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“Wir alle können Watchdog sein”

Der britische Blogger und Investigativjournalist Paul Bradshaw über das Phänomen Wikileaks

Interview

Seit die Afghanistan-Protokolle zeitgleich auf dem Onlineportal Wikileaks und in drei Qualitätszeitungen veröffentlicht wurden, ist die Medienbranche in Aufruhr. Blogger und Kommentatoren in den alten Medien diskutieren Methode und Erfolg der investigativen Plattform des geheimnisumrankten australischen Internetnomaden Julian Assange. Dem Falter erklärt Paul Bradshaw, einer der versiertesten und einflussreichsten Onlinejournalisten Großbritanniens, der mit helpmeinvestigate.com seine eigene Aufdeckerplattform betreibt, was vom Phänomen Wikileaks zu halten ist.

Falter: Was ist der Unterschied zwischen Ihrer eigenen investigativen Plattform helpmeinvestigate.com und Wikileaks?

Paul Bradshaw: Verglichen mit der extrem ausgefeilten Technologie von Wikileaks haben wir ein simples, um nicht zu sagen primitives Produkt. Wikileaks hat viel Energie und Know-how investiert, um sich so aufzustellen, dass es von der Judikatur eines einzelnen Staates nicht mehr erfassbar ist. Zum anderen hat es Wege gefunden, Whistleblower auf optimale Weise zu schützen. So gut geht es uns bei Helpmeinvestigate nicht: Wir sind natürlich an das britische Recht gebunden. Wenn uns einer für etwas, was auf unserem Blog steht, klagt, stehen wir vor Gericht. Der andere Unterschied ist die internationale Ausrichtung. Wikileaks wird inzwischen von Informanten aus der ganzen Welt gespeist. Wenn Sie sich die Seite ansehen, finden Sie dort das Video über den US-Kampfhubschraubereinsatz gegen Zivilisten, das unter dem Titel Collateral Murder bekannt wurde, aber auch Berichte über die Finanzgebarung der britischen Scientology-Kirche oder die E-Mail-Korrespondenz von Klimaforschern. Einige besonders brisante Themen pickt Wikileaks heraus, um sie aufzubereiten. So wie eben jetzt bei den Afghanistan-Protokollen.

Handelt es sich bei Wikileaks um so etwas wie die Neuerfindung des Journalismus, oder kommt der alte investigative Journalismus nur im neuen Gewand daher?

Bradshaw: Ich würde sagen: Zweiteres. Es ist ein moralischer Journalismus mit einer gewissen pazifistischen Agenda, ohne kommerzielle oder politische Zwänge. Das hat es schon davor gegeben. Weil sich das Ganze im Internet abspielt, ist man nicht an räumliche Zwänge wie in einer Tageszeitung gebunden. Man kann die Rohmaterialien veröffentlichen und die Öffentlichkeit an der Sichtung dieser Materialien teilhaben lassen. Auch das gab es schon in der Vergangenheit. Aber die technisch perfekte Umsetzung ist definitiv etwas, was so noch nicht da war. Bemerkenswert ist natürlich die Person von Wikileaks-Gründer Julian Assange, der nicht nur besessen ist von dieser Idee, sondern der auch die nötigen technischen Fähigkeiten mitbrachte, so etwas zu schaffen.

Wikileaks gibt es seit dreieinhalb Jahren. Warum ist das öffentliche Interesse erst jetzt so groß?

Bradshaw: Ich würde meinen, das liegt an der Kooperation, die Julian Assange mit Guardian, New York Times und Spiegel eingegangen ist. Es ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Assange hat kalkuliert, dass Medien wesentlich mehr Interesse entwickeln, wenn er ihnen ein exklusives Vorabdruckrecht einräumt oder Zeit gibt, das Thema aufzubereiten. Diese Kalkulation ist letztlich aufgegangen.

Einerseits lässt Wikileaks traditionelle Medien alt aussehen, andererseits griff Assange für seinen jüngsten Scoop auf eben diese traditionellen Medien zurück. Warum?

