Tag Archives: john mccain

Der Clownfaktor

Als John McCain im August Sarah Palin als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin vorschlug, stahl er Barack Obama die Show. Der Demokrat hatte am Parteitag in Denver eine Rede aufgesetzt. Mitreißend, berührend, Zuversicht gebend hätte sie sein sollen. Allein, die Worte blieben wirkungslos. Denn aller Ohren und Augen waren auf die Gouverneurin aus Alaska gerichtet. In den Umfragen schrumpfte der Abstand der Kandidaten. Einige sahen den Republikaner sogar vorne. Zum ersten Mal im Wahlkampf übernahm McCain die Initiative.

Inzwischen hat sich das Blatt wieder gewendet. Die Seite www.fivethirtyeight.com (ich bitte an dieser Stelle um Entschuldigung, ich habe die Adresse in der letzten Kolumne irrtümlich als www.538.com angegeben.) beziffert die Wahrscheinlichkeit eines Obama-Sieges mit 95 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommen die Betreiber durch Gesamtauswertung aller bisher durchgeführten Meinungsumfragen. Und Palin. Ja, Palins Überraschungsfaktor hat sich zugunsten des Clownfaktors verflüchtigt. Nicht nur, dass sie in der Presse für Kleidungsrechnungen in Höhe von 150.000 Dollar geprügelt wird. Sie ist auch seit Wochen Dauergast in der NBC-Show Saturday Night Live, wo sie von der Golden Globe-gekrönten Komödiantin Tina Fey imitiert wird.

Ebenfalls Unterhaltungswert hat die Homepage http://www.palinaspresident.info. Der Benutzer sieht Sarah Palin, die hinter dem Schreibtisch im Oval Office sitzt. Klickt man auf die Gegenstände im Büro, wird das von Palin verschiedentlich kommentiert. So lassen sich etwa die Jalousien in die Höhe öffnen, womit ersichtlich wird, dass am Vorplatz des Weißen Hauses Öl gefördert wird. Im Schreibtisch verbirgt sich ein Bullterrier und hinter einer Tür kommt ein Reh zum Vorschein, dass sich – bei nochmaligem Klick und Klang eines Schusses – in ein blutiges Bündel Fleisch verwandelt. Spätestens dann, wenn man auf das rote Telefon klickt, wird man verstehen, warum sich die Macher der Seite Sarah Palin eher nicht als Präsidentin wünschen.

Gefahr durch Sozialismus?

Fox News and some McCain voters fear that the US could turn to communism if Obama gets elected

Fox News and some McCain voters fear that the US could turn communistic...

Zwei Stunden nach Ende der zweiten TV-Präsidentschaftsdebatte zählte das Online Forum des konservativen TV-Senders Fox News bereits mehr als 19.000 Einträge. Die Debatte zirkelte um die Frage: Erobert der Sozialismus die USA?

Ein paar Leseproben:

Dale: „Ich hätte nie gedacht, dass ich den Tag erleben muss, an dem Amerika, das Land, das ich liebe und für das Generationen kämpften und starben, an der Schwelle steht, einen Sozialisten oder Kommunisten zu wählen. Amerika erwache!“

Brian Wilkins: „Warum nennt jeder Obama einen Sozialisten? Wisst Ihr überhaupt, was das bedeutet?“

Roy D. Hensley: „Der einzige Weg für dieses Land, zu überleben, ist nicht Ökonomie oder Gesundheitsvorsorge, sondern der moralische Standpunkt und der Glaube. Ich gebe zu, ich bin McCain/Palin-Unterstützer. Weil die beiden näher dran sind an Gott.“

Frankenstein: „Der Steuergeld verprassende Liberale hat die Debatte verloren. Er hat seine sozialistische Politik nicht besonders gut verteidigt.“

MR TAXMAN: „Krankenversicherung, Sozialhilfe, Essensmarken, Wohnbeihilfe – das sind keine Rechte! Es ist eine immense Belastung für Steuerzahler. Demokraten lieben es, die Armen mit staatlicher Hilfe zu ködern. So erzeugen sie Untertanen.“

Republican for Life: „Die Medien kontrollieren die Umfragen, und die Medien sind links-liberal. Geben alles für Obama. Aber wenn der Wahltag kommt, wird  McCain einen Erdrutschsieg einfahren. Obamas Politik ist sozialistisch und marxistisch. Er ist Freund eines Terroristen. Übrigens: Seine Frau hasst alle Weißen.“

