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Fühlt sich gut an: Plädoyer für eine neue Politik aus dem Bauch

Das Bundesheer bleibt also im Assistenzeinsatz. Zwar sind sich alle einig, dass die Soldaten die Grenzen nicht sicherer machen, aber dafür – argumentiert Bundeskanzler Werner Faymann – werde das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung gestärkt. Diese mutige Entscheidung ist zu begrüßen. In einer Welt, in der alles immer komplizierter wird, muss Kopf weg und Bauch ran. Gefühlsechte Lösungen passen für jedes Problem: Gegen die Angst vor Jobverlust setzen wir einen Gewerkschaftsfunktionär in jedes Büro. Angst vor Armut oder sinkender Pension? Wir drucken “Du bist reich” auf jeden Kontoauszug. Gegen Todesangst helfen Politiker, die uns ein Kreuz unter die Nase halten. Es gibt nichts, das sich nicht mit Gefühlspolitik bekämpfen ließe. Außer vielleicht das Gefühl, hier mächtig für dumm verkauft zu werden.

“Falter” Nr. 23/09 vom 03.06.2009 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung

Umgangstöne

In der Woche, in der Israel eine neue Knesset wählte, begab ich mich nach Tel Aviv, um Freunde zu besuchen. Schon dreieinhalb Stunden vor Abflug stand ich vorm Schalter der Fluglinie El Al. Eine gute Entscheidung. Denn die Sicherheitskräfte nützten jede Minute: Zusätzlich zur normalen Gepäcks- und Personenkontrolle ging ich durch drei Einvernahmen. Einer, der mit mir sprach, war besonders argwöhnisch: Er ließ mich erst passieren, nachdem er meine vier Bekannten in Israel angerufen hatte und diese ihn von meiner Harmlosigkeit überzeugten.

Nun gehöre ich zu den Menschen, die eindringliches Befragt-Werden durch Sicherheitsorgane als unangenehm empfinden. Ich meine, es ist erniedrigend, in Socken umhergehetzt zu werden, und es nervt, wenn ein Fremder meine Unterhosen im Koffer durchwühlt. Dies vorausgeschickt, hätte die Reise unerträglich sein müssen, zeichneten sich die vielen israelischen Inspektoren nicht durch folgende Eigenschaften aus: Freundlichkeit und Respekt.

„Es tut mir leid, ihnen Umstände machen zu müssen“, „Sie wissen, es ist zu ihrer Sicherheit“, „Wir danken ihnen für die Kooperation“: Die Wachleute in dem waffenstarrenden kleinen Land am Mittelmeer, das zugleich lebendige Demokratie wie es – in den besetzten Gebieten – als Polizeistaat auftritt, kompensieren die Intensität der Kontrollen durch höflichste Umgangsformen. (Zumindest, wenn man kein verdächtig scheinender Araber ist.) In Jahrzehnten, in denen sich Krieg und Friedensverhandlungen, Intifada und Siedlungsbau, Selbstmordattentate und Vertreibungen, Raketenangriffe auf Zivilisten und Luftschläge in Wohngebieten abwechselten, sind rigorose Sicherheitsmaßnahmen selbstverständlich und professionell geworden. Wo jeder Mann und jede Frau drei Jahre Wehrdienst leisten, wo vor den Eingängen der Kaufhäuser Metalldetektoren stehen. Wo Krieg- oder Kriegsgefahr vor der Haustür lauern und jede Wahl über die Positionierung zum Konflikt gewonnen oder verloren wird, kommen einem viele der Sicherheitsprobleme Zentraleuropas lächerlich vor. Vielleicht erklärt das die Gelassenheit der Polizei im Alltag.

„Shalom. Ich sehe, Sie fahren ein Mietauto, sind Ausländer und kennen vermutlich die Gesetzeslage nicht“, sagte der junge Polizist, der mein Fahrzeug auf der Autobahn nach Umm el Fahm gestoppt hatte. „Telefonieren am Steuer ist mit einer Geldstrafe von 2000 Schekeln bedroht. Bitte machen sie es in Zukunft nicht mehr. Gute Fahrt.“

Ebenso höflich verliefen die Kontrollen während der Rückreise. Zwei mal wurde mein Koffer aus- und wieder eingepackt und auf Sprengstoffe untersucht. Rau wurde der Umgangston jedoch erst wieder bei der Passkontrolle nach der Landung in Wien. „Was ist mit dir?“ herrschte ein Staatsorgan den Mann vor mir an, „Hast du keine Augen im Kopf? Bleib bei der orangen Linie stehen!“

glosse im extra


Bremsenlos trendy

„Ein Bahnrad ist sexy“, behauptet Dave, der gerade frisch in meine WG gezogen ist und der sich jetzt eines kaufen will. Dave hat ein sicheres Gespür für Trends. Und Bahnräder, weiß Dave, sind in New York der letzte Schrei.

Ein Bahnrad ist ein Fahrrad ohne Bremsen und ohne Gangschaltung. Jedes überflüssige Gramm wurde eingespart, um auf der Rennstrecke entscheidende Zehntel- oder Hundertstelsekunden gutzumachen.

In Stadtverkehr sind Bahnräder unpraktisch und unsinnig. Das gilt schon für Wien, wo man auf dem Ringradweg alsbald mit einer Touristengruppe kollidieren würde. Es gilt aber in noch weit höherem Maß für New York. Denn diese Stadt ist für Tretende die Hölle.

Vergessen wir einmal die Qualität der Straßen mit ihren tiefen Schlaglöchern, mit den Asphaltfugen und den gemeingefährlichen Kanaldeckeln, in denen die Reifen hängen bleiben. Vergessen wir die immer blockierten oder verparkten Fahrradstreifen. Das Problem ist, dass New Yorks Autofahrern kein Konzept eines Rad fahrenden Menschen haben: Es ist, als gäbe es Radfahrer gar nicht. Man wird geschnitten. Des Vorranges beraubt. Oder – und das ist eine der größten Gefahren – man kollidiert mit einer sich plötzlich öffnenden Autotür. Alle paar Wochen kommt ein Radfahrer im Straßenverkehr zu Tode.

Es ist eine absurde Irrung, dass das Bahnrad in New York zum unentbehrlichen Stilmittel werden konnte. Aber im Stadtteil Williamsburg in Brooklyn, wo Trends geboren und aufgezogen werden. Wo man zuerst Frauen in bunten Gummistiefeln und Männer in hautengen Skinny Jeans und übergroßen 80er-Jahre Hornbrillen erblickte. Dort, bei den jungen Kreativen gibt es keine anderen Räder mehr. Als wären entbehrliche Einfältigkeiten wie Bremsen, Klingeln, stoßgedämpfte Gabeln oder Gepäckträger überhaupt nie erfunden worden.

Wer sich diese Mode ausgedacht hat, weiß ich nicht. Vielleicht die Fahrradboten. Diese tätowierten, wadenmuskelbepackten Helden der Großstadt, die in aberwitzigem Tempo durch die Autokolonnen mäandern, sind häufig auf den Spezialrädern unterwegs. „Ich brauche die Bremse eigentlich nicht“, erklärt mir einer von ihnen und betrachtet dabei so verächtlich das Einkaufskörbchen an meinem Lenker, dass ich mich augenblicklich dafür schäme. Er arretiert sein Rad gerade am selben Laternenmast, von dem ich meines löse. „Ich bleibe selten stehen“, sagt er, „sollte es doch einmal nötig sein, dann mache ich es so: Ich hebe mit einem Ruck den Hinterreifen an und stemme mich gegen die Pedale. Dann lasse ich das blockierende Hinterrad hinunter und bleibe mit einem Schleiferl stehen“.

Das – muss ich mir eingestehen, während ich noch überlege, mein Einkaufskörbchen abzuschrauben – hat dann doch wieder etwas. Sollte ich umsatteln?

