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Schwachstelle Extravaganz ?

Mittwoch am Abend wurden Millionen Zuseher der sieben größten Fernsehkanäle Zeugen einer 30-minütigen Belangsendung Barack Obamas. Drei Millionen Dollar bezahlte der Demokrat für die aufwändig produzierte Werbung in der Prime Time. Einzig CNN weigerte sich und schaltete stattdessen ein handzahmes Interview mit John McCain, in dem Larry King dem Republikaner eine kostenlose Plattform bot. Vielleicht wollte er damit einen Ausgleich schaffen, dass McCain fast die Hälfte weniger Geld hat als der Demokrat. Obama weiß offenbar nicht mehr, wofür er das Geld ausgeben soll. Er hat mehr Wahlkampfspenden mobilisiert als jeder andere Kandidat zuvor: 600 Mill. Dollar. In den letzten Tagen vor der Wahl wirft er alles in die Schlacht.

Nach 20 Monaten Wahlkampf, einem Bombardement von TV-Spots, Anzeigen und E-Mails stellt sich allerdings die Frage, ob es Obama mit dem Infomercial nicht übertrieben hat. Wunderschöne Bilder, pathetische Hintergrundmusik, jede Menge Fahnen, aber dennoch: Wann ist es genug? In den US-Medien wurde der Spot zwiespältig kommentiert. Während auf CNN der ehemalige CBS-Anchor Dan Rather meinte, es sei wie im Sport wichtig, kurz vor der Ziellinie noch einmal alles zu geben, was man hat, äußerten nicht nur konservative Kommentatoren, dass sich Obama mit dem Spot angreifbar gemacht habe.

Könnte es am Ende Obamas Hang zur Extravaganz sein, der ihn den Sieg kostet? War es vielleicht schon früher Großmannsucht, die ihn trieb, nach Art eines Staatsoberhauptes nach Afghanistan und in den Irak zu reisen. Sich in Berlin von 200.000 Deutschen feiern zu lassen. Oder seine Rede am Parteitag vor einer Kulisse griechischer Säulen zu halten?

Die Amerikaner vertragen mehr Pathos als die Europäer, aber es gibt auch hier Glaubwürdigkeitsgrenzen. Kann gut sein, dass der Spot McCain in die Hände spielt. Der Republikaner wartete nicht lang mit einer Reaktion: „Jeder, der Teleshopping kennt, weiß, dass die Verkäufer im allgemeinen wesentlich besser sind als ihr Produkt.”

Gefahr durch Sozialismus?

Fox News and some McCain voters fear that the US could turn to communism if Obama gets elected

Fox News and some McCain voters fear that the US could turn communistic...

Zwei Stunden nach Ende der zweiten TV-Präsidentschaftsdebatte zählte das Online Forum des konservativen TV-Senders Fox News bereits mehr als 19.000 Einträge. Die Debatte zirkelte um die Frage: Erobert der Sozialismus die USA?

Ein paar Leseproben:

Dale: „Ich hätte nie gedacht, dass ich den Tag erleben muss, an dem Amerika, das Land, das ich liebe und für das Generationen kämpften und starben, an der Schwelle steht, einen Sozialisten oder Kommunisten zu wählen. Amerika erwache!“

Brian Wilkins: „Warum nennt jeder Obama einen Sozialisten? Wisst Ihr überhaupt, was das bedeutet?“

Roy D. Hensley: „Der einzige Weg für dieses Land, zu überleben, ist nicht Ökonomie oder Gesundheitsvorsorge, sondern der moralische Standpunkt und der Glaube. Ich gebe zu, ich bin McCain/Palin-Unterstützer. Weil die beiden näher dran sind an Gott.“

Frankenstein: „Der Steuergeld verprassende Liberale hat die Debatte verloren. Er hat seine sozialistische Politik nicht besonders gut verteidigt.“

MR TAXMAN: „Krankenversicherung, Sozialhilfe, Essensmarken, Wohnbeihilfe – das sind keine Rechte! Es ist eine immense Belastung für Steuerzahler. Demokraten lieben es, die Armen mit staatlicher Hilfe zu ködern. So erzeugen sie Untertanen.“

