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Reportage in der Wienerin: Lektionen aus der Apokalypse

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eine Reportage in der Dezember-Ausgabe der Wienerin
Kein heißes Wasser, kein Strom, keine Heizung, dafür verzweifelte Menschen, die sich stundenlang für Benzin anstellten – so apokalyptisch ging es nach dem Wirbelsturm Sandy in New York City zu. Und die nächste (Natur-)Katastrophe kommt bestimmt, wenn auch voraussichtlich nicht am 21. Dezember. Höchste Zeit also für WIENERIN-Autor Matthias Bernold, von Endzeit-Predigern und Survival-Experten zu lernen.

Er trägt Springerstiefel, Militär-Parka und Khakihosen mit Camouflagedruck, dazu blonde Surfer-Locken, die ihm lustig in die Stirn hängen. Den Wanderstock aus Buche hat er in eine Ecke gelehnt. Hund Bruno, eine Dobermann-Schäferhund-Mischung, sieht ihm zu, wie er sein Seil mittels Mastwurf am Gaszähler im Vorzimmer befestigt. Das andere Ende knüpft er an seinen behelfsmäßigen Klettergurt: “So. Jetzt können wir uns aus deinem Fenster in den Hof hinunterlassen!“

Martin Mollay ist Survival-Trainer. Aus seiner Liebe zur Natur, zum Kampfsport und zu Aktivitäten wie Wandern, Klettern und Rafting hat sich der ehemalige Elektrotechniker und Bundesheer-Ausbildner ein eigenes Berufsbild erschaffen. Jetzt bringt der 37-Jährige anderen Menschen – in diesem Falle mir – bei, wie sie ohne die Hilfsmittel der bürgerlichen Welt überleben können. Oder eben, wie sie aus dem dritten Stock flüchten könnten, wenn die Endzeit das Stiegenhaus unpassierbar gemacht hat. (Link zu Martin Mollays Website)

Zivilisation am Ende. Wie schnell das zivilisatorische Fundament einer Gesellschaft wegbrechen kann, zeigte sich zuletzt in New York, wo die Bürger nach dem Wirbelsturm Sandy tagelang ohne Heizung, Strom und Benzin auskommen mussten – aber kaum konnten. Für Menschen wie Martin Mollay sind derlei Ereignisse die Bestätigung, dass die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr lange stehen wird: “Es gibt zwei Szenarien: eines des revolutionären Umbruchs und eines des sanften Wandels“, sagt er. “Entweder alles kollabiert mit einem Schlag – gefolgt von Chaos und einer Neu-Formierung der Gesellschaft, die friedlich oder gewaltdominiert sein kann. Oder aber es wird ein schleichender Umbruch. Die Menschen erkennen, dass sie die Gesellschaft ändern müssen, um sie zu erhalten.“

Lust am Untergang. Mit seinen Ideen steht Martin nicht allein da. Die Gruselindustrie, die vor dem “bewussten“ 21. Dezember sicher noch ein paar skurrile Blüten treibt, zeigt das deutlich. Apokalyptische Visionen begleiten den Menschen, seit er sich Glaubenssysteme schuf, um die Rätsel des Lebens zu verstehen. Religiösen Geboten Nachdruck zu verleihen, mag ein Grund für die Menetekel gewesen sein. Dazu die Bedrohungen, vor denen weder der urzeitliche noch moderne Mensch gefeit ist: Kometen auf Kollisionskurs, Vulkanausbrüche, Fluten, später dann: Weltkriege, altersschwache Atom-Meiler und schmelzende Polarkappen.

Es gibt, weiß die Literaturwissenschafterin Judith Schossböck, die sich dem Thema in ihrem Buch Letzte Menschen näherte (s. Interview), eine ungebrochene Lust am Untergang. Wer auf amazon.com etwa “End of the World“ eingibt, erhält 342.115 Treffer (Stand: 15. November 2012), darunter Ratgeber, Romane, sogar Survival-Kits mit Trockennahrung, Chlortabletten und Kompass.

