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Anne Headaway, eine der Gründerinnen der Rollergirls. Foto: Andreas Jakwerth

Reportage in der Wienerin: Wo die wilden Mädels wohnen

Starke Frauen, männliche Cheerleader und ein Hüftschwung, der umhaut: Roller Derby ist schnell, körperbetont und schweißtreibend. Dabei purzeln nicht nur die Gegenspielerinnen auf dem glatten Parkett: Sondern auch Geschlechterklischees werden gehörig durcheinander gewirbelt. Zu Besuch bei den Vienna Rollergirls.

Meine Reportage für die aktuelle Wienerin, mit Fotos von Andreas Jakwerth

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Schäfchen zu Schäfern

Missbrauchsfälle, Kirchenkrise, Papstbrief. Auch Menschen im Priesterseminar erfahren dieser Tage Ungemach

Der Tag beginnt mit Gott. Danach erst gibt es Frühstück. Schon kurz vor sieben Uhr sammelt sich ein Dutzend Männer in der „Santa Maria de Mercede“-Kirche schräg vis-à-vis der amerikanischen Botschaft. Unter einer prunkvollen Stuckdecke liest der Priester aus dem Johannes-Evangelium. Auf Fürbitten folgt die Eucharistie. Kurz nach halb acht segnet er die Gläubigen und entlässt sie in Frieden, um hernach den Ministranten durch ein Holztürchen neben dem Altar zu folgen. Auch die übrigen Anwesenden schlüpfen – ein paar Momente der Besinnung später – durch diesen schmalen Gang. Einer nimmt das Gebetsbuch mit. Ein zweiter Kelch und Patene. Der Letzte löscht die Kerzen und sperrt die kleine Türe zu.

Misstöne stören die Harmonie

Die frühmorgendliche Messe ist Teil des Ausbildungsprogramms, das aus Schäfchen Schäfer machen soll und aus Ökonomen, Psychologen, Journalisten und Amtsdirektoren Prediger. Dem Ruf Gottes sind sie in die Wiener Boltzmanngasse gefolgt. Allein: Zurzeit überlagern schrille Misstöne die göttliche Harmonie.

Seitdem in Irland, Deutschland und Österreich immer mehr Fälle von Missbrauch und Gewalt durch Geistliche bekannt werden, seitdem sich Kirchenaustritte häufen und Facebook-Seiten gegen katholische Kinderschänder wettern. Seit selbst der Papst verdächtigt wird, als Präfekt der Glaubenskongregation Missbrauch gedeckt zu haben, und sich am Wochenende genötigt sah, einen Hirtenbrief zu den ungustiösen Übergriffen zu verfassen, herrscht Irritation unter den werdenden Priestern. Der gewohnte Ablauf aus Beten, Arbeiten und Studieren ist durcheinandergeraten. „Machen wir uns nichts vor“, fasst ein Wiener Seminarist die vergangenen Wochen zusammen, „es ist eine Scheißsituation.“

„Sie schauen uns komisch an“

Wie sich die Stimmung in den vergangenen Tagen gegen Vertreter der katholischen Kirche wendete, hat Richard Tatzreiter, der Subregens des Wiener Priesterseminars, persönlich erlebt. Er spricht von einem Generalverdacht, der sich „wie ein schwarzer Mantel“ über die Geistlichen gelegt habe: „Viele schauen uns auf der Straße komisch an, wenn wir als Priester erkenntlich sind“, sagt er, „erst vor zwei Tagen hat man mich angerempelt und beschimpft, als ich auf die Straßenbahn gewartet habe.“

Tatzreiter, der auch am Morgen die Messe leitete, hat im obersten Stock des Priesterseminars seine Unterkunft, „auf der Alm“, wie das hausintern heißt. Seit fast 100 Jahren ist das Haus mit den langen, hellen Gängen und den vielen Zimmern mit ihren grün getünchten Kassettentüren Ausbildungsstätte und Wohnsitz.

Tagsüber sind die angehenden Priester draußen, studieren Theologie, nehmen Unterricht in Stimmbildung, arbeiten als Religionslehrer oder in Pfarren. Am Abend trifft man sich im Kreis der Kollegen, studiert in der Bibliothek und nimmt gemeinsam die Mahlzeiten ein. Den Werdegang von Subregens Tatzreiter, der bereits als 18-Jähriger ins Priesterseminar eintrat, darf man nach heutigen Maßstäben getrost als untypisch bezeichnen. Während der Subregens früh um seine Bestimmung wusste, ereilte die meisten der heutigen Aspiranten der göttliche Ruf erst Jahre später.

„Es ist ein Prozess“, erklärt etwa der 36-jährige Thomas Marosch, „irgendwann deuten so viele Dinge in diese Richtung, dass es der einzig logische Weg ist.“ Wenngleich in einem katholischen Milieu groß geworden, erlernt die Mehrheit der Seminaristen zunächst einen weltlichen Beruf, einige heiraten sogar, bis sie eines Tages ein „Gotteserlebnis“ haben oder bis sich der Wunsch, ihr Leben Gott zu weihen, nicht mehr unterdrücken lässt.

