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Kabbala und Liebe

Nach den Gürtelrazzien: ein Rotlichtbaron zwischen Puff und Mystik

Es ist zwei Uhr in der Früh, und im Baum-des-Lebens-Institut in Wien-Leopoldstadt hat gerade der Tag begonnen. 15 Männer sitzen zu dieser nachtschlafenden Stunde zwischen kabbalistischen Büchern und Tafeln, die Kreise, Pfeile und Planeten zeigen. An der Stirnseite des Raumes hängt ein Flachbildschirm, von dem Rav Michael Laitman, der spirituelle Führer der kabbalistischen Vereinigung Bnei Baruch, auf ein globales Publikum einredet. Der weißbärtige Mann mit Kippa erläutert via Live-Übertragung aus Jerusalem Zusammenhänge, die sich Nichteingeweihten nur schwer erschließen.

„Das schöpferische Licht“, sagt er gerade, „bewirkt zweierlei: die Vergrößerung des Willens und danach dessen Korrektur.“

Es ist eine merkwürdige Welt, die sich jede Nacht, wie es die Tradition verlangt, zwischen zwei und fünf Uhr morgens in der Oberen Augartenstraße auftut. Wie um diese Eigentümlichkeit noch zu verstärken, sitzt in der letzten Reihe vor einer Tasse Grüntee einer, den man nur aus einer anderen Welt kannte: Harald Hauke, bis Ende der 1990er-Jahre König der Wiener Unterwelt. Drei Jahre Haft wegen Vergewaltigung büßte er ab, bis er im Frühling 2007 entlassen wurde. „Ein Fehlurteil“ habe ihn hinter Gitter gebracht, wie er bis heute betont, Folge einer Intrige korrupter Wiener Polizisten und rivalisierender Pülcher. Hauke wurde 2004 im Rahmen einer Polizeiaktion verhaftet, die jener Polizeiaktion stark ähnelt, die seit dem Osterwochenende am Wiener Gürtel stattfindet: dieselben Rotlichtlokale, dieselben Verdächtigen, ähnliche Vorwürfe wie damals. Von Nötigung, Schutzgelderpressung und Menschenhandel ist die Rede.

Kreisten 2004 die Ermittlungen um Hauke, an dem schließlich die Vergewaltigung hängen blieb, geht es diesmal vor allem gegen Haukes langjährigen Rivalen Richard Steiner, der es mit Buchpräsentationen in seiner Bar Pour Platin bis in die „Seitenblicke“ schaffte und dessen pompöser Lebenswandel zwischen Wien und der Dominikanischen Republik die Aufmerksamkeit der Behörden erregte.

Auch wenn heute zwölf seiner Widersacher in Haft sind, empfinde er keine Schadenfreude, beteuert Hauke. Die Wut, mit der er vor drei Jahren gegen seine Feinde in der Polizei und am Gürtel ins Feld zog, sei verraucht. „Wie ich aus dem Gefängnis gekommen bin, war ich ein Wilder mit solchen Muskeln, angefressen auf die Polizisten, die mich gelegt haben“, sagt Hauke, „inzwischen – schau mich an – sitzt ein anderer Mensch vor dir: im Tai-Chi-Hemd, mit Crocs.“ Beruflich hat sich Hauke allerdings nur bedingt verändert: Vor einem Jahr eröffnete er in der Triester Straße ein sogenanntes Laufhaus – eine Art Bordell ohne Barbetrieb. Es wäre jedoch nicht Hauke, würde er sich mit der Rolle des Laufhausbetreibers zufriedengeben. Bereits 2007 erzählte er dem Falter von seiner Sinnsuche und seinem großen Interesse an Meditation und Tai Chi. Nicht unähnlich übrigens seinem Widersacher Steiner, der sich ebenfalls in der Rolle des vergeistigten Philosophen gefällt.

Im Tai-Chi-Unterricht lernte Hauke schließlich Moshe Akopdjanov kennen, einen Programmierer und begeisterten Kabbalisten, der irgendwann beschloss, Hauke mit ins Institut zu nehmen: „Weil wir alle passiv geworden sind und unsere Lehre zu sehr Gewohnheit wurde“, doziert der gregorianische Christ und schmunzelt. „Ich habe mir gedacht: Wenn der Harry dazukommt, zerstört er entweder alles – oder er gibt der Bewegung einen neuen Impuls.“

Es sei sehr kompliziert gewesen am Anfang, bestätigt auch Eduard Yusupov, der Kabbala-Einführungskurse gibt und der den Unterricht auf Hebräisch simultan übersetzt. „Er hat geredet wie ein Wasserfall. Weil er einen sehr ausgeprägten Charakter und viele unsortierte Gedanken hat, konnten wir ihn kaum stoppen. Wir haben gesagt: Harry warte, höre zu, sitze. Mit der Zeit hat er gelernt, etwas ruhiger zu sein.“

„Der Eddy“, berichtet Hauke, „hat irgendwann zu mir gesagt: Möchtest du wissen, wie ein Haar entsteht? Und damit hat er mich gehabt. Weil da hab ich mir gedacht: Ja, das möcht ich wissen.“ Von da an fuhr Hauke mehrmals die Woche nach der Arbeit im Laufhaus in die Stadt.

Jetzt sitzen Hauke, Akopdjanov, Yusupov und sechs weitere zusammen, um zu erklären, was die Kabbala, jene durch die Sängerin Madonna wieder populär gewordene Lehre, eigentlich ausmacht: Es gehe darum, „zurück zur Natur zu gehen“, sagt der Erste, „den Schöpfer verstehen“, sagt ein Zweiter, „den Egoismus gegen Liebe und Altruismus, Leid gegen Glück tauschen“, ein Dritter.

Dass Hauke sein Geld im Rotlichtmilieu verdient, in einem gewalttätigen und frauenfeindlichen Biotop, schreckt hier niemanden: „Wir machen keinen Unterschied, ob einer Bundeskanzler ist oder Bauarbeiter“, sagt Yusupov, „es kommt weniger darauf an, was einer tut, als wonach er strebt.“ Hauke trage, glaubt Jussubow, der im Zivilberuf Unternehmensberater ist, eine große Liebe in sich, die nur schwer nach außen dringe, weil ihn selbstzerstörerischer Hass daran hindere. „Er ist jemand, der in einem tiefen Abgrund war“, sagt Yusupov, „doch umso tiefer der Abgrund, desto höher kann man steigen.“

In den Worten von Hauke klingt das – wie immer – direkter: „Ich bin ein riesengroßes Arschloch, das niemand haben will – aber hier wollten sie mich.”

“Falter” Nr. 15/10 vom 14.04.2010 Seite: 37 Ressort: Stadtleben

Glosse: Herzliche Grüße aus Dungeon Land: Mama, hier ist es sehr schön

Tourismuswirtschaft

Asiatische Kampfkunst lenkt die Gewalt des heranstürmenden Gegners zu dessen Nachteil um. Eigene Schwäche wird so zur Stärke: Dieser Strategie muss sich auch der heimische Tourismus bedienen, angesichts des internationalen Medieninteresses an Unholden österreichischer Prägung. Scheusale à la Fritzl, Priklopil & Co, die Minderjährige in Verliesen quälen, bieten Stoff für zahlreiche deutsche und britische Fernsehdokus: Ständig werden weitere gedreht. Was man als Imageschaden für unsere Kulturnation bedauern kann, hat – aus Sicht des Kampfkünstlers – ungeheures Potenzial. Jetzt ist die Zeit, Dungeon-Tours nach Strasshof anzubieten. Jetzt braucht der Wurstelprater eine Fritzl-Bahn. Jetzt gehört Sachertorte durch Kremser Stollen ersetzt. Will denn niemand ein Musical komponieren?

