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Freundschaft am Kanal

Public Private Partnership auf Wienerisch. Wer von der Gastronomie am Wiener Donaukanal profitiert

Zusammen mit Dagmar Weidinger

Wenn gerade keine WM-Partie läuft, dann flimmern auf der dreieinhalb mal fünfeinhalb Meter großen LED-Wand Musikvideos, und aus den Lautsprechern unter den Holzbänken wummert der Bass. Der Mann mit den halblangen Haaren und den dunklen Augenringen, die ihm das geschäftige Nachtleben tief ins Gesicht gebrannt hat, ist stolz auf seine jüngsten Investitionen. Wenn alles glattgeht – hofft Peter Schachinger, der Geschäftsführer des Flex –, wird er für Lautsprecher und Bildschirm bald eine Genehmigung bekommen, die über die Dauer der Fußball-WM hinausgeht. „Zum Glück sind bald Wahlen“, sagt er, „da ist einiges möglich.“

Schachinger hat Erfahrung mit solchen Dingen, betreibt er doch den Nachtclub am Donaukanal seit immerhin fast 15 Jahren. Dass sich der Underground-Club so lange hier halten konnte, erforderte viel Geduld, Durchsetzungsvermögen und vor allem eines: exzellente Kontakte ins Wiener Rathaus. Nach Anrainerbeschwerden wegen Lärmbelästigung, nach Anti-Flex-Kampagnen der FPÖ wegen der Drogenszene bei der U-Bahn-Station Schottenring und auf der Augartenbrücke, nach Versuchen der Wiener Linien, das Lokal im Rahmen der U2-Verlängerung zu delogieren, stand man mehrfach vor dem Zusperren: „Zilk hat das Flex ermöglicht“, sagt Schachinger, „Häupl hat es gerettet.“ Ohne die Wiener SPÖ, weiß er, „gäbe es uns heute nicht“.

Wie ein gütiger Vater wacht die Rathausmacht über ihren Donaukanal. Damit hunderttausende Gäste ihre Zehen in den Sand stecken, am Aperol-Spritzer nippen und so neues urbanes Lebensgefühl genießen können, griff die Stadt privaten Investoren kräftig unter die Arme.

Inwieweit sich diese Kooperation bewährt, wer wie gut davon profitiert und nach welchen Kriterien die Geschäfte zwischen Privaten und Stadtverwaltung laufen, ist nicht einfach festzustellen. Denn die Stadt gibt weder Zahlen über geleistete Investitionen noch über die eingenommenen Pacht- oder Steuersummen bekannt. Was nach außen dringt, zeigt eine Konstruktion, die – etwas zugespitzt – ungefähr so aussieht: Die Stadt investiert, einige Wirte profitieren, den Gästen taugt’s – und die SPÖ schlägt daraus politisch Kapital.

Wer wissen will, wie diese wienerische Ausprägung des Public Private Partnership entstand, muss ins Jahr 1995 zurückblicken. Bis zu diesem Zeitpunkt war die 17,3 Kilometer lange Uferpromenade zwischen Nußdorf und Praterspitz Brachland. An den Ufern verlief ein holpriger Treppelweg, auf dem Radfahrer im Dämmerlicht unvorsichtige Ratten zu Tode fuhren. So wenig war los, dass es nicht einmal Spaß machte, die Kaimauern zu beschmieren. Am Kanal essen konnte man ausschließlich bei zwei Würstelbratereien, die nahe der Schiffsanlegestelle beim Schwedenplatz auf hungrige Touristen hofften.

All das sollte sich ändern, als Hans Benke, der Bezirksvorsteher des neunten Bezirks, seinen alten Spezi Oswald Schellmann anrief. „Ossi, schau mal“, soll Benke der Legende nach zum Gründer der Kultdisco U4 gesagt haben: „Könnten wir da nicht etwas machen am Kanal?“

Konnte man. Schellmann streckte rasch die geschäftssinnigen Fühler Richtung Donaukanal: 1995 schlossen Stadt Wien und der Gastronom einen Bestandsvertrag über Parkflächen vor der U4-Station Roßauer Lände, die der Wirt seither höchst profitabel an andere Gastronomen weitervermietet. Unten am Kai errichtete Schellmann auf einer Plattform sein eigenes Lokal. Die Summerstage war geboren.

