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Mir ist schlecht

The Republican Convention in St. Paul

The Republican Convention in St. Paul

„Es macht mir Sorgen, das jemand nach Europa reist und von dort Ideen in die USA importiert“, „ich habe einen Vorschlag zum Energiesparen: Al Gores Jet soll am Boden bleiben“, „es ist ein Mann, der endlos über einen Krieg reden kann, den Amerika führt, aber nie das Wort Sieg in den Mund nimmt“.

Alle Zitate stammen von Tag Drei des Konvents der Republikaner in St. Paul mit Reden von Mitt Romney, Mike Huckabee, Rudi Giuliani und Sarah Palin, der Kandidatin fürs Amt des Vizepräsidenten. Wenn ich an den Abend denke, ist mir immer noch schlecht. Ich liebe die USA, aber in diesen Stunden war mir, als hätte sich alles Üble, Kriegstreibende, Verkehrte, Bornierte und Boshafte dieses Landes im Excel Energy Center konzentriert. Liebe Leserin, lieber Leser, genießen Sie den Wahlkampf in Österreich! Verglichen mit dem in den USA ist er nicht nur kurz, er ist ein Genuss. Schmalz, Pathos, Hurrapatriotismus. Geschichten von Soldaten, die mit abgetrenntem Unterleib ihren Kameraden Feuerschutz geben. Ein euphorisiertes Publikum mit Cowboyhüten und blinkenden McCain-Ansteckern, das Stumpfsinn wie „Drill, Baby, drill!“ skandiert. Desavouierung Obamas als Zauderer und Wendehals, Karrierist und Steuerteufel. Kein Wort über Bush, dem die Amerikaner Krieg, Budgetdefizit und ein katastrophales Auslandsimage verdanken. Drohungen gegen die Presse, weil sie die Vergangenheit von Palin durchleuchtet hatte. Die Gouverneurin von Alaska setzte in ihrer Rede den Tiefpunkt, indem sie minutenlang jedes Familienmitglied vorstellt. Auch kann ich die Wörter Kriegsheld, Maverick und McCain nicht mehr hören. Was genau macht einen ehemaligen Kriegsgefangenen eigentlich zum besseren Außenpolitiker?

Holding Hands in Obama’s Church

Mit geschlossenen Augen halte ich Händchen mit einem mir bis dahin unbekannten Rastamann im Martin Luther King-Leibchen. Wir sitzen in der Trinity United Church of Christ, jener Kirche im Süden Chicagos, der auch Barack Obama angehörte. „Wer Angst vor Berührungen hat, ist bei uns falsch“, erklärt Pastor Otis Moss, „wir glauben an die göttliche Macht der Umarmung“. Trinity Church befindet sich in einem Stadtteil, in den selten ein Weißer kommt. Gerade legen 150 Gospelsänger in bunten, afrikanischen Gewändern ein kraftvolles Glaubensbekenntnis ab. Auf einem Podest steht Moss zwischen – geschätzt – 2.000 Anhängern. Mal predigt er ruhig, mal rhythmisch. Dann singt er auf einmal los wie James Brown.

Die Suche nach den Wurzeln Obamas hat uns hierher geführt. Trinity Church war eines seiner Netzwerkzentren, um sich als Lokalpolitiker zu etablieren. Die 1961 gegründete Kirche betreibt Sozialprojekte – vor allem aber ist sie Ort des Politisierens und der afroamerikanischen Identitätssuche. Ins Gerede kam das Gotteshaus im März, als der Nachrichtensender ABC Zusammenschnitte aus den Predigten des emeritierten Pastors Jeremiah Wright zeigte. Der Vertraute Obamas kritisierte die US-Regierung vor allem wegen des Irakkriegs und des vorgeschobenen Arguments der Massenvernichtungswaffen. Außerdem bezeichnete er Aids als Waffe der Weißen zur Dezimierung der Schwarzen.