“Falter” Nr. 12/10 vom 24.03.2010 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung

Schäfchen zu Schäfern

Missbrauchsfälle, Kirchenkrise, Papstbrief. Auch Menschen im Priesterseminar erfahren dieser Tage Ungemach

Der Tag beginnt mit Gott. Danach erst gibt es Frühstück. Schon kurz vor sieben Uhr sammelt sich ein Dutzend Männer in der „Santa Maria de Mercede“-Kirche schräg vis-à-vis der amerikanischen Botschaft. Unter einer prunkvollen Stuckdecke liest der Priester aus dem Johannes-Evangelium. Auf Fürbitten folgt die Eucharistie. Kurz nach halb acht segnet er die Gläubigen und entlässt sie in Frieden, um hernach den Ministranten durch ein Holztürchen neben dem Altar zu folgen. Auch die übrigen Anwesenden schlüpfen – ein paar Momente der Besinnung später – durch diesen schmalen Gang. Einer nimmt das Gebetsbuch mit. Ein zweiter Kelch und Patene. Der Letzte löscht die Kerzen und sperrt die kleine Türe zu.

Misstöne stören die Harmonie

Die frühmorgendliche Messe ist Teil des Ausbildungsprogramms, das aus Schäfchen Schäfer machen soll und aus Ökonomen, Psychologen, Journalisten und Amtsdirektoren Prediger. Dem Ruf Gottes sind sie in die Wiener Boltzmanngasse gefolgt. Allein: Zurzeit überlagern schrille Misstöne die göttliche Harmonie.

Seitdem in Irland, Deutschland und Österreich immer mehr Fälle von Missbrauch und Gewalt durch Geistliche bekannt werden, seitdem sich Kirchenaustritte häufen und Facebook-Seiten gegen katholische Kinderschänder wettern. Seit selbst der Papst verdächtigt wird, als Präfekt der Glaubenskongregation Missbrauch gedeckt zu haben, und sich am Wochenende genötigt sah, einen Hirtenbrief zu den ungustiösen Übergriffen zu verfassen, herrscht Irritation unter den werdenden Priestern. Der gewohnte Ablauf aus Beten, Arbeiten und Studieren ist durcheinandergeraten. „Machen wir uns nichts vor“, fasst ein Wiener Seminarist die vergangenen Wochen zusammen, „es ist eine Scheißsituation.“

„Sie schauen uns komisch an“

Wie sich die Stimmung in den vergangenen Tagen gegen Vertreter der katholischen Kirche wendete, hat Richard Tatzreiter, der Subregens des Wiener Priesterseminars, persönlich erlebt. Er spricht von einem Generalverdacht, der sich „wie ein schwarzer Mantel“ über die Geistlichen gelegt habe: „Viele schauen uns auf der Straße komisch an, wenn wir als Priester erkenntlich sind“, sagt er, „erst vor zwei Tagen hat man mich angerempelt und beschimpft, als ich auf die Straßenbahn gewartet habe.“

Tatzreiter, der auch am Morgen die Messe leitete, hat im obersten Stock des Priesterseminars seine Unterkunft, „auf der Alm“, wie das hausintern heißt. Seit fast 100 Jahren ist das Haus mit den langen, hellen Gängen und den vielen Zimmern mit ihren grün getünchten Kassettentüren Ausbildungsstätte und Wohnsitz.

Tagsüber sind die angehenden Priester draußen, studieren Theologie, nehmen Unterricht in Stimmbildung, arbeiten als Religionslehrer oder in Pfarren. Am Abend trifft man sich im Kreis der Kollegen, studiert in der Bibliothek und nimmt gemeinsam die Mahlzeiten ein. Den Werdegang von Subregens Tatzreiter, der bereits als 18-Jähriger ins Priesterseminar eintrat, darf man nach heutigen Maßstäben getrost als untypisch bezeichnen. Während der Subregens früh um seine Bestimmung wusste, ereilte die meisten der heutigen Aspiranten der göttliche Ruf erst Jahre später.

„Es ist ein Prozess“, erklärt etwa der 36-jährige Thomas Marosch, „irgendwann deuten so viele Dinge in diese Richtung, dass es der einzig logische Weg ist.“ Wenngleich in einem katholischen Milieu groß geworden, erlernt die Mehrheit der Seminaristen zunächst einen weltlichen Beruf, einige heiraten sogar, bis sie eines Tages ein „Gotteserlebnis“ haben oder bis sich der Wunsch, ihr Leben Gott zu weihen, nicht mehr unterdrücken lässt.

Spätberufen ins Priesteramt

Einer jener Spätberufenen ist auch Wolfgang Kimmel. In der „Bar“ im Erdgeschoß, die ganz im Stil der 70er-Jahre eingerichtet und deren Spirituosenkühlschrank mit einem Vorhängeschloss gesichert ist, sitzt er neben seinem grauen Windhund Pimperl auf der braunen Ledercouch. Mit seinen 41 Jahren hat Kimmel schon einiges erlebt: Nach der Matura verbrachte er sechs Jahre als Mönch in Stift Göttweig. Um Theologie zu studieren, verließ er das Benediktinerkloster. Und wandte sich danach profaneren Geschäften zu: profil-Innenpolitikredakteur, parlamentarischer Mitarbeiter des Liberalen Forums und schließlich Konzernsprecher waren Zwischenstationen, bis er – wenn alles nach Plan verläuft – im Juni die Priestersoutane überstreifen wird.

Wie die meisten im Seminar sieht Kimmel sexuellen Missbrauch von Jugendlichen weniger als Problem der katholischen Kirche denn als Problem geschlossener Systeme. „In Familien, die sich hermetisch abschließen, in schulischen Einrichtungen, speziell, wenn ein verqueres Elitedenken dazukommt“, erklärt er, „speziell in Männergesellschaften und Männerbünden besteht immer die Gefahr von sadistischen und pädophilen Tendenzen.“

Das typisch Katholische an den Fällen, die jetzt bekannt werden, sagt er, sei auch die verkorkste Sexualmoral des 19. Jahrhunderts, die bis heute nachwirke. Sowie das Unter-den-Teppich-Kehren durch Bischöfe in der Vergangenheit: „Ich halte es“, sagt Kimmel, „für unentschuldbar, dass man pädophile Priester von einer Pfarre in die nächste verschoben hat.“

Seit dem Skandal um Kardinal Hans Hermann Groër, der Mitte der 1990er-Jahre Österreich schockierte, habe sich in Österreich allerdings Erhebliches getan.

Tatsächlich wurde die Priesterausbildung seit der Jahrtausendwende umfassend erneuert. „Wir versuchen, die Sexualität unserer Seminaristen und ihre biografischen und geistigen Wurzeln zu durchleuchten“, erklärt Nikolaus Krasa, der Regens des Priesterseminars, „um festzustellen, ob einer verklemmt ist oder frei, offen oder verschlossen.“ In vorbereitenden Gesprächen, durch ständige Supervision, mit Hilfe von Psychologen und im Zusammenleben versuche man zu verhindern, dass „seltsame Typen“ die Priesterweihe erlangen.

Eine der wichtigsten Veränderungen war die Einführung des sogenannten Propädeutikums vor acht Jahren: ein einjähriger Intensivlehrgang im niederösterreichischen Städtchen Horn. „Es geht dabei um eine ganzheitliche Einführung in den Lebensstil des Priesters“, erklärt Spiritual Harald Mally, der in Horn Seminaristen sozusagen als Vertrauenslehrer betreut. Sexuelle Gefühle – weiß Mally – gehörten zum Menschsein dazu: „Es kann sein, dass man an gewissen Idealvorstellungen scheitert. Manchmal hat vielleicht einer in einem Punkt eine Schwäche, oder es passiert ihm öfters Masturbation. Dann soll man nicht so tun, als ob das die schwerste Sünde wäre. Es gibt Schlimmeres.“

Zölibat ist auch Befreiuung

Während der Zölibat von vielen außerhalb der Kirche als eine Wurzel des Übels gesehen wird, verneinen viele im Seminar einen Zusammenhang des priesterlichen Keuschheitsgebots mit den sexuellen Irrungen, die zum Missbrauch Minderjähriger führen. „Zölibat ist Verzicht, keine Frage“, wehrt sich Seminarist Kimmel, „aber es ist nicht so, wie alle glauben, dass mir Sexualität dauernd im Kopf sitzt und aus jeder Pore dringt.“ Zölibat sei vergleichbar mit einer monogamen Beziehung: „Es ist eine Befreiung: Man ist nicht mehr getrieben auf der Suche nach Liebe, Partys oder Konsum.“

Auch Regens Krasa warnt vor Kurzschlussargumentation „nach dem Muster: Missbrauch ist gleich ein Problem der Priester ist gleich ein Problem des Zölibats.“ Die mediale Berichterstattung sei von Stereotypen und Klischees geprägt. „Wir bedauern jedes Opfer zutiefst“, sagt Krasa, „aber man muss die Wahrheit sagen: Es gibt kein Ausbildungssystem, das 100-prozentig garantieren kann, dass kein Pädophiler dabei ist. Weder in der Kirche noch sonstwo.“

Mit Spannung beobachten die jungen Priesteramtsanwärter, wie sich der Papst angesichts der Krise verhält. Dass sich allzu schnell etwas ändert, glauben sie nicht. Eines ist sicher: Auch morgen Früh werden sie nach althergebrachtem Ritus ihre Eucharistie begehen. Allen Dissonanzen zum Trotz.

“Falter” Nr. 12/10 vom 24.03.2010 Seite: 14 Ressort: Politik

Mobilitätskolumne: Dein Lenz, dein Wind, dein Feuerross

Oh, mein Gott: Frühling ist’s. Die Herzen schlagen schneller, die vielfältigen Früchte des Lebens werden sichtbar. Es riecht nach knospenden Blüten, zartem Grün und frisch gewaschenem Haar. Da blähen sich gierig die Nüstern, da schweift rastlos der Blick, und – sieh! – ein Lächeln umspielt die von Winterleid gehöhlten Wangen.

Der eine holt den Tretroller aus dem Keller, der Nächste verliebt sich in die singende Serviererin vis-à-vis. Apfl tänzelt durch die Redaktion, macht Pantomime. Andere singen, pfeifen, scherzen, schnalzen mit der Zunge oder wollen am Samstag grillen gehen. Jeden – außer Nüchtern, der sich ohnehin das ganze Jahr wie eine Wiese voll Blumen kleidet – verzaubert der Lenz auf seine eigene Weise.

Manch einer, der jetzt den Ruf des Lebens hört, kramt seinen Nierengurt aus dem Kasten, fischt den Helm hinter den Skischuhen hervor und schnürt die festen Stiefel. Greift sich das steife Leder. „Streck dich, reck dich, auf!“, schreit ihn der Frühling an. „Da draußen steht dein Feuerross und will bewegt, getreten, bestiegen, geritten werden, will pfauchen, beißen, knurren – RRRRRRRRAUS!“

Doch Vorsicht: Vom Winter sind die alten Knochen morsch geworden. Wir gewöhnten uns zu gern und schnell an heißen Tee mit Honig, ans Kuscheln vorm Kamin. Die warme Stube hat uns zahm gemacht und brav. Der Sprung ins Abenteuer muss sachte, sachte sein. Die kleine Yamaha ist eine gute Wahl für deinen ersten Ritt. Verzeiht dir dein Ungestüm und deine dummen Fehler. Sie mag den Meister langweilen, doch diesem Laien ist sie das treueste Gefährt. Hinaus zum Rübenacker nun und üben, üben, üben.

Der Ladeplatz ist ein gar guter Ort. Denn diese erste Fahrt muss deiner Wandlung, deiner Heilung dienen. Die Autoreifen flugs gelegt zum Hindernisparcours: nun eingelenkt, hineingelegt, den Hintern in die Kurve. Das Knie muss raus, zwei Finger an die Kupplung: leicht gezogen. Zum Kurvenausgang einkuppeln, Gas für die Gerade. Bremsprobe. Stop and go. Balance. Zurück an den Start, und alles von vorn. Ruhig wie wenig andere läuft die XJ6, gerät durch nichts in Rage. Fein lässt sich das Gas dosieren, fein klicken die Gänge.

Eineinhalb Stunden lang trainiere ich auf dem alten Rübenverladeplatz nahe Groß-Enzersdorf und bin schon recht zufrieden mit mir, bis ich höre, wie sich hochdrehende Motoren nähern. Gleich darauf befahren zwei Menschen den großräumigen Platz, der vielleicht ein mal ein Kilometer misst, wo nur in der Mitte ein Haufen Sand und Unrat liegen.

Fühlte ich mich bis dahin vom Frühling getragen und bald schon bereit für die große Tour, belehrten mich die zwei – in professioneller Rennmontur Gekleideten – eines Besseren: Speziell der dicke Mann war eine chthonische Urgewalt. Holte alles aus der KTM, was in ihr steckt. Die meiste Zeit fuhr er auf dem Hinterrad. Nur für die Kurven gönnte er auch dem Vorderreifen Bodenkontakt. Brutal zwang er die Maschine in die Kehre, um mit ausbrechendem Hinterrad aus der Kurve zu beschleunigen und alsbald das Vorderrad neuerlich gen Himmel zu recken.

Zweimal kam er sogar zu Sturz. Sogar einen kapitalen „Highsider“ legte er hin: einen Sturz, bei dem es ihn durch plötzlichen Lastwechsel – zuerst zu viel, dann zu wenig Gas am Ende der Kurve – über das Motorrad in den Rübenacker schleuderte. Schnell sprang der Mann aus dem Kraut hervor, lachte laut, stellte die Maschine wieder auf die Räder, startete und raste im Wheelie und mit gebrochenem Seitenspiegel davon.

Resigniert blieb ich noch eine Weile am Parkplatz stehen, bis der dicke Mann und sein Freund am Horizont verschwunden waren. Ich wusste: Gegen das, was diesen Herren die Segel blähte, war mein Frühlingssturm ein laues Lüfterl. Weil ich inzwischen schon recht kalte Hände hatte, fuhr ich heim, um ein heißes Bad zu nehmen. Mal sehen, wie weit der Frühlingswind mich morgen trägt.

Fazit:

Die XJ6 ist ein verlässliches und handliches Naked Bike, ideal für Anfänger, Kleingewachsene und Wiedereinsteiger. Kein Kraftprotz, aber viel Fahrspaß für wenig Geld.

“Falter” Nr. 12/10 vom 24.03.2010 Seite: 34 Ressort: Stadtleben

Im Zweifelsfall milder

Fall Krems: Wie ein ambitionierter Richter die Wahrheit suchte und am Korpsgeist der Ermittler scheiterte

Im Korneuburger Gasthof Zum Rattenfänger tunkt ein Mann mit Sorgenfalten auf der Stirn einen Schinkenkäsetoast ins Ketchup. Robert P. wartet auf das Ende der Mittagspause von Verhandlung 503Hv21/10h. In drei Stunden wird er wissen, wie das Landesgericht Korneuburg über jenen Streifenpolizisten urteilte, der seinen 14-jährigen Sohn aus zwei Meter Entfernung in den Rücken schoss. Und er wird „fassungslos“ sein.

„Ich kann nicht verstehen“, wird er sagen, „wie der Richter, nachdem er alles so genau wissen wollte, nachdem er alles aufgedeckt und jede Lüge entlarvt hat, so ein mildes Urteil fällen kann.“

Acht Monate Freiheitsstrafe, bedingt, fasste Revierinspektor Andreas K. aus. Er ist schuldig, Florian P. fahrlässig und unter besonders gefährlichen Verhältnissen getötet zu haben. Das (zu Redaktionsschluss noch nicht rechtskräftige) Urteil ist strenger als alle gerichtlichen Entscheidungen, die je in Österreich gegen Polizisten nach einem Todesschuss gefällt wurden (siehe Kommentar auf Seite 6). Aber es ist mild genug, sodass auch dieser Beamte seine Karriere fortsetzen kann. Das Verfahren wiederum ist ein Beispiel dafür, wie falsch verstandener Korpsgeist unter Polizisten und angstvolle Behäbigkeit der Staatsanwaltschaft die Wahrheitsfindung erschweren.

„Wenn Sie Ihren Job ordentlich erledigt hätten, wäre Florian heute noch am Leben“, sagte Richter Manfred Hohenecker bei der Urteilsverkündung: „Ich werde Ihre Dienstwaffe an Ihr Polizeikommando senden. Und ich hoffe, dass Ihnen diese Waffe nie wieder ausgehändigt wird.“

Zurück zu den Geschehnissen in der Sommernacht des 5. August 2009, wie sie Richter Hohenecker mit Zeugenaussagen, ballistischen, chemischen, medizinischen und psychologischen Gutachtern minutiös zu rekonstruieren suchte.

