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Protesters in St. Paul and how they get arrested

Minneapolis

Beim Konvent der Demokraten in Denver hatte es die Polizei leicht. Das Gelände rund um die Pepsi Hall lag außerhalb des Stadtkerns. War großflächig umzäunt und stark bewacht. Beim Konvent der Republikaner in St. Paul, der Hauptstadt Minnesotas, ist es schwieriger: Das Xcel Energy Center liegt im Zentrum. Hermetisch abriegeln geht nicht. Als der Friedensmarsch vom Kapitol zur Veranstaltungshalle zieht, ist das Polizeiaufgebot ähnlich massiv wie in Denver: Mit Helm, Plastikpanzer und Holzknüppel Bewehrte bauen sich vor den Demonstranten auf.

Der Umzug selbst verläuft friedlich, aber außerhalb der Demonstrationsroute geht es gewalttätig zu: Laut Bericht der Zeitung /„Politico“/ attackieren Vermummte zwei Delegationen Republikaner auf dem Weg zum Konvent. Die Politiker werden bespuckt und mit Bleichmittel bespritzt. Autoscheiben bersten. Ein paar Stunden später erlebte ich, wie vis-à-vis vom Rice Park ein junger Mann mit langem rotem Bart von der Polizei festgenommen und gefilzt wird. Während er mit am Rücken gefesselten Armen auf dem Boden kniet, durchforsten die Polizisten seine Habseligkeiten. „Sie müssen nach ihm gesucht haben”, erklärt die Verkäuferin von Heimie’s Haberdashery, einem Modehaus am Eck, „als sie ihn gesehen haben, wurde er gepackt und gegen die Wand geschleudert.” Der Mann wird mehr als eine Stunde lang beamtshandelt. Mit anderen Fotografen stehe ich zwei Meter entfernt (Fotos auf http://www.derbernold.com). Der Einsatzleiter hält uns die Baseballkappe des Bärtigen entgegen. “Macht ein Foto!” sagt er. Die Innenseite der Mütze ist mit Hartplastik ausgekleidet: Ein getarnter Helm. Außerdem trägt der Bärtige zwei paar weite Hosen und darunter Knieschützer. Er war gerüstet für eine Auseinandersetzung.

Dennoch macht mich stutzig, dass die Amtshandlung in der Öffentlichkeit und auf so erniedrigende Weise erfolgt. Als ich den Einsatzleiter frage, warum sie den Mann nicht einfach aufs Kommissariat mitnehmen, erklärt er mir. „Weil wir jetzt eben hier sind.”

Dann kam Gustav

Amnesty International installed a replica of a Guantanamo cell in front of the Excel Center in St. Paul.

Amnesty International installed a replica of a Guantanamo cell in front of the Excel Center in St. Paul.

Amerikanischer Wahlkampf ist wie Schach. Nur, dass mitunter höher Gewalt mit im Spiel ist. Eine Maschinerie hinter den Kulissen plant, reagiert und versucht, die Initiative zu behalten. (Wie ein moderner Wahlkampf abgewickelt wird, zeigt eindrucksvoll die Dokumentation „War Room” von D.A. Pennebaker and Chris Hegedus über Bill Clintons Kampagne 1992.) Die Ereignisse der letzten Tage zeigen die Bedeutung, dem Gegner einen Schritt voraus zu sein: Kaum hatten die Demokraten in fulminanter Show Barack Obama gekürt, zauberten die Republikaner als Vize die Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, hevor. (Ein Regierungsbeamter aus Minnesota versicherte mir, dass bis Donnerstag noch Minnesotas Gouverneur Tim Pawlenty feststand und McCain die Entscheidung in letzter Minute umstieß.) Palin – fünffache Mutter, Schönheitskönigin und Abtreibungsgegnerin – überlagerte prompt Obamas Auftritt. Allerdings nur für einen Tag. Dann kam Gustav.

Am Sonntag hatte die Polizei in den Twin Citys St. Paul und Minneapolis die Vorarbeiten für den Konvent abgeschlossen und Teile des Stadtgebiets unpassierbar gemacht. Amnesty International stellte den Nachbau einer Guantanamo-Zelle vors Konferenzzentrum. Pazifisten, Ron Paul-Fans und Veteranengroßmütter demonstrierten. Das mediale Auge blickte allerdings nicht mehr wirklich hin.

Der Sturm Gustav dominiert die Berichterstattung. Drei Jahre zuvor hatte Katrina drei Viertel von New Orleans unter Wasser gesetzt und 1.800 Menschen zu Tode gebracht. Ein Schandfleck der Bush-Regierung, die verspätet auf das Unglück reagierte. Um sich abzugrenzen, reduzierte McCain den Konvent auf ein Minimalprogramm und erklärte, nicht die Fehler von damals wiederholen zu wollen. Ihm dürfte der Sturm alles andere als ungelegen kommen. Nicht nur konnte sich der Republikaner elegant der Auftritte des immer unbeliebter werdenden amtierenden Führungsduos entledigen – Bush und Cheney sagten ihre Reden vorerst ab. Er ist auch wieder einen Zug voraus.

Der kunterbunte Bus

Am Cuernavaca Park am Nordrand der Innenstadt Denvers parkt ein bunter werdender Bus. Seine rechte Seite hat blaue Berge, eine Sonne und etwas Wiese, aber es gibt noch viele weiße Flecke. Rund um den Bus und oben drauf hocken sechs mit Papierteller in der einen Hand und Pinsel in der anderen. Jay Marks, Farbklecks auf seinem Teller ist blau, kauert auf der Motorhaube und vollendet gerade die Wörter „Even Furthur“.