Massive Kritik veranlasste Obama, von der Kirche und von Wright abzurücken. „Natürlich waren wir enttäuscht“, sagt Linda Thomas, evangelische Theologin und Mitglied der Kongregation, „aber er setzte diesen Schritt, um ein höheres Ziel zu erreichen“. Wie viele hier, ärgerte sie sich über die Berichterstattung: „Die Zitate wurden aus dem Zusammenhang gerissen.“ Trotz des Grants über Reporter begegnen uns die Leute freundlich. Dutzende kommen, uns zu umarmen und anzulächeln. Nur Fotografieren ist nicht erlaubt. „Wenn ich die Kamera sehe“, sagt der Securitymann im Hawaiihemd, „ist sie weg“.

Die Fabrik der Alten

Cruisin the Steel Mill Trail

Wenn John Balzano das Wort „Iron“ sagt, rollt es ihm über die Zunge wie ein Güterzug über eine Schwelle. Der 71-Jährige ist Betriebsrat in der so genannten Tin Mill, einer Metallfabrik in Weirton, West Virginia, die erst kürzlich vom indischen Stahlgiganten Arcelor Mittal gekauft wurde. „Eisen bedeutet Stärke und Verlässlichkeit“, sagt Balzano bei einem Betriebsrundgang: „Dieses Unternehmen ist mein bester Freund. Es hat mich nie im Stich gelassen. Hat mich krankenversichert und es mir erlaubt, meine Söhne aufs College zu schicken.“

Im Dreiländereck von Ohio, Pennsylvania und West Virginia stehen die Ruinen der Schwerindustrie. Verrostete Hochöfen recken kalte Schlote in den Himmel. Autowracks, Kräne, stillgelegte Gleise. 30.000 Arbeitsplätze gab es in den benachbarten Orten Weirton, Steubenville und Mingo Junction. Jetzt ist es ein Drittel. Die Bevölkerung hat sich halbiert und vermindert sich weiter.

stealmill ruins in Weirton, West Virginia

stealmill ruins in Weirton, West Virginia

Balzano ist seit 48 Jahren bei der Firma. Seine Kollegen, die am Förderband Aluminium für Getränkedosen walzen, haben ebenfalls graue oder weiße Haare. Im Schnitt sind sie 57 Jahre alt. Sie sind Überbleibsel einer goldenen Ära vor der Globalisierung, als die Gewerkschaften gute Gehälter erstritten. „Als sich die Zeiten änderten waren sie zu jung, um den Golden Handshake zu nehmen. Heute können sie es sich nicht leisten, in Pension zu gehen“, erklärt Lokalreporter David Skolnick, der in der Gegend aufwuchs.

Wen die Arbeiter wählen werden, ist ungewiss. Traditionell stehen sie den Demokraten nahe. In ihrer tiefen Religiosität den Republikanern. „Viele sind auf die Politiker insgesamt angefressen, weil sie die Steel Mills nicht schützen konnten“, sagt Skolnick. Der immer gut aufgelegte Balzano hat es noch geschafft. Vermutlich wird er seine Berufslaufbahn in einem Stahlwerk beschließen: „Amerika ist ein wunderbares Land. Ich kann nicht verstehen, wie jemand woanders leben will“.

Die Fabrik der Alten – Audiofile

ROADTRIP TO THE WHITE HOUSE

“What are Americans like today?” John Steinbeck wanted to know when he started the trip that he later turned into the book Travels with Charley. 50 years later, it is time to ask the same question again and to follow the great US-American writer’s trail.

This is a multimedia-reporting project. From August to November 2008, a group of international reporters will travel the United States to draw a profile of the USA in the election year. News is provided multilingual in a blog, in print articles, photos, interactive maps, audio-slideshows and/or video, depending on the demands of the media-organisations.

The tour investigates the key issues of these elections – immigration, health care, environment, crime, private possession of firearms and security. It picks up the voices of the men and women in the streets. It will be politics, episodes and anecdotes, a mosaic of stories, an attempt to describe the diversities and contradictions of this nation.