Es ist 2.35 Uhr, als die Polizeistreife mit Andreas K. und seiner Kollegin Ingrid G. beim Kremser Merkur-Markt eintrifft. In einem dunklen Verbindungsgang stoßen die beiden auf Florian P. und dessen damals 16-jährigen Komplizen Roland T., die sich dort in einer Mauernische verstecken. Im Licht der Taschenlampen springen die Jugendlichen hervor und flüchten. „Wir haben nur die Kapuzen gesehen, die Vermummung“, erinnern sich die Beamten im Prozess, „wir sind total erschrocken.“ Es folgen die ersten beiden Schüsse: Andreas K. setzt einen Warnschuss, der wenige Zentimeter über den Köpfen der Flüchtenden vorbeizischt. Polizistin G. schießt Roland T. in die Oberschenkel. Die Polizisten folgen den beiden Jugendlichen mit der Waffe im Anschlag in den hellerleuchteten Verkaufsraum.

Roland T. liegt gleich hinter der Türe auf dem Boden, wo er infolge seiner Schussverletzung zusammenbrach. Florian P. versteckt sich hinter einem Stapel Flaschen. Als sich der Polizist nähert, springt der 14-Jährige auf. Erschreckt und abgelenkt von einem, wie der Angeklagte sagt, „Schatten oder Geräusch“, drückt er ab und trifft den Burschen aus zwei Meter Entfernung. In den Rücken deshalb, rechtfertigt sich der Polizist, weil der Jugendliche gerade eine „Drehbewegung“ durchführt.

Die Mediziner finden die Eintrittswunde links hinten in Höhe des neunten Brustwirbels. Das Projektil quetschte das Rückenmark, durchbohrte die Lunge und trat vorne wieder aus. Florian stürzt auf die rechte Gesichtshälfte und erleidet einen Schädelbruch.

Als der Arzt mit seinen Ausführungen beginnt, hält es den Vater nicht länger im Gerichtssaal. Er hört nicht mehr, wie besprochen wird, dass nach einer zweiten Streife ein Krankentransporter eintrifft: ohne Notarzt. Dass die Sanitäter seinen Sohn notdürftig versorgen, ihm eine Atemmaske aufs Gesicht pressen, obwohl seine kollabierten Lungenflügel gar keinen Sauerstoff mehr aufnehmen können. Dass es Florian zwar noch ins Spital schaffte, wo man aber – weil die Telefonverbindung nicht funktionierte – keine Zeit hatte, eine Notoperation vorzubereiten. Auch als der Arzt erzählt, dass Florian verblutete und erstickte, ist sein Vater nicht im Saal.

Was Robert P. allerdings sehr wohl mitbekommt, ist, wie die Kremser Polizisten versucht hatten, den Vorfall zu verschleiern. „Verantworten Sie sich wahrheitsgemäß“, mahnt der Richter, „das ist bei mir immer das Beste.“ Die Erinnerung erfolgt aus gutem Grund: Im Merkur-Supermarkt bereits wurde mit der Verschleierung begonnen. Ungeklärt ist bis heute, warum der durch den Schuss gelähmte Verletzte auf dem Rücken liegend aufgefunden wurde. Warum im ersten Festnahmebericht nicht von einem Angriff seitens der Einbrecher die Rede war, obwohl Andreas K. später erklärte, dass der 14-Jährige mit einer Gartenkralle auf ihn losgesprungen sei. Warum in späteren Einvernahmen Tatorte vertauscht, Distanzen falsch eingeschätzt und Licht mit völliger Dunkelheit verwechselt wurde. Warum man sogar vergaß zu erwähnen, dass Florian in den Rücken geschossen wurde.

Aber nicht nur die mangelnde Kooperation des angeklagten Polizisten und seiner Partnerin erschwerte die Aufklärung. Wie die ermittelnden Kriminalisten aus Oberösterreich im Prozess darlegen, wurden sie bei ihren Untersuchungen massiv behindert. Laut Aktenvermerk des Leiters der Sonderkommission, Oberst Wolfgang Palmetshofer, war bei der Staatsanwaltschaft Korneuburg tagelang kein zuständiger Sachbearbeiter erreichbar, um eine U-Haft gegen den Beschuldigten zu veranlassen oder dessen Vernehmungsfähigkeit zu überprüfen.

Gut möglich, dass sich in den Reihen der Staatsanwaltschaft – auch unter dem Eindruck von Aussagen höchstrangiger Politiker – niemand darum riss, den brisanten Fall anzufassen. Für Heinz Patzelt von Amnesty International jedenfalls ist die Tatsache, dass erst nach vier Tagen ein zuständiger Staatsanwalt bestimmt war, „indiskutabel“: „Es kann nicht sein“, sagt Patzelt, „dass die Ermittler tagelang im luftleeren Raum arbeiten müssen.“

Als der Angeklagte am dritten Prozesstag seine Verantwortung von unschuldig auf schuldig ändert, ist Richter Hohenecker bereit, dieses – späte – Geständnis als mildernden Umstand zu berücksichtigen. „Im Zweifel ist anzunehmen“, schließt Hohenecker, „dass K. den Tod nicht in Kauf genommen hat und dass er in Verteidigungsabsicht handelte“: „Putativnotwehrexzess“ heißt das im Juristendeutsch.

Am Samstagvormittag nach dem Urteilsspruch weht ein starker Wind über den Kremser Friedhof. Wie jeden Tag ist der Vater da, um vor dem reich geschmückten Grab seines Sohnes zu gedenken. Auch 22 Jugendliche sind gekommen, sie diskutieren. Acht Monate bedingt: „So sieht Gerechtigkeit nicht aus“, sind sie sich einig. „Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren“, sagt der Vater. Bis man Trauer, Wut und Fassungslosigkeit überwinde, sei es ein langer Weg. „Auch bis man akzeptiert, was da passiert ist“, sagt er. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass Florian da drinnen liegt.“

“Falter” Nr. 11/10 vom 17.03.2010 Seite: 14 Ressort: Politik

„Die haben mich gemartert“

Der ehemalige Fürnkranz-Geschäftsführer Karl Bauer erinnert sich an die Anti-Pelz-Kampagne gegen seine Firma

Wenn es um Tierschutzaktivisten geht, wird Karl Bauer fuchtig. „Lauter Wahnsinnige“, ärgert sich der ehemaligen Fürnkranz-Geschäftsführer, der sich in 30 Jahren vom Lehrling zum Chef hochgearbeitet hat. Von 2006 bis 2008 stand die Wiener Modekette Fürnkranz im Visier der Tierschutzbewegung. Zuerst mit E-Mails, später mit Demonstrationen forderten Tierrechtsaktivisten sie auf, den Handel mit Pelzen einzustellen. Bauer, der Ende April beim Tierschützerprozess in Wiener Neustadt als Zeuge aussagen wird, erinnert sich, wie er während der Kampagne als Lügner und Mörder beschimpft wurde.

Falter: Wann kamen Sie zum ersten Mal mit den Tierschützern in Berührung?

Karl Bauer: Im Herbst 2006 sind die ersten E-Mails eingetroffen. Ein gewisser Felix H. (der Zweitangeklagte im Tierschützerprozess in Wiener Neustadt, Anm.) hat sie unterzeichnet. Die ersten waren in sehr freundschaftlichem Ton. Darin ist gestanden: „Es findet in Kürze beim Verein gegen Tierfabriken eine Abstimmung statt, in der wir entscheiden, gegen wen die nächsten Aktionen gestartet werden.“ Wenn ich ein beigelegtes Formular unterschreiben würde, in dem ich verspreche, ab sofort den Pelzhandel einzustellen, haben die gesagt, werde es keine Kampagne geben.

Wie haben Sie reagiert?

Bauer: Ich habe ihnen irgendwann zurückgeschrieben, dass wir den Pelzhandel ohnehin einstellen, weil das derzeit kein Geschäft ist, dass wir aber vorhandene Bestände abverkaufen. Eine Zeitlang war Ruhe. Aber dann sind wieder E-Mails gekommen. Als wir die ignorierten, haben sie geschrieben, dass sie in 24 Stunden eine Kampagne beginnen. Ein Link zu einer Seite war auch dabei, auf der über Antipelzaktionen berichtet wurde.

Was ist dann passiert?