Spätberufen ins Priesteramt

Einer jener Spätberufenen ist auch Wolfgang Kimmel. In der „Bar“ im Erdgeschoß, die ganz im Stil der 70er-Jahre eingerichtet und deren Spirituosenkühlschrank mit einem Vorhängeschloss gesichert ist, sitzt er neben seinem grauen Windhund Pimperl auf der braunen Ledercouch. Mit seinen 41 Jahren hat Kimmel schon einiges erlebt: Nach der Matura verbrachte er sechs Jahre als Mönch in Stift Göttweig. Um Theologie zu studieren, verließ er das Benediktinerkloster. Und wandte sich danach profaneren Geschäften zu: profil-Innenpolitikredakteur, parlamentarischer Mitarbeiter des Liberalen Forums und schließlich Konzernsprecher waren Zwischenstationen, bis er – wenn alles nach Plan verläuft – im Juni die Priestersoutane überstreifen wird.

Wie die meisten im Seminar sieht Kimmel sexuellen Missbrauch von Jugendlichen weniger als Problem der katholischen Kirche denn als Problem geschlossener Systeme. „In Familien, die sich hermetisch abschließen, in schulischen Einrichtungen, speziell, wenn ein verqueres Elitedenken dazukommt“, erklärt er, „speziell in Männergesellschaften und Männerbünden besteht immer die Gefahr von sadistischen und pädophilen Tendenzen.“

Das typisch Katholische an den Fällen, die jetzt bekannt werden, sagt er, sei auch die verkorkste Sexualmoral des 19. Jahrhunderts, die bis heute nachwirke. Sowie das Unter-den-Teppich-Kehren durch Bischöfe in der Vergangenheit: „Ich halte es“, sagt Kimmel, „für unentschuldbar, dass man pädophile Priester von einer Pfarre in die nächste verschoben hat.“

Seit dem Skandal um Kardinal Hans Hermann Groër, der Mitte der 1990er-Jahre Österreich schockierte, habe sich in Österreich allerdings Erhebliches getan.

Tatsächlich wurde die Priesterausbildung seit der Jahrtausendwende umfassend erneuert. „Wir versuchen, die Sexualität unserer Seminaristen und ihre biografischen und geistigen Wurzeln zu durchleuchten“, erklärt Nikolaus Krasa, der Regens des Priesterseminars, „um festzustellen, ob einer verklemmt ist oder frei, offen oder verschlossen.“ In vorbereitenden Gesprächen, durch ständige Supervision, mit Hilfe von Psychologen und im Zusammenleben versuche man zu verhindern, dass „seltsame Typen“ die Priesterweihe erlangen.

Eine der wichtigsten Veränderungen war die Einführung des sogenannten Propädeutikums vor acht Jahren: ein einjähriger Intensivlehrgang im niederösterreichischen Städtchen Horn. „Es geht dabei um eine ganzheitliche Einführung in den Lebensstil des Priesters“, erklärt Spiritual Harald Mally, der in Horn Seminaristen sozusagen als Vertrauenslehrer betreut. Sexuelle Gefühle – weiß Mally – gehörten zum Menschsein dazu: „Es kann sein, dass man an gewissen Idealvorstellungen scheitert. Manchmal hat vielleicht einer in einem Punkt eine Schwäche, oder es passiert ihm öfters Masturbation. Dann soll man nicht so tun, als ob das die schwerste Sünde wäre. Es gibt Schlimmeres.“

Zölibat ist auch Befreiuung

Während der Zölibat von vielen außerhalb der Kirche als eine Wurzel des Übels gesehen wird, verneinen viele im Seminar einen Zusammenhang des priesterlichen Keuschheitsgebots mit den sexuellen Irrungen, die zum Missbrauch Minderjähriger führen. „Zölibat ist Verzicht, keine Frage“, wehrt sich Seminarist Kimmel, „aber es ist nicht so, wie alle glauben, dass mir Sexualität dauernd im Kopf sitzt und aus jeder Pore dringt.“ Zölibat sei vergleichbar mit einer monogamen Beziehung: „Es ist eine Befreiung: Man ist nicht mehr getrieben auf der Suche nach Liebe, Partys oder Konsum.“

Auch Regens Krasa warnt vor Kurzschlussargumentation „nach dem Muster: Missbrauch ist gleich ein Problem der Priester ist gleich ein Problem des Zölibats.“ Die mediale Berichterstattung sei von Stereotypen und Klischees geprägt. „Wir bedauern jedes Opfer zutiefst“, sagt Krasa, „aber man muss die Wahrheit sagen: Es gibt kein Ausbildungssystem, das 100-prozentig garantieren kann, dass kein Pädophiler dabei ist. Weder in der Kirche noch sonstwo.“

Mit Spannung beobachten die jungen Priesteramtsanwärter, wie sich der Papst angesichts der Krise verhält. Dass sich allzu schnell etwas ändert, glauben sie nicht. Eines ist sicher: Auch morgen Früh werden sie nach althergebrachtem Ritus ihre Eucharistie begehen. Allen Dissonanzen zum Trotz.