MB: „Ich bin so wütend, dass die Medien immer auf der Seite der liberalen Rebellen stehen.“

Mike: „Egal welcher Kandidat gewinnt, Amerika bewegt sich in Richtung Sozialismus. Ich fürchte, dass die freie Marktwirtschaft in Gefahr ist. Ich kann nur beten, dass ich falsch liege.“

Chelsea Brannon: „Was ist so falsch mit Amerika, dass wir einen Hitler-artigen Führer brauchen? Ich bin stolz, Amerikanerin zu sein und hoffe, dass die Leute Obama durchschauen.“

Was wirklich wichtig ist

Craig DeLuc is trying to convince Afro-Americans to vote for McCain

Craig DeLuc is trying to convince Afro-Americans to vote for McCain

In der Faith Fellowship Community Church im Norden der kalifornischen Hauptstadt Sacramento wird heute nicht gebetet, sondern diskutiert. Die Kirche veranstaltet einen Konvent zur Präsidentenwahl. Drei Dutzend Gäste sitzen auf den violett gepolsterten Bänken. Einer der Redner ist Craig DeLuc. Der Republikaner will schwarze Wähler davon überzeugen, dass John McCain der beste Kandidat für sie ist:

„Schreibt nicht dadurch Geschichte, dass ihr einen Schwarzen wählt – schreibt Geschichte, indem ihr den wählt, der mehr Verdienste hat und das bessere Programm“, ruft der Afroamerikaner ins Publikum. Viele unterbrechen seine Rede mit zynischen Rufen, doch er lässt sich nicht beirren: „Obama spricht von ,Change’. Auch McCain will Veränderung. Der Unterschied ist: Obama vertraut auf die ändernde Kraft der Regierung. McCain hingegen vertraut auf die Kraft der Leute. Er vertraut euch!“

Der 35-jährige DeLuc trägt Nadelstreif und blitzende Schuhe. Geboren wurde er in Richmont, Kalifornien. In ein demokratisches Elternhaus, wie er sagt. An der Highschool lernte er konservative Ideen kennen. „Ich habe erkannt, dass viele Schwarze nur aus Tradition demokratisch wählen. In ihren Werten sind sie den Republikanern näher: Gegen Abtreibung, für Unternehmergeist, Familie und Glauben.”

Ich frage DeLuc, der sich am Podium für freie Märkte ausgesprochen hatte, ob er nicht damit übereinstimme, dass Deregulierungen die Hauptschuld an der Hypotheken- und Finanzkrise tragen, die jetzt die USA zwingt, marode Investmentbanken zu subventionieren. „Schuld sind jene, die über ihre Verhältnissen gelebt haben. Die mit Hypothekenkrediten Urlaube, Autos und Schulgelder finanzierten.“

Was ist das größte Problem Kaliforniens, Herr DeLuc?

„Dass Kalifornien die Homosexuellen-Ehe zulässt. Wir unterstützen die Proposition 8, über die am Tag der Präsidentenwahl abgestimmt wird. Damit wollen wir in der Verfassung festlegen, dass es die Ehe nur zwischen Mann und Frau gibt.“

Mystischer See aus Geld

Glynn Crooks, vize chairman of the Shakopee Mdewakanton Sioux

Glynn Crooks, vize chairman of the Shakopee Mdewakanton Sioux

Arbeitslosigkeit, Verbrechen, Alkoholismus – das sind die typischen Probleme in den Indianerreservaten. Die Shakopee Mdewakanton Sioux, 43 Kilometer südwestlich von Minneapolis, haben ein anderes Problem: Zu viele Autos. Zwar sind die meisten der Anwesen mit vier oder mehr Garagen ausgestattet. Aber sie reichen dennoch nicht, um all die Hummers, Corvettes und Escalades unter Dach zu bringen.

Quelle des Reichtums, der nicht nur Luxuskarossen, sondern auch hervorragende medizinische Versorgung, Schulbildung und Umwelttechnologie möglich machte, ist das Mystic Lake Casino. Das Privileg, Spieler abzuzocken, ist in den meisten US-Bundesstaaten den Indianerreservaten vorbehalten. Weil sein Kasino so nahe zu den Twin Citys liegt, wurde der knapp 350-köpfige Stamm zu einem der reichsten in den USA. Mit 5.000 Angestellten ist die Spielhalle der größte Arbeitgeber in der Region. Jeder Stammesangehörige bekommt einen Anteil am (geheim gehaltenen) Gewinn.