Zusammen mit dem Flex, das schon im Oktober 1995 unterhalb der Augartenbrücke eröffnet hatte, blieb die Lokalmeile lange konkurrenzlos. Es sollte weitere zehn Jahre dauern, bis Wiens Planungsstadtrat Rudi Schicker den Donaukanal zu einem der 13 Zielgebiete des Stadtentwicklungsplans erklärte und einen Masterplan in Auftrag gab. Einen Plan, der zwar 2008 rudimentär im Rahmen einer Ausstellung in der Urania präsentiert wurde, der jedoch bis heute weder fertiggestellt ist noch Investitionssummen oder Förderkriterien enthält.

Nichtsdestotrotz setzte bald eine massive wirtschaftliche Belebung ein, getragen von Wiens Szenegastronomen: 2005 schüttet Ex-Expedit-Betreiber Gerold Ecker Quarzsand vor seinem Lokal Adria Wien, einem Glaspavillon bei der Salztorbrücke, auf. Ex-Medienconsulter Rudi Konar und Alexander Kaiser, der Betreiber des Studentenlokals Kleinbonum, lassen sich im Herrmannpark an der Mündungsstelle des Wienflusses nahe der Urania nieder. 2006 geht Eckers zweite Gastro- und Eventstätte vor Anker: das Badeschiff. Weiter südlich eröffnen kleinere Beisln wie die Hafenkneipe unweit des Central Garden. Letzterer ist übrigens eines der wenigen nichtkommerziellen Projekte am Kanal.

Die Stadt Wien lässt sich die Ausschank am Donaukanal etwas kosten: Allein für das Jahr 2009 beziffert Planungsstadtrat Rudi Schicker die infrastrukturellen Investitionen mit „50 Millionen Euro für Hochwasserschutz, Sanierung der Kaimauern und für die Verbesserung der Gastro-Meile“. Die Stadt betreibe die Attraktivierung der Kanalufer, ohne damit Geld verdienen zu wollen, betont Schicker gegenüber dem Falter. Auf die Frage, wie viel städtisches Geld einzelnen Gastronomieprojekten zugutekommt, verweist der Stadtrat an Donaukanalkoordinator Bernhard Engleder, über dessen Schreibtisch sämtliche Projekte wandern. Der Chef der Magistratsabteilung 28 verweigert jedoch die Herausgabe detaillierter Zahlen. „Aufgrund der Vielzahl der beteiligten Behörden und Gebietskörperschaften“ gebe es keine umfassende Kostenaufstellung, beteuert der ehemalige Asfinag-Manager.

Auch bei der Via Donau, einer Gesellschaft im Besitz von Bund, Niederösterreich und Wien, der die meisten Liegenschaften am Donaukanal gehören, bleiben die Anfragen unbeantwortet: Weil die Verträge Teil der Privatwirtschaftsverwaltung seien, dürfe man über deren Inhalt auch keinerlei Auskünfte erteilen.

Fest steht, dass die Gastronomen mit der Stadt recht unterschiedliche Verträge haben. Grundsätzlich, erklärt Engleder, würden Pachtverträge auf ein, drei oder zehn Jahre abgeschlossen, bei einigen Lokalen sei die öffentliche Hand „im zumutbaren Rahmen“ am Umsatz beteiligt. Während Gerold Ecker nach eigenen Angaben für die Adriafläche von 4000 Quadratmetern rund 7000 Euro Grundpacht (plus 3 Prozent Umsatzabgabe) entrichtet, zahlen die Betreiber der Strandbar Herrmann für die gleiche Fläche laut Kontrollamtsbericht aus dem Jahr 2006 gar nur 2400 Euro pro Jahr oder – anders gesagt – eine Pacht von wohlfeilen 200 Euro im Monat. Derselbe Kontrollamtsbericht beziffert die Kosten für die infrastrukturelle Erschließung – Anschluss an Kanalnetz, Wasser, Strom – mit 308.157,84 Euro: Kosten, die damals die Stadt Wien übernahm. Noch dazu wurden Teile des Gebäudes von der Schweiz aus Anlass der Fußball-EM finanziert.