Bauer: An den Wochenenden haben sich 50 bis 100 Gestörte vor einzelnen Filialen versammelt. Vermummt wie in der deutschen Terrorszene, mit Hauben wie beim Banküberfall oder in blutigen Pelzen. Niemand wurde unbehelligt ins Geschäft gelassen und die, die herausgekommen sind, mussten ihre Sackerln öffnen. Nachdem H.C. Strache unser Anliegen aufgegriffen hat, sind sie persönlich auf mich losgegangen. Die haben skandiert: „An Karl Bauers Händen klebt Blut“ und „Karl Bauer ist ein Versprechensbrecher“. Es war eine Marter.

Klebt Blut an Ihren Händen? Sind Sie ein Versprechensbrecher?

Bauer: Ich habe denen nie irgendetwas versprochen. Und an meinen Händen klebt sicher kein Blut: Ich hab sowohl Felix H. als auch Martin Balluch (der Erstangeklagte in Wiener Neustadt, Anm.) gesagt: „Hören Sie, gegen Tierleid bin ich auch. Da laufen Sie bei mir offene Türen ein.“ Deswegen hat Fürnkranz nie Pelze aus irgendwelchen dubiosen Pelzfarmen in Asien gekauft. Ich habe mich sogar freiwillig dazu bereit erklärt, eine Pelzauszeichnungspflicht für unsere Produkte einzuführen: Auf jeder Rechnung ist gestanden, ob dieser Rotfuchs aus Kanada oder aus Skandinavien kommt.

Laut Verein für Tierfabriken sind auch die Haltungsbedingungen in Skandinavien alles andere als artgerecht. Martin Balluch hat im Zuge mehrerer Recherchereisen dokumentiert, dass die Tiere auch dort in den Pelzfarmen auf Eisenrostböden in viel zu engen Käfigen stehen.

Bauer: Wenn man sich diese Farmen anschaut, hat er inhaltlich schon Recht. Aber warum setzt man nicht dort den Hebel an, wo produziert wird?

Warum, denken Sie, kam es gegen Fürnkranz nicht zu ähnlichen Gewaltakten wie bei Kleider Bauer, wo es Stalking gegen einzelne Mitarbeiter gab, wo Autos beschädigt und Geschäfte mit Buttersäure attackiert wurden?

Bauer: Weil man ihnen rechtzeitig das Handwerk gelegt hat. Wir haben damals natürlich versucht, alles in Bewegung zu setzen. Bis hinauf in höchste Polizeikreise. Die Polizei hat uns gebeten, jede Erfahrung zu übermitteln. Es ist übrigens ein lustiger Zufall, dass ich mit dem Chefermittler Zwettler gemeinsam in die Volksschule gegangen bin. Wir haben der Sonderkommission Sachverhaltsdarstellungen und Fotos geschickt, die wir von den Vermummten gemacht haben. Übrigens auch einen interessanten Kurzfilm von einer Demonstration im Oktober 2008, wo Balluch Terror verbreitete.

Was meinen Sie mit Terror?

Bauer: Er ist vor einer Filiale gestanden und hat „Karl Bauer ist ein Tiermörder, an seinen Händen klebt Blut“ in ein Megafon gerufen. Ich bin hingegangen und hab mich ihm vorgestellt. Daraufhin hat er in Richtung Polizei gesagt, dass er von mir bedroht werde. Was für eine Absurdität.

Sie sprechen von Terror. Dabei geht es um angemeldete Demonstrationen.

Bauer: Wenn einer auf der Kärntner Straße seinen Willen kundtut, Spenden und Unterschriften sammelt, mag das rechtens sein. Wenn aber 100 Wahnsinnige an einem Einkaufssamstag vier, fünf Stunden lang ein Geschäft blockieren, ist das gezielter Terror in Richtung Einzelhandel, mit dem Ziel, Schaden anzurichten. Ein Tag Demonstration hat uns 10.000 Euro gekostet plus Imageschaden. Wie so etwas in Österreich toleriert werden kann, ist mir – auch als Demokrat – ein Rätsel.

“Falter” Nr. 11/10 vom 17.03.2010 Seite: 15 Ressort: Politik

Warum die Machete der Kettensäge im Ernstfall vorzuziehen ist

Entgegen landläufiger Meinung ist die Kettensäge kein ideales Mittel zur Selbstverteidigung. Zwar suggerieren Filme wie „Army of Darkness“ oder „Texas Chainsaw Massacre“ das Gegenteil, doch warnt bereits Buchautor Max Brooks im „Zombie Survival Guide“ vor der lärmenden und unhandlichen Maschine: Sie schneide „mühelos durch Fleisch und Knochen“, schreibt er, in Wirklichkeit aber habe die Motorsäge „einen extrem niedrigen Platz in der Rangordnung der Waffen“. Wie Recht Brooks hat, zeigt der sonntägliche Angriff am Praterstern, als es dem Täter nicht gelang, die Kettensäge anzuwerfen. Brooks Waffe der Wahl ist übrigens die Machete – zuletzt von der Berliner Poker-Bande mit Bravour eingesetzt. Diese Truppe hat im Unterschied zum Wiener Dilettanten ihre Hausaufgaben gemacht: Lesen bildet eben!

Glosse im “Falter” Nr. 10/10 vom 10.03.2010 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung

Kommentar: Schrott, Straßen, Speckgürtel: warum Klimapolitik scheitert

Als der damalige VP-Umweltminister Martin Bartenstein 1997 in Kioto seine Unterschrift unter das UN-Klimaprotokoll setzte, kommentierte er vollmundig: „Das war nur ein Anfang. Wir haben den Fuß in der Tür, die wir in den nächsten Jahren aufstoßen müssen.“ Zwölf Jahre später zeigt sich, dass die Tür in der Zwischenzeit nicht aufgestoßen wurde, sondern vernagelt.

Der Klimabericht der EU-Kommission von vergangener Woche ist ein weiterer Beleg dafür: Das Land verfehlt als einziges der alten EU-15 seine vertraglichen Ziele bei der Emissionsreduktion. Die Gründe dafür sind eine einlullend günstige Ausgangslage zu Beginn der 90er-Jahre sowie Feigheit und Fantasielosigkeit. Das zeigte sich etwa, wenn Wirtschaftsminister – unter ihnen auch Bartenstein, der dieses Ressort später übernahm – die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen im Dienste der Industrie hintertrieben. Das zeigte sich beim Ökostromgesetz, das man zugunsten der Energiekonzerne in lendenlahmer Fassung beschloss.

Vor allem zeigt es sich beim Autoverkehr, der für ein Drittel der CO2-Emissionen verantwortlich ist und dessen Anteil stetig wächst.

Statt auf den Verzicht fossiler Brennstoffe und auf ein geringeres Verkehrsaufkommen hinzuwirken, setzt die Politik kontraproduktive Anreize: Sie bietet Verschrottungsprämien, treibt die Zersiedelung voran, baut Umfahrungen, Tunnelröhren und legt Bahnlinien still. Sie will sogar den Gütertransport von der Schiene auf die Straße verlagern.

Keine leichte Ausgangslage für die österreichischen Verhandler in Kopenhagen. Wenigstens kann diesmal keiner behaupten, dass in Österreich alles zum Besten stünde.

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung

„Sie nennen mich einen Spinner“


Ludwig Adamovich ist der angesehenste Jurist des Landes. Nun wurde er von Natascha Kampuschs Mutter geklagt. Wie konnte es dazu kommen? Was treibt den Berater des Bundespräsidenten an?
Porträt: Matthias G. Bernold und Florian Klenk

Rote Tapetentüren, an den Wänden Brokat, ein Kristallluster, der, von der meterhohen Decke hängend, das Licht tausendfach bricht. Hier in der Hofburg, wo einst die Berater des Kaisers logierten, sitzt Ludwig Adamovich, 77, auf einem der weiß-golden lackierten Plüschsessel und sagt: „Die Leute nennen mich einen Spinner. Das kränkt mich.“

Der angesehenste Jurist des Landes hat sich seinen Lebensabend wohl etwas anders vorgestellt. Er war Präsident des Verfassungsgerichtshofs, er ist der ehrenamtliche Berater des Bundespräsidenten. Dann ließ er sich vom Innenminister dazu breitschlagen, als Präsident der Kampusch-Evaluierungskommission zu arbeiten. Und nun das: ein Ehrenbeleidigungsprozess.