Bradshaw: Ich glaube, dass es eine programmatische Entscheidung war. Assange hat eine technische Lösung für ein Problem gefunden. Aber die Frage der Distribution hat er noch nicht gelöst. Wikileaks war zwar unter Bloggern, Internet-Geeks und einigen Experten bekannt, es hatte aber kein Mainstreampublikum. Genau darüber verfügen große Nachrichtenorganisationen. Wikileaks ist die Kooperation eingegangen, um deren Leserschaft direkt anzusprechen. Natürlich auch um diese gewaltige Informationsmenge aufzubereiten. Die Berichte der Soldaten, um die es sich bei den 92.000 Akten ja handelt, sind Informationen, die Journalisten in dieser Form zuvor selten zu bearbeiten hatten. Damit muss man sich einige Zeit lang auseinandersetzen, da muss man Experten finden und bezahlen, die sich mit so etwas auskennen. Erst dann kann man etwas Sinnvolles herauslesen. Auch wenn es darum geht, diese Protokolle in Geschichten zu gießen, sind Qualitätsmedien die richtige Anlaufstelle: Das ist deren Geschäft und deren Stärke.

Bitte erklären Sie uns, wie das Verhältnis zwischen neuen journalistischen Plattformen wie Wikileaks und traditionellen Medien in Zukunft aussehen wird: Wird es Kooperation sein? Wird es Konkurrenz sein? Werden die einen die anderen verdrängen?

Bradshaw: Was wir jetzt beobachten konnten, eignet sich durchaus als Modell für die Zukunft. Vor allem bei großen journalistischen Projekten, die international bedeutsame Themen berühren, werden Onlinemedien und Nachrichtenorganisationen zusammenarbeiten. Während Wikileaks den Vorteil hat, international und weitgehend ohne rechtliche Schranken zu operieren, versorgen Qualitätsmedien ihre Kunden mit schön portionierten und fein zubereiteten Informationshappen. Ich glaube, die traditionellen Medienhäuser beginnen langsam zu verstehen, dass sie nicht die Einzigen auf dem Markt sind. Sie müssen sich an die neuen Verhältnisse anpassen.

Inwiefern?

Bradshaw: Grundsätzlich müssen sie damit aufhören, Erfüllungsgehilfen beim Werbeauftritt großer Konzerne zu sein, die über ihre Inserate wirtschaftlichen Druck auf Medien ausüben. Medienkonsumenten wollen unabhängig informiert und nicht manipuliert werden. Abgesehen davon gibt es wahrscheinlich zwei Wege, die Zeitungen in Zukunft gehen können: einzigartigen Content schaffen durch sehr spezifische, auch lokal eng umgrenzte Berichterstattung. Oder durch den Anspruch, das Weltgeschehen besser als alle anderen zu erklären: Hier werden sich, glaube ich, nur wenige Zeitungen halten: Blätter wie die New York Times gehören dazu.

In der Debatte rund um die Afghanistan-Tagebücher wurden Bedenken laut, das Veröffentlichen derartiger geheimer Informationen stelle eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit dar. Können Sie diese Bedenken nachvollziehen?

Bradshaw: Die US-Regierung hat anfangs behauptet, die Dokumente würden die nationale Sicherheit gefährden. Inzwischen ist man von dieser Darstellung abgerückt. Ich bezweifle, dass dieses Argument viel für sich hat.

Aufgrund seiner spezifischen Konstruktion mit Servern in mehreren Staaten, mit verschleierten Organisationsstrukturen und anonymen Redakteuren hat Wikileaks Sicherheitsmechanismen installiert, die es Regierungen unmöglich machen, die Seite zu sperren oder gerichtlich zu verfolgen. Während dies ein Vorteil im Kampf gegen kriminelle Regimes sein kann, entzieht sich Wikileaks aber auch der Kontrolle in demokratischen Staaten. Ist Wikileaks in diesem Sinn undemokratisch?

Bradshaw: Letztlich nicht. Demokratie beruht darauf, dass die Wähler über Informationen verfügen, aufgrund derer sie ihre demokratische Wahl treffen können. Das Gesetz hingegen verfolgt sehr oft das Ziel, Leute zum Stillhalten zu veranlassen und das Öffentlichwerden von Informationen zu verhindern, was wiederum die demokratische Mitbestimmung schwächt.

Gesetze verfolgen mitunter aber auch den Zweck, andere Rechtsgüter zu schützen. Etwa die Privatsphäre der Bürger.

Bradshaw: Es ist in Großbritannien so und es wird in Österreich nicht viel anders sein, dass unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit Rechtsbrüche geschehen, dass öffentliche Gelder nicht dort landen, wo sie landen sollten, dass sich Mächtige zu Unrecht bereichern oder dass Politiker im Geheimen Entscheidungen fällen, ohne dass das Volk je etwas davon erfährt. In diesem Sinne und da gebe ich Julian Assange Recht bedeutet ein Mehr an Information immer auch ein Mehr an Demokratie. Im Übrigen zeigen die unterschiedlichen Gesetze in den unterschiedlichen Ländern ja, dass der Umgang mit Presse- und Meinungsfreiheit auch sehr unterschiedlich gesehen werden kann. Wikileaks bricht keine Gesetze. Es operiert in jedem Land bis zu dem Punkt, der eben erlaubt ist. Wird ein Tun deshalb verwerflich, weil es anderswo verboten ist?

Wollen Sie damit sagen, dass es keinerlei Schranken für Journalisten geben soll, Informationen zu veröffentlichen?

Bradshaw: Doch, und die gibt es. Aber es sind in Wahrheit sehr wenige Fälle. Wenn zum Beispiel das Leben akut bedroht ist. Wenn das Privatleben Einzelner ohne Not und zu deren Nachteil in die Öffentlichkeit gezerrt wird, wie es Klatschreporter gerne tun. Ich glaube aber, dass in der Politikberichterstattung dieses Argument zu oft lediglich als Vorwand von staatlicher Seite missbraucht wird, um lästige Journalisten zu diskreditieren. Im Einzelfall muss derjenige, der versucht, die Veröffentlichung einer Information zu verhindern, ganz genau sagen, warum das gefährlich ist, warum und wen das schädigen kann. In der Regel ist es doch so, dass mehr Schaden dadurch entsteht, dass Informationen zurückgehalten werden.

Wird es in Zukunft mehr Whistleblower geben?

Bradshaw: Vermutlich werden wir mehr Leute sehen, die sich melden, wenn sie auf Ungerechtigkeiten oder Gesetzwidrigkeiten stoßen. Wir alle können wenn man so will Watchdogs sein. Früher musste man einen Journalisten gut kennen, um ihm ein Geheimnis anzuvertrauen. Jetzt ist es wesentlich einfacher, die Informationen sind meistens digital vorhanden. Ich muss nicht einmal mehr Papiere kopieren und in einen Aktenordner stecken. Es passt alles auf einen USB-Stick oder auf eine mobile Festplatte.

Manche amerikanische Kommentatoren haben davor gewarnt, dass die Regierungen angesichts der Möglichkeiten, geheime Informationen herauszuspielen, die Reglementierungen verschärfen und die Strafen für Geheimnisverräter erhöhen könnten. Sehen Sie auch die Gefahr, dass unsere westlichen Gesellschaften in Reaktion auf Seiten wie Wikileaks repressiver werden könnten?

Bradshaw: Das glaube ich nicht. Auch wenn es viele vielleicht insgeheim gerne hätten. Aber gerade in Ländern wie den USA oder Großbritannien ist die Meinungsfreiheit ein Gut, das immens hochgehalten wird. Es wird zum Glück äußerst schwierig sein, da Beschränkungen einzuziehen.

Zur Person

Paul Bradshaw

gilt als einer der einflussreichsten Online-Journalisten Großbritanniens. Auf onlinejournalismblog.com analysiert der Vortragende an der Universität von Birmingham die Entwicklungen des Medienmarktes, mit helpmeinvestigate.com betreibt er eine Plattform für Aufdeckungsjournalismus mit Bürgerbeteiligung.

“Falter” Nr. 31/10 vom 04.08.2010 Seite: 20 Ressort: Medien

Sternchen im Staub

Wie Österreichs Boulevard seine Stars erschafft, um sie anschließend zu entwürdigen. Der Fall von Anastasia Sokol

“Der Lugner ist ja immer so stolz, wie lieb ihn das Katzi hat – das hat sie ja gelernt“, sagt Dominic Heinzl in der ORF-Sendung „Chili“ und präsentiert zum Beweis verfängliche Fotos von Richard Lugners jüngster Freundin. „Das berühmteste Haustier des Landes ist für jeden sichtbar rollig“, formuliert Österreich. „Eine ganz schöne Nachteule“, höhnt der Kurier.

Es ist der Tiefpunkt im österreichischen Boulevard: die Bloßstellung einer 20-Jährigen, die angeblich als Callgirl gearbeitet hat. Wieder erklang eine Tonart, die die Kronen Zeitung bereits vor 20 Jahren mit ihrer Berichterstattung über die „Lainzer Mordschwestern“ anschlug, die sie als „Schweinchen, die alles machen“ beschimpfte. Dieselbe Tonart, die Wolfgang Fellners Hefte und Gratisblätter wie Heute weiter perfektionierten: wenn Anklageschriften bei schweren Sexualverbrechen – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Opfer – im Wortlaut zum Download angeboten werden (so wie im Fall Fritzl). Wenn Verbrechensopfern, Jahre nachdem sie ihren Peinigern entkamen, beim Schmusen aufgelauert wird (Natascha Kampusch). Oder wenn – so wie im Fall von Anastasia Sokol – anonyme Kronzeuginnen als „Puff-Kolleginnen“ auspacken.

Bedenkt man, dass sie wochenlang unter medialem Dauerbeschuss stand, betritt Anastasia Sokol – in Glitzershirt und Lederhose – sehr gelassen den Salon des Nobelfriseurs in der Wiener Innenstadt. „Ich weiß schon, dass sie auf mich losgehen, weil sie eigentlich dem Richard eine draufgeben wollen“, sagt sie, „aber ich hätte mir nicht erwartet, dass sie so über mich herziehen.“ In einem Eck des Frisiersalons erzählt sie, wie sie ihrer Mutter im Jahr 2002 aus Litauen nach Österreich folgte, wie es sie nach der Schule in Retz nach Wien verschlug, wie sie bei Fotoshootings mitmachte, um schließlich bei einer Castingshow für ein Abendessen mit Lugner den Baumeister kennenzulernen. Von einem Tag auf den anderen tauchte sie in eine Glitzerwelt ein, „die anstrengend ist, aber Spaß macht“, schüttelte Politikern und Wirtschaftsbossen die Hand und fand sich auf Hochglanzfotos in Zeitungen wieder.

Nur knapp zwei Wochen nachdem sie die Nachfolge von Nina „Bambi“ Bruckner an der Seite Lugners angetreten hatte, platzte das, was Journalisten die Bombe nennen.

„Ich habe durch eine Kollegin von Katzi den entscheidenden Tipp bekommen“, erklärt Heinzl. Wenige Tage vor dem Opernball zeigte er Fotos, die auf dem Onlineportal eines Nachtklubs und auf einer Kontaktseite gepostet waren, in der ORF-Sendung „Chili“. Damit hatte Heinzl seinen Coup. Das Boulevardkarussell war in Gang gesetzt: eine Hetzjagd, in der sich „Chili“, Österreich & Co mit immer neuen Enthüllungen überboten.

Doch was hat Anastasia Sokol eigentlich angestellt, um derart entwürdigt zu werden? Was ändert es, ob Katzi ein Callgirl war, eine Verkäuferin oder sonst ein zugereistes Mädel? Wem nutzt die „Investigativarbeit“ eines Dominic Heinzl, der in den Äther rotzt, was ihm aus dem Rotlichtmilieu zugespielt wurde?

Wo sich Heinzl als Aufdecker geriert, der Österreich die Wahrheit über Lugner erzählt, dort geht es in Wahrheit um ein Spiel mit der Demontage der Prominenz, abzielend auf die Schadenfreude der Zuseher. Um eine Art „Happy Slapping“ im ORF.

Der vom österreichischen Rundfunk für ein kolportiertes Jahresbudget von vier Millionen Euro gekaufte Klatschreporter, dem man zugutehalten muss, die kriecherische „Seitenblicke“-Fadesse aufgemischt zu haben, steht seit Beginn der Sendung im Jänner unter Quotendruck. Nachdem in den ersten Tagen 400.000 Seher zu „Chili“ schalteten, war es eine Woche später nur noch die Hälfte. Selbst das nach Heinzls Abgang neu aufgesetzte Format „ATV Life“ hat mitunter mehr Seher als „Chili Backstage“.

Dass Heinzl angesichts dieser Misere härtere Bandagen anlegt, verwundert wenig. Tiefschläge landete der 45-Jährige bereits in der Vergangenheit. So zitierte der ehemalige Ö3-Star in seiner ATV-Sendung aus dem Onlinetagebuch der 16-jährigen Gusenbauer-Tochter Selina. Ein anderes Mal berichtete er über Armin Assingers Ex-Geliebte, die versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Die „Causa Katzi“ ist sein jüngster Streich auf Kosten eines altbewährten Sündenbocks, den ohnehin jeder peinlich findet.

„Der Kunde ist König“, rechtfertigt Heinzl seine Abkehr von Lugner und von genau jenen Stars und Sternchen, mit denen er bei ATV gute Quote machte, „du kannst dir ja nicht vorstellen, wie viele Leute beim ORF angerufen haben, die den Lugner nicht mehr sehen wollen.“

Am Freitag ließ Heinzl via Kurier eine „schwarze Liste“ unerwünschter Personen veröffentlichen, die er in „Chili“ nicht mehr zeigen will. Die Liste umfasst genau die üblichen Verdächtigen, über die sich Heinzl schon seit Jahren lustig macht.

Dass die jüngste Aktion weniger der Versuch ist, dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF zu entsprechen, sondern eher jener, über Diskreditierung im Gespräch zu bleiben, liegt auf der Hand. Wenn er die 15 Personen auf der Liste nicht mehr zeigen wollte, könnte er dies ja auch einfach tun, ohne sie als „Lugners Zoo“, als „Malerin nach Zahlen“ (Verena Auersperg-Rotterdam) oder als „Blondine vom Dienst“ (Jeannine Schiller) zu verunglimpfen.

Die unfreiwillige Ironie des Spiels wird offensichtlich, wenn Heinzl voller Stolz im Kurier verkündet: „Mit der Katzi haben wir doch ganz schön was angerührt. Zehn Prozent Marktanteil, 237.000 Zuschauer.“

Wohl nützen die Protagonisten der Seitenblickewelt ihre gewonnene Prominenz zur Werbung für ihre Bauprojekte, für ihre Eventagenturen, ihre Charityveranstaltungen, ihre Designershops oder auch nur einfach dazu, Silikonkissen ins Bild zu heben. Der Preis für diesen Ruhm ist jedoch die nimmersatte Neugier der Yellow Press, die – im Bestreben, das schadenfrohe Publikum zu befriedigen – keine Chance auslässt, die Sternchen, die sie selbst schuf, wieder in den Dreck hinabzureißen.

„Schauen Sie, mir ist egal, ob mich der Heinzl abwatscht“, sagt Richard Lugner, Clown und Parvenü der österreichischen Seitenblickegesellschaft, „aber er soll meine Freundin in Frieden lassen.“

Lugner ist berühmt dafür, keinen Schmerz (mehr) zu empfinden. Zuletzt scheiterte der Kabarettist Robert Palfrader in seiner Talkshow „Wir sind Kaiser“ daran, dem 77-jährigen Blitzlichtjunkie etwas aufzuerlegen, das der als zu demütigend empfinden würde. Sogar als Baby mit Schnuller und Strampelanzug ließ er sich vorführen. So viel Nehmerqualität hat sonst keiner in der Bussi-Bussi-Szene. Zu ehern ist das Bemühen der meisten dort, wichtig und würdig zu wirken.

„Die meisten kriechen irgendwann zu Heinzl zurück“, sagt Charityorganisatorin Jeannine Schiller, die seit drei Jahren vom Klatschreporter durch den Kakao gezogen wird, „und betteln darum, dass er wieder gut ist mit ihnen.“ Schiller, die auch schon in „Best of Böse“ im Falter gehänselt wurde, berichtet, ab wann ihr die Dauerverarsche durch Heinzl zu viel wurde: „Jeder muss einstecken können“, sagt sie, „aber Heinzl hat mich jahrelang gekränkt. Irgendwann war die Grenze überschritten.“ Als sich Schiller bei ATV beschwerte, begann Heinzl, sie fortan nur noch mit vollen Backen beim Buffet zu filmen.

Wer keine dicke Haut hat, der steht das Seitenblickeleben nicht durch, erklärt Helmut Werner. Der burgenländische Eventmanager mit der blonden Mähne und dem Auftreten eines Schlagersängers ist mit Richard Lugners 16-jähriger Tochter Jacqueline liiert. Dieser Umstand und seine finanziellen Schwierigkeiten in der Vergangenheit machten Werner ebenfalls zur Zielscheibe von Spott und Häme. „Die Hälfte von dem, was da berichtet wird“, versichert Wagner, „ist ein inszenierter Schmäh.“

Geklagt wird im System der Verheinzelugnerung wenig. Laut Mediengesetz und Ehrenkodex der Presse ist der „höchstpersönliche Lebensbereich“ eines Menschen zwar tabu. Doch das Risiko einer Prozessführung trägt das Opfer. Dazu kommt, dass dem kleinen Triumph einer finanziellen Entschädigung die jahrelange Ächtung durch das Medium gegenübersteht.

Dabei nimmt die Judikatur in den letzten Jahren immer häufiger auch jene in Schutz, die sich stärkere Eingriffe in ihr Privatleben gefallen lassen mussten, weil sie ins Rampenlicht drängten. Richtungweisend ist das „Caroline-Urteil“: Caroline von Hannover klagte die Münchner Zeitschrift Bunte wegen des Abdrucks von Fotos, die sie mit ihren Kindern zeigen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gab ihr Recht und verurteilte Deutschland zu einer Zahlung von 109.000 Euro. Heute steht die Bunte übrigens erneut am Pranger, weil sie in Verdacht steht, eine Rechercheagentur beauftragt zu haben, die Prominente mithilfe unlauterer Methoden beschattete.

Bis zum Urteil der Straßburger Richter durfte Caroline außerhalb ihrer Wohnung in nahezu jeder Lebenslage fotografiert werden. Jetzt beschränkt sich die Berichterstattung auf jene Momente, in denen sie in öffentlicher Funktion auftritt oder ihr Auftritt zur „öffentlichen Debatte“ beiträgt.

Besonders sensibel ist der Umgang mit Personen im Umfeld von Prominenten, die selbst nicht prominent sind. Ihr gemeinsames Auftreten außerhalb offizieller Anlässe gilt gewöhnlich als „geschützter privater Bereich“. Auch wenn Heinzl die Schutzwürdigkeit von Personen wie Anastasia Sokol nicht erkennen kann – „sie ist über 18 Jahre alt und hat sich freiwillig ins Rampenlicht begeben“ –, hat auch sie ein Recht auf Privatsphäre. Dies auch denn, wenn das Abstecken privater Bereiche in Zeiten fortschreitenden allgemeinen Internetexhibitionismus immer schwieriger wird und rufschädigende Fotos bereits einer beschränkten Öffentlichkeit zugänglich waren.

„Die Grenze der Berichterstattung sollte spätestens dort liegen“, meint Anastasia Sokol, bevor sie sich zum Spiegel setzt, damit die Abendfrisur vorbereitet werden kann, „wo einem Sachen unterstellt werden oder wo Sachen zu Fleiß behauptet werden, um einen bloßzustellen.“

“Falter” Nr. 09/10 vom 03.03.2010 Seite: 17 Ressort: Medien

Schluss mit dem Subventionswettstreit um den Boulevard

Das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten verrät viel über ein Land. In Italien droht Ministerpräsident Silvio Berlusconi dem staatlichen Fernsehen, sobald es einen Bericht bringt, der regierungskritischer ist als das, was Berlusconis Spaßsender produzieren. In Frankreich erklärt Staatspräsident Nicolas Sarkozy den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur werbefreien Zone, um den Werbekuchen ungeteilt befreundeten Privatfernsehmachern zu überlassen. In Nordkorea inhaftiert man US-Journalistinnen und nutzt sie als Faustpfand, damit der clowneske Staatschef ausländischen Politpensionisten die Hand schütteln darf.

In Österreich zeigt sich zweierlei: Das Land wird von Hans Dichand beherrscht. Und das Land hat fantasielose Politiker, die in ihrer schmachtenden Ergebenheit nicht einmal versuchen, dem Einfluss des greisen Zeitungsmoguls zu entkommen. In dieses Bild passt, dass Bundeskanzler Werner Faymann der Krone am vergangenen Donnerstag eine Aufmerksamkeit in Form einer 20-seitigen Beilage spendierte.

Seit seiner Zeit als Wiener Wohnbaustadtrat ist Faymann Politiker von Dichands Gnaden. Bundeskanzler wurde er, weil ihn der Herausgeber gegen den ungeliebten Alfred Gusenbauer unterstützte. Der gesamte Erfolg Faymanns steht und fällt mit dem Wohlwollen Dichands. Versagt ihm der 88-Jährige die Gunst – wie zuletzt bei den EU-Parlamentswahlen –, dann purzeln die SPÖ-Wahlergebnisse in den Keller. Seine Politik auch auf andere Fundamente zu stellen, hat Faymann bisher verabsäumt. Doch die Unterstützung ist – wie sich zeigt – trügerisch. Denn Dichand, die Nase tief im Abwind des Volkes, hat bereits neue, schickere Handlanger in den beiden Prölls gefunden, die er an die Staatsspitze schreibt.

Die Jubelstrecke im Kleinformat vom vergangenen Donnerstag, in der sich die sozialdemokratisch geführten Ministerien mit ihren Verdiensten brüsten, zeigt, dass Faymann seine Lektion nicht gelernt hat. Tollpatschig bettelt er weiter um die Gunst des Alten, krümmt sich tiefer und tiefer zum Kotau. Der absurde Subventionswettstreit um den Boulevard, den er sich mit Pröll liefert und der die Regierung im Vorjahr 35 Millionen Euro kostete, geht weiter. 2007 gelobten Sozialdemokraten und Volkspartei noch, die vom Rechnungshof 2003 formulierten Grundsätze für politische Werbung in ein Gesetz zu gießen. Nichts geschah. Vielleicht ist es – und das sei dem Kanzler ans Herz gelegt – an der Zeit, sich weniger um die Gunst des Zeitungszaren zu sorgen als um die eigene Glaubwürdigkeit.

Erschienen in Falter 33

Wer zahlt den nächsten Scoop?

Die Zeitung ist sterbenskrank. Traurig oder egal? Vielleicht liegt die Zukunft des Journalismus anderswo

Von San Francisco nach Detroit,von New York bis London: Die Zeitung aus Tinte und Papier ist sterbenskrank. 8000 Journalisten verloren heuer allein in den USA ihren Job. Das Blog „Newspaper Death Watch“ trägt täglich neue Hiobsbotschaften in die Welt. Besser, aber ebenfalls schlecht geht es den Kollegen in Europa. Die fatale Kombination aus sinkenden Werbeeinnahmen und ruinöser Konkurrenz durch Gratis-News im Internet streut Sand in die Druckpressen. Die Herausgeber setzen Journalisten auf die Straße, unterminieren Kollektivverträge und opfern journalistische Qualität auf dem Altar ihrer schmelzenden Profite. Anders als andere Industrien, die sich erholen werden, wenn die Konjunkturmaschine wieder anspringt, ist es fraglich, ob die Printbranche je wieder aus dem Koma erwacht.

Vielleicht ist es falsch, den alten Strukturen nachzutrauern. Vielleicht ist es an der Zeit, dem anzeigenfinanzierten Blätterwald Lebewohl zu sagen. Zeit, vom Gedanken Abstand zu nehmen, dass Journalismus Geld bringen muss. Aber wie ließe sich staatliches Handeln denn sonst kontrollieren? Wer bitte deckt Korruption, Packelei und Misswirtschaft in Zukunft auf? Es lohnt sich, abermals über den Atlantik zu blicken. Dort, wo die Zeitungskrise am härtesten und am längsten wütet, dort gibt es auch eine lange Tradition alternativer Strukturen. Kleine gemeinnützige Initiativen führen weiter, was große Redaktionen aus Kostengründen einschränken oder aufgeben: investigative Projekte, die wochen- oder sogar monatelange Recherche benötigen. Die die Rolle übernehmen, die Medien idealtypischerweise zukommt: Kontrolleure der Mächtigen, Garanten der Rechtschaffenheit und Wachhunde der Demokratie zu sein.

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