Bei vielen steckt hinter der Beschäftigung mit dem Untergang die Sehnsucht, auszubrechen – aus einer immer komplexer, immer technisierter und künstlicher werdenden Welt. Diese Sehnsucht schlägt sich in Urban Gardening, Gemüsekistl-Abos, Lastenfahrrädern und Wald-Kindergärten nieder. Und es gibt sie wahrscheinlich bereits ebenso lange wie den technischen Fortschritt. So formulierte Henry David Thoreau in seinem Werk Walden bereits im Jahr 1854: “Luxus und Komfort sind nicht nur überflüssig, sondern der menschlichen Entwicklung sogar hinderlich.“ Anzustreben sei, so formulierte es der US-Schriftsteller, der sich zum Schreiben des Buches zwei Jahre lang in eine primitive Holzhütte an einem Teich im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts zurückgezogen hatte, ein “Leben in Einfachheit und Unabhängigkeit, gekennzeichnet von Großmut und Vertrauen“.

Technik schützt nicht. Einfach leben: Genau das fasziniert auch Martin Mollay. Schon als Kind fühlte sich der gebürtige Wiener Neustädter am wohlsten im Wald. Nach der HTL verschlug es den sportlichen jungen Mann zum Jagdkommando, der Eliteeinheit des österreichischen Bundesheeres. Knapp fünf Jahre lang blieb er dort, stieg auf, wurde selbst Ausbilder.

“Eines Tages ist mir bewusst geworden:, He, ich bilde Elitesoldaten aus, die aufs Töten konditioniert sind.‘“ Und das Töten ist Martins Sache nicht. Zwar habe er kein Problem damit, sich zu verteidigen. Doch für den überzeugten Vegetarier hängt das Überleben weniger an Gewaltbereitschaft, Körperkraft und Guerilla-Taktik als am Wissen um alte Kulturtechnik und das Knüpfen von sozialen Netzwerken. “In uns schlummert das Wissen vergangener Generationen“, sagt er. “Aber es geht mehr und mehr verloren.“

Diesen Befund teilt Martin mit Wissenschaftern. Der kanadische Fortschrittskritiker Pat Roy Mooney etwa vertrat heuer in seinem Vortrag im Europäischen Forum Alpbach die These, dass wir die erste Generation seien, die mehr Technologien verliere als gewinne. Zwar werde der Konsument dauernd mit neuen Techno-Gadgets und immer mehr Megapixeln für die Handykamera gelockt. Wirkliche Innovationen, meint der Träger des Alternativen Nobelpreises, seien allerdings rar. Und während sich die Agrarindustrie Patente auf Saatgut sichert, geraten traditionelle Getreidesorten und Ackerbaumethoden in Vergessenheit.

Gedeckter Tisch. Ebenso vom Vergessen bedroht sind Grundtechniken des Kletterns, des Feuermachens, der Heilkunst und des Bauens von Unterständen. Allerdings reagieren die meisten Menschen begeistert, bekommen sie erst eine Chance, die alten Tricks zu erlernen, erzählt der “Survivalist“. “Bei meinen Outdoortrainings legt sich bei den Teilnehmern nach drei Tagen ein Schalter um“, sagt Martin. “Obwohl sie nie im Freien übernachtet haben, wird ihnen die Natur in kürzester Zeit zum Alltag. Viele sagen, sie könnten ewig so weitermachen.“

Zu den für die meisten Menschen erstaunlichsten Erfahrungen gehöre es herauszufinden, dass es gar nicht so schwierig sei, in der Wildnis genügend Nahrung zu finden. “Auch im Herbst findet man im Wald noch so viel zu essen, dass man nicht hungern muss“, sagt Martin: “Ein kundiger Sammler braucht eine Woche, um so viel zu horten, dass er durch den Winter kommt.“ Durch seine Augen betrachtet ist der Wiener Augarten ein gedeckter Tisch und die Donauinsel ein Delikatessengeschäft. Da wird gerupft, gezupft, ausgegraben: Weidenrinde als Aspirin-Ersatz, vitaminreiche Brennnesselsamen, Birkenbast, der zu Spaghetti, Kastanien, die zu Mehl verarbeitet werden können (die Rezepte finden Sie auf http://www.wienerin.at).