Nicht nur Adamovich ist dieser Tage gekränkt. Auch Brigitte Sirny, eine Schneiderin aus der Donaustädter Rennbahnwegsiedlung fühlt sich beleidigt – durch ihn, den Ehrenmann. Das Leben in Priklopils Gefangenschaft könnte für ihre Tochter Natascha Kampusch „allemal besser gewesen als das, was sie davor erlebt hat“, spekulierte Adamovich im Krone-Interview.

Wer die Leidensgeschichte von Natascha Kampusch kennt, die einen Teil ihrer Kindheit in einem unterirdischen Verlies verbringen musste – 181 Zentimeter breit, 246 Zentimeter lang, gesichert durch eine Betontüre, die jeden Schrei schluckt –, der wird die Empörung von Sirny begreifen. Auch Natascha Kampusch selbst sprach Montag Abend in einem ORF-Interview von einer „anmaßenden, unverständlichen“ Äußerung.

Doch Adamovich will sich nicht entschuldigen für seine „Hypothese“, auch wenn man über Formulierungen natürlich reden könne. Es sei „relativ gesehen denkbar, dass der Unterschied nicht übertrieben groß war, zumal man auch weiß, dass ihre Mutter nicht gerade zärtlich mit ihr umgegangen ist“. Adamovich: „Meine Stoßrichtung ist, dass es vorher vielleicht nicht so besonders gut und nachher nicht so besonders schlecht war.“

„Relativ gesehen denkbar“? „Allemal besser“? „Nicht besonders schlecht“? Was ist in Adamovich gefahren?

Wer dem Präsidenten dieser Tage gegenübersitzt, hat keinen Wirrkopf vor sich. Sorgfältig wählt Adamovich seine Formulierungen, so wie er es sein ganzes Leben lang tat. Er, den Freunde liebevoll „Fips“ nennen, ist Doktor honoris causa multiplex, war Professor für Verfassungsrecht in Graz. Sein Vater, Ludwig senior, sperrte 1945 als Justizminister der Zwischenkriegszeit den Verfassungsgerichtshof persönlich auf, damit wieder Recht herrschen möge in diesem zerbombten Land. Der Sohn, heute ein bürgerlich liberaler Freigeist, wollte eigentlich Gehirnchirurg werden. Doch auf Wunsch des Vaters begann auch er mit der Juristerei. Er arbeitete sich im Verfassungsdienst des Bundeskanzleramts hoch, und Bruno Kreisky ernannte ihn 1984 zum Präsidenten des Höchstgerichts, das er 2002 verließ. Als zurückhaltender, humorvoller Jurist war Adamovich dort bekannt. Bei Sessionen zitierte er Richard Wagners „Meistersinger“. „Fanget an!“, ermunterte er einmal seinen Nachfolger Karl Korinek, der mit den Worten „Der Sänger wartet!“ ungeduldig seinen Vortrag angekündigt hatte.

Feine Klinge, leiser Humor, das sind die Waffen von Adamovich, der nicht einmal die Fassung verlor, als er sich von Jörg Haider wegen eines Erkenntnisses zu den Ortstafeln ob seines Namens nach seiner Aufenthaltsbewilligung fragen lassen musste. Und jetzt zückt er den Holzhammer, um auf die Mutter eines Opfers einzuschlagen?

Ereilt ihn bald das gleiche Schicksal wie diesen entrückten Grazer Richter Martin Wabl? Auch der unterstellte Mutter Kampusch eine Verwicklung in die Entführung und wurde dafür verurteilt.

Was also sind die Beweise, Herr Adamovich? „Brigitte Sirnys Biografie etwa“, sagt er, in der sie schildert, wie sie ihrer Natascha einen Klaps auf den Mund gegeben habe. Dann wären da noch Kinderfotos, die die kleine Natascha in Reitstiefeln zeigen – die Bilder landeten im April 1998 beim profil, das Kinderpornografie witterte. Heute spricht viel dafür, dass sich das Mädchen nur zum Spaß verkleidet hatte. Bei den Betrachtern des Bildes war wohl die Fantasie durchgegangen.

Adamovich aber meint, in den Ohrfeigen, im rüden Ton des Gemeindebaus und in den Fotos Indizien erkennen zu können. Was, wenn diese Fotos in die Hände von einem wie Priklopil gelangten? Was, fragt er, „wenn Priklopil, der unbestrittenerweise ein Bösewicht war, nicht diese Art Bösewicht war, die wir in ihm zu erkennen glauben. Dass es zum Beispiel ein Perverser war, aber einer, der mit ihr menschlich umgegangen ist?“

„Menschlich umgegangen“? Priklopil mit Kampusch? Wer die Einvernahmeprotokolle Kampuschs kennt (sie werden hier aus Respekt vor dem Opfer nicht zitiert) könnte Adamovich nun mit gutem Grund als ignoranten Wichtigtuer abmahnen, der in „paternalistischer Arroganz“ (ein mit dem Fall befasster Anwalt) über eine Arbeiterfamilie herzieht, deren Welt und Nöte der edle Bürger offenbar nicht kennt. Adamovich sagt dann: „Solche Vorwürfe schmerzen mich.“

Man könnte die Geschichte hier enden lassen. Aber Adamovich sagt noch etwas: „Es hat sich nichts bewegt in dieser Republik. Da hat sich eine gewisse Ungeduld eingestellt.“

Vielleicht ist das der Schlüsselsatz, um seine Motivation und seine Verirrung zu verstehen. Dass sich nichts bewegt in der Justiz. Dass man in diesem Land gegen Gummiwände läuft – und dabei vielleicht selbst Schaden nimmt.

Man muss noch einmal zurückblicken ins Jahr 2008, als alles begann. Im April saß ein anderer Würdenträger des Landes bei Melange und Marlboro im Café Eiles hinter dem Parlament und sinnierte: Herwig Haidinger, soeben als Chef des Bundeskriminalamts abgelöst, hatte gerade vor dem Nationalrat über die Sitten im Innenministerium ausgepackt. Im Fall Kampusch sei nicht nur gepfuscht worden, Handlanger der mittlerweile verstorbenen ÖVP-Innenministerin Liese Prokop hätten die Fehler auch noch vertuschen wollen. Das Kabinett der damaligen Innenministerin habe „die Sache ohne Eklat zu Ende bringen“ wollen.

Die schockierte Kampusch drohte mit Amtshaftungsklagen, und der damalige VP-Innenminister Günter Platter rief Adamovich zu Hilfe. Ihm zur Seite standen der Kriminalpsychologe Thomas Müller, eine Wiener Strafrechtsprofessorin, ein hochrangiger Kriminalist, ein Sektionschef und ein Präsident des OGH im Ruhestand.

Im Juni 2008 legte Adamovich seinen Bericht vor. Es war kein Staatsskandal, den er damals enthüllte, aber zwischen den Zeilen skizzierte er das Sittenbild eines von Unprofessionalität, Parteipolitik, Intrigen, und Chaos getriebenen Polizeiapparats, in dem eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Es ist ein Staat, der einem wie Adamovich nicht ganz geheuer ist – und dessen Ermittlungen er offenbar nicht mehr traut.

Da ist zunächst diese Sache mit dem Hundeführer Inspektor Christian P. Der Polizist aus Strasshof hatte den Wiener Ermittlern bereits 1998 von einem Muttersöhnchen berichtet, das in Strasshof hinter einer elektronisch gesicherten Hecke lebe. Der Eigenbrötler habe einen „Hang zu Kindern“, sagte P. Er besitze jenen weißen Kastenwagen, in den Kampusch laut Zeugen gezerrt worden sei. Der Name des Manns: Wolfgang Priklopil, er könnte bewaffnet sein.

Die Kriminalisten in Wien legten den Hinweis zu den Akten. Priklopil hatten sie ja schon einige Tage zuvor besucht, seinen Kastenwagen (voller Bauschutt) fotografiert.

Ein Fehler? Die Polizisten hatten bei ihrem Besuch nicht einmal die Personenbeschreibung jener Schülerin zur Hand, die die Entführung beobachtet hatte. Sie arbeiteten ohne Software, die Hinweise digital verknüpfen würde. Obwohl sie 2170 weitere Verdächtige überprüfen mussten.

