Umgangstöne

10 03 2009

In der Woche, in der Israel eine neue Knesset wählte, begab ich mich nach Tel Aviv, um Freunde zu besuchen. Schon dreieinhalb Stunden vor Abflug stand ich vorm Schalter der Fluglinie El Al. Eine gute Entscheidung. Denn die Sicherheitskräfte nützten jede Minute: Zusätzlich zur normalen Gepäcks- und Personenkontrolle ging ich durch drei Einvernahmen. Einer, der mit mir sprach, war besonders argwöhnisch: Er ließ mich erst passieren, nachdem er meine vier Bekannten in Israel angerufen hatte und diese ihn von meiner Harmlosigkeit überzeugten.

Nun gehöre ich zu den Menschen, die eindringliches Befragt-Werden durch Sicherheitsorgane als unangenehm empfinden. Ich meine, es ist erniedrigend, in Socken umhergehetzt zu werden, und es nervt, wenn ein Fremder meine Unterhosen im Koffer durchwühlt. Dies vorausgeschickt, hätte die Reise unerträglich sein müssen, zeichneten sich die vielen israelischen Inspektoren nicht durch folgende Eigenschaften aus: Freundlichkeit und Respekt.

„Es tut mir leid, ihnen Umstände machen zu müssen“, „Sie wissen, es ist zu ihrer Sicherheit“, „Wir danken ihnen für die Kooperation“: Die Wachleute in dem waffenstarrenden kleinen Land am Mittelmeer, das zugleich lebendige Demokratie wie es – in den besetzten Gebieten – als Polizeistaat auftritt, kompensieren die Intensität der Kontrollen durch höflichste Umgangsformen. (Zumindest, wenn man kein verdächtig scheinender Araber ist.) In Jahrzehnten, in denen sich Krieg und Friedensverhandlungen, Intifada und Siedlungsbau, Selbstmordattentate und Vertreibungen, Raketenangriffe auf Zivilisten und Luftschläge in Wohngebieten abwechselten, sind rigorose Sicherheitsmaßnahmen selbstverständlich und professionell geworden. Wo jeder Mann und jede Frau drei Jahre Wehrdienst leisten, wo vor den Eingängen der Kaufhäuser Metalldetektoren stehen. Wo Krieg- oder Kriegsgefahr vor der Haustür lauern und jede Wahl über die Positionierung zum Konflikt gewonnen oder verloren wird, kommen einem viele der Sicherheitsprobleme Zentraleuropas lächerlich vor. Vielleicht erklärt das die Gelassenheit der Polizei im Alltag.

„Shalom. Ich sehe, Sie fahren ein Mietauto, sind Ausländer und kennen vermutlich die Gesetzeslage nicht“, sagte der junge Polizist, der mein Fahrzeug auf der Autobahn nach Umm el Fahm gestoppt hatte. „Telefonieren am Steuer ist mit einer Geldstrafe von 2000 Schekeln bedroht. Bitte machen sie es in Zukunft nicht mehr. Gute Fahrt.“

Ebenso höflich verliefen die Kontrollen während der Rückreise. Zwei mal wurde mein Koffer aus- und wieder eingepackt und auf Sprengstoffe untersucht. Rau wurde der Umgangston jedoch erst wieder bei der Passkontrolle nach der Landung in Wien. „Was ist mit dir?“ herrschte ein Staatsorgan den Mann vor mir an, „Hast du keine Augen im Kopf? Bleib bei der orangen Linie stehen!“

glosse im extra






Summer in the City

11 08 2008

Was für den verwöhnten Wiener eine Selbstverständlichkeit, ist für den Menschen in Manhattan oft unerreichbarer Luxus: Im Schanigarten ungestört sitzen, zum Beispiel, bei einem Gläschen Wein, ohne einen vorbeirauschenden Feuerwehrzug mit ohrenbetäubenden Sirenen, ist auf der Insel nicht zu haben. Überhaupt: Draußen zu sein und sich dabei wohl zu fühlen, ist in der geschwinden Weltmetropole kein Leichtes. Zwar gibt es den wunderbaren Central Park – doch der ist nie in unmittelbarer Reichweite. Und die Fahrt in der U-Bahn ist mitunter so auftreibend, dass sie den gesamten Erholungsfaktor gleich wieder wegfrisst.

Auch andere Sommeraktivitäten sind – wenn es sie überhaupt gibt – in New York weniger angenehm als in Wien. Nehmen wir nur einmal Freiluftkinos. Auch im Big Apple gibt es solche. Einer der bekanntesten Schauplätze hierfür ist der Bryant Park, bekannt vor allem durch die dort stattfindende Fashion Week. Die Stadtväter errichten eine Leinwand und laden – kostenfrei – zum Kinobesuch. Jüngst nahmen mich ein paar
Bekannte dorthin mit. Wir rüsteten zuvor mit frischem Baguette, Käse und diversen Salaten auf. Meine Studienkollegin Laura, die das ganze organisiert hatte, schleppte in zwei riesigen Säcken Decken, Kissen, Plastikgeschirr und – trotz Alkoholverbot – einen Korkenzieher für den Wein. Bei unserer Ankunft etwa zwei Stunde vor Filmstart saßen bereits zehntausend Menschen in der Wiese. Und zwar so dicht, dass kein einziger Flecken Grün zu sehen war, ja nicht einmal ein einzelner Grashalm aus dem Dickicht der Picknickdecken und Planen, Körben und schwitzenden Leibern lugte. Ein Meer aus mampfenden Menschen.

