Der kunterbunte Bus


Am Cuernavaca Park am Nordrand der Innenstadt Denvers parkt ein bunter werdender Bus. Seine rechte Seite hat blaue Berge, eine Sonne und etwas Wiese, aber es gibt noch viele weiße Flecke. Rund um den Bus und oben drauf hocken sechs mit Papierteller in der einen Hand und Pinsel in der anderen. Jay Marks, Farbklecks auf seinem Teller ist blau, kauert auf der Motorhaube und vollendet gerade die Wörter „Even Furthur“.

Das Grüppchen Anstreicher ist die Delegation des Washington Peace Center. In ihrem Bus sind sie aus der Hauptstadt gekommen, um anlässlich der demokratischen Superparty, deren Klimax am Donnerstag die Kür von Barack Obama und Joe Biden sein wird, ihren Unmut über die politische Lage kundzutun. Andere Aktivisten haben es ihnen gleich getan. Ein paar hundert von ihnen lagern auf einer Wiese im Cuernavaca Park neben der Autobahn, zwei Kilometer vom Pepsi Center entfernt, wo der Konvent stattfindet. Es sind Pazifisten, Homosexuelle, Menschenrechtsschützer, Globalisierungsgegner. Die Pro-Life-Befürworter, die religiösen Gruppen und Veteranen logieren anderswo. Allen ist gemeinsam, dass sie die aktuelle US-Politik ablehnen. Was sie allerdings befürworten, ist in höchstem Maße unterschiedlich.

„Wir wollen die Repräsentanten des Senats und des Kongresses mit den Verbrechen konfrontieren, die sie begangen haben“, sagt Marks. „Einen Krieg zu beginnen, ist illegal und unmoralisch. Unsere Kritik trifft die Republikaner genauso wie die Demokraten. Immerhin haben sie George W. Bush lange unterstützt. Nicht einmal den Versuch haben sie unternommen, ihn abzusetzen.“

Mit 30.000 gewaltbereiten Demonstranten hat Denver gerechnet und die Stadt deshalb in eine einzige Sicherheitszone umgewandelt. In der 16th Street Mall, einer Fußgängerzone, deren Bild an normalen Tagen von Spaziergängern, Schachspielern und Blondinen in Straßencafés dominiert wird, wacht ein massives Polizeiaufgebot. In Gruppen von fünf bis zwanzig stehen Bewaffnete an den Häuserecken. Auf schweren Harley Davidson Motorrädern, zu Pferd oder auf dem Fahrrad patrouillieren sie durch die Straßen. Ihre Ausrüstung ist komplett: Kugelweste, Schlagstock, Pistole, Helm und die neuartigen Plastikhandschellen in Kobaltblau. Viele tragen Maschinenpistolen oder Gewehre zum Abschuss von Tränengasgranaten. Es ist eine Strategie der Abschreckung.

Wie harmlos wirkt dagegen das Grüppchen rosa gekleideter Damen von Code Pink, die sich im Mercury Café in der California Street, für ihren Marsch bereit machen. Vor dem Ziegelbau mit den Graffiti, der ein bisschen an die Wiener Arena erinnert, fertigen sie Transparente und bestücken Friedenszeichen mit Plastikblumen. Um elf Uhr machen sie sich auf in die Innenstadt. Unterwegs skandieren sie Parolen wie „Out of the shops – into the streets“ und „Bush – McCain all the same – all insane“. Die 74-jährige Barbara Briggs-Letson, Großmutter von sechs Enkelkindern, ist eigens aus San Francisco angereist, um – wie sie sagt „der Friedensbotschaft mehr Gehör zu verschaffen“: „Ich will nicht, dass einer meiner Enkel eines Tages in einem sinnlosen Krieg sein Leben lassen muss.“

Apropos Leben. Den Eingangsbereich zum Pepsi Center, das mit einem drei Meter hohen Zaun umgeben wurde, dominieren andere Aktivisten: Abtreibungsgegner haben auf einer geschätzt hundert Meter langen Strecke Rosen in den Maschendraht geflochten. Zwei afroamerikanische Damen verteilen Flugzettel, um den vorbeiflanierenden Delegierten ein schlechtes Gewissen zu machen. „Wir sind nicht wirklich organisiert“, erklärt mir eine der beiden, „wir sind einfach nur Mütter, denen es um das Leben ungeborener Kinder geht“. Ob sie mit jener anderen Gruppe von Abtreibungsgegnern in Verbindung stehen, die in einem Kastenwagen durch die Stadt fahren, der Plakate von Föten zeigt, die aus dem Mutterleib geschabt werden, war nicht festzustellen.

Zwischen Straßenhändlern, die Obama-Anstecker, Obama-Spielzeugfiguren und lebensgroße Obama-Pappkameraden verkaufen, verteilt Stephan Wangh Flugzettel der Progressive Democrats of America. Wangh ist Theatermacher und ehemaliger Universitätsprofessor in New York. Vor vier Jahren hat der 65-Jährige in Graz ein Theaterstück inszeniert. „Uns geht es darum, Bewusstsein innerhalb der Demokratischen Partei zu bilden“, erklärt er, „leider ignorieren unsere Abgeordneten viele Anliegen, die sich die Mehrheit der Demokraten wünscht. Gesundheitsvorsorge für alle zum Beispiel“.

Mit der Ausformung der Demokratie in den USA haben auch die Demonstranten rund um Jay Marks ihre Probleme. „Unser Zweiparteiensystem ist nicht anderes als ein Duopol, das in Wirklichkeit der Demokratie widerspricht. Beide Parteien sind kontrolliert von Unternehmen. Die Leute glauben, sie können wählen, aber in Wirklichkeit entscheiden sie gar nichts“, sagt Marks.

Und Jimmy Preston, ein Veteran der Friedensbewegung, setzt noch eins drauf: „Wir haben nichts gegen Wahlen – aber sie sind kein Substitut für eine echte Demokratie.“

Reportage in der Wiener Zeitung als pdf-file: kunterbunterbus2

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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