Mit Nahrung allein ist es freilich nicht getan. Sie steht bei Mollay sogar ziemlich weit unten auf der Liste. Einer der Grundsätze im Überlebenstraining ist die sogenannte Dreier-Regel: Der Mensch stirbt nach drei Minuten ohne Luft, nach drei Stunden ohne Wärme, nach drei Tagen ohne Wasser und nach drei Wochen ohne Nahrung. “Nach der Regel strukturieren wir unser Vorgehen im Ernstfall“, sagt Martin. Noch wichtiger ist aber die Vorsorge für eben jenen: Denn “wer nicht vorsorgt, muss dann viel Zeit aufwenden, um das Überleben zu sichern“ – und sich etwa nach einer Katastrophe im Supermarkt um die Waren prügeln.

Sicherheitsnetz. Wie und womit sorgt man also vor? Wasser, Chlortabletten zu dessen Reinigung, Waffen, eine Gasmaske, vielleicht ein Funkgerät – all das sei wichtig, um die ersten Tage nach einem Krisenfall zu überstehen, sagt Mollay. Und Vorräte in Form von Hülsenfrüchten, Reis, Weizensamen oder Gerste. Noch wichtiger jedoch ist: “Das eigene Netzwerk.“ Freunde, die über unterschiedliche Ressourcen, handwerkliche Kenntnisse und Know-how verfügen, seien schon im täglichen Leben praktisch. In der Krise entscheide dies aber über Leben und Tod: “Nur in der Gruppe kannst du bestehen“, sagt der Survival-Trainer. “Wenn du aus der Stadt flüchtest, aber niemanden kennst, der dir hilft, wirst du bald im Wald erfrieren.“

Ruhe bewahren. Dennoch: “Survival ist kein Kampf, sondern ein Geschenk“, ist Martin Mollay überzeugt. “Draußen in der Wildnis kommt alles, wie es kommen soll. Wenn ich gerade kein Wasser habe, vertraue ich darauf, dass ich es finde. Es geht da um ein Vertrauen in die Schöpfung und zum Leben, darum, immer Ruhe zu bewahren.“ Klingt vielleicht ein wenig spirituell, aber jedenfalls nach einer Weltsicht, der man auch in den Osttiroler Bergen oder in einer Wiener Altbauwohnung anhängen kann.

Allerdings muss die Entwicklung zum Überlebens-Guru in kleinen Schritten erfolgen: Als sich Martin anschickt, am Seil in den Hof hinunterzuklettern, bremse ich ihn. Was sollen denn die Nachbarn denken, wenn sich plötzlich ein Mann in Tarnkleidung an ihrem Küchenfenster vorbeihantelt: dass vielleicht der Jüngste Tag angebrochen ist?

Einer der schönsten Abschnitte der Reise führt durch das böhmische Mittelgebirge

Wie ich von Wien nach Berlin radelte und was ich mir dabei zu sagen hatte

Reportage in der Wiener Zeitung

Radreisen sind SLandwirtschaftliches Idyll bei KozarovicheEiner der schönsten Abschnitte der Reise führt durch das böhmische Mittelgebirgeeelenreisen. Vielen Menschen begegnet man nicht. Aber einem dafür andauernd.

Durch Drazetice, ein paar Kilometer westlich der Moldau fährt ein schwer bepackter Radfahrer. Mühsam klettert er die Straße hoch, die sich durch den kleinen Ort windet. Die Einheimischen beobachten verwundert, wie er aufgeregt mit sich selber spricht, immer lauter wird und schließlich zu schreien beginnt. So wütend ist er, dass ihm die Adern wie Kabel vom Hals stehen. Seine Augen aufgerissen. Der Schweiß rinnt ihm durchs abgekämpfte Gesicht.

Der Mann auf dem Fahrrad bin ich. Am fünften Tag meiner Solo-Radreise von Wien nach Berlin vergangenen August. Als ich gerade bemerkte, dass ich mich abermals verfahren hatte und der Ärger über meinen schlechten Orientierungssinn nach außen brach.

1. Etappe: Wien – Geras

Wie intensiv die Auseinandersetzung mit mir selbst werden würde, ahne ich noch nicht, als ich am Sonntag, dem 5. August Rad und die vier Packtaschen frühmorgens aus dem dritten Stock die Stiegen hinunter schleppe. Meine Schwester schießt ein Startfoto. Dann geht es los: Donaukanal bis Nussdorf und weiter die Donau entlang – auf der vermutlich langweiligsten Strecke Österreichs.
Start der Radreise in der Wiener Brigittenau

Start der Radreise in der Wiener Brigittenau© M. Bernold

Bei Altenwörth setze ich über die Donau. Durch das Waldviertel hinauf Richtung Langenlois, den Kamp-Radweg entlang. Schwenke bei Altenburg auf den Kloster-Radweg, vorbei an malerisch gelegene Burgen, idyllischen Ortschaften, Feldern, die in der Sommersonne dampfen. Mit 130 Kilometern in den Beinen reite ich am Edlerseeteich bei Geras ein. Genau beobachtet von den Dauer-Campern, die in Klappsesseln zwischen aufgebockten Wohnwägen sitzen. Wann hört ein Wohnwagen auf, Wagen zu sein, frage ich mich, im Teich auf dem Rücken treibend, und schaue in den Abendhimmel.

2. Etappe: Geras – Litschau
Landwirtschaftliches Idyll bei Kozaroviche

Landwirtschaftliches Idyll bei Kozaroviche© M. Bernold

Probleme bringt jeder Lebenszustand: Der Nomade zum Beispiel muss seine Ausrüstung täglich aufs Neue verstauen und die kontaktfreundlichen Bockkäfer aus dem Zelt komplimentieren. Der sesshaft Gewordene grenzt das Seine ebenfalls gegen Eindringlinge ab. “Ihr Hund war schon wieder in unserem Gemüsebeet!”, höre ich einen Streit mit an, während ich die Luft aus der Matratze presse: “So ein deppertes Viech.”

Acht Uhr und ich bin wieder auf der Straße, lasse Hund wie Streithähne zurück. Durch Drosendorf, Raabs an der Thaya und Karlstein ziehe ich dahin. Während der Anstiege gewöhne ich es mir ab, nach vorne zu schauen. Stattdessen beobachte ich das Spiel meiner Oberschenkel. Dem sich verdichtenden Schmerz halte ich die Worte des US-amerikanischen Radfahrers Greg LeMond entgegen. “It never gets easier”, antwortete er auf die Frage, ob er die Bergfahrten als Mühsal empfinde, “you just go faster.”
Strandgefühl am Grünewalder Lauch in Brandenburg

Strandgefühl am Grünewalder Lauch in BrandenburgBei Großharmans verlasse ich den Thaya-Radweg in westlicher Richtung. In Litschau, unweit der tschechischen Grenze, nehme ich mir ein Zimmer. Eine kluge Entscheidung – denn in der Nacht geht ein schweres Gewitter nieder. Außerdem eine gute Gelegenheit, Leibchen und Radhose zu waschen sowie den Wolf mit Heilsalbe zu pflegen. Blunzengröstl im Gasthaus. Dann schlafen. Neun Stunden lang.

3. Etappe: Litschau – Hluboka

Vorbei am Herrensee über Schlag und die tschechische Grenze. Hier wird die Topographie angenehmer. Zuerst der E153, später den stark frequentierten Radweg entlang, der zuerst lange durch den südlichen Böhmerwald führt, um sich dann bei Domanin über wenig befahrene Straßen bis Budweis zu ziehen. Nach einem Kaffee am Ottokar -Pemysl-Platz spaziere ich durchs Stadtzentrum zur Moldau. Es sind noch zehn Kilometer bis Hluboka, wo ich die Nacht verbringen werde.