“Falter” Nr. 12/10 vom 24.03.2010 Seite: 14 Ressort: Politik

Einmal Heuschrecke und retour

Wie Sparkassen ans schnelle Geld wollten und sich daran vergifteten. Eine kleine Geschichte des Bankwesens

Vier Jahrzehnte lang war Peter Kroneis (Name von der Redaktion geändert. Anm.) Bankangestellter, bis er vor fünf Jahren als Filialleiter in Pension ging. Die Bank, bei der er im Jahr 1967 begann, hieß Zentralsparkasse (Z) und vor jeder Filiale rotierte eine beige-orange-farbene Kugel. Am Weltspartag kamen die Leute in Scharen, um die Münzen aus ihren Sparschweinen gegen Spargeschenke zu tauschen. Aus den Schaufenstern lächelte der Sparefroh. „Damals“, sagt Kroneis, „waren wir die Sparkasse des kleinen Mannes.“

Die Welt, wie Kroneis sie zu Beginn seiner Karriere kennenlernte, ist nicht mehr. Der Schilling wertlos, und keiner drängt sich mehr am Weltspartag in die Banken. Die Zentralsparkasse – gegründet im Oktober 1905 von der Gemeinde Wien – ist heute eine Tochter der italienischen Uni Credit. Die von Hans Hollein entworfenen Kugeln vor den Filialen wurden von Wellen anderer Logos fortgespült.

Die Geschichte der Zentralsparkasse von den 80er-Jahren bis heute ähnelt jener der meisten großen österreichischen Kreditinstitute. Innerhalb von drei Jahrzehnten werden aus Bankbeamten Verkäufer, aus Kunden Anleger, aus Zweigstellen automatisierte Verkaufsbuden und aus gemeinnützigen Institutionen gewinnorientierte Unternehmen, die auf globalen Finanzmärkten um die höchstmöglichen Rendite pokern. Wenn die Märkte schlingern, stellen sich die Banken um staatliche Kapitalspritzen und Haftungsgarantien an. In dieser Woche verhandeln auch die Bawag und ihr neuer Eigentümer, der US-amerikanische Aktienfonds Cerberus, mit der Republik um frisches Geld aus dem österreichischen Steuertopf.

Als Kroneis 1967 Bankangestellter wird und nach einem Jahr Dienst die Prüfung ablegt, um „definitiv“ gestellt, also unkündbar zu werden, ist eine derartige Entwicklung unvorstellbar. Die großen Banken sind – so wie die wichtigsten Industrien – seit dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht oder staatsnah. Die Bankgesetze sind streng. Der Berufsstand des Bankers steht für Seriosität und Verlässlichkeit. Ein gesellschaftlicher Archetyp wie der Pfarrer, der Lehrer oder der Arzt. Wer am Schalter mit Geld hantiert, genießt das Vertrauen seiner Kunden. „Die haben mir alles erzählt“, erinnert sich Kroneis stolz, „ihre Urlaubsanekdoten, ihre privaten Problemchen und ihre amourösen Geschichten. Das darf man heute ja gar nicht mehr sagen: Wir haben getratscht und Schmäh geführt. Das hat die Bindung zum Kunden gestärkt. Der ist nicht gleich zur Konkurrenz gelaufen, nur weil dort der Kredit um einen halben Prozentpunkt billiger war.“

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Die Lichtbringer – Zur Zukunft des Journalismus

INTERNET Die Zukunft der Zeitung sieht düster aus. Aber für den Journalismus gibt es Hoffnung. Drei Beispiele aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Brian Storm gibt sich leger. Sein schütteres Haar ist kurz geschoren, statt Hemd und Krawatte trägt er T-Shirt und abgewetzte Jeans. Gerade bemüht sich der Mittvierziger, die tragbare Festplatte an den Apple in Klassenzimmer 107a anzuschließen. Das ist nicht leicht – die USB-Ports sind schwer zugänglich, weil tief im Kabelsalat des Wandschranks verborgen. Außerdem geht die Klimaanlage nicht. Storm schwitzt und flucht. „Ok“, sagt er zu den 14 Studenten als die Festplatte endlich steckt, „ich zeig euch jetzt ein paar Videos. Dann fragt ihr mich was!“.

Brian Storm gilt als Lichtbringer in der düsteren Welt des US-Journalismus. Nicht nur an der Journalismusschule der Columbia Universität in New York ist der ehemalige Produzent bei MSNBC.com gern gesehener Gast. Auf Storms Multimedia-Geschichten blicken amerikanische Medien mit Neugier und Hoffnung. Denn noch immer vermögen die Webseiten der großen Medien nicht die Verluste aus den sinkenden Auflagen abzufangen. Bitte wie, fragen sich viele, lassen sich die versatilen Medienkonsumenten auf den Seiten halten? Wie soll guter Journalismus im Internet aussehen? Und wie verdient man damit Geld?

Weiterlesen im Falter. lichtbringer


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