Tag Archives: Photos

Die Fabrik der Alten

Cruisin the Steel Mill Trail

Wenn John Balzano das Wort „Iron“ sagt, rollt es ihm über die Zunge wie ein Güterzug über eine Schwelle. Der 71-Jährige ist Betriebsrat in der so genannten Tin Mill, einer Metallfabrik in Weirton, West Virginia, die erst kürzlich vom indischen Stahlgiganten Arcelor Mittal gekauft wurde. „Eisen bedeutet Stärke und Verlässlichkeit“, sagt Balzano bei einem Betriebsrundgang: „Dieses Unternehmen ist mein bester Freund. Es hat mich nie im Stich gelassen. Hat mich krankenversichert und es mir erlaubt, meine Söhne aufs College zu schicken.“

Im Dreiländereck von Ohio, Pennsylvania und West Virginia stehen die Ruinen der Schwerindustrie. Verrostete Hochöfen recken kalte Schlote in den Himmel. Autowracks, Kräne, stillgelegte Gleise. 30.000 Arbeitsplätze gab es in den benachbarten Orten Weirton, Steubenville und Mingo Junction. Jetzt ist es ein Drittel. Die Bevölkerung hat sich halbiert und vermindert sich weiter.

stealmill ruins in Weirton, West Virginia

stealmill ruins in Weirton, West Virginia

Balzano ist seit 48 Jahren bei der Firma. Seine Kollegen, die am Förderband Aluminium für Getränkedosen walzen, haben ebenfalls graue oder weiße Haare. Im Schnitt sind sie 57 Jahre alt. Sie sind Überbleibsel einer goldenen Ära vor der Globalisierung, als die Gewerkschaften gute Gehälter erstritten. „Als sich die Zeiten änderten waren sie zu jung, um den Golden Handshake zu nehmen. Heute können sie es sich nicht leisten, in Pension zu gehen“, erklärt Lokalreporter David Skolnick, der in der Gegend aufwuchs.

Wen die Arbeiter wählen werden, ist ungewiss. Traditionell stehen sie den Demokraten nahe. In ihrer tiefen Religiosität den Republikanern. „Viele sind auf die Politiker insgesamt angefressen, weil sie die Steel Mills nicht schützen konnten“, sagt Skolnick. Der immer gut aufgelegte Balzano hat es noch geschafft. Vermutlich wird er seine Berufslaufbahn in einem Stahlwerk beschließen: „Amerika ist ein wunderbares Land. Ich kann nicht verstehen, wie jemand woanders leben will“.

Die Fabrik der Alten – Audiofile

Hicks Freiheit

„Diese Wahl ist monumental“, sagt Rick Hicks. Der 46-jährige Kanadier ist Schlagzeuger, Maler und Reisender aus Leidenschaft. Für Kost und Logis streicht er die Jugendherberge in der Bank Street in Philadelphia. Und zwar orange und grün. Jetzt sitzt Hicks in einem Sandwich-Lokal am Benjamin Franklin Parkway zwischen Logan Square und dem Kunstmuseum mit der Rocky Balboa-Statue und politisiert. „Denk einmal: Als Reagan nach Berlin gekommen ist, waren 30.000 Leute dort, bei Kennedy waren es 80.000. Und bei Obama letzte Woche sind es 200.000 gewesen!“ Hicks, der dies als gutes Omen für die Demokraten deutet, sieht ein bisschen aus wie eine zerzauste Version von Jean Reno. Seine Haare stehen bürstig himmelwärts und die weißen Hosen haben Farbspritzer. „Im Herzen bin ich ein Hippie“, sagt er, „ich brauch nicht viel. Ein paar Dollar um satt zu werden. Ich hab kein Handy und kein Konto. Keine Kinder und kein Haus. Wenn es mir wo nicht mehr gefällt, ziehe ich weiter.“

Derzeit gefällt es dem Freigeist gut in Philadelphia. Vielleicht weil die alte Hauptstadt ein Symbol für Freiheit ist. Hier begann die Amerikanische Revolution. Hier unterzeichneten im Juli 1776 die Gründungsväter die Unabhängigkeitserklärung, um sich von Britannien zu lösen. Hicks weiß zur „Stadt der Brüderlichen Liebe“ unzählige Anekdoten. Geschichte ist in Phili ähnlich gegenwärtig wie in Wien und auch genauso penetrant vermarktet. Souvenirshops, Prachtbauten, Fiaker. Die Liberty Bell – sie hielt irgendwann der Beanspruchung nicht mehr stand und barst – hat ein eigenes Mausoleum.

Die imperiale und symbolische Bedeutung der Stadt ist heute überlagert von Armut, Segregation und Kriminalität. Schuld daran – meint Hicks – sei die Regierung in Washington. Ob er bleiben werde, wenn McCain das Rennen macht? „Das weiß ich nicht. Aber ich wäre enttäuscht, wenn die Amerikaner die Chance auf Erneuerung verpassen und einen alten Mann wählen, der einen alten Kurs fährt.“

Roadtrip in der Wiener Zeitung

Philadelphia mit Rick Hicks



They Work the Trash

Pictures of a waste facility in Connecticut. Story will follow…

those who work the dirt. photo: matthias g. bernold


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.