Tag Archives: omaha
IMG_0274

US-Wahlkampf im Falter: Das Fleisch der Einwanderer

US-WAHL Die Präsidentschaftskandidaten schimpfen nicht über Ausländer. Das überlassen sie Provinzpolitikern. Illegale Einwanderer – das wissen John McCain und Barack Obama – halten die Industrie in Gang. Die Schlachthäuser von Omaha zum Beispiel. Continue reading

Angst und Blut

Mike Schmidt, born in Frankfurt, moved to Omaha in 1962

Mike Schmidt, born in Frankfurt, moved to Omaha in 1962

In den 1970-Jahren war der Norden Omahas cool. Im Dreamland spielten Preston Love und Buddy Miles, das Nachtleben blühte und die Subkultur auch. „Hierher ist man gegangen, wenn man Spaß haben wollte. Zum Musikhören, Pool spielen und um in eine Rauferei zu geraten“, sagt Mike Schmidt, der im Jahr 1962 als 13-Jähriger von Frankfurt nach Omaha kam. Inzwischen sieht es hier aus wie mancherorts in Detroit, Pittsburgh oder Youngstown: Verlassene, vernagelte und abgerissene Häuser. Tote Geschäftslokale.

Was für ein Gegensatz zum Süden Omahas, wo die Einwanderer aus Lateinamerika leben. Die ersten von ihnen kamen Ende der 1990, um in den Fleischfabriken zu arbeiten. Inzwischen haben sie das Stadtbild umgekrempelt. Mexikanische Restaurants, Töpfereien und Geschäfte mit importierten Cowboyhüten und Stiefeln. Am Plaza warten schnurrbärtige Tagelöhner auf Jobs. „Viele hier meinen, die Mexikaner haben die Stadt übernommen“, sagt Schmidt. „Aber ich finde es gut. Ohne sie wäre es eine Geisterstadt.“

Mike kennt Omaha. Und Omaha kennt ihn. Er wuchs zu einer Zeit auf, als die 400.000-Einwohner-Stadt das wichtigste Handelszentrum für Vieh war und die Fleischindustrie blühte. „In den Straßen roch es nach Angst und Blut. Schlachthäuser leiteten die Abfälle direkt in die Flüsse. Wir fingen damals die fettesten Fische“, sagt Schmidt, der heute mit billigen Autos handelt und dessen deutscher Akzent immer noch durchschlägt. Schmidt ist ein eingefleischter Demokrat. Vor allem, weil er findet, dass die USA ein besseres Gesundheitssystem brauchen. Einmal in seinem Leben musste er ins Spital. Wegen eines Nierensteins. Die medizinische Behandlung kostete ihn 5.500 Dollar, weil er nicht krankenversichert war. „Amerika ist ein gutes Land. Und die allermeisten Menschen sind gut. Aber die Leute haben so viel Angst. Lokale Medien und viele Politiker schüren diese Ängste. Inzwischen bin ich so weit, dass ich keine Lokalzeitungen mehr lese. Ich kauf mir lieber die „New York Times“ am Sonntag.“

Picasa Album

Das Fleisch der Einwanderer


„Get the fuck out of here!”, schreit der Vorarbeiter. Ich bin auf eine metallene Plattform geklettert, um die Hunderten Rinder zu fotografieren, die hier darauf warten, geschlachtet zu werden. Mein Besuch in dem Schlachthaus im Süden von Omaha, Nebraska, dem zweitgrößten Fleischverarbeitungszentrum der USA, freut hier allerdings niemanden.

24.000 Menschen arbeiten in den Fleisch verarbeitenden Betrieben in und um Omaha, erklärt Soziologin Lourdes Gouveia: 80 Prozent der Beschäftigten sind illegale Einwanderer aus Lateinamerika. „Wer eine Sozialversicherungsnummer vorweist, wird eingestellt”, erklärt der Mexikaner Jose Ramirez (Name v. d. Red. geändert. Anm.), der vor vier Jahren den Rio Bravo durchschwamm, um hier einen Job zu finden. Heute arbeitet er als Buchhalter in einer der Fleischfabriken. „Die Unternehmen stellen keine Fragen. Selbst, wenn einer sagt, dass er Joe Smith heißt – obwohl er kein Wort Englisch kann.“

Ab Ende der 1980-Jahre – als es noch einfach war, Arbeitsbewilligungen zu bekommen – warb man in Mexiko um Gastarbeiter. Heute geschieht die Einwanderung in einer Dunkelzone. Zwischen 3.000 und 6.000 Dollar kostet eine Sozialversicherungsnummer. Um die gesetzlichen Mindestlöhne von 19 Dollar pro Stunde (inklusive Steuern und Sozialabgaben) zu umgehen, beauftragen die Fleischereien Leiharbeitsfirmen, was den Lohn auf fünf bis acht Dollar pro Stunde drückt.

Die für die US-Wirtschaft überlebenswichtigen Kräfte aus Lateinamerika ändern auch die Ausgangslage bei den Wahlen. „Traditionell haben die Latinos demokratisch gewählt, aber das muss nicht so bleiben“, sagt Gouveia. Beide Kandidaten haben im Senat für Gesetze gestimmt, die illegalen Immigranten den Aufenthalt erleichtern. Inzwischen spreche sich John McCain unter Rücksichtnahme auf den rechten Flügel seiner Partei allerdings für strengere Grenzkontrollen aus. „Ich weiß nicht, wie es ausgehen wird. Aber ich weiß, dass beide Parteien sehr hart um die Stimmen der Latinos kämpfen müssen.“


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.