The journey will take us to the battleground states. We will explore the Mexican border and the Bible-Belt. We will compare big city urban areas to old and new suburbia and to the generally declining rural towns of America. We are going to see places hard hit by globalization. There will be excursions to Native American reservations, to places of school shootings and an investigation of the rebuilding process in New Orleans.

Coordinator of the tour is Matthias Bernold, who graduated from the Columbia University Graduate School of Journalism in New York City in May 2008. Bernold works for the Austrian daily newspaper Wiener Zeitung and for the Austrian weekly Falter.

Roadtrip to the White House in der Wiener Zeitung

US-Wahlkampf: Piepsstimme und Bibelsprache

New York. Andie Tucher war Fernsehjournalistin, bevor sie im Wahlkampf 1992 die Reden für Bill Clinton und Al Gore schrieb. Nach ihrem Ausflug in die Politik arbeitete sie für den Nachrichtensender ABC, bevor sie an der Columbia Universität in New York Geschichte zu unterrichten begann. Für die „Wiener Zeitung“ analysiert die promovierte Historikerin die rhetorischen Qualitäten der US-Präsidentschaftskandidaten.

Wer hält die besten Reden unter den Präsidentschaftskandidaten?
Viele bewundern Obama für seinen Stil. Es ist ein Stil, der tief verwurzelt ist in der Tradition afroamerikanischer Redner und Prediger. Ein Stil, den Martin Luther King perfektioniert hat. Das fühlt sich bei Obama richtig und mitreißend an. Hillary könnte nicht so reden. Sie hält andere Reden. Reden, die informativ sind, praktisch, die sie als jemand präsentieren, der bodenständig ist und seriös. Die Art der Rede sagt viel darüber aus, wie sich die Kandidaten inszenieren. Obama sagt: Ich will Leute inspirieren und zusammenbringen. Hillary sagt: Ich arbeite hart für euch. John McCaine ist jemand, der manchmal so wirkt, als würde er sich auf der Bühne nicht sehr wohl fühlen. Ähnlich übrigens, wie Al Gore, den viele als hölzern beschrieben. McCain macht die Leute nicht wirklich euphorisch. Auch wenn Reporter, die ihn näher kennen, schwören, er sei wahnsinnig unterhaltsam im kleinen Kreis…

Weiterlesen in der Wiener Zeitung

Artikel als pdf-file: wienerzeitung_tucher

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Der superfette Dienstag

New York. Fasching, Football, Vorwahlen. An diesen Dienstag werden sich die New Yorker noch lange erinnern. Die Mardi Gras-(französisch für fetter Dienstag)-Feierlichkeiten sind noch das Wenigste, die gibt es auch in New York in jedem Jahr. Aber der närrische Tag fiel heuer mit dem Super Tuesday zusammen: dem größten Vorwahltag in der Geschichte der US-amerikanischen Präsidentenwahlen. Obendrein gab es noch den Sieg der New York Giants vom Sonntag zu feiern.

Ab sechs Uhr Früh standen Mitglieder der Wahlkomitees parat und vor den Wahllokalen die Amerikaner in der Schlange. Hier, im Herzen des Stadtteils Harlem, mit seiner mehrheitlich schwarzen und hispanischen Bevölkerung, ist die Stimmungslage klar demokratisch. “Die Republikaner sind für die Reichen”, erklärt Jenny Mahorn, die gerade die Schule verlässt…

Weiterlesen in der Wiener Zeitung.

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Zuletzt erschienen

  • “Jesus schafft alles!”: Priesterin Florene Reed ist 92 Jahre alt und zelebriert trotz ihres hohen Alters jeden Sonntag die Messe in einer kleinen Kirche in der New Yorker Bronx. Reportage in der Wiener Zeitung
  • Heimspiel in Harlem: Obamas Auftritt im Apollo Theater, in der Wiener Zeitung am 4. Dezember 2007

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