Ich hoffte, dass der Polizist den Wein in meinem Rucksack entdecken und mich nach Hause entlassen möge, aber er zwinkerte mir nur wohlwollend zu, als er die Flasche ertastete. „Aha, ich sehe“, sagte er, „Sie haben keine Flasche Wein dabei“. Ich weiß nicht mehr, wie wir es angestellt haben – aber irgendwann saßen wir eingezwickt und krumm, unfähig auch nur ein Bein zu strecken, mittendrin und ich schnitt mit meinem
Taschenmesser die mitgebrachte Salami in Scheiben, während die anderen australischen Rotwein in Plastikbecher gossen. Ich fühlte mich, wie in der Economy Class eines Billigfliegers. Nur, dass ich nicht an einem Sessel lehnte, sondern an einer mir bis dahin völlig fremden Person, die mir bald die Salami wegaß und mir im Gegenzug Erdnüsse im Wasabimantel überließ. Übrigens rauchte kein einziger Mensch, was mich verwunderte – auch wenn der Preis für eine Packung Zigaretten in New York inzwischen bei stolzen neun Dollar liegt.

Als die Flutlichtscheinwerfer am benachbarten Hochhaus ausgeschaltet wurden, begann der Film. Irgendetwas Schwarzweißes. Leider hatte ich meine Brille vergessen und die Tonqualität war erbärmlich. Ich wäre jetzt gern gegangen. Aber es war kein Platz.

summer-in-the-city


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Bremsenlos trendy

10 06 2008

„Ein Bahnrad ist sexy“, behauptet Dave, der gerade frisch in meine WG gezogen ist und der sich jetzt eines kaufen will. Dave hat ein sicheres Gespür für Trends. Und Bahnräder, weiß Dave, sind in New York der letzte Schrei.

Ein Bahnrad ist ein Fahrrad ohne Bremsen und ohne Gangschaltung. Jedes überflüssige Gramm wurde eingespart, um auf der Rennstrecke entscheidende Zehntel- oder Hundertstelsekunden gutzumachen.

In Stadtverkehr sind Bahnräder unpraktisch und unsinnig. Das gilt schon für Wien, wo man auf dem Ringradweg alsbald mit einer Touristengruppe kollidieren würde. Es gilt aber in noch weit höherem Maß für New York. Denn diese Stadt ist für Tretende die Hölle.

Vergessen wir einmal die Qualität der Straßen mit ihren tiefen Schlaglöchern, mit den Asphaltfugen und den gemeingefährlichen Kanaldeckeln, in denen die Reifen hängen bleiben. Vergessen wir die immer blockierten oder verparkten Fahrradstreifen. Das Problem ist, dass New Yorks Autofahrern kein Konzept eines Rad fahrenden Menschen haben: Es ist, als gäbe es Radfahrer gar nicht. Man wird geschnitten. Des Vorranges beraubt. Oder – und das ist eine der größten Gefahren – man kollidiert mit einer sich plötzlich öffnenden Autotür. Alle paar Wochen kommt ein Radfahrer im Straßenverkehr zu Tode.

Es ist eine absurde Irrung, dass das Bahnrad in New York zum unentbehrlichen Stilmittel werden konnte. Aber im Stadtteil Williamsburg in Brooklyn, wo Trends geboren und aufgezogen werden. Wo man zuerst Frauen in bunten Gummistiefeln und Männer in hautengen Skinny Jeans und übergroßen 80er-Jahre Hornbrillen erblickte. Dort, bei den jungen Kreativen gibt es keine anderen Räder mehr. Als wären entbehrliche Einfältigkeiten wie Bremsen, Klingeln, stoßgedämpfte Gabeln oder Gepäckträger überhaupt nie erfunden worden.

Wer sich diese Mode ausgedacht hat, weiß ich nicht. Vielleicht die Fahrradboten. Diese tätowierten, wadenmuskelbepackten Helden der Großstadt, die in aberwitzigem Tempo durch die Autokolonnen mäandern, sind häufig auf den Spezialrädern unterwegs. „Ich brauche die Bremse eigentlich nicht“, erklärt mir einer von ihnen und betrachtet dabei so verächtlich das Einkaufskörbchen an meinem Lenker, dass ich mich augenblicklich dafür schäme. Er arretiert sein Rad gerade am selben Laternenmast, von dem ich meines löse. „Ich bleibe selten stehen“, sagt er, „sollte es doch einmal nötig sein, dann mache ich es so: Ich hebe mit einem Ruck den Hinterreifen an und stemme mich gegen die Pedale. Dann lasse ich das blockierende Hinterrad hinunter und bleibe mit einem Schleiferl stehen“.

Das – muss ich mir eingestehen, während ich noch überlege, mein Einkaufskörbchen abzuschrauben – hat dann doch wieder etwas. Sollte ich umsatteln?

Glosse im Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung





Zu Besuch bei den Teitels

2 06 2008

Im „Little Italy“ in der New Yorker Bronx handelt eine jüdische Familie seit fast hundert Jahren mit talienischen Spezialitäten. Reportage im Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung (als pdf-dokument)

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Bank-Geheimnisse

15 02 2008

Ärgern Sie sich manchmal über Ihre Bank? Falls ja, sind Sie einfach sehr verwöhnt. In Österreich Geldgeschäfte zu erledigen, ist nämlich um vieles nervenschonender als in New York, der Metropole der Hochfinanz…

Glosse in der Wochenendbeilage “Extra” der Wienerzeitung 

Bankgeheimnisse als pdf.file

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