Das Grüppchen Anstreicher ist die Delegation des Washington Peace Center. In ihrem Bus sind sie aus der Hauptstadt gekommen, um anlässlich der demokratischen Superparty, deren Klimax am Donnerstag die Kür von Barack Obama und Joe Biden sein wird, ihren Unmut über die politische Lage kundzutun. Andere Aktivisten haben es ihnen gleich getan. Ein paar hundert von ihnen lagern auf einer Wiese im Cuernavaca Park neben der Autobahn, zwei Kilometer vom Pepsi Center entfernt, wo der Konvent stattfindet. Es sind Pazifisten, Homosexuelle, Menschenrechtsschützer, Globalisierungsgegner. Die Pro-Life-Befürworter, die religiösen Gruppen und Veteranen logieren anderswo. Allen ist gemeinsam, dass sie die aktuelle US-Politik ablehnen. Was sie allerdings befürworten, ist in höchstem Maße unterschiedlich.

„Wir wollen die Repräsentanten des Senats und des Kongresses mit den Verbrechen konfrontieren, die sie begangen haben“, sagt Marks. „Einen Krieg zu beginnen, ist illegal und unmoralisch. Unsere Kritik trifft die Republikaner genauso wie die Demokraten. Immerhin haben sie George W. Bush lange unterstützt. Nicht einmal den Versuch haben sie unternommen, ihn abzusetzen.“

Mit 30.000 gewaltbereiten Demonstranten hat Denver gerechnet und die Stadt deshalb in eine einzige Sicherheitszone umgewandelt. In der 16th Street Mall, einer Fußgängerzone, deren Bild an normalen Tagen von Spaziergängern, Schachspielern und Blondinen in Straßencafés dominiert wird, wacht ein massives Polizeiaufgebot. In Gruppen von fünf bis zwanzig stehen Bewaffnete an den Häuserecken. Auf schweren Harley Davidson Motorrädern, zu Pferd oder auf dem Fahrrad patrouillieren sie durch die Straßen. Ihre Ausrüstung ist komplett: Kugelweste, Schlagstock, Pistole, Helm und die neuartigen Plastikhandschellen in Kobaltblau. Viele tragen Maschinenpistolen oder Gewehre zum Abschuss von Tränengasgranaten. Es ist eine Strategie der Abschreckung.

Wie harmlos wirkt dagegen das Grüppchen rosa gekleideter Damen von Code Pink, die sich im Mercury Café in der California Street, für ihren Marsch bereit machen. Vor dem Ziegelbau mit den Graffiti, der ein bisschen an die Wiener Arena erinnert, fertigen sie Transparente und bestücken Friedenszeichen mit Plastikblumen. Um elf Uhr machen sie sich auf in die Innenstadt. Unterwegs skandieren sie Parolen wie „Out of the shops – into the streets“ und „Bush – McCain all the same – all insane“. Die 74-jährige Barbara Briggs-Letson, Großmutter von sechs Enkelkindern, ist eigens aus San Francisco angereist, um – wie sie sagt „der Friedensbotschaft mehr Gehör zu verschaffen“: „Ich will nicht, dass einer meiner Enkel eines Tages in einem sinnlosen Krieg sein Leben lassen muss.“

Apropos Leben. Den Eingangsbereich zum Pepsi Center, das mit einem drei Meter hohen Zaun umgeben wurde, dominieren andere Aktivisten: Abtreibungsgegner haben auf einer geschätzt hundert Meter langen Strecke Rosen in den Maschendraht geflochten. Zwei afroamerikanische Damen verteilen Flugzettel, um den vorbeiflanierenden Delegierten ein schlechtes Gewissen zu machen. „Wir sind nicht wirklich organisiert“, erklärt mir eine der beiden, „wir sind einfach nur Mütter, denen es um das Leben ungeborener Kinder geht“. Ob sie mit jener anderen Gruppe von Abtreibungsgegnern in Verbindung stehen, die in einem Kastenwagen durch die Stadt fahren, der Plakate von Föten zeigt, die aus dem Mutterleib geschabt werden, war nicht festzustellen.

Zwischen Straßenhändlern, die Obama-Anstecker, Obama-Spielzeugfiguren und lebensgroße Obama-Pappkameraden verkaufen, verteilt Stephan Wangh Flugzettel der Progressive Democrats of America. Wangh ist Theatermacher und ehemaliger Universitätsprofessor in New York. Vor vier Jahren hat der 65-Jährige in Graz ein Theaterstück inszeniert. „Uns geht es darum, Bewusstsein innerhalb der Demokratischen Partei zu bilden“, erklärt er, „leider ignorieren unsere Abgeordneten viele Anliegen, die sich die Mehrheit der Demokraten wünscht. Gesundheitsvorsorge für alle zum Beispiel“.

Mit der Ausformung der Demokratie in den USA haben auch die Demonstranten rund um Jay Marks ihre Probleme. „Unser Zweiparteiensystem ist nicht anderes als ein Duopol, das in Wirklichkeit der Demokratie widerspricht. Beide Parteien sind kontrolliert von Unternehmen. Die Leute glauben, sie können wählen, aber in Wirklichkeit entscheiden sie gar nichts“, sagt Marks.

Und Jimmy Preston, ein Veteran der Friedensbewegung, setzt noch eins drauf: „Wir haben nichts gegen Wahlen – aber sie sind kein Substitut für eine echte Demokratie.“

Reportage in der Wiener Zeitung als pdf-file: kunterbunterbus2


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