All das ist tragisch, aber noch kein Skandal. Die Polizisten hätten damals wohl auch keinen Hausdurchsuchungsbefehl bekommen – und selbst dann wäre es fraglich, ob sie Kampusch im Verlies entdeckt hätten. Doch acht Jahre später, als Kampusch über die Hecke sprang und die Ermittler schockiert erkannten, dass sie den Hinweis auf Priklopil verschlampt hatten, da wurden die Fehler von einst vertuscht.

Generalmajor Nikolaus Koch, der Leiter der Kampusch-Ermittlung, schickte zwei Polizisten zum Hundeführer. „Bitte sag nichts!“, baten sie ihn. Dann schrieben die Polizisten einen Aktenvermerk: Der Hundeführer, so behaupteten sie, habe damals gar keinen Hinweis auf die pädophilen Neigungen Priklopils gegeben. Koch stellte sich vor die Presse und sagte keck: „Herr Priklopil hatte damals ein Alibi.“

Es sind solche Unsitten, die Adamovich misstrauisch machten. Führungskräfte der Polizei und sogar der Minister, heißt es in dem Bericht, hätten sich aufgrund unklarer Verantwortlichkeiten „ins Dunkle zurückziehen können“. Spitzenleute seien oft nicht nach fachlichen Kriterien, sondern aufgrund von „persönlichen Verbindungen und Zugehörigkeiten“ zu ihrem Job gekommen.

Auch der auf die Spitze getriebene Opferschutz missfällt ihm. Die Richter hatten Protokolle Kampuschs einfach in den Tresor gesperrt, aus Angst, die Dokumente könnten von geldgierigen Polizisten an die Presse verkauft werden. Nicht einmal der BKA-Chef Haidinger durfte eine Kopie erhalten. Auch Videokassetten und Tagebücher seien Kampusch zu früh ausgehändigt worden. Die Opferschützer hätten „eine Art Schutzschirm bilden können, der die ohnehin schon schwierigen Ermittlungen erheblich erschwerte“. Gleichzeitig, moniert Adamovich, habe das Innenministerium eine medial unerfahrene Beamtin vor die Kameras gestellt, die intime Details aus dem ersten Verhör Kampuschs gegenüber dem ORF ausplauderte.

Es ist diese Melange aus mangelnder Professionalität, Chaos und Unfähigkeit, dieAdamovich heute wohl so misstrauisch macht und die vielleicht erklärt, wieso er die Öffentlichkeit mit gewagten Hypothesen aufschrecken will.

Wie aber sind Adamovichs Andeutungen zu verstehen? Bedeutet all das schon, dass Kampuschs Mutter irgendwie in den Fall involviert ist? Bedeutet es, dass Kampusch mögliche Mitwisser schützen will – etwa den Freund Priklopils, den Techniker Ernst H., der am Wochenende noch einmal vernommen wurde. Was spricht für die Thesen, dass Kampusch in Lebensgefahr schwebe, wie Adamovich einmal behauptete?

Adamovich bietet keinerlei Beweise, aber er zeigt Widersprüche bei den Ermittlungsergebnissen auf. „Ich spüre schlicht und ergreifend: dass irgendetwas hier nicht stimmt. Es passt einfach nicht zusammen. Ich will einfach, dass sich jemand mit Energie und Konsequenz dahintersetzt. Was dabei herauskommt, kann ich nicht sagen.“

Diesen Wunsch hat das Justizministerium Adamovich erfüllt. Man übertrug die Causa dem Grazer Oberstaatsanwalt Thomas Mühlbacher. Er soll die Mosaiksteinchen erneut zusammensetzen, um zu sehen, ob sich darin ein neues Bild zeigt.

Da ist einmal die Behauptung der Schülerin Ischtar A., die bei der Entführung zwei Männer gesehen haben will. Dann gibt es diese Aussage von Kampusch. Sie kenne keine Namen von Mittätern, sagte sie. Bedeutet das, dass es welche gab und sie nur deren Namen nicht kennt?

Priklopil, sagte sie weiters aus, sei mit dem Bus, in dem sie gefesselt lag, zunächst auf einen Feldweg gefahren. Er habe dort telefoniert und gesagt: „Sie kommen nicht.“ Wen hatte er damit gemeint? Polizeiliche Verfolger? Oder Komplizen?

Dann sind da noch die Aussagen jener Polizisten, die Ernst H. in der Nacht von Priklopils Selbstmord observierten. Auffällig nervös sei der Kumpel des Täters damals gewesen. Er habe in einer Lagerhalle Kisten in einen Bus geschleppt, und bei einer ersten Begegnung mit einer Polizistin fragte er: „Hat er sie umgebracht?“ Er musste von Kampusch also gewusst haben.

Doch in der ersten Einvernahme sagte H. aus, von Priklopils Taten nichts erfahren zu haben. Die beiden seien zwar sechs Stunden im Auto gesessen, aber Priklopil habe bloß eine Alkofahrt gestanden.

Das war gelogen, wie die Staatsanwaltschaft seit Freitag weiß. Priklopil, so H.s neue Verantwortung, habe damals seine Lebensbeichte abgelegt. Auch bezüglich anderer Details hat H. nun anders ausgesagt. „Wir müssen klären, warum“, sagt Staatsanwalt Mühlbacher. „Mein Mandant hatte Angst“, erklärt H.s Anwalt Manfred Ainedter. Noch etwas ärgert die Kriminalisten. Die Kisten, die H. in der Tatnacht hektisch wegschaffte, wurden nie beschlagnahmt. Sein Wagen wurde nie auf Spuren untersucht. „In der Hektik“, erzählt ein Polizist, „wurde damals massiv geschlampt.“

Das soll nicht mehr passieren. Mühlbacher ließ deshalb sogar Material beim deutschen „IT-Spezialisten“ Thomas Vogel beschlagnahmen. Der besachwalterte Verschwörungstheoretiker mit dem Musketierbart gilt in Deutschland als Spinner, seine „Arbeitsfelder“, so sagte er einmal, seien „Visualisation, Telefon, Telepathie“. In Österreich wurde der Mann, der vorgibt, ein Sexvideo mit Kampusch zu besitzen, dennoch als Kronzeuge angeführt. In einem wirren Youtube-Video behauptet er, dass auch Mutter Kampusch in den Fall involviert sei.

Dass Vogel ein Spinner ist, weiß auch Adamovich, und doch begrüßt er die Hausdurchsuchung: „Herr Vogel bewegt sich in demselben Milieu, in dem sich auch Priklopil bewegt hat. Es ist nicht undenkbar, dass er etwas weiß.“

Der Absonderliche und der Präsident. Sie beide stellen ähnliche Hypothesen im Fall Kampusch auf, freilich aus völlig anderen Motiven. Was für den einen Narretei, ist für Adamovich Teil einer mühseligen Suche nach Erkenntnis.

Viel Platz, um auf die Gefühle der Opfer und ihrer Angehörigen Rücksicht zu nehmen, bleibt da nicht. „Es ist ein Risiko, das jeder trägt, der in eine strafbare Handlung hineingezogen wird“, sagt Adamovich. Das seien, wenn man so will, Kollateralschäden der Wahrheitsfindung.

Ist das so? Adamovich wird sich nun vor Gericht gegen Kampuschs Mutter in einer ungewohnten Perspektive wiederfinden: als Beschuldigter. Es gelten in seinem Fall mildernde Umstände.

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 10 Ressort: Politik

„Unsere Freiheit endet im Stau“

Gegen Verkehr, Zersiedelung, Apathie: Wie Claus Leggewie die Klimakrise kleinkriegen will

Matthias G. Bernold im Gespräch mit Claus Leggewie

Man könnte Claus Leggewie einen Hans Dampf in allen Gassen nennen. Der deutsche Kulturwissenschaftler forschte über Terror und Medien, verfasste Bücher über die Türkei und Europa, Bosnien nach dem Bürgerkrieg, die Globalisierung und den weltpolitischen Einfluss der USA. In seinem jüngsten Buch befasst sich Leggewie mit dem Klimawandel, und er entwirft die Utopie einer neuen Gesellschaft.

Falter: Warum ist Klimawandel ein Thema für einen Kulturwissenschaftler?