Wie viel die Stadt in Ossi Schellmanns Summerstage investiert hat, wie viel die sukzessive Erweiterung kostete, ließ sich für diesen Artikel nicht ermitteln. Schellmann verrät dazu nur, dass er im Lauf der Zeit rund zwei Millionen Euro investiert habe. Klar ist, dass es Schellmann immer geschickt verstanden hat, diverse Töpfe anzuzapfen: Regelmäßige Förderungen des Kulturvereins Alsergrund, Gartenbauförderungen für das Wiener Weinkulturprogramm, Förderungen der Landwirtschaftskammer für den Weinpavillon ergeben in Summe mehr als 100.000 Euro. 2004 übernahm die Stadt Wien außerdem die Kosten der Sanierung. Es muss nicht unbedingt ein verregneter Saisonbeginn wie in diesem Jahr sein, damit sich die Gastronomen, die von Schellmann die Gastroinfrastruktur oben auf der Summerstage gepachtet haben, ärgern: „Der Einzige, der dort verdient, ist der Ossi“, sagt ein Wirt, der sich vor Jahren eine Saison lang eingemietet hatte. So wie acht weitere Gastronomen auf der Summerstage habe er knapp 20.000 Euro Pacht an Schellmann bezahlt, damit ihm dieser die auf öffentlichem Grund befindlichen Holzdielen überließ. (Der Vertrag liegt dem Falter vor.) Als es auf dem Gelände regelmäßig zu Stromausfällen kam, habe sich Schellmann auf die Stadt ausgeredet: „Es war das schlechteste Geschäft meines Lebens“, sagt der Wirt, „da hätte ich mein Geld gleich in den Donaukanal schmeißen können.“

Auch wenn Schellmann diese Kritik als Anpatze eines gescheiterten Konkurrenten abtut und betont an der Weitervermietung „keinen Cent“ zu verdienen, bleiben Fragen offen: Zu welchen Konditionen soll, darf und kann die Stadt öffentlichen Raum Privaten zur Nutzung überlassen? Was soll sie als Gegenleistung verlangen? Vor allem: Sollen Private, denen öffentlicher Raum überlassen wird, diesen weiterverpachten dürfen?

„Die Revitalisierung des Donaukanals erscheint uns eher als Aneinanderreihung von Einzelprojekten, getragen von Investoreninteressen“, kritisiert Maria Vassilakou, die Klubobfrau der Grünen in Wien, die sich für eine verstärkte Nutzung des Kanals für nichtkommerzielle Projekte einsetzen. Speziell die „intransparente Vergabepolitik“ ärgert die Politikerin: dass Lokale nicht ausgeschrieben werden; dass keine nachvollziehbaren und gegebenenfalls anfechtbaren Bescheide ergehen, sondern dass die Stadt mit Privaten Verträge schließt und diese geheimhält.

Zwischen Kritik der Opposition und der schönenden oder Zahlen verweigernden Darstellung zieht Universitätsprofessor Josef Mazanec, Leiter des Instituts für Tourismus und Freizeitwirtschaft an der WU, eine differenzierende Bilanz: „Die ursprünglich tote Zone hat heute mehr Erlebnisqualität und eröffnet neue Einkommenschancen.“ Wie bei jeder Form des Public Private Partnership seien die Chancen und Risken gerecht zu verteilen. Waren niedrige Pachtsummen und hohe Investitionen durch die Stadt in der Anfangsphase durchaus gerechtfertigt, habe sich die Situation inzwischen geändert. Die steigenden Geld- und Touristenströme seien deutlich erkennbar – an „Zahlen und Statistiken zur Stadtentwicklung in diesem Bereich“ fehle es jedoch.

Weil es derartige Zahlen nicht gibt, wird die Wiener Art des Public Private Partnership, wo die Stadt zahlt und die Unternehmer die Gewinne einstreifen, weiter praktiziert. Mit dem rigiden Ordnungsgefüge, das das Stadtleben sonst so kompliziert macht, wird dabei flexibel umgegangen. So umzäunen etwa Konar und Kaiser „ihr“ Areal auf der im öffentlichen Eigentum stehenden Herrmanninsel und filzen die WM-Gäste im Hinblick auf eingeschmuggelte Bierdosen. So beugt man für die prestigeträchtige Anlegestation am Schwedenplatz Flächenwidmungsplan und Bauordnung: Eine „temporäre Sonderbewilligung“ macht es möglich, dass die futuristische Stahl-Glas-Konstruktion, in die Bernd Schlachers „Motto am Fluss“ einziehen wird, eineinhalb Stockwerke über die Vorkaimauer hinausragt.