Auf dem kleinen Lagerplatz eines Sporthotels stelle ich mein Zelt auf. Umgerechnet 10 Euro kostet das, Frühstück inklusive. Die Nacht ist so kalt, dass ich im Schlafsack lange Hosen zur Fleecejacke trage. Nebenan schläft ein älteres Prager Ehepaar im Auto: Dass ich Krumau nicht besuche, sei fast obszön, meint der Mann: Gebe es doch in ganz Tschechien keinen schöneren Fleck.

4. Etappe: Hluboka – Zvikovske

Podhradi. Der vierte Tag beginnt gemütlich mit der Lektüre von Sten Nadolnys “Die Entdeckung der Langsamkeit”. Die Folge: Alles dauert viel länger als gewöhnlich. Der Radweg verläuft jetzt selten entlang der Moldau. Die meiste Zeit mäandert er in den Hügeln ringsum. Keine Karte dabei zu haben, erweist sich als großer Nachteil. Regelmäßig muss ich stehen bleiben, um mich mit Hilfe des GPS auf dem iPhone zu orientieren.

An diesem Tag fällt mir zum ersten Mal auf, wie einsam ich bin. Anders als beim Wandern, wo man oft mit anderen ins Gespräch kommt und ab und zu ein paar Kilometer gemeinsam zurücklegt, bleibt der Radfahrer mit sich allein. Als wäre die Menschheit ausgestorben. Isolation als postapokalyptischer Zustand, wie ihn die Philologin Judith Schossböck in ihrem Buch “Letzte Menschen” beschreibt. Oder in den Worten von Nietzsche: “Denn mein Herz sträubt sich zu glauben, dass die Liebe tot sei, es erträgt den Schauder der einsamsten Einsamkeit nicht und zwingt mich zu reden, als ob ich Zwei wäre.”

In Sichtweite fahre ich am AKW Temelin vorbei, weiter Richtung Albrechtice, dann die erste Irrung: irgendwo bei Slavetice eine Abzweigung: Alle Höhenmeter und sicher fünf Kilometer verloren. Kaum ist mein Ärger abgeflaut, schlittere ich in Irrung Nummer zwei. Nach den Dörfern Udraz und Jehnedsko zweige ich bei einer Herde Ziegen falsch ab. Befinde mich plötzlich auf einer Art Mountainbike-Strecke. Gift für die Reifen des Reiserades. Weil ich nicht umdrehen will, schiebe ich es querfeldein zwei Kilometer weit bis zur Straße nach Chrastiny.

5. Etappe: Zvikovske Podhradi – Zivohost

Diese Etappe hat als Höhepunkt den Staudamm des Wasserkraftwerks Orlik, der die Moldau in ein Bächlein auf der nördlichen und einen breiten See auf der südlichen Seite teilt. Auf der betonierten Brüstung nehme ich mein Mittagessen. Noch weiß ich nicht, dass ich in ein paar Stunden am eingangs geschilderten Tiefpunkt meiner Reise angelangt sein werde. In Orlik denke ich über die Gedanken nach, die einem beim Radfahren durch den Kopf ziehen. Keine logischen Konstruktionen sind es, keine Pläne oder tiefgründigen Erwägungen. Joseph Roth drückte es einmal so aus: “Die Gedanken waren wie fremde Vögel und flogen wieder davon.”

6. Etappe: Zivohost – Prag

Von der Moldau-Halbinsel Zivohost gönne ich mir die Fähre ins fünfzehn Kilometer entfernte Slapy. Als ich zur Anlegestelle haste, übersehe ich die Stahlverankerung eines gerade nicht dort befindlichen Pfostens und pralle mit dem Vorderrad dagegen: Reifenplatzer.

Schlauch tauschen in Slapy gelingt mir ohne Probleme. Eine großer persönlicher Triumph. Vielleicht der spirituelle Höhepunkt der Reise. Er trägt mich die letzten 40 Kilometer bis nach Prag. Nach kurzer Nostalgietour durch die Altstadt quartierte ich mich im Czech Inn Youth Hostel ein. Dank Ohrstöpsel funktioniert Schlafen auch in einem Saal voller betrunkener amerikanischer Teenager.

