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Ähnlich wie Aserbaidschan

Rovshan Safarov

Rovshan Safarov

Vom historischen Stadtzentrum Philadelphias fünf Stationen mit der blauen Linie Richtung Norden – hinein in eine andere Welt. Leerstehende Fabriken, zersplittertes Fensterglas, windschiefe Häuser aus Holz und Blech. Dazwischen etwas Grün, aber vor allem Brachland, Schutt, Parkplätze, umgeben von Stacheldraht. Menschen sitzen auf abgewetzten Fauteuils unter ihren Vordächern. Es ist eines der Armenviertel, die die Altstadt wie ein Ring umschließen. Nahe der Station Margaret Orthodox Church stellen sich Leute vor einem knallgelben Gebäude an: ein Pfandhaus. Zum Monatsende versetzen sie hier ihre Pretiosen, weil der Lohn nicht reicht.

Aus Vierteln wie diesem kommen die Klienten von Schuldnerberater Ravshon Savarov. Früher half der gebürtige Aserbaidschaner, der sich nach seinem Wirtschaftsstudium in der Türkei in Philadelphia niederließ, vor allem mit Schuldenregulierungen und Privatkonkursen. Heute steht mehr auf dem Spiel: Savarov kämpft, damit die Leute nicht obdachlos werden. Vor zwei Jahren, erzählt der 31-Jährige, der so aussieht aus wie eine Kompaktversion von Antonio Banderas, habe er pro Woche zwei Klienten betreut, die von Delogierung bedroht waren. „Jetzt sind es zwei pro Tag.“

Leichtsinnige bis betrügerische Darlehensvergaben sind das Fundament für die Krise der US-Hypothekenbanken. „Der völlig liberalisierte Kreditmarkt ist schuld“, sagt Savarov, „die Banken haben die Bonität ihrer Kunden nicht wirklich überprüft, Kredithaie haben Leuten Hypotheken aufgeschwatzt, die sie sich nicht leisten konnten oder überhaupt nicht brauchten.“ Savarov war Schuldeneintreiber für ein Geldinstitut, bevor er aus Frust zur Non-Profit Organisation Consumer Credit Councelling Service wechselte. „Amerika ist wie Aserbaidschan“, meint er, „die Leute glauben, sie kriegen nie genug. Der Unterschied ist nur, dass es in den USA leichter ist, mit der Dummheit anderer ein Geschäft zu machen“.

Wiener Zeitung, 5. August 2008


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Hicks Freiheit

„Diese Wahl ist monumental“, sagt Rick Hicks. Der 46-jährige Kanadier ist Schlagzeuger, Maler und Reisender aus Leidenschaft. Für Kost und Logis streicht er die Jugendherberge in der Bank Street in Philadelphia. Und zwar orange und grün. Jetzt sitzt Hicks in einem Sandwich-Lokal am Benjamin Franklin Parkway zwischen Logan Square und dem Kunstmuseum mit der Rocky Balboa-Statue und politisiert. „Denk einmal: Als Reagan nach Berlin gekommen ist, waren 30.000 Leute dort, bei Kennedy waren es 80.000. Und bei Obama letzte Woche sind es 200.000 gewesen!“ Hicks, der dies als gutes Omen für die Demokraten deutet, sieht ein bisschen aus wie eine zerzauste Version von Jean Reno. Seine Haare stehen bürstig himmelwärts und die weißen Hosen haben Farbspritzer. „Im Herzen bin ich ein Hippie“, sagt er, „ich brauch nicht viel. Ein paar Dollar um satt zu werden. Ich hab kein Handy und kein Konto. Keine Kinder und kein Haus. Wenn es mir wo nicht mehr gefällt, ziehe ich weiter.“

Derzeit gefällt es dem Freigeist gut in Philadelphia. Vielleicht weil die alte Hauptstadt ein Symbol für Freiheit ist. Hier begann die Amerikanische Revolution. Hier unterzeichneten im Juli 1776 die Gründungsväter die Unabhängigkeitserklärung, um sich von Britannien zu lösen. Hicks weiß zur „Stadt der Brüderlichen Liebe“ unzählige Anekdoten. Geschichte ist in Phili ähnlich gegenwärtig wie in Wien und auch genauso penetrant vermarktet. Souvenirshops, Prachtbauten, Fiaker. Die Liberty Bell – sie hielt irgendwann der Beanspruchung nicht mehr stand und barst – hat ein eigenes Mausoleum.

Die imperiale und symbolische Bedeutung der Stadt ist heute überlagert von Armut, Segregation und Kriminalität. Schuld daran – meint Hicks – sei die Regierung in Washington. Ob er bleiben werde, wenn McCain das Rennen macht? „Das weiß ich nicht. Aber ich wäre enttäuscht, wenn die Amerikaner die Chance auf Erneuerung verpassen und einen alten Mann wählen, der einen alten Kurs fährt.“

Roadtrip in der Wiener Zeitung

Philadelphia mit Rick Hicks




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