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Reportage in der Wiener Zeitung: Räder mit Seele

In dieser Wohnküche wird primär weder gewohnt, noch gekocht. Sondern geschraubt. Ein Fahrrad-Rahmen in Weiß hängt in einer Monatagehalterung in der Mitte des Zimmers, daneben liegen Kästen mit Werkzeug und Komponenten. Ein Dutzend halb fertige Räder lehnen in der Ecke. Rahmen, Bremsen, Naben, Felgen, Ketten, ja sogar die Speichen leuchten in den wildesten Farben. Eine psychedelische Farbenkammer mitten in der Leopoldstadt.

“Was in Wien als Citybike verkauft wird, ist meistens unauffällig und grau”, sagt Marcin Dopieralski, “dabei ist Radfahren etwas, das extrem viel Freude bereitet. Ich finde, das Rad soll diese Freude verkörpern “.

Seit fünfzehn Jahren montiert der Absolvent der Bildhauerei-Klasse an der Universität für Angewandte Kunst in Wien in seiner Wohnung Fahrräder. Sogar aus Holz-, Harz und Bambusteilen hat der 33-Jährige schon Gefährte konstruiert. Bisher bloß aus Zeitvertreib. Jetzt formen restaurierte Stahl-Rahmen, moderne Komponenten und ein künstlerisches Farbkonzept eine Geschäftsidee.

Marcin in seiner Wohnküchenwerkstatt in Wien 2. Foto: Bernold

Marcin in seiner Wohnküchenwerkstatt in Wien 2. Foto: Bernold

Die Inspiration dafür kam zu Marcin letzten Winter in Gestalt seiner Bekannten Verena. Die vermochte nämlich kein Rad zu finden, das ihr gefiel, und sie wusste um Marcels Leidenschaft für stählerne Rösser. “Klassisch sollte es sein, und elegant und ,mädchenhaft’ in rosa und weiß gehalten und schnell”, erinnert sich Marcin: “Ich habe zu ihr gesagt: Du kannst so ein Fahrrad nirgends kaufen. Aber vielleicht kann ich dir eines bauen”.

Marcin trieb einen alten Mixte-Rahmen auf, reinigte und lackierte ihn, tauschte, was zu tauschen war und irgendwann stand es da, das alte neue Rad. Verena war glücklich. Marcin war stolz. Und auf der Straße erkundigten sich andauernd Leute, woher Verena schicker Flitzer stamme.

Schicke Farben in Marcins Wohnküchenwerkstatt Foto: Bernold

Schicke Farben in Marcins Wohnküchenwerkstatt Foto: Bernold

Das Interesse bestärkte Marcin. Er löst einen Gewerbeschein und begann sich nach geeigneten Teilen umzusehen. Wie für Verenas Prototypen verwendet er auch für die späteren Modelle klassische alte Rahmen aus Stahl, die nicht nur – wie er sagt –”wahnsinnig viel aushalten”, sondern auch “eine Seele haben”. Über das Internet kauft er die Rahmen in Deutschland, Österreich und Osteuropa ein, kontrolliert sie auf Dellen oder Risse und klärt die Rahmennummern mit der Polizei ab, um nicht an Hehlerware zu geraten. An der Technischen Universität in Krakau lässt er die Rahmen mit Sandstrahl reinigen und den Altlack entfernen. Dank Pulverbeschichtung erstrahlen die Teile bald in neuer Farbenpracht.

Modell Agresia. Foto: http://biq-shop.com/

Modell Agresia. Foto: http://biq-shop.com/

Zurück in Wien versieht Marcin die Rahmen mit Sattelstützen, Felgen und allen sonstigen Komponenten. Farblich abgestimmt und zur Bauart der Rahmen passend. “Alte Gabeln aus den 1970er- und 1980er-Jahren erlauben nicht jede beliebige Art Bremsen und Schaltsätze”, erklärt er. Jedes Fahrrad ist ein Einzelstück und kostet ab 900 Euro aufwärts. “Die Farben können sich meine Kunden aussuchen”, sagt Marcin, “im Endeffekt ist alles möglich”.

Rund 20.000 Euro hat Marcin bisher in seinen Fuhrpark investiert. Derzeit sind im Grazer Mobilitätszentrum zwei Modelle – Agresia und Vagant – ausgestellt. Die komplette Kollektion kann man sich auf Marcins Web-Seite anschauen.

Modell Vagant. Foto: http://biq-shop.com/

Modell Vagant. Foto: http://biq-shop.com/

Im Frühling, hofft Marcin, könnten seine “Räder mit Seele” bereits das Stadtbild bereichern. Für ihn selbst hat sich sein Engagement schon jetzt ausgezahlt. Und zwar in einem ganz anderen Lebensbereich. Seine erste Kundin Verena gewann nämlich nicht nur das rosaweiße Fahrrad lieb, sondern auch den Monteur: Seit Sommer vergangenen Jahres sind Marcin und Verena ein Paar…

Link zu Freitritt, dem Radblog der Wiener Zeitung

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Das Sein und der Sinn

Glosse in Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung

Das Deutsche kennt Wörter wie unsinnig, leichtsinnig, widersinnig und freisinnig. Aber es kennt kein Gegenstück zum Wort tiefsinnig. Dabei bräuchten wir eines, um die Gedanken zu beschreiben, die einem beim Radfahren durch den Kopf gehen.

Während die Beine ihr Kreiselspiel treiben und die Orte vorüber ziehen, entstehen Gedanken wie Wolkenbilder. Sie sind kurz da, nur um sich gleich wieder aufzulösen. Fragen oder Impulse sind sie. Fragmente. Bin ich durstig? Hungrig? Wie unerträglich schmerzt mein Hintern? Wo geht es weiter? Der Geruch einer feuchten Wiese, die in der Sonne dampft. Hunde, die den Fremden anzeigen. Ein Reh, das die Straße quert. Unheimlich: Die Kirche von Milesov (im böhmischen Mittelgebirge) hinter den beiden mächtigen Kastanienbäumen. Immer wieder: Euphorie, Ärger. „Warum stutzt keiner die Hecke vor dem Hinweisschild?“ „Weshalb überholt mich dieser Autofahrer so respektlos knapp?“ Keine Erörterung findet statt, keine Antworten werden gegeben. Kaum ein Gedanke, der nicht zur Gegenwart gehörte: Melodie einer Filmmusik. Auszug eines Gesprächs mit einem Freund. Erinnerung an eine Frau, die man liebte. Nichts bleibt lange haften. Alles zieht weiter.

Erst wenn das Etappenziel erreicht ist, das Quartier bezogen und der Magen gefüllt, bleibt Zeit für Reflexion. Außer der Schlaf trägt dich sogleich ins Andersland – auch das kommt vor.

Während ich dies schreibe, sitze ich in Teplice, dem Geburtsort meines Großvaters. Ich bin jetzt sechs Tage unterwegs und habe 600 Kilometer zurückgelegt. Am Vorplatz des Schlosses, der immer noch so aussieht wie vor hundert Jahren, stelle mir vor, wie der kleine Fritz und sein Zwillingsbruder auf dem Kopfsteinpflaster spielten. Dann denke ich wieder über das Denken nach.

Der eingangs beschrieben Zustand muss so etwas sein wie eine instinktive Überlebensstrategie aus einer Zeit, in der die Menschen Nomaden waren. Würde der Geist beim Umherziehen einmal dahin wandern und einmal dorthin, kämen wir nirgends unbeschadet an. Beim Erklimmen von Steigungen etwa, wäre Zerstreuung fehl am Platz. Da ziehe ich die Kappe tiefer ins Gesicht, senke den Blick Richtung Oberschenkel und konzentriere mich auf den Rhythmus der Kraft. Treten. Atmen. „Pumpen“, kommandiere ich dazu, „pumpen!“. Bis der Scheitelpunkt erreicht ist, schaue nicht mehr nach vorn.

In der Reise tauschen wir die Flüchtigkeit unserer Gedanken gegen die Flüchtigkeit unserer Verortung. Umherziehen bindet Gedankenkraft, die Überleben sichern muss und sich darin erschöpft. Erst jetzt, in Teplitz, scheint mir, lassen sich die Bilder und Eindrücke der vergangenen Tage ordnen. Morgen geht es dann weiter Richtung Dresden über Krupka und das Erzgebirge. Und wieder hinein in jenen eigentümlichen Sinneszustand, für den das Deutsche kein Wort kennt.

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Platz Da! Jetzt kommen wir Radfahrer!

Nie zuvor hatten Wiens Radfahrer mehr Fürsprecher, nie zuvor genossen sie mehr Sympathien in der Öffentlichkeit. Dennoch kommt ihnen nur ein Bruchteil des öffentlichen Raumes zu. Warum eigentlich? Artikel in der Wiener Zeitung

Critical Mass im März 2012. Foto: Walter Skokanitsch

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Wiener Zeitung startet Rad-Manifest

Critical Mass im März 2012. Foto: Walter Skokanitsch

Die “Wiener Zeitung” unterstützt die Fahrrad-Kampagne der britischen “Times” und deren Kampagne zur Erhöhung der Radverkehrsfreundlichkeit mit einem Manifest für ein radverkehrsfreundliches Österreich. Auch in Österreich und da vor allem in den städtischen Ballungszentren soll Fahrradfahren sicherer und angenehmer werden. Zusammen mit der Radlobby IG Fahrrad haben wir deshalb einen Entwurf zur Verbesserung der Radsicherheit in Österreich ausgearbeitet, den wir in den nächsten vier Wochen mit den FahrradfahrerInnen diskutieren wollen. Aus den Vorschlägen, Anregungen und Ideen erstellen wir eine endgültige Fassung des Manifests, das an die österreichischen Parlamentsparteien gehen wird. Damit wollen wir einen gemeinsamen Standpunkt zu den nötigen Verbesserungen für Österreichs AlltagsradfahrerInnen entwickeln.

Hier unterstützen und verbreiten!

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Freitritt – Der Wiener Zeitung Fahrrad-Blog

Ab sofort ist es soweit: Mein Fahrradblog “Freitritt” (Dank an Francesco Campagner für den großartigen Titel!) für die Webseite der Wiener Zeitung ist online. Für den Start haben wir uns gleich eine Menge vorgenommen. Inspiriert von der Rad-Sicherheits-Kampagne der britischen Times haben wir etwas ganz ähnliches für Österreich ausgetüftelt. Zusammen mit der Fahrradlobby IG-Fahrrad entwarfen wir ein Manifest, das wir in den nächsten Tagen im Netz (und auch außerhalb) diskutieren wollen. Und am Samstag wird es ein Porträt von Manfred Schindler geben, einem faszinierenden Mann, der trotz oder besser wegen seiner schweren Gehbehinderung in Wien mit dem Fahrrad unterwegs ist…Viel Vergnügen beim Lesen! Weiter strampeln!

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Unsre neue Post

Unlängst fand ich einen Zettel an meiner Tür. Darin wurde ich informiert, dass die Sendung aus London – ich hatte bei einem Sportartikelproduzenten eine Fahrradhose gekauft – infolge meiner Abwesenheit nicht hatte zugestellt werden können. Das Kleidungsstück, hieß es in der Notiz, sei am nächstgelegenen FedEx-Standort abzuholen: In der Rauscherstraße – gute 20 Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt.

Mein erster Impuls war: Ärger. Befindet sich doch schräg vis-a-vis meiner Wohnung eine Postfiliale. Hätten mir die Briten mein Packerl auf konventionellem Weg geschickt, murrte ich, befände ich mich schon längst wieder daheim Hose probieren. Der folgende Spaziergang entschädigte mich jedoch für den Komfortverlust. Hatte ich doch Gelegenheit, über den Wandel der Welt nachzudenken. Und wie oft hat man das schon.

In diesen ereignisreichen Tagen erleben wir ja das Internet vor allem als Brandbeschleuniger revolutionärer Kräfte. Darüber vergessen wir allerdings leicht die primäre Auswirkung des Netzes: Die Beschleunigung von Konsum. Mussten wir kauffaule Menschen uns früher durch die Einkaufsstraßen quälen, ordern wir jetzt lümmelnd auf der Couch: Ein komplettes Sommer-Outfit bestellen, ist heute weniger aufwändig als die Bereitung einer Tasse Löskaffee. Allerdings: Man spart sich zwar den Gang durch die Geschäfte, nur spaziert man später durch den halben Bezirk, um das Packerl irgendwo abzuholen.

Irgendwo bedeutete in meinem Fall einen Handy-Shop. Zwischen Vitrinen mit Mobiltelefonen und Freisprecheinrichtungen, zwischen Regalen mit gebrauchten Monitoren und Koffern, lagern die Pakete. Als ich das Geschäft betrat, nickte der Geschäftsmann in Richtung seiner verschleierten Frau, die meinen FedEx-Zettel entgegennahm. “Jetzt müsste ich bitte noch ihren Ausweis sehen”, sagte sie, notierte Führerscheinnummer und meinen Namen, ließ mich unterschreiben und händigte mir die Hose aus.

Schlecht funktioniert hat das eigentlich nicht. Ich musste mich nicht anstellen, keiner drängte sich vor, das Service erfolgte prompt und – wie mir schien – äußerst gewissenhaft. Das ist sie also, die die neue Post, dachte ich.

Warum eigentlich nicht? Wer sagt, dass Einwanderer nur Toiletten reinigen dürfen und rund um die Uhr beim Bäcker Gül arbeiten? Jetzt übernehmen sie ebene Aufgaben, die einst pragmatisierte Postbeamte besorgten. Nur dass globalisierte Transportunternehmen ihren neuen Mitarbeitern Dumpingpreise  bezahlen, für die ein arrivierter Postler nicht ein Mal eine Briefmarke abgeleckt hätte.

Vielleicht muss man die Sache aber auch als gelebte Integration betrachten. Kommen doch im kleinen Handyshop Menschen alle Kulturen und Glaubensrichtungen zusammen, solange sie ihre Hosen im Internet kaufen jedenfalls. In diesem Sinn soll mir die neue Post nur recht sein.

Übrigens: Die Hose passte nicht. Ich musste sie zurückschicken.

Glosse für Extra, die Wochenendbeilage der Wiener Zeitung

Meiner Seel!

Glosse im Extra der Wiener Zeitung

Die Seele will den Winter nicht.

Sie leidet, wenn die Bäume ihre kahlen Äste in den Himmel recken. Sie hasst Minusgrade. Sie revoltiert, wenn das Licht so zeitig hinterm Horizont verblasst.

Es war kluges Kalkül unserer Vorväter, die großen Feste in diese Jahreszeit zu legen. Gleich dem Ausguck an Bord einer spanischen Fregatte, der seine von Skorbut müden Kameraden mit Zuruf aufmuntert: “Land in Sicht!”

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Smart Evolution

Glosse im Extra der Wiener Zeitung

Das erste Telefon, das ich gegen die Wand schleuderte, war ein Ericsson R320s. Zehn Jahre vor Erfindung des SmartPhone hatte dieses Gerät bereits Kalender, Sprachsteuerung und sogar einen Touch-Screen, der mittels Plastikstift zu bedienen war. Doch leider funktionierte nichts im R320s richtig. Als sich mein wochenlang gestauter Groll dann entlud, zerbarst das Ding krachend.

Das R320s war seiner Zeit weit voraus in die Irre gelaufen. Um mit Charles Darwin zu sprechen: es war eine zum Aussterben verdammte Kreatur. Ähnlich der Säbelzahnkatze, der – angeblich – die langen Eckzähne irgendwann derart aus dem Maul standen, dass sie nicht mehr zubeißen konnte. Man sieht ihn fast vor sich, den letzten Säbelzahnkater, wie er – vermutlich sehr hungrig und traurig – vor mehr als zehntausend Jahren die Pranken streckte.

Ähnlich brutal wie die Natur geht die Unterhaltungselektronik mit ihren Geschöpfen um. Während es in der Tier- und Pflanzenwelt meist nachvollziehbar ist, warum manche Spezies ausstirbt (Faultiere einmal ausgenommen: wie die überleben, versteht keiner), sind die Erfolgskriterien von Handy, Video & Co rätselhaft.

Was zum Beispiel war schlecht am Knopf? Mehr als hundert Jahre leistete er gute Dienste, bewährte sich bei HiFi-Anlagen, Computertastaturen und in Automobilen. Dennoch ist er heute im Begriff, R320s und Säbelzahnkatzen in die Finsternis zu folgen. Gefühlssensible Glasplatten, schmierig von Fingerfett, verdrängen ihn von Kopiermaschinen und Fahrscheinautomaten. Eine Waschmaschine mit knarzenden Drehschaltern zu finden, wird auch immer schwieriger.

Dass es den Herstellern zupass kommt, mit neuen und kurzlebigeren Produkten ihre Profite zu steigern, ist klar. Warum aber gleiten den Konsumenten bewährte Technologien so selbstverständlich aus der Hand?

Der englische, in New York lebende Autor Malcolm Gladwell vertritt in seinem Buch “The Tipping Point” die Theorie, dass sich Ideen oder Produkte urplötzlich verbreiten und durchsetzen, wenn nur die richtigen, d.h. die gut vernetzten, die angesehenen Leute darauf ansprechen und die Neuheit weiter tragen. Was für solche Sympathien den Ausschlag gibt, vermag auch Gladwell nicht zu sagen. Die Qualität eines Gedankens oder eines Produkts spielt offenbar nur eine untergeordnete Rolle.

Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Produkte immer cleverer werden. Wie mein Vaio-Notebook, über das ich mich seit Monaten ärgere. Trotz hohem Preis läuft es nämlich instabil. Als ich letzthin knapp daran war, es gegen die Wand zu werfen, weil es wieder inmitten einer wichtigen Arbeit zusammenbrach, verteidigte es sich: Es stellte sich tot! Sein Summen verstummte. Sein Bildschirm wurde dunkel, und es ließ sich nicht mehr starten. Wenn das keine Smart Technology ist . . .

