimaproblem mit Hilfe innovativer Technologie lösen“, sagt Plimon.

Zwischen Lobbyisten und Umweltschützern, umgeben von seinen Beamten und im Einklang mit den anderen EU-Ministern, wird Umweltminister Berlakovich in zwei Wochen das letzte politische Wort sprechen. Zwei Herausforderungen hat er dabei zu meistern: Dass er – anders als seine Vorgänger – ein Abkommen schließt, das für Österreich erfüllbar ist und dem Land nicht neuerlich Strafzahlungen beschert. Und: dass er die umweltpolitische Wende in diesem Land wirklich vorantreibt und nicht nur so tut als ob.

Das hätte Symbolkraft: wenn er die Fahrräder, die in seinem Zimmer parken, auch bestiege.

“Falter” Nr. 49/09-Extra vom 02.12.2009 Seite: k6 FALTER KLIMA-SPECIAL




Buy it!

1 12 2009
By Stefan Apfl & Matthias G. Bernold
Behind the scenes, politics & business has long courted immigrants

Two weeks ago, the Orient and Occident collided in a pub by the same name in Vienna’s Naschmarkt.

Three Turkish-speaking television teams adjust their cameras, a dozen Turkish journalists pull out their writing pads. They are to report on a novelty: This fall, the mobile telephone company, 3 (Drei), is bringing out for the first time in Austria, a fixed rate package especially for an ethnic community. Five cents for a long-distance call to Ankara and Istanbul, with Turkish TV and radio channels via UMTS streaming. “3 brings ‘home’ to your mobile phone,” says the slogan, which is quoted across the Turkish media the next day.

The media hype in the form of “Multikulti-chic” is an expression of a phenomenon which is fundamentally changing Austrian society: Immigrants are being seen as customers and voters.

Cultural philistines such as the FPÖ (Austria’s Freedom Party) leader H.C. Strache want to prove the civil immaturity of Muslims; Vice-Chancellor Josef Pröll of the ÖVP (Austria’s People Party) holds speeches without even mentioning the topic of immigration; Josef Cap of the SPÖ (Austria’s Social Democratic Party) comments on the election defeats with the sentence “It is time to focus more on the Austrian people”; and journalists such as Die Presse managing editor Fleischhacker characterize political correctness as “crazy,” and the Kronenzeitung headlines read “Large majority for stricter immigration policies; Fear rules on the eastern borders.”

While the media and politics face the immigration question with the same old answers, more and more companies and politicians – hesitantly and largely unnoticed – target immigrants and their offspring.

“We are currently witnessing a quiet revolution,” says the Viennese integration worker, Kenan Güngör. “Public institutions and the economy have discovered the immigrants,” believes Kosmo managing editor Nedad Memic. “In the mid-term, you can’t make money or votes without multi-ethnic strategies,” observes Christoph Hofinger, of the polling institute, Sora.

Read the whole article in The Vienna Review: