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Der Scherz

Laurence

Laurence Nelson is disappointed by the lack of governmental support. "It is a joke," he said.

„Es ist ein Scherz”, antwortet Laurence Nelson, auf die Frage, wie der Aufbau vorangeht, „in dieser Gegend sollten sie bereits fertig sein, aber schau Dich nur einmal um”. Nelson und seine Frau Liz sitzen auf der Veranda, während heftiger Regen aufs Vordach prasselt. Die Lesseps Street, in der sie wohnen, erinnert an eine Geiserstadt. Hurrikan Katrina hat die Gebäude zwar nicht so wie im Lower Ninth Ward weggeschwemmt. Aber er hat sie unbewohnbar gemacht. Noch immer blecken von den Türen die Zeichen der Gesundheitspolizei. Neun von zehn Häusern sind mit Brettern vernagelt. „Viele hier sind frustriert”, sagt der 55-Jährige, „das Geld, das ihnen versprochen wurde, um sich eine neue Existenz aufzubauen, haben sie noch immer nicht. In anderen Städten ist so etwas nach eineinhalb Jahren geregelt, bei uns schert sich keiner.”

An abandoned gas station in New Orleans

An abandoned gas station in New Orleans

Nelson und seine Frau Liz lernten sich in Rheinland-Pfalz kennen, als Nelson bei der US-Armee in Deutschland diente. In den 1980er-Jahren kamen sie nach New Orleans, bis Katrina sie zwang, ihr Haus zu verlassen. „Als wir zurückkamen fehlte eine Wand und unser Dach”, erzählt Nelson. Die ersten sechs Wochen wohnten sie in einem Zelt. Von der Stadt erhielten sei damals 4.200 Dollar finanzielle Unterstützung. „Wir waren die ersten in diesem Block, die zurückgekommen sind. Hatten zwar keinen Kanal und keinen Strom. Aber es war ruhig und friedlich.” Das habe sich inzwischen geändert. „Die Drogen sind zurück, die Kriminalität ist zurück. Letzte Woche haben sie auf der Straße eine Frau erschossen. Vermutlich war sie zur falschen Zeit am falschen Ort.”

This building used to be a bar

This building used to be a bar

Bei den Präsidentenwahlen unterstützen beide – wie meisten hier – Barack Obama. „Weil er Politik für die Armen macht.” Ende des Monats werden sie zu Verwandten nach Corpus Christi, Texas, ziehen. Gerne hätten sie sich in New Orleans ein neues Leben aufgebaut. Aber es geht sich finanziell nicht aus. Die Mieten seien explodiert, die Lebensmittelpreise auch. „Wir können uns diese Stadt nicht mehr leisten.”

Auf diesen Fels

Dodiyi Williams is rebuilding his church in New Orleans. In the meanwhile, his trailer serves as a chappel.

Dodiyi Williams is rebuilding his church in New Orleans. In the meanwhile, his trailer serves as a chappel.

Zwei große Geschichten lassen sich von New Orleans erzählen. Eine über Folklore und Partys, über Savoir Vivre und leichte Mädchen, über Touristengruppen, die sich durchs French Quarter trinken und Big Bands auf den Straßen. Und eine zweite über das Versagen einer Regierung, über Armut und Verwahrlosung, über schlechte Zähnen und Obdachlosigkeit, über zerstörte Häuser und einen Hundekadaver, der halbverwest in Rinnsaal liegt.

Und dann gibt es noch eine andere Geschichte. Eine vom Nicht-Aufgeben, vom Hoffen und von einem Mann, der zwischen Ruinen eine Kirche errichtet.

Ich begegnete Dodiyi Williams, als ich zwei Stunden durch die Gassen des 9th Ward geirrt war. Der 73-jährige Prediger hämmerte Nägel in ein Holzfundament. Jeden einzelnen Balken hatte zuvor mit einem kleinen Glaubensbekenntnis versehen. Williams, der einen gelben Bauarbeiterhelm trägt, kam einen Monat, nachdem Hurrikane Katrina und die Hochwasser des Mississippi sein Gotteshaus dem Erdboden gleich gemacht hatten, wieder in die Stadt zurück. Seit September 2005 lebt er in einem Lkw-Anhänger, der ihm als Werkstatt, Schlafplatz und Kapelle dient. Wir balancieren durch ein Wirrwarr aus Holzlatten, Werkzeugen, Farbdosen und Papier. Vorbei an einer schmalen Pritsche und an zwei Kübeln, die ihm als Waschgelegenheit dienen. Bis ganz nach hinten gehen wir, wo gezeichnete Portraits an der Wand hängen, die er als Portraits der zwölf Apostel bezeichnet. Darunter befindet sich ein Nachtkästchen, das er in einen Altar umfunktioniert hat. Mit zwei Kerzen und einer Bibel darauf. „Eine Kirche muss nicht prunkvoll sein”, sagt er. „Weil Gott ist, wo Gläubige mit ihm feiern”. Seine Gemeinde hat auf den sieben Stühlen im Anhänger Platz. Samstag und Sonntag hält er die Messe und einmal in der Woche Bibelstunde. „Mit Gottes Hilfe bin ich im Februar fertig”, ist er zuversichtlich.

Dann zeigt er mir ein Notizbuch mit seinen Gedichten. „Vielleicht kannst Du eines auf Deiner Homepage veröffentlichen. Das würde mich freuen.”

Dann kam Gustav

Amnesty International installed a replica of a Guantanamo cell in front of the Excel Center in St. Paul.

Amnesty International installed a replica of a Guantanamo cell in front of the Excel Center in St. Paul.

Amerikanischer Wahlkampf ist wie Schach. Nur, dass mitunter höher Gewalt mit im Spiel ist. Eine Maschinerie hinter den Kulissen plant, reagiert und versucht, die Initiative zu behalten. (Wie ein moderner Wahlkampf abgewickelt wird, zeigt eindrucksvoll die Dokumentation „War Room” von D.A. Pennebaker and Chris Hegedus über Bill Clintons Kampagne 1992.) Die Ereignisse der letzten Tage zeigen die Bedeutung, dem Gegner einen Schritt voraus zu sein: Kaum hatten die Demokraten in fulminanter Show Barack Obama gekürt, zauberten die Republikaner als Vize die Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, hevor. (Ein Regierungsbeamter aus Minnesota versicherte mir, dass bis Donnerstag noch Minnesotas Gouverneur Tim Pawlenty feststand und McCain die Entscheidung in letzter Minute umstieß.) Palin – fünffache Mutter, Schönheitskönigin und Abtreibungsgegnerin – überlagerte prompt Obamas Auftritt. Allerdings nur für einen Tag. Dann kam Gustav.

Am Sonntag hatte die Polizei in den Twin Citys St. Paul und Minneapolis die Vorarbeiten für den Konvent abgeschlossen und Teile des Stadtgebiets unpassierbar gemacht. Amnesty International stellte den Nachbau einer Guantanamo-Zelle vors Konferenzzentrum. Pazifisten, Ron Paul-Fans und Veteranengroßmütter demonstrierten. Das mediale Auge blickte allerdings nicht mehr wirklich hin.

Der Sturm Gustav dominiert die Berichterstattung. Drei Jahre zuvor hatte Katrina drei Viertel von New Orleans unter Wasser gesetzt und 1.800 Menschen zu Tode gebracht. Ein Schandfleck der Bush-Regierung, die verspätet auf das Unglück reagierte. Um sich abzugrenzen, reduzierte McCain den Konvent auf ein Minimalprogramm und erklärte, nicht die Fehler von damals wiederholen zu wollen. Ihm dürfte der Sturm alles andere als ungelegen kommen. Nicht nur konnte sich der Republikaner elegant der Auftritte des immer unbeliebter werdenden amtierenden Führungsduos entledigen – Bush und Cheney sagten ihre Reden vorerst ab. Er ist auch wieder einen Zug voraus.


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