Claus Leggewie: Klimawandel heißt Kulturwandel. Und die Art und Weise wie wir das Klima – etwas das wir nicht riechen, schmecken und fühlen können – erfahren, ist kulturell geprägt. Die Naturforscher haben lange naiv geglaubt, dass die Menschen ihr Verhalten ändern würden, wenn man nur über die abstrakte Bedrohung aufklärt. Das geschieht aber nicht. Deswegen sind Kulturwissenschaftler gefragt, weil sie die symbolische, emotionale und Verhaltensebene in den Blick nehmen.

In Ihrem Buch führen Sie aus, dass mit den Rohstoffen auch die Errungenschaften der westlichen Moderne – Marktwirtschaft, Zivilgesellschaft und Demokratie – zur Neige gehen. Am Horizont lauert die Megakrise. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Leggewie: Die Erschöpfung der Marktgesellschaft hat man an der Wirtschaftskrise gesehen. Wir haben es mit dem größten Marktversagen der Geschichte zu tun. Es ist eben nicht so, dass alles eingepreist wird und die unsichtbare Hand des Marktes zu den erwünschten Resultaten führt. Gerade beim Klimawandel besteht ein Regulierungsproblem, für das die uns zur Verfügung stehenden nationalstaatlichen Instrumente nicht reichen. Es fehlt eine neue Architektur globaler Kooperation.

Als Gegenmaßnahme schlagen Sie in Ihrem Buch eine große gesellschaftliche Transformation vor: Bitte skizzieren Sie diesen Wandel.

Leggewie: Da sich das Gelegenheitsfenster zur Klimaschutzpolitik rasch schließt, ist breites Gegensteuern durch Gesetze und Marktanreize erforderlich, eine noch nie dagewesene Technologieentwicklung und erhebliche Lebensstiländerungen im Zeitraffertempo. Gleichzeitig müssen wir unseren Lebensalltag entschleunigen und uns von den Mustern industrieller Dynamik trennen, die am Wachstumsfetisch hängen. Ohne eine neue Kultur der politischen Partizipation der Bürger, die den Fernseher abstellen und aktiv werden, schaffen wir das nicht.

Wie muss sich unser Leben ändern?

Leggewie: Wir müssen an den großen drei Klimasünden ansetzen. Erstens: Unsere Ernährungsweise darf nicht länger die Ressourcen der Welt plündern. Zweitens: Unsere individuelle Mobilität muss energieeffizienter und reduziert werden. Drittens: unsere verschwenderische Raumnutzung muss urbanen, verdichteten Lebensräumen mit intelligenten Verkehrskonzepten weichen.

Sie kritisieren die Reparaturmaßnahmen in der Wirtschaftskrise als Bruch des Generationenvertrages, weil überkommene Industrien auf Pump erhalten werden und kein nachhaltiger Umbau betrieben wird. Hätten Sie die Konjunktur nicht gestützt?

Leggewie: Doch. Die Frage ist nur wie. Länder wie Südkorea oder China haben es vorgezeigt. Dort gibt es viel mehr Grün in den Stimulus-Packages als in den USA und Europa. Eine Abwrackprämie Umweltprämie zu nennen, zeigt ja, wie schlecht das Gewissen derjenigen sein muss, die so einen Blödsinn veranlassen. Fünf Milliarden Euro wurden ausgegeben, die nun nicht für eine energiepolitische Wende zur Verfügung stehen. Das Irre ist: die Politiker, mit denen man redet, wissen das, und die die Prämie in Anspruch nehmen auch. Weil wir wie die Junkies von der strukturellen und symbolischen Bedeutung des Automobils abhängig sind. Die Deutschen versichern selbstverständlich die Chromfelgen ihrer Autos, wären aber nicht bereit für eine Pflegeversicherung im Alter zu zahlen.

Aber es gibt eine kräftige Umweltbewegung. Menschen organisieren sich im Internet, grünes Gedankengut wird politischer Mainstream, und seit zwei Jahren ringen die Staaten um ein neues Klimaschutzabkommen, das in Kopenhagen unterzeichnet werden soll. Da tut sich doch was …

Leggewie: Das ist ja die Botschaft unseres Buches. Das Problem sind die vielen Meinungsführer und Schwerst-Intellektuellen, die uns mit Kopfschütteln begegnen und die sagen: Das schaffen wir nie. Als Trittbrettfahrer des Wohlstands und des Friedens der vergangenen 30, 40 Jahre, starren die 68er voller Pessimismus auf die nachfolgenden Generationen und sagen: So, das war’s. Diese Sorte von Defätismus und Zynismus der Meinungsführer ist lähmend.

Die Aussichten sind ja tatsächlich nicht rosig. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Pensionen gelten als unsicher, die Generation Praktikum taumelt von einem prekären Dienstverhältnis ins nächste, und dazu der Klimawandel mit seinen Horrorszenarien. Davon auszugehen, dass man den Lebensstandard der Eltern nicht mehr erreichen wird, ist doch nachvollziehbar.

Leggewie: Natürlich, aber das macht auch Spaß.

Wie meinen Sie das?

Leggewie: Das meiste, was wir als Freiheitsgewinn durch Wohlstand, Mobilität, Gourmetküche und so weiter erleben, ist Zwangsbeglückung oder oberflächliche Ablenkung. Die Freiheit, Auto zu fahren endet beispielsweise im Stau auf der Südosttangente. Mobilität ist oft Zwangsmobilität, weil man zur Arbeit oder in den Supermarkt fährt, die so weit weg sind.

Reden Sie uns den Verzicht schön?

Leggewie: Wir müssen uns auf Änderungen des Lebensstils einstellen, die wir aber nicht als Verzicht, sondern als Entlastung von Scheinfreiheiten und Zugewinnmöglichkeiten durch eine vita activa begreifen müssen. Dazu gehört auch die Möglichkeit einer stärkeren politischen Partizipation, um überkommene Parteien- und Ressortpolitik, für die Österreich das beste Beispiel ist, aufzubrechen.

Sind die Hochschulproteste, wie wir sie gerade erleben, ein Beispiel für eine politische Partizipation in Ihrem Sinn?

Leggewie: Im Kern ist es das, was wir uns als Form der außerparlamentarischen Opposition erhoffen. Ich wünschte mir allerdings Protestbewegungen zu erleben, die nicht bloß von einem pseudo-gewerkschaftlichen Gesichtspunkt und der Verteidigung von Besitzstandswahrung motiviert sind oder davon, die Piefkes von den Unis wegzukriegen. Das große Ganze einer Bildungsreform sollte sich der Frage widmen: wie richten wir uns die Welt von morgen ein?

Wo geht es nur um Wahrung von Besitzständen und wo um die Gestaltung einer besseren Welt?

Leggewie: Ich denunziere materielle Interessenvertretung nicht. Ich wundere mich sogar, welchen Abbau des Wohlfahrtsstaates wir ohne nennenswerte Massenproteste zugelassen haben. Ich hätte nur die Vorstellung, dass zum Klein-Klein des Interessenkampfes Zukunftspathos tritt.

Wenn man Sie einen weltfremden Utopisten nennt, würde Sie das stören?

Leggewie: Nein. Da bin ich stolz drauf. Blamiert haben sich doch gerade die „Realisten“.

Zwei Fragen hätte ich noch: Welches Auto fahren Sie? Und: Auf wieviel Quadratmeter Raum wohnen Sie?

Leggewie: Solche Fragen finde ich überflüssig. Ich gebe nicht den Ökoengel und kann meine Thesen als Klimasünder genauso vertreten.

Mich interessiert, wie Sie es als Autor, der einen nachhaltigen Lebensstil einmahnt, persönlich mit dem Klimaschutz halten.

Leggewie: Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Ich habe einen spritschluckenden Oldie vor der Tür und fahre fast nur mit der Bahn, und in meiner Riesenaltbauwohnung herrscht eine durchschnittliche Raumtemperatur von 18 bis19 Grad. Dadurch und durch vieles andere unterschreitet mein ökologischer Fußabdruck den Mittelklassedurchschnitt nachweislich bei weitem.

Zur Person:

Claus Leggewie (geboren am 27. März 1950 in Wanne-Eickel) ist Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen.  1995 und 2006 war Leggewie Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien

Leggewie, Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten S. Fischer, 278 S., € 19,95

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 16 Ressort: Politik
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