In Kenntnis derartiger Wien-Spezifika verwundert es nicht, dass alle hier die Nähe zur Stadt-SPÖ suchen: Peter Contra, der für sein Freiluftatelier „Agora“ eben die Bewilligung für ein weiteres Jahr bekommen hat, will im Oktober ein Fest für Michael Häupl feiern. Ossi Schellmann öffnet seinen Pavillon auf der Summerstage gerne für Events wie die „Fußballsticker-Tauschbörse der Jungen Roten“ oder „Caspar Einems BürgerInnen-Parlament“. Und seit die Behörden den opulenten LED-Bildschirm beim Flex-Schanigarten zuließen, prangen auf dem Flachdach des Cafés zwei rote Banner: „Ich bin Wien“ steht dort drauf; der Slogan zur neuen Werbekampagne der Jungen SPÖ.

“Falter” Nr. 25/10 vom 23.06.2010 Seite: 40 Ressort: Stadtleben

Sternchen im Staub

Wie Österreichs Boulevard seine Stars erschafft, um sie anschließend zu entwürdigen. Der Fall von Anastasia Sokol

“Der Lugner ist ja immer so stolz, wie lieb ihn das Katzi hat – das hat sie ja gelernt“, sagt Dominic Heinzl in der ORF-Sendung „Chili“ und präsentiert zum Beweis verfängliche Fotos von Richard Lugners jüngster Freundin. „Das berühmteste Haustier des Landes ist für jeden sichtbar rollig“, formuliert Österreich. „Eine ganz schöne Nachteule“, höhnt der Kurier.

Es ist der Tiefpunkt im österreichischen Boulevard: die Bloßstellung einer 20-Jährigen, die angeblich als Callgirl gearbeitet hat. Wieder erklang eine Tonart, die die Kronen Zeitung bereits vor 20 Jahren mit ihrer Berichterstattung über die „Lainzer Mordschwestern“ anschlug, die sie als „Schweinchen, die alles machen“ beschimpfte. Dieselbe Tonart, die Wolfgang Fellners Hefte und Gratisblätter wie Heute weiter perfektionierten: wenn Anklageschriften bei schweren Sexualverbrechen – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Opfer – im Wortlaut zum Download angeboten werden (so wie im Fall Fritzl). Wenn Verbrechensopfern, Jahre nachdem sie ihren Peinigern entkamen, beim Schmusen aufgelauert wird (Natascha Kampusch). Oder wenn – so wie im Fall von Anastasia Sokol – anonyme Kronzeuginnen als „Puff-Kolleginnen“ auspacken.

Bedenkt man, dass sie wochenlang unter medialem Dauerbeschuss stand, betritt Anastasia Sokol – in Glitzershirt und Lederhose – sehr gelassen den Salon des Nobelfriseurs in der Wiener Innenstadt. „Ich weiß schon, dass sie auf mich losgehen, weil sie eigentlich dem Richard eine draufgeben wollen“, sagt sie, „aber ich hätte mir nicht erwartet, dass sie so über mich herziehen.“ In einem Eck des Frisiersalons erzählt sie, wie sie ihrer Mutter im Jahr 2002 aus Litauen nach Österreich folgte, wie es sie nach der Schule in Retz nach Wien verschlug, wie sie bei Fotoshootings mitmachte, um schließlich bei einer Castingshow für ein Abendessen mit Lugner den Baumeister kennenzulernen. Von einem Tag auf den anderen tauchte sie in eine Glitzerwelt ein, „die anstrengend ist, aber Spaß macht“, schüttelte Politikern und Wirtschaftsbossen die Hand und fand sich auf Hochglanzfotos in Zeitungen wieder.

Nur knapp zwei Wochen nachdem sie die Nachfolge von Nina „Bambi“ Bruckner an der Seite Lugners angetreten hatte, platzte das, was Journalisten die Bombe nennen.

„Ich habe durch eine Kollegin von Katzi den entscheidenden Tipp bekommen“, erklärt Heinzl. Wenige Tage vor dem Opernball zeigte er Fotos, die auf dem Onlineportal eines Nachtklubs und auf einer Kontaktseite gepostet waren, in der ORF-Sendung „Chili“. Damit hatte Heinzl seinen Coup. Das Boulevardkarussell war in Gang gesetzt: eine Hetzjagd, in der sich „Chili“, Österreich & Co mit immer neuen Enthüllungen überboten.

Doch was hat Anastasia Sokol eigentlich angestellt, um derart entwürdigt zu werden? Was ändert es, ob Katzi ein Callgirl war, eine Verkäuferin oder sonst ein zugereistes Mädel? Wem nutzt die „Investigativarbeit“ eines Dominic Heinzl, der in den Äther rotzt, was ihm aus dem Rotlichtmilieu zugespielt wurde?

Wo sich Heinzl als Aufdecker geriert, der Österreich die Wahrheit über Lugner erzählt, dort geht es in Wahrheit um ein Spiel mit der Demontage der Prominenz, abzielend auf die Schadenfreude der Zuseher. Um eine Art „Happy Slapping“ im ORF.

Der vom österreichischen Rundfunk für ein kolportiertes Jahresbudget von vier Millionen Euro gekaufte Klatschreporter, dem man zugutehalten muss, die kriecherische „Seitenblicke“-Fadesse aufgemischt zu haben, steht seit Beginn der Sendung im Jänner unter Quotendruck. Nachdem in den ersten Tagen 400.000 Seher zu „Chili“ schalteten, war es eine Woche später nur noch die Hälfte. Selbst das nach Heinzls Abgang neu aufgesetzte Format „ATV Life“ hat mitunter mehr Seher als „Chili Backstage“.

Dass Heinzl angesichts dieser Misere härtere Bandagen anlegt, verwundert wenig. Tiefschläge landete der 45-Jährige bereits in der Vergangenheit. So zitierte der ehemalige Ö3-Star in seiner ATV-Sendung aus dem Onlinetagebuch der 16-jährigen Gusenbauer-Tochter Selina. Ein anderes Mal berichtete er über Armin Assingers Ex-Geliebte, die versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Die „Causa Katzi“ ist sein jüngster Streich auf Kosten eines altbewährten Sündenbocks, den ohnehin jeder peinlich findet.

„Der Kunde ist König“, rechtfertigt Heinzl seine Abkehr von Lugner und von genau jenen Stars und Sternchen, mit denen er bei ATV gute Quote machte, „du kannst dir ja nicht vorstellen, wie viele Leute beim ORF angerufen haben, die den Lugner nicht mehr sehen wollen.“

Am Freitag ließ Heinzl via Kurier eine „schwarze Liste“ unerwünschter Personen veröffentlichen, die er in „Chili“ nicht mehr zeigen will. Die Liste umfasst genau die üblichen Verdächtigen, über die sich Heinzl schon seit Jahren lustig macht.

Dass die jüngste Aktion weniger der Versuch ist, dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF zu entsprechen, sondern eher jener, über Diskreditierung im Gespräch zu bleiben, liegt auf der Hand. Wenn er die 15 Personen auf der Liste nicht mehr zeigen wollte, könnte er dies ja auch einfach tun, ohne sie als „Lugners Zoo“, als „Malerin nach Zahlen“ (Verena Auersperg-Rotterdam) oder als „Blondine vom Dienst“ (Jeannine Schiller) zu verunglimpfen.

Die unfreiwillige Ironie des Spiels wird offensichtlich, wenn Heinzl voller Stolz im Kurier verkündet: „Mit der Katzi haben wir doch ganz schön was angerührt. Zehn Prozent Marktanteil, 237.000 Zuschauer.“

Wohl nützen die Protagonisten der Seitenblickewelt ihre gewonnene Prominenz zur Werbung für ihre Bauprojekte, für ihre Eventagenturen, ihre Charityveranstaltungen, ihre Designershops oder auch nur einfach dazu, Silikonkissen ins Bild zu heben. Der Preis für diesen Ruhm ist jedoch die nimmersatte Neugier der Yellow Press, die – im Bestreben, das schadenfrohe Publikum zu befriedigen – keine Chance auslässt, die Sternchen, die sie selbst schuf, wieder in den Dreck hinabzureißen.

„Schauen Sie, mir ist egal, ob mich der Heinzl abwatscht“, sagt Richard Lugner, Clown und Parvenü der österreichischen Seitenblickegesellschaft, „aber er soll meine Freundin in Frieden lassen.“

Lugner ist berühmt dafür, keinen Schmerz (mehr) zu empfinden. Zuletzt scheiterte der Kabarettist Robert Palfrader in seiner Talkshow „Wir sind Kaiser“ daran, dem 77-jährigen Blitzlichtjunkie etwas aufzuerlegen, das der als zu demütigend empfinden würde. Sogar als Baby mit Schnuller und Strampelanzug ließ er sich vorführen. So viel Nehmerqualität hat sonst keiner in der Bussi-Bussi-Szene. Zu ehern ist das Bemühen der meisten dort, wichtig und würdig zu wirken.