The Mystic Lake Casino

The Mystic Lake Casino

“Ich treffe Glynn Crooks, den Vizepräsidenten des Stammes in seinem Büro: einem detailgetreuen Nachbau des Westflügels des Weißen Hauses. Vom Teppich über die Topfpflanzen, vom roten Telefon bis zur Couch – alles wie im Oval Office in Washington. Crooks, er trägt ein schwarzes Hemd und darüber eine silberne Kette mit dem Emblem seines Volkes, sitzt an einer Kopie des Schreibtisches von Abraham Lincoln. Er ist ein großer Fan von allem, das mit US-Präsidenten (und Adlern) zu tun hat. „Für uns in Shakopee macht es keinen Unterschied, wer Präsident wird“, sagt Crooks. Als anerkanntes Reservat haben die Sioux in Shakopee politische Autonomie, eigene Gerichte und Polizeigewalt. „Ich persönlich war ein großer Fan von Hillary Clinton. Wer für die Indianer jetzt der bessere Kandidat ist, ist schwer zu sagen.“

Dass McCain die Indianer in seiner Rede am Parteitag der Republikaner in St. Paul einmal kurz erwähnte, ändere nichts daran, dass „Politiker viel über Schwarz und Weiß reden, aber eigentlich nie über Indianer.“

John Mc Cain in Wilkes-Barre

Chris and Breanne waiting for McCain in Wilkes-Barre

Chris Bohinski (links) and Breanne G. waiting for McCain in Wilkes-Barre

Um 4.25 Uhr kommen wir in Wilkes-Barre an. Es regnet in Strömen. Unter dem Vordach zum Eingang des F.M. Kerby Centers of Performing Arts sitzen zwei Teenager auf einer rosa/hellblauen Decke und warten. Kein Popkonzert ist es, das Chris und Breanne vor dem Morgengrauen aus dem Bett gelockt hat. Es ist ein Mann, der 54 Jahre älter ist als sie: John McCain.

Während sein demokratischer Widersacher durch die Welt reiste, zog es den Republikaner nach Pennsylvania. “Jeder kommt nach Wilkes-Barre”, erklärt Chris. Er ist 17 Jahre alt und will Journalist werden. “Wir haben Hillary und Obama hier gesehen. Bei McCain wollten wir als erste da sein.” Die Mühe des 17-Jährigen wird belohnt werden. Die Kampagnemanager platzieren ihn zusammen mit 40 anderen direkt auf der Bühne. Ein Supertag für Chris und Breanne. Denn: “Viel tut sich hier sonst nicht.” Wilkes-Barre, umgeben von dichtem Wald, ist eine 40.000 Einwohner-Stadt im Osten des zwischen New Jersey, Ohio und New York gelegenen Bundesstaates. Dass es alle Kandidaten hierher verschlägt, hat einen einfachen Grund. Die Stimmen der Menschen in Pennsylvania (und Ohio) werden vermutlich diese Wahl entscheiden. In den Vorwahlen sympathisierten die meisten hier mit Hillary Clinton, deren Großmutter in einem Nachbardorf lebte. Barack Obama begegnen viele der weißen Arbeiter und Bauern mit Skepsis. Aber die häufigste Reaktion, auf die wir stoßen, ist Ratlosigkeit. Die hölzerne Performance McCains, der den Menschen im Theatersaal billiges Benzin verspricht und einmal mehr seine Kriegserfahrung hervorstreicht, ändert daran wenig.

“Ich weiß es noch nicht”, sagt etwa der 22-jährige Mat Andrejko, der gerade seinen Hilfsarbeiterjob verloren hat. “Mit dieser Gegend geht es bergab. Gerade haben die wieder ein General Motors-Werk geschlossen. Das wird jetzt alles in China gemacht. Ich würde weggehen, aber ich hab meine kranken Eltern hier. Wen ich wählen werde? Wahrscheinlich den, der mir besser etwas vorlügt.”

Bernold

Photo:Joe Barth

Joe Barth

A decisive moment in world history: John McCain's hand (on the left) is being seriously squeezed by roving reporter Matthias G. Bernold. Photo: Joe Barth

Haudegen gesucht

Er hat die Schlacht gewonnen, aber nicht den Krieg. Damit Barack Obama US-Präsident werden kann, braucht er jetzt vor allem einen politischen Haudegen für das Amt des Vizepräsidenten, der effizient umsetzen
kann, was Obama wortreich verspricht…

Analyse in der Wiener Zeitung


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