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La Honda

Geschichte ist in den USA entweder ausgeschlachtet und kommerzialisiert oder gut versteckt und schwer zugänglich. In La Honda, dem kleinen Ort in den Bergen südlich von San Francisco, wo Ken Kesey und seine Merry Pranksters in den 60er-Jahren die Psychedelische Ära zelebrierten, steht keine Tafel am Straßenrand, kein Erinnerungsschild, keine Statue. Nichts. Der Autor von „Manchmal ein großes Verlangen“ und „Einer flog über das Kuckucknest“, der sich selbst in einem Interview einmal als „zu jung für einen Beatnik und zu alt für einen Hippie“ bezeichnete, hat hier kein Monument. Aber als Held zahlreicher Texte von Allen Ginsberg, Tom Wolfe bis Hunter S. Thompson lebt er weiter. Und in der Erinnerung der Menschen von La Honda.

„Er war ein netter Kerl“, erzählt Pat, den ich auf der Veranda des Apple Jack’s Inn treffe, „hat in einem Spital gearbeitet, wo er das Acid für seinen Gäste besorgt hat. Die meisten haben damals das Zeug genommen, um zu schauen, was mit ihnen passiert. Kesey hat es anderen gegeben, um zu schauen, was mit denen passiert“. Es müssen wilde Feste gewesen sein unter den Bäumen von La Honda. Kesey befestigte Lautsprecher in den Wipfeln und lud Bands wie The Grateful Dead zu Privatkonzerten. Immer wieder kamen auch die Hell’s Angels, bis es der Polizei zu blöd wurde. Pat – in seiner grauen Mähne hat er einen kleinen Zopf – erinnert sich gern an die verrückte Zeit. „Die Farmer dachten, der Teufel sei in ihre Nachbarschaft gezogen. Sie haben ihn mit allen Mitteln bekämpft“. Kurz nachdem Kesey Ende der 1960er-Jahre seinen Grund in La Honda verließ, wurde das Haus in einem Unwetter zerstört.

„Schreib auf“, weist mich Pat an: „Bush ist ein Arschloch. Die Republikaner sind Arschlöcher.“ Fotografiert will er nicht werden, weil er – wie er sagt – ein paar Probleme mit der US-Regierung hat. „Das letzte Mal als ich wählen ging, habe ich für John F. Kennedy gestimmt. Der hat mich zum Dank ein Jahr länger in Vietnam dienen lassen.“

Hinter dem Roten Vorhang

Es ist Markttag in Arcata, und die kleine Küstenstadt im Norden Kaliforniens ist noch spezieller als sonst. Auf dem Plaza tummeln sich Gestalten mit langen Haaren, verwucherten Bärten und gebatikten Kleidern. Eine Clown-Yogatruppe stellt sich vor. Obdachlose rauchen Gras und betteln im Liegen. Hippiehändler verkaufen Traumfänger, selbst gebastelte Taschen und vegane Hotdogs.

Neben dem Springbrunnen hockt ein junger Mann, der sich Phoenix nennt. Ärmellose Weste, Grizzlykrallen-Kette auf der blanken Brust. Ein Mädel flicht Zöpfchen in sein krauses Haar, während er Trommel spielt. Phoenix ist aus Tel Aviv. Seit zwei Monaten lebt er in Arcata. „Das ist der beste Platz der Welt. Alles geht zurück zur Natur. Die Leute bauen ihr eigens Gemüse an. Sie fahren Rad.“ Tatsächlich ist die 17.000 Einwohner-Stadt im Herzen des Humboldt County eine Oase des Öko-Bewusstseins. Im Supermarkt prangen auf den Produkten „organic“ oder „Fair-Trade“-Zeichen. Die Einkaufssäcke sind aus Papier. „Wir leben hinter dem Red Wood-Forrest Vorhang“, erklärt mir Carlotta Masterson von der League of Women Voters, die darum wirbt, Wähler zu registrieren: „Alles ist bei uns ein bisschen anders.“

An einem der Stände treffe ich Dana Silvernale, eine Grüne Lokalpolitikerin. Nirgendwo in den USA ist die Zahl der Grünwähler höher: „Leider hört man in den Nachrichten nie von unserer Spitzenkandidatin Cynthia McKinney. Die kooperierten Kandidaten haben die Medien total unter Kontrolle.“

Viele blieben gern länger in Arcata. Manche treibt der Idealismus fort. So wie Phoenix: „Ich muss nach Alaska zu den Inuit. Dort oben schmilzt alles. Die brauchen wen, der ihnen erklärt, wie sie wegkommen. Sie können ja nicht einfach Auto stoppen.“ Andere fliehen vor den hohen Mietpreisen. „Ich kann mir das Leben in Arcata nicht leisten“, sagt Hannah von Democracy Unlimited und lacht: „So viele reiche Leute aus San Francisco sind hierher gezogen. Viele Hippies hier sind eigentlich Yuppies.“


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