Republican for Life: „Die Medien kontrollieren die Umfragen, und die Medien sind links-liberal. Geben alles für Obama. Aber wenn der Wahltag kommt, wird  McCain einen Erdrutschsieg einfahren. Obamas Politik ist sozialistisch und marxistisch. Er ist Freund eines Terroristen. Übrigens: Seine Frau hasst alle Weißen.“

MB: „Ich bin so wütend, dass die Medien immer auf der Seite der liberalen Rebellen stehen.“

Mike: „Egal welcher Kandidat gewinnt, Amerika bewegt sich in Richtung Sozialismus. Ich fürchte, dass die freie Marktwirtschaft in Gefahr ist. Ich kann nur beten, dass ich falsch liege.“

Chelsea Brannon: „Was ist so falsch mit Amerika, dass wir einen Hitler-artigen Führer brauchen? Ich bin stolz, Amerikanerin zu sein und hoffe, dass die Leute Obama durchschauen.“

Was wirklich wichtig ist

Craig DeLuc is trying to convince Afro-Americans to vote for McCain

Craig DeLuc is trying to convince Afro-Americans to vote for McCain

In der Faith Fellowship Community Church im Norden der kalifornischen Hauptstadt Sacramento wird heute nicht gebetet, sondern diskutiert. Die Kirche veranstaltet einen Konvent zur Präsidentenwahl. Drei Dutzend Gäste sitzen auf den violett gepolsterten Bänken. Einer der Redner ist Craig DeLuc. Der Republikaner will schwarze Wähler davon überzeugen, dass John McCain der beste Kandidat für sie ist:

„Schreibt nicht dadurch Geschichte, dass ihr einen Schwarzen wählt – schreibt Geschichte, indem ihr den wählt, der mehr Verdienste hat und das bessere Programm“, ruft der Afroamerikaner ins Publikum. Viele unterbrechen seine Rede mit zynischen Rufen, doch er lässt sich nicht beirren: „Obama spricht von ,Change’. Auch McCain will Veränderung. Der Unterschied ist: Obama vertraut auf die ändernde Kraft der Regierung. McCain hingegen vertraut auf die Kraft der Leute. Er vertraut euch!“

Der 35-jährige DeLuc trägt Nadelstreif und blitzende Schuhe. Geboren wurde er in Richmont, Kalifornien. In ein demokratisches Elternhaus, wie er sagt. An der Highschool lernte er konservative Ideen kennen. „Ich habe erkannt, dass viele Schwarze nur aus Tradition demokratisch wählen. In ihren Werten sind sie den Republikanern näher: Gegen Abtreibung, für Unternehmergeist, Familie und Glauben.”

Ich frage DeLuc, der sich am Podium für freie Märkte ausgesprochen hatte, ob er nicht damit übereinstimme, dass Deregulierungen die Hauptschuld an der Hypotheken- und Finanzkrise tragen, die jetzt die USA zwingt, marode Investmentbanken zu subventionieren. „Schuld sind jene, die über ihre Verhältnissen gelebt haben. Die mit Hypothekenkrediten Urlaube, Autos und Schulgelder finanzierten.“

Was ist das größte Problem Kaliforniens, Herr DeLuc?

„Dass Kalifornien die Homosexuellen-Ehe zulässt. Wir unterstützen die Proposition 8, über die am Tag der Präsidentenwahl abgestimmt wird. Damit wollen wir in der Verfassung festlegen, dass es die Ehe nur zwischen Mann und Frau gibt.“

Mir ist schlecht

The Republican Convention in St. Paul

The Republican Convention in St. Paul

„Es macht mir Sorgen, das jemand nach Europa reist und von dort Ideen in die USA importiert“, „ich habe einen Vorschlag zum Energiesparen: Al Gores Jet soll am Boden bleiben“, „es ist ein Mann, der endlos über einen Krieg reden kann, den Amerika führt, aber nie das Wort Sieg in den Mund nimmt“.

