Wie Reagan, nur andersrum


Edward Balleisen

Edward Balleisen

Durham, North Carolina. *An der Duke University in North Carolina befasst sich Edward J. Balleisen mit den Wechselwirkungen von Wirtschaftskrise und Präsidentenwahl. Für den Volkswirten und Historiker ist, was sich gerade in den USA abspielt, eine Wiederholung der Wahlen von 1980, als Ronald Reagan eine rechte Wende hin zum Wirtschaftsliberalismus einleitete. Nur unter umgekehrten Vorzeichen. Egal, wer die Wahlen gewinnt, glaubt der Ökonom: Nach fast 30 Jahren Neoliberalismus wird es wieder eine Wende geben. Diesmal nach links.

/Wiener Zeitung: Die Welt durchlebt eine der massivsten Finanzkrisen. Hat der Kapitalismus versagt?/

Nein. Der Kapitalismus hat viele Ausformungen und viele Gesichter. Sagen wir so: Ein morscher Ast des Kapitalismus ist abgefault. In den letzten zwei Jahrzehnten sind wir durch eine Ära der Deregulierung gegangen. Leider hat sich die These, wonach auf kurzfristigen Profit gepolte Anleger der Gesamtwirtschaft langfristig und dauerhaft Wohlstand bescheren, als falsch erwiesen. Die Krise zwingt uns, elementare Fragen über die Ethik einer Unternehmensführung und die moralischen Obligationen eines Bankdirektors neu zu stellen.

/Wird Barack Obama – wie von so vielen prognostiziert – von der Finanzkrise profitieren und ins Weiße Haus einziehen?/

Vielleicht. Viel wichtiger ist, dass es mit Obama genauso wie mit McCain einen spürbaren Linksruck geben wird. Wir erleben eine ähnliche Situation wie 1980, als Ronald Reagan an die Macht kam. Vor Reagan war Amerika links. Das gilt für John F. Kennedy und Jimmy Carter, aber auch für den Republikaner Richard Nixon, der in seinen Positionen zu Umweltschutz und Gesundheitsreform, zu Negativsteuer für Arme sowie Preis- und Gehaltskontrolle heute links neben der Demokratischen Partei stünde. Auch damals ging der Staat durch eine finanzielle Krise. Damals schien Deregulieren die beste Antwort. Heute ist das Gegenteil richtig.

/Wie kommt man aus der Krise hinaus, ohne gleich wieder in die nächste zu stolpern?/

Die Art und Weise wie Finanzunternehmen geführt werden, muss sich radikal ändern. Vielleicht braucht es gewählte Funktionäre, Lokalpolitiker oder Universitätsprofessoren in den Aufsichtsräten, die die breiten Interessen der Gesellschaft vertreten. Schließlich geht es darum, wieder ganz elementare Regeln einzuführen. Etwa die, dass Banken sich nicht mehr als in zwölffacher Höhe ihres Eigenkapitals verschulden dürfen.

/Unter dem Druck des Wettbewerbs lockerten Finanzmarktplätze viele ihrer Regeln. Wie verhindert man Kapitalflucht, wenn andere Finanzstandorte mit weniger Kontrolle locken?/

In Zeiten des Optimismus flüchtet das Kapