Kapitalismus in der Krise?


Während eine Bank nach der anderen implodiert und Senatoren und Abgeordnete am Capitol Hill das Rettungspaket für die Wall Street debattieren, quält den kleinen Mann auf der Straße eine Frage: Wie kann es sein, dass die marode Hochfinanz mit 700 Milliarden Dollar subventioniert wird, während ihm selbst die Kreditzinsen fürs eigene Haus über den Kopf wachsen?

Die Zuwendung muss sein – argumentieren Ökonomen – weil die Finanzkrise sonst die gesamte US-Wirtschaft mit in den Abgrund reißt und mit ihr das Wohl des kleinen Mannes. Ob allerdings der Bailout der Weisheit letzter Schluss ist – darüber scheiden sich die Geister. Während die Demokraten für die Subventionierung votieren, wenn zugleich der Finanzmarkt reformiert wird, sind die Republikaner gespalten. Vor allem dem konservativen Flügel widerstrebt die Idee, Banken mit Steuergeld zu sanieren.

Die Geldspritze mag die US-Wirtschaft kurzfristig vor dem Kollaps bewahren. Langfristig ändert sie aber nichts daran, dass dieses System der Finanzmarktwirtschaft nicht mehr tragbar ist. In diesem System wird nicht mehr Leistung belohnt. Nicht langfristiges Wirtschaften, nicht gute Produkte, zufriedene Kunden und zufriedene Arbeiter, bestimmen die Entscheidungen, sondern Gier aufs schnelle Geld. Manager belohnte man mit Millionen-Gagen dafür, dass sie Jobs exportieren, Firmen filetieren, fusionieren und verscherbeln. Sparer hat man über private Pensions- und Versicherungsfonds zu Share Holdern gemacht.

Es hilft nicht, dass in den USA in den letzten Jahren Bankenaufsicht eingeschränkt und Sicherheitsstandards ausgehöhlt wurden. Jeder war auf einmal kreditwürdig, jede noch so waaghalsige Transaktion erlaubt. Jetzt muss der Moment sein, das System der Geldmärkte zu überdenken. Kontrolle durch Bankenaufsicht, maßvolle Kreditvergaben und eine Tobin-Steuer, die kurzfristige Spekulationen unrentabel macht, können helfen, die Börse von einem Rouletttisch wieder in das umzubauen, was sie eigentlich sein soll: Ein Platz für Investoren.

Advertisements

About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

One Response to “Kapitalismus in der Krise?”

  1. vielen dank, du sprichst mir aus der seele. trotz der kürze, für mich einer deiner besten artikel!!

    seas
    christoph

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: