Schimpfen auf Detroit


The old train station in Detroit. The once beautiful building was left abandoned when the train traffic declined

The old train station in Detroit. The once beautiful building was left abandoned when the train traffic declined

Das sind die häufigsten Antworten auf die Frage „Wie ist Detroit?“: „Ein Scheißloch“, „ein Klo“, „das Arschloch Amerikas“. Dazu passt, dass es in den Straßen der Motorstadt so häufig nach Fäkalien riecht. Überraschend ist hingegen, wie geizig die Detroiter mit ihren stillen Örtchen umgehen. Nirgendwo sonst hängen so viele „No public rest room“-Schilder an den Türen der Hotels, Bars und Tankstellen. Man verteidigt die Klos mit Inbrunst.

Dass die Bewohner Detroits so zotig daherreden, hat freilich noch einen anderen Grund: Politikverdruss. Die Menschen fühlen sich mit ihren Sorgen im Stich gelassen. Alle paar Monate sperrt ein Automobilwerk zu. Arbeitslosigkeit und hohe Kriminalität treiben die Leute aus der Stadt. Dazu kommt Korruption. Bürgermeister Kwame Kilpatrick, übergewichtiger Afroamerikaner und Demokrat, geriet in zweiter Amtsperiode ins Straucheln. Die Nacht unserer Ankunft verbrachte er in Haft, weil er den richterlichen Befehl, das Land nicht zu verlassen, missachtet hatte. Seit Monaten wird gegen ihn wegen verschiedener Vergehen ermittelt. Inzwischen ist er gegen 50.000 Dollar Kaution und mit elektronischer Fußfessel frei.

Im Urban Bean, einem sympathisch versifften Café in der Innenstadt, stoße ich in eine heiße politische Debatte. „Alle Politiker sind Schlangen“, weiß Studentin Amelia Casilias, „und der Bürgermeister ist eine Klapperschlange“. Auch Joe, ein schmächtiger 18-jähriger Fahrradmechaniker fühlt Abneigung gegen Staatsmänner: „Warum sollte ich wählen? Es ändert doch nichts. Bei der ersten Wahl haben mehr Menschen für Al Gore gestimmt. Und trotzdem hat Bush gewonnen.“

Als sich der Wirt, der bis jetzt nur dagesessen war, um eine Zigarette nach der anderen zu rauchen in die Debatte einschalten will, betritt jemand das Lokal und marschiert Richtung Toilette. Sofort ist der Barkeeper dem Fremden hinterher; erwischt ihn gerade noch bevor der die Klotür verriegelt. „Keine öffentliche Toilette“, sagt der Wirt und geleitet den Mann hinaus.

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

One Response to “Schimpfen auf Detroit”

  1. wo hot ana hinbrunzt?

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