„Die meisten kriechen irgendwann zu Heinzl zurück“, sagt Charityorganisatorin Jeannine Schiller, die seit drei Jahren vom Klatschreporter durch den Kakao gezogen wird, „und betteln darum, dass er wieder gut ist mit ihnen.“ Schiller, die auch schon in „Best of Böse“ im Falter gehänselt wurde, berichtet, ab wann ihr die Dauerverarsche durch Heinzl zu viel wurde: „Jeder muss einstecken können“, sagt sie, „aber Heinzl hat mich jahrelang gekränkt. Irgendwann war die Grenze überschritten.“ Als sich Schiller bei ATV beschwerte, begann Heinzl, sie fortan nur noch mit vollen Backen beim Buffet zu filmen.

Wer keine dicke Haut hat, der steht das Seitenblickeleben nicht durch, erklärt Helmut Werner. Der burgenländische Eventmanager mit der blonden Mähne und dem Auftreten eines Schlagersängers ist mit Richard Lugners 16-jähriger Tochter Jacqueline liiert. Dieser Umstand und seine finanziellen Schwierigkeiten in der Vergangenheit machten Werner ebenfalls zur Zielscheibe von Spott und Häme. „Die Hälfte von dem, was da berichtet wird“, versichert Wagner, „ist ein inszenierter Schmäh.“

Geklagt wird im System der Verheinzelugnerung wenig. Laut Mediengesetz und Ehrenkodex der Presse ist der „höchstpersönliche Lebensbereich“ eines Menschen zwar tabu. Doch das Risiko einer Prozessführung trägt das Opfer. Dazu kommt, dass dem kleinen Triumph einer finanziellen Entschädigung die jahrelange Ächtung durch das Medium gegenübersteht.

Dabei nimmt die Judikatur in den letzten Jahren immer häufiger auch jene in Schutz, die sich stärkere Eingriffe in ihr Privatleben gefallen lassen mussten, weil sie ins Rampenlicht drängten. Richtungweisend ist das „Caroline-Urteil“: Caroline von Hannover klagte die Münchner Zeitschrift Bunte wegen des Abdrucks von Fotos, die sie mit ihren Kindern zeigen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gab ihr Recht und verurteilte Deutschland zu einer Zahlung von 109.000 Euro. Heute steht die Bunte übrigens erneut am Pranger, weil sie in Verdacht steht, eine Rechercheagentur beauftragt zu haben, die Prominente mithilfe unlauterer Methoden beschattete.

Bis zum Urteil der Straßburger Richter durfte Caroline außerhalb ihrer Wohnung in nahezu jeder Lebenslage fotografiert werden. Jetzt beschränkt sich die Berichterstattung auf jene Momente, in denen sie in öffentlicher Funktion auftritt oder ihr Auftritt zur „öffentlichen Debatte“ beiträgt.

Besonders sensibel ist der Umgang mit Personen im Umfeld von Prominenten, die selbst nicht prominent sind. Ihr gemeinsames Auftreten außerhalb offizieller Anlässe gilt gewöhnlich als „geschützter privater Bereich“. Auch wenn Heinzl die Schutzwürdigkeit von Personen wie Anastasia Sokol nicht erkennen kann – „sie ist über 18 Jahre alt und hat sich freiwillig ins Rampenlicht begeben“ –, hat auch sie ein Recht auf Privatsphäre. Dies auch denn, wenn das Abstecken privater Bereiche in Zeiten fortschreitenden allgemeinen Internetexhibitionismus immer schwieriger wird und rufschädigende Fotos bereits einer beschränkten Öffentlichkeit zugänglich waren.

„Die Grenze der Berichterstattung sollte spätestens dort liegen“, meint Anastasia Sokol, bevor sie sich zum Spiegel setzt, damit die Abendfrisur vorbereitet werden kann, „wo einem Sachen unterstellt werden oder wo Sachen zu Fleiß behauptet werden, um einen bloßzustellen.“

“Falter” Nr. 09/10 vom 03.03.2010 Seite: 17 Ressort: Medien


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