Umgangstöne

In der Woche, in der Israel eine neue Knesset wählte, begab ich mich nach Tel Aviv, um Freunde zu besuchen. Schon dreieinhalb Stunden vor Abflug stand ich vorm Schalter der Fluglinie El Al. Eine gute Entscheidung. Denn die Sicherheitskräfte nützten jede Minute: Zusätzlich zur normalen Gepäcks- und Personenkontrolle ging ich durch drei Einvernahmen. Einer, der mit mir sprach, war besonders argwöhnisch: Er ließ mich erst passieren, nachdem er meine vier Bekannten in Israel angerufen hatte und diese ihn von meiner Harmlosigkeit überzeugten.

Nun gehöre ich zu den Menschen, die eindringliches Befragt-Werden durch Sicherheitsorgane als unangenehm empfinden. Ich meine, es ist erniedrigend, in Socken umhergehetzt zu werden, und es nervt, wenn ein Fremder meine Unterhosen im Koffer durchwühlt. Dies vorausgeschickt, hätte die Reise unerträglich sein müssen, zeichneten sich die vielen israelischen Inspektoren nicht durch folgende Eigenschaften aus: Freundlichkeit und Respekt.

„Es tut mir leid, ihnen Umstände machen zu müssen“, „Sie wissen, es ist zu ihrer Sicherheit“, „Wir danken ihnen für die Kooperation“: Die Wachleute in dem waffenstarrenden kleinen Land am Mittelmeer, das zugleich lebendige Demokratie wie es – in den besetzten Gebieten – als Polizeistaat auftritt, kompensieren die Intensität der Kontrollen durch höflichste Umgangsformen. (Zumindest, wenn man kein verdächtig scheinender Araber ist.) In Jahrzehnten, in denen sich Krieg und Friedensverhandlungen, Intifada und Siedlungsbau, Selbstmordattentate und Vertreibungen, Raketenangriffe auf Zivilisten und Luftschläge in Wohngebieten abwechselten, sind rigorose Sicherheitsmaßnahmen selbstverständlich und professionell geworden. Wo jeder Mann und jede Frau drei Jahre Wehrdienst leisten, wo vor den Eingängen der Kaufhäuser Metalldetektoren stehen. Wo Krieg- oder Kriegsgefahr vor der Haustür lauern und jede Wahl über die Positionierung zum Konflikt gewonnen oder verloren wird, kommen einem viele der Sicherheitsprobleme Zentraleuropas lächerlich vor. Vielleicht erklärt das die Gelassenheit der Polizei im Alltag.

„Shalom. Ich sehe, Sie fahren ein Mietauto, sind Ausländer und kennen vermutlich die Gesetzeslage nicht“, sagte der junge Polizist, der mein Fahrzeug auf der Autobahn nach Umm el Fahm gestoppt hatte. „Telefonieren am Steuer ist mit einer Geldstrafe von 2000 Schekeln bedroht. Bitte machen sie es in Zukunft nicht mehr. Gute Fahrt.“

Ebenso höflich verliefen die Kontrollen während der Rückreise. Zwei mal wurde mein Koffer aus- und wieder eingepackt und auf Sprengstoffe untersucht. Rau wurde der Umgangston jedoch erst wieder bei der Passkontrolle nach der Landung in Wien. „Was ist mit dir?“ herrschte ein Staatsorgan den Mann vor mir an, „Hast du keine Augen im Kopf? Bleib bei der orangen Linie stehen!“

glosse im extra


Andreas Unterbergers Tagebuch: Ein Roadtrip vor der Wahl

Von Wiener Zeitung Chefredakteur Andreas Unterberger

US-Wahlkämpfe zählen zu den spannendsten Höhepunkten der Berichterstattung. Dabei kann man viele politische Trends erkennen, die oft erst Jahre später nach Österreich herüberschwappen; in diesen Wahlkämpfen spiegelt sich die ganze gesellschaftliche Realität der USA; sie entscheiden über jenes Amt, das als das mächtigste der Welt gilt.

Für unsere Berichterstattung haben wir uns daher heuer etwas Besonderes einfallen lassen. Unser langjähriger Redakteur Mag. Matthias Bernold wird drei Monate lang im Bus durch Amerika touren und dabei alle Winkel des riesigen Landes durchleuchten. Er wird darüber auf den außenpolitischen Seiten der “Wiener Zeitung” berichten. Wir wünschen abwechslungsreiche Lektüre.

Erschienen in der Wiener Zeitung vom 1. August 2008

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