Alle Zitate stammen von Tag Drei des Konvents der Republikaner in St. Paul mit Reden von Mitt Romney, Mike Huckabee, Rudi Giuliani und Sarah Palin, der Kandidatin fürs Amt des Vizepräsidenten. Wenn ich an den Abend denke, ist mir immer noch schlecht. Ich liebe die USA, aber in diesen Stunden war mir, als hätte sich alles Üble, Kriegstreibende, Verkehrte, Bornierte und Boshafte dieses Landes im Excel Energy Center konzentriert. Liebe Leserin, lieber Leser, genießen Sie den Wahlkampf in Österreich! Verglichen mit dem in den USA ist er nicht nur kurz, er ist ein Genuss. Schmalz, Pathos, Hurrapatriotismus. Geschichten von Soldaten, die mit abgetrenntem Unterleib ihren Kameraden Feuerschutz geben. Ein euphorisiertes Publikum mit Cowboyhüten und blinkenden McCain-Ansteckern, das Stumpfsinn wie „Drill, Baby, drill!“ skandiert. Desavouierung Obamas als Zauderer und Wendehals, Karrierist und Steuerteufel. Kein Wort über Bush, dem die Amerikaner Krieg, Budgetdefizit und ein katastrophales Auslandsimage verdanken. Drohungen gegen die Presse, weil sie die Vergangenheit von Palin durchleuchtet hatte. Die Gouverneurin von Alaska setzte in ihrer Rede den Tiefpunkt, indem sie minutenlang jedes Familienmitglied vorstellt. Auch kann ich die Wörter Kriegsheld, Maverick und McCain nicht mehr hören. Was genau macht einen ehemaligen Kriegsgefangenen eigentlich zum besseren Außenpolitiker?

Holding Hands in Obama’s Church

Mit geschlossenen Augen halte ich Händchen mit einem mir bis dahin unbekannten Rastamann im Martin Luther King-Leibchen. Wir sitzen in der Trinity United Church of Christ, jener Kirche im Süden Chicagos, der auch Barack Obama angehörte. „Wer Angst vor Berührungen hat, ist bei uns falsch“, erklärt Pastor Otis Moss, „wir glauben an die göttliche Macht der Umarmung“. Trinity Church befindet sich in einem Stadtteil, in den selten ein Weißer kommt. Gerade legen 150 Gospelsänger in bunten, afrikanischen Gewändern ein kraftvolles Glaubensbekenntnis ab. Auf einem Podest steht Moss zwischen – geschätzt – 2.000 Anhängern. Mal predigt er ruhig, mal rhythmisch. Dann singt er auf einmal los wie James Brown.

Die Suche nach den Wurzeln Obamas hat uns hierher geführt. Trinity Church war eines seiner Netzwerkzentren, um sich als Lokalpolitiker zu etablieren. Die 1961 gegründete Kirche betreibt Sozialprojekte – vor allem aber ist sie Ort des Politisierens und der afroamerikanischen Identitätssuche. Ins Gerede kam das Gotteshaus im März, als der Nachrichtensender ABC Zusammenschnitte aus den Predigten des emeritierten Pastors Jeremiah Wright zeigte. Der Vertraute Obamas kritisierte die US-Regierung vor allem wegen des Irakkriegs und des vorgeschobenen Arguments der Massenvernichtungswaffen. Außerdem bezeichnete er Aids als Waffe der Weißen zur Dezimierung der Schwarzen.

Massive Kritik veranlasste Obama, von der Kirche und von Wright abzurücken. „Natürlich waren wir enttäuscht“, sagt Linda Thomas, evangelische Theologin und Mitglied der Kongregation, „aber er setzte diesen Schritt, um ein höheres Ziel zu erreichen“. Wie viele hier, ärgerte sie sich über die Berichterstattung: „Die Zitate wurden aus dem Zusammenhang gerissen.“ Trotz des Grants über Reporter begegnen uns die Leute freundlich. Dutzende kommen, uns zu umarmen und anzulächeln. Nur Fotografieren ist nicht erlaubt. „Wenn ich die Kamera sehe“, sagt der Securitymann im Hawaiihemd, „ist sie weg“.

Zuletzt erschienen

  • “Jesus schafft alles!”: Priesterin Florene Reed ist 92 Jahre alt und zelebriert trotz ihres hohen Alters jeden Sonntag die Messe in einer kleinen Kirche in der New Yorker Bronx. Reportage in der Wiener Zeitung
  • Heimspiel in Harlem: Obamas Auftritt im Apollo Theater, in der Wiener Zeitung am 4. Dezember 2007

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