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Einer der schönsten Abschnitte der Reise führt durch das böhmische Mittelgebirge

Wie ich von Wien nach Berlin radelte und was ich mir dabei zu sagen hatte

Reportage in der Wiener Zeitung

Radreisen sind SLandwirtschaftliches Idyll bei KozarovicheEiner der schönsten Abschnitte der Reise führt durch das böhmische Mittelgebirgeeelenreisen. Vielen Menschen begegnet man nicht. Aber einem dafür andauernd.

Durch Drazetice, ein paar Kilometer westlich der Moldau fährt ein schwer bepackter Radfahrer. Mühsam klettert er die Straße hoch, die sich durch den kleinen Ort windet. Die Einheimischen beobachten verwundert, wie er aufgeregt mit sich selber spricht, immer lauter wird und schließlich zu schreien beginnt. So wütend ist er, dass ihm die Adern wie Kabel vom Hals stehen. Seine Augen aufgerissen. Der Schweiß rinnt ihm durchs abgekämpfte Gesicht.

Der Mann auf dem Fahrrad bin ich. Am fünften Tag meiner Solo-Radreise von Wien nach Berlin vergangenen August. Als ich gerade bemerkte, dass ich mich abermals verfahren hatte und der Ärger über meinen schlechten Orientierungssinn nach außen brach.

1. Etappe: Wien – Geras

Wie intensiv die Auseinandersetzung mit mir selbst werden würde, ahne ich noch nicht, als ich am Sonntag, dem 5. August Rad und die vier Packtaschen frühmorgens aus dem dritten Stock die Stiegen hinunter schleppe. Meine Schwester schießt ein Startfoto. Dann geht es los: Donaukanal bis Nussdorf und weiter die Donau entlang – auf der vermutlich langweiligsten Strecke Österreichs.
Start der Radreise in der Wiener Brigittenau

Start der Radreise in der Wiener Brigittenau© M. Bernold

Bei Altenwörth setze ich über die Donau. Durch das Waldviertel hinauf Richtung Langenlois, den Kamp-Radweg entlang. Schwenke bei Altenburg auf den Kloster-Radweg, vorbei an malerisch gelegene Burgen, idyllischen Ortschaften, Feldern, die in der Sommersonne dampfen. Mit 130 Kilometern in den Beinen reite ich am Edlerseeteich bei Geras ein. Genau beobachtet von den Dauer-Campern, die in Klappsesseln zwischen aufgebockten Wohnwägen sitzen. Wann hört ein Wohnwagen auf, Wagen zu sein, frage ich mich, im Teich auf dem Rücken treibend, und schaue in den Abendhimmel.

2. Etappe: Geras – Litschau
Landwirtschaftliches Idyll bei Kozaroviche

Landwirtschaftliches Idyll bei Kozaroviche© M. Bernold

Probleme bringt jeder Lebenszustand: Der Nomade zum Beispiel muss seine Ausrüstung täglich aufs Neue verstauen und die kontaktfreundlichen Bockkäfer aus dem Zelt komplimentieren. Der sesshaft Gewordene grenzt das Seine ebenfalls gegen Eindringlinge ab. “Ihr Hund war schon wieder in unserem Gemüsebeet!”, höre ich einen Streit mit an, während ich die Luft aus der Matratze presse: “So ein deppertes Viech.”

Acht Uhr und ich bin wieder auf der Straße, lasse Hund wie Streithähne zurück. Durch Drosendorf, Raabs an der Thaya und Karlstein ziehe ich dahin. Während der Anstiege gewöhne ich es mir ab, nach vorne zu schauen. Stattdessen beobachte ich das Spiel meiner Oberschenkel. Dem sich verdichtenden Schmerz halte ich die Worte des US-amerikanischen Radfahrers Greg LeMond entgegen. “It never gets easier”, antwortete er auf die Frage, ob er die Bergfahrten als Mühsal empfinde, “you just go faster.”
Strandgefühl am Grünewalder Lauch in Brandenburg

Strandgefühl am Grünewalder Lauch in BrandenburgBei Großharmans verlasse ich den Thaya-Radweg in westlicher Richtung. In Litschau, unweit der tschechischen Grenze, nehme ich mir ein Zimmer. Eine kluge Entscheidung – denn in der Nacht geht ein schweres Gewitter nieder. Außerdem eine gute Gelegenheit, Leibchen und Radhose zu waschen sowie den Wolf mit Heilsalbe zu pflegen. Blunzengröstl im Gasthaus. Dann schlafen. Neun Stunden lang.

3. Etappe: Litschau – Hluboka

Vorbei am Herrensee über Schlag und die tschechische Grenze. Hier wird die Topographie angenehmer. Zuerst der E153, später den stark frequentierten Radweg entlang, der zuerst lange durch den südlichen Böhmerwald führt, um sich dann bei Domanin über wenig befahrene Straßen bis Budweis zu ziehen. Nach einem Kaffee am Ottokar -Pemysl-Platz spaziere ich durchs Stadtzentrum zur Moldau. Es sind noch zehn Kilometer bis Hluboka, wo ich die Nacht verbringen werde.

Auf dem kleinen Lagerplatz eines Sporthotels stelle ich mein Zelt auf. Umgerechnet 10 Euro kostet das, Frühstück inklusive. Die Nacht ist so kalt, dass ich im Schlafsack lange Hosen zur Fleecejacke trage. Nebenan schläft ein älteres Prager Ehepaar im Auto: Dass ich Krumau nicht besuche, sei fast obszön, meint der Mann: Gebe es doch in ganz Tschechien keinen schöneren Fleck.

4. Etappe: Hluboka – Zvikovske

Podhradi. Der vierte Tag beginnt gemütlich mit der Lektüre von Sten Nadolnys “Die Entdeckung der Langsamkeit”. Die Folge: Alles dauert viel länger als gewöhnlich. Der Radweg verläuft jetzt selten entlang der Moldau. Die meiste Zeit mäandert er in den Hügeln ringsum. Keine Karte dabei zu haben, erweist sich als großer Nachteil. Regelmäßig muss ich stehen bleiben, um mich mit Hilfe des GPS auf dem iPhone zu orientieren.

An diesem Tag fällt mir zum ersten Mal auf, wie einsam ich bin. Anders als beim Wandern, wo man oft mit anderen ins Gespräch kommt und ab und zu ein paar Kilometer gemeinsam zurücklegt, bleibt der Radfahrer mit sich allein. Als wäre die Menschheit ausgestorben. Isolation als postapokalyptischer Zustand, wie ihn die Philologin Judith Schossböck in ihrem Buch “Letzte Menschen” beschreibt. Oder in den Worten von Nietzsche: “Denn mein Herz sträubt sich zu glauben, dass die Liebe tot sei, es erträgt den Schauder der einsamsten Einsamkeit nicht und zwingt mich zu reden, als ob ich Zwei wäre.”

In Sichtweite fahre ich am AKW Temelin vorbei, weiter Richtung Albrechtice, dann die erste Irrung: irgendwo bei Slavetice eine Abzweigung: Alle Höhenmeter und sicher fünf Kilometer verloren. Kaum ist mein Ärger abgeflaut, schlittere ich in Irrung Nummer zwei. Nach den Dörfern Udraz und Jehnedsko zweige ich bei einer Herde Ziegen falsch ab. Befinde mich plötzlich auf einer Art Mountainbike-Strecke. Gift für die Reifen des Reiserades. Weil ich nicht umdrehen will, schiebe ich es querfeldein zwei Kilometer weit bis zur Straße nach Chrastiny.

5. Etappe: Zvikovske Podhradi – Zivohost

Diese Etappe hat als Höhepunkt den Staudamm des Wasserkraftwerks Orlik, der die Moldau in ein Bächlein auf der nördlichen und einen breiten See auf der südlichen Seite teilt. Auf der betonierten Brüstung nehme ich mein Mittagessen. Noch weiß ich nicht, dass ich in ein paar Stunden am eingangs geschilderten Tiefpunkt meiner Reise angelangt sein werde. In Orlik denke ich über die Gedanken nach, die einem beim Radfahren durch den Kopf ziehen. Keine logischen Konstruktionen sind es, keine Pläne oder tiefgründigen Erwägungen. Joseph Roth drückte es einmal so aus: “Die Gedanken waren wie fremde Vögel und flogen wieder davon.”

6. Etappe: Zivohost – Prag

Von der Moldau-Halbinsel Zivohost gönne ich mir die Fähre ins fünfzehn Kilometer entfernte Slapy. Als ich zur Anlegestelle haste, übersehe ich die Stahlverankerung eines gerade nicht dort befindlichen Pfostens und pralle mit dem Vorderrad dagegen: Reifenplatzer.

Schlauch tauschen in Slapy gelingt mir ohne Probleme. Eine großer persönlicher Triumph. Vielleicht der spirituelle Höhepunkt der Reise. Er trägt mich die letzten 40 Kilometer bis nach Prag. Nach kurzer Nostalgietour durch die Altstadt quartierte ich mich im Czech Inn Youth Hostel ein. Dank Ohrstöpsel funktioniert Schlafen auch in einem Saal voller betrunkener amerikanischer Teenager.