7. Etappe: Prag – Libochovice

Ursprünglich wollte ich weiter dem Verlauf der Moldau folgen. Doch bald muss ich feststellen, dass dies wegen der üblen Radwegführung – dauernd wird man vom Fluss weggelotst und findet sich dann ohne Hinweisschilder im Nirgendwo wieder – unmöglich ist. Stattdessen folgte ich der Straße 608, die parallel zur Autobahn verläuft. Die Route erweist sich aber wegen der Lkw als gemeingefährlich. Stattdessen im Zickzack kleinere Landstraßen, bis bei Kozarovice wieder eine vernünftige Radroute beginnt.

Leichtfertiger Weise habe ich in Prag weder Geld abgehoben noch Vorräte eingekauft. Nach Übersetzen mit der Fähre in Luzec kaufe ich mit den letzten Münzen Erdnüsse und Fanta. In Roudnicek beginne ich mit Quartier- und Bankomatsuche. Es sollte eine lange Suche werden. Erst in Libochovice werde ich fündig. Dass Hotel Zlaty Zajic ist allerdings wegen des Jahrmarkts ausgebucht. Weil ich partout auf ein Quartier bestehe – ich will bei Dunkelheit nicht weiter fahren -, stellt der Hotel-Eigentümer ein Klappbett im Frühstücksraum auf. Die 200 Kronen (acht Euro) zahle ich im Vorhinein. Während der Nacht queren die anderen Gäste den Raum. Es ist der einzige Zugang zum Obergeschoß. Aber das macht nichts. Ich schlafe herrlich.

8. Etappe: Libochovice – Teplitz

Am nächsten Tag quere ich das böhmische Mittelgebirge mit den Ortschaften Trebenice, Vlastislav und Milesov. Die landschaftlich vielleicht schönste Etappe der Reise. Bei der unheimlichen Kirche von Milesov beobachte einen alten Mann mit krummem Rücken, der mit einer Sense den verwilderten Friedhof zu ordnen sucht.

Nach Kostomlaty öffnet sich der Blick auf das von Industrie geprägte nordböhmische Becken. Von 800 auf 200 Meter Seehöhe geht es hinunter. Eine feine Abfahrt, die mich für die Strapazen davor entschädigt. Kurz vor Teplitz folgt noch einmal eine kurze Steigung. Zum Trost quartiere ich mich direkt am Schlossplatz und überlasse meine Schmutzwäsche dem Zimmerservice.

9. Etappe: Teplitz – Dresden

Teplitz, das seine Hochzeit als Kurort der Mächtigen während der k. u. k.-Monarchie erlebte, ist ein wilder architektonischer Mix: Gründerzeithäuser, sozialistische Zweckbauten, Industrieruinen. Ich quere die Stadt in nördlicher Richtung und nehme in Krupka die Seilbahn ins Erzgebirge. Oben angelangt fahre ich die Höhenstraße bis zum Grenzort Cinovec/Zinnwald: ein Shopping-Paradies für deutsche Touristen, die hier – dem Warenangebot nach zu schließen – vor allem eines kaufen: Gartenzwerge.

Ab Altenberg geht es dann nur noch bergab. Eine wirklich angenehme Etappe, die mich am Nachmittag problemlos bis Dresden bringt. Ich radle durch die Altstadt, deren Wiederaufbau so perfekt gelang, als sei hier niemals eine Bombe eingeschlagen. In Neustadt, dem Zentrum der alternativen Szene nehme ich ein Bett in einer Jugendherberge. Gut: Im Stiegenhaus hängen Fotos von Spock und anderen Außerirdischen.

10. Etappe: Dresden – Grünewald

Dresden verlassend, folge ich den Empfehlungen der ADAC-iPhone-App. Theoretisch kann man damit jede Menge Details einstellen: schnelle Routen, komfortable Routen, Mountain-Bike-Trails. Praktisch ist es so, dass die App unbrauchbar ist. (Vielleicht will der deutsche Autofahrerclub den Radlern das Fahren verleiden?) Ich fahre irgendwann nordwärts auf niederrangigen Straßen. Komme sogar durch Münchhausen! Es geht flach und flott dahin. Dann mache ich an einem See in Grünewald halt. Gewissermaßen der Karibik der ehemaligen DDR. Der Grünewalder Lauch verfügt über Sandstrand und einen alten Papagei. Außerdem hat die Wirtin, wie sie mir erzählt, am Tag davor ihren Mann vor die Tür gesetzt: “Wer nicht spurt”, sagt sie, “muss gehen.”

Berlin

Nach Berlin ist es von Grünewald dann nur noch ein Hupfer. Als ich meine Verlegerin im Hotel treffe, merke ich erst, wie viel Sprechbedürfnis sich in mir gestaut hat. Wir sind zum Sommerfest der Literarischen Gesellschaft Berlin am Wannsee eingetragen. Selten habe ich mich so sehr darauf gefreut, einen Vortrag zu halten. Endlich wieder Menschen. Die Apokalypse ist abgewendet. Zumindest für diesen Sommer.

Artikel erschienen am 28. September 2012 in: “Wiener Zeitung”, Beilage “Wiener Journal”, S. 22-27

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Vortrag in Alpbach im August 2012

Ende August war ich auf Einladung von Forschung Austria beim Europäischen Forum Alpbach im Rahmen der Technologiegespräche (Arbeitskreis 13), um über mein Buch Revolution 3.0 zu sprechen und die Zukunft der Demokratie zu diskutieren. Es war mein erster Besuch in Alpbach und hat wirklich Spaß gemacht. Hier ein Link zum Bericht von Forschung Austria.

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Glosse in Extra: Der Faun am Fluss

Mit der blauen Stunde näherte sich der Faun und gesellte sich zu uns. Spielte jedoch kein Lied auf Panflöte oder Schalmei. Und auch vom Grill-Fleisch nahm er keinen Bissen. Fragte bloß, ob alles in Ordnung sei, mahnte uns – wie immer -, die Natur zu achten, lächelte freundlich in die Runde und verschwand gleich wieder in die selbe Richtung, aus der er erst gekommen.

In der griechischen Mythologie ist der Faun (der dort Satyr heißt) eine Art Waldgeist im Gefolge des Dionysos. Ein Symbol der Natur, des Blühens und der Lebenslust: frei, ungezügelt, immer lüstern, Schlecker draußen den Nymphen hinterher. In unserer so produktiven, aber entmystifizierten Zeit ist derlei Tun allein zu wenig. Auch ein Faun muss arbeiten. Etwa als Dienstnehmer der MA 45 (Wiener Gewässer) in der Abteilung „SoKo Donauinsel“.

Sein Aussehen ist zeitgemäß: Er galoppiert nicht auf Bockfüßen dahin, ihm wachsen keine Reben aus den Ohren – wozu sollte das auch gut sein? Stattdessen fährt er Rad. Die Federn, die ihm aus dem Helm ragen – eine links, eine rechts von der Stirn – offenbaren seine magische Natur. Ebenso wie die zierliche Gestalt und in den Äuglein: das listige Funkeln.

Die Verortung seiner inselhaften Existenz ist natürlich kein Zufall. Überwindet doch das Freizeitareal ein Paradox auf fast schon magische Weise: Schafft Natur, wo eigentlich Stadt wäre. Gebiert einen Ort für alte Tugenden: für das Träumen, Tanzen und Tollen im Wasser – für das Hantieren mit Feuer und für die Zärtlichkeiten der Nacht. Mit der Insel realisierte die Stadtverwaltung in den 1980er-Jahren eine Idee, die inzwischen – Jahrzehnte später – in verschiedenen Städten der Welt Nachahmer findet. Zuletzt las ich von Nashville, Tennessee, wo aus der industrialisierten Uferzone ebenfalls ein wenig kommerzielles Erholungsgebiet entstand, wo man auch dort den Versuch startete, das Grün in die Stadt zu holen.