Glosse im Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung

Trinkgeld inakzeptabel

Drei mickrige Shrimps in dicker Panier auf einem Häufchen kaltem Erdäpfelpüree. Dazu ein Tiegelchen mit Honigchili-sauce. Das Ganze wird mich dreizehn Dollar kosten, und – das weiß ich sofort – nicht sättigen. Der Kellner hat mir das Gericht empfohlen, nachdem er mich zwanzig Minuten hatte warten lassen. Es schmeckt mir überhaupt nicht, aber Studienkollegin Nadja aus Kanada ist heute 30 Jahre alt geworden und allein deshalb schon traurig. Da will ich ihr die Laune mit Beschwerden nicht noch mehr verderben. Ich spüle den Ärger mit Corona-Bier hinunter.

Zwanzig Leute sitzen an drei Tischen, die für die Geburtstagsfeier zusammen geschoben wurden. Während ich noch im Püree stochere, beginnt der Kellner, leere Sessel zu entfernen. Dann zieht er mir plötzlich den Tisch samt Teller unter der Gabel weg. “Sorry” , sagt er lapidar, “dieser Tisch ist für 20.30 Uhr reserviert” . Beim Zahlen gebe ich nur zwei Dollar Trinkgeld. Für dieses Service, so meine Überlegung, ist das immer noch zu viel. Doch der Kellner sieht das anders: “Zwei Dollar sind nicht akzeptabel” , sagt er.

Welches “Tip” akzeptabel ist und welches nicht, beschäftigt offenbar nicht nur mich und meinen Kellner. Eine Woche nach dem Besuch im “Havana Central” stellt die “New York Times” in einem langen Artikel die Frage, wie man Servierpersonal vor ausländischen Touristen schützen könne, “die sich nicht den lokalen Trinkgeldgebräuchen beugen wollen” . Die Vorschläge des Zeitungs-reporters reichten von fixen Aufschlägen von rund einem Fünftel des Rechnungsbetrages, wie sie schon jetzt in manchen Restaurants üblich sind, bis zu einer Trinkgeldpauschale für Touristen. “Allerdings könnte dies” , merkte der Autor weitsichtig an, “zu Diskriminierungsbedenken führen” . Auch sei es nicht immer leicht, Touristen nur aufgrund des Äußeren von Einwanderern zu unterscheiden.

Nun will ich mich den lokalen Gebräuchen ja nicht verschließen. Ich gebe gerne Trinkgeld. Nicht zuletzt, weil das Service hier um Klassen besser ist als in Wien. Es ist schneller, freundlicher und aufmerksamer. Und ohne die penetrante Aufdringlichkeit, wie in anderen Landesteilen der USA.

Klappt es mit dem Service einmal nicht so gut, fällt einem das umso mehr auf. Nach einigen Minuten zähen Verhandelns mit dem Kellner im “Havana Central” erhöhe ich das “Tip” um einen weiteren Dollar. Er fühlt sich dennoch ungerecht behandelt und ist beleidigt. Nur nicht aufregen, denke ich, als ich mir auf dem Gehsteig vor dem Lokal eine Zigarette anzünde. Der erste Zug hätte mir Erleichterung verschaffen sollen, da legt sich eine Hand auf meine Schulter. Es ist die des Kellners. “Könnten Sie bitte nicht vor dem Lokal rauchen” , sagt er, “es weht den Rauch nämlich ins Lokal, und das ärgert die Gäste.”

Glosse in der Wiener Zeitung

Bank-Geheimnisse

Ärgern Sie sich manchmal über Ihre Bank? Falls ja, sind Sie einfach sehr verwöhnt. In Österreich Geldgeschäfte zu erledigen, ist nämlich um vieles nervenschonender als in New York, der Metropole der Hochfinanz…

Glosse in der Wochenendbeilage “Extra” der Wienerzeitung 

Bankgeheimnisse als pdf.file

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