7. Etappe: Prag – Libochovice

Ursprünglich wollte ich weiter dem Verlauf der Moldau folgen. Doch bald muss ich feststellen, dass dies wegen der üblen Radwegführung – dauernd wird man vom Fluss weggelotst und findet sich dann ohne Hinweisschilder im Nirgendwo wieder – unmöglich ist. Stattdessen folgte ich der Straße 608, die parallel zur Autobahn verläuft. Die Route erweist sich aber wegen der Lkw als gemeingefährlich. Stattdessen im Zickzack kleinere Landstraßen, bis bei Kozarovice wieder eine vernünftige Radroute beginnt.

Leichtfertiger Weise habe ich in Prag weder Geld abgehoben noch Vorräte eingekauft. Nach Übersetzen mit der Fähre in Luzec kaufe ich mit den letzten Münzen Erdnüsse und Fanta. In Roudnicek beginne ich mit Quartier- und Bankomatsuche. Es sollte eine lange Suche werden. Erst in Libochovice werde ich fündig. Dass Hotel Zlaty Zajic ist allerdings wegen des Jahrmarkts ausgebucht. Weil ich partout auf ein Quartier bestehe – ich will bei Dunkelheit nicht weiter fahren -, stellt der Hotel-Eigentümer ein Klappbett im Frühstücksraum auf. Die 200 Kronen (acht Euro) zahle ich im Vorhinein. Während der Nacht queren die anderen Gäste den Raum. Es ist der einzige Zugang zum Obergeschoß. Aber das macht nichts. Ich schlafe herrlich.

8. Etappe: Libochovice – Teplitz

Am nächsten Tag quere ich das böhmische Mittelgebirge mit den Ortschaften Trebenice, Vlastislav und Milesov. Die landschaftlich vielleicht schönste Etappe der Reise. Bei der unheimlichen Kirche von Milesov beobachte einen alten Mann mit krummem Rücken, der mit einer Sense den verwilderten Friedhof zu ordnen sucht.

Nach Kostomlaty öffnet sich der Blick auf das von Industrie geprägte nordböhmische Becken. Von 800 auf 200 Meter Seehöhe geht es hinunter. Eine feine Abfahrt, die mich für die Strapazen davor entschädigt. Kurz vor Teplitz folgt noch einmal eine kurze Steigung. Zum Trost quartiere ich mich direkt am Schlossplatz und überlasse meine Schmutzwäsche dem Zimmerservice.

9. Etappe: Teplitz – Dresden

Teplitz, das seine Hochzeit als Kurort der Mächtigen während der k. u. k.-Monarchie erlebte, ist ein wilder architektonischer Mix: Gründerzeithäuser, sozialistische Zweckbauten, Industrieruinen. Ich quere die Stadt in nördlicher Richtung und nehme in Krupka die Seilbahn ins Erzgebirge. Oben angelangt fahre ich die Höhenstraße bis zum Grenzort Cinovec/Zinnwald: ein Shopping-Paradies für deutsche Touristen, die hier – dem Warenangebot nach zu schließen – vor allem eines kaufen: Gartenzwerge.

Ab Altenberg geht es dann nur noch bergab. Eine wirklich angenehme Etappe, die mich am Nachmittag problemlos bis Dresden bringt. Ich radle durch die Altstadt, deren Wiederaufbau so perfekt gelang, als sei hier niemals eine Bombe eingeschlagen. In Neustadt, dem Zentrum der alternativen Szene nehme ich ein Bett in einer Jugendherberge. Gut: Im Stiegenhaus hängen Fotos von Spock und anderen Außerirdischen.

10. Etappe: Dresden – Grünewald

Dresden verlassend, folge ich den Empfehlungen der ADAC-iPhone-App. Theoretisch kann man damit jede Menge Details einstellen: schnelle Routen, komfortable Routen, Mountain-Bike-Trails. Praktisch ist es so, dass die App unbrauchbar ist. (Vielleicht will der deutsche Autofahrerclub den Radlern das Fahren verleiden?) Ich fahre irgendwann nordwärts auf niederrangigen Straßen. Komme sogar durch Münchhausen! Es geht flach und flott dahin. Dann mache ich an einem See in Grünewald halt. Gewissermaßen der Karibik der ehemaligen DDR. Der Grünewalder Lauch verfügt über Sandstrand und einen alten Papagei. Außerdem hat die Wirtin, wie sie mir erzählt, am Tag davor ihren Mann vor die Tür gesetzt: “Wer nicht spurt”, sagt sie, “muss gehen.”

Berlin

Nach Berlin ist es von Grünewald dann nur noch ein Hupfer. Als ich meine Verlegerin im Hotel treffe, merke ich erst, wie viel Sprechbedürfnis sich in mir gestaut hat. Wir sind zum Sommerfest der Literarischen Gesellschaft Berlin am Wannsee eingetragen. Selten habe ich mich so sehr darauf gefreut, einen Vortrag zu halten. Endlich wieder Menschen. Die Apokalypse ist abgewendet. Zumindest für diesen Sommer.

Artikel erschienen am 28. September 2012 in: “Wiener Zeitung”, Beilage “Wiener Journal”, S. 22-27

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Christoph Chorherr im Freitritt-Interview: “In zehn Jahren halb so viele Autos in der Stadt”

ImageMit der Entscheidung der Wiener Stadtregierung, die Parkraumbewirtschaftung in Wien zu erweitern, die Bevölkerung aber erst danach um ihre Meinung zu fragen, geht der politische Kampf um das Autofahren in der Stadt weiter. Ich habe den Grünen Planungssprecher Christoph Chorherr, der vielen als Mastermind hinter der Grünen Verkehrspolitik gilt, zum Gespräch über Mobilit, weitsichtige Stadtplanung und das Leben im Speckgürtel getroffen.

Hier der Link zu Freitritt, dem Radblog der Wiener Zeitung

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Platz Da! Jetzt kommen wir Radfahrer!

Nie zuvor hatten Wiens Radfahrer mehr Fürsprecher, nie zuvor genossen sie mehr Sympathien in der Öffentlichkeit. Dennoch kommt ihnen nur ein Bruchteil des öffentlichen Raumes zu. Warum eigentlich? Artikel in der Wiener Zeitung

Critical Mass im März 2012. Foto: Walter Skokanitsch

Bremsenlos trendy

„Ein Bahnrad ist sexy“, behauptet Dave, der gerade frisch in meine WG gezogen ist und der sich jetzt eines kaufen will. Dave hat ein sicheres Gespür für Trends. Und Bahnräder, weiß Dave, sind in New York der letzte Schrei.

Ein Bahnrad ist ein Fahrrad ohne Bremsen und ohne Gangschaltung. Jedes überflüssige Gramm wurde eingespart, um auf der Rennstrecke entscheidende Zehntel- oder Hundertstelsekunden gutzumachen.

In Stadtverkehr sind Bahnräder unpraktisch und unsinnig. Das gilt schon für Wien, wo man auf dem Ringradweg alsbald mit einer Touristengruppe kollidieren würde. Es gilt aber in noch weit höherem Maß für New York. Denn diese Stadt ist für Tretende die Hölle.

Vergessen wir einmal die Qualität der Straßen mit ihren tiefen Schlaglöchern, mit den Asphaltfugen und den gemeingefährlichen Kanaldeckeln, in denen die Reifen hängen bleiben. Vergessen wir die immer blockierten oder verparkten Fahrradstreifen. Das Problem ist, dass New Yorks Autofahrern kein Konzept eines Rad fahrenden Menschen haben: Es ist, als gäbe es Radfahrer gar nicht. Man wird geschnitten. Des Vorranges beraubt. Oder – und das ist eine der größten Gefahren – man kollidiert mit einer sich plötzlich öffnenden Autotür. Alle paar Wochen kommt ein Radfahrer im Straßenverkehr zu Tode.

Es ist eine absurde Irrung, dass das Bahnrad in New York zum unentbehrlichen Stilmittel werden konnte. Aber im Stadtteil Williamsburg in Brooklyn, wo Trends geboren und aufgezogen werden. Wo man zuerst Frauen in bunten Gummistiefeln und Männer in hautengen Skinny Jeans und übergroßen 80er-Jahre Hornbrillen erblickte. Dort, bei den jungen Kreativen gibt es keine anderen Räder mehr. Als wären entbehrliche Einfältigkeiten wie Bremsen, Klingeln, stoßgedämpfte Gabeln oder Gepäckträger überhaupt nie erfunden worden.

Wer sich diese Mode ausgedacht hat, weiß ich nicht. Vielleicht die Fahrradboten. Diese tätowierten, wadenmuskelbepackten Helden der Großstadt, die in aberwitzigem Tempo durch die Autokolonnen mäandern, sind häufig auf den Spezialrädern unterwegs. „Ich brauche die Bremse eigentlich nicht“, erklärt mir einer von ihnen und betrachtet dabei so verächtlich das Einkaufskörbchen an meinem Lenker, dass ich mich augenblicklich dafür schäme. Er arretiert sein Rad gerade am selben Laternenmast, von dem ich meines löse. „Ich bleibe selten stehen“, sagt er, „sollte es doch einmal nötig sein, dann mache ich es so: Ich hebe mit einem Ruck den Hinterreifen an und stemme mich gegen die Pedale. Dann lasse ich das blockierende Hinterrad hinunter und bleibe mit einem Schleiferl stehen“.

Das – muss ich mir eingestehen, während ich noch überlege, mein Einkaufskörbchen abzuschrauben – hat dann doch wieder etwas. Sollte ich umsatteln?

Glosse im Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung


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