Wäre das Leben in Wien im Sommer ohne Insel möglich? Ich denke, nicht. Bis 11.30 Uhr geht es noch, da kann ich arbeiten. Auch Sport ist möglich. Danach jedoch legt sich die schwüle Hitze schwer um meine Glieder. Während der Ventilator seine Kreise dreht, lieg ich darunter, schwitzend. Das Blut gerinnt. Das Hirn: im Dämmerzustand. Phantastereien, Erinnerungsfetzen, Visionen verlorener Momente. Riefe mich in diesen Momenten keiner an – ich wäre wohl schon lange tot. Einfach langsam, immer langsamer geworden, um irgendwann ganz stehen zu bleiben wie eine alte Uhr, vergessen in der Schublade.

Der Ruf bringt alles durcheinander. Aus Lethargie ward Schwung. So glücklich, aufzustehen, rauszugehen. Als hätt’ mein Leben dieses Tages keinen anderen Sinn. Zehn Minuten auf dem Fahrrad, dann wird getaucht, getauft vom frischen Leben. Ein neuer Mensch werd ich an diesem Nachmittag.

Derweil, am Ufer sitzt der Faun, wackelt die Zehen im Nass. Er lächelt, und – zum Gruß – zieht er den Federhut.

Erschienen am 13. Juli 2012, in der Wochenendebeilage EXTRA der Wiener Zeitung

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Das Buch von Matthias Bernold, Sandra Larriva: Revolution 3.0 Die neuen Rebellen und ihre digitalen Waffen

Was verbindet den grünen Tübinger Bürgermeister Boris Palmer, den Thurgauer Papierindustriellen Daniel Model und den Wiener Studenten und Online-Experten Luca Hammer mit der ägyptischen Online-Radiomacherin Aman El Tunsi, mit der isländischen Bürgerrechtsaktivistin Birgitta Jonsdottir oder mit Sogol Arthunis aus Teheran, die als Teil der Widerstandszelle “uprising” gegen das Mullah-Regime mobil macht?

Sie alle stehen – so unterschiedlich ihre Ziele auch sein mögen – für eine neue Form des politischen Protests. Eines Protests, der sich eines digitalen Waffenarsenals bedient, um zu mobilisieren, Meinungen zu bilden und etablierte Machtverhältnisse herauszufordern.

Ob sie nun wie Regimekritikerin Sarrah Abdelrahman dafür gekämpft haben, einen autoritären Staatschef aus dem Amt zu hieven; ob sie wie Palmer gegen ein Bahnhofsprojekt auf die Barrikaden gehen; ob sie wie Model aus Verdruss über Demokratie und Sozialstaat einen autonomen Staat ausrufen: Den neuen Rebellen stehen Instrumente zur Verfügung, um die sie die Aufständischen vergangener Tage beneidet hätten.

Digital vernetzt verbreiten sie ihre Vorstellungen, verabreden sich zu Protestmärschen oder gar zum bewaffneten Kampf. In Sekundenschnelle, dezentral und unter Umgehung staatlicher Zensur. Im politischen Spektrum befinden sich diese Rebellen mitunter links, mitunter rechts vom Mainstream. Mitunter ist es gar nicht leicht, sie in eine politische Schublade zu stecken.

Aber sind die neuen Gegenbewegungen wirklich erfolgreicher als ihre Vorgänger? Sind sie Ausdruck erstarkten Demokratiebewusstseins oder untergraben sie unsere demokratischen Fundamente? Nehmen sie dauerhaft Einfluss auf die Gesellschaft? Oder verpuffen sie so schnell wie sie gekommen sind? Und: Wie stellen sich die politischen Kasten ihren virtuellen Herausforderern entgegen?

CHF 34.-, Euro 19.-

ISBN 978-3-905795-13-4

Jänner 2012

http://www.amazon.de/Revolution-3-0-politischen-Rebellen-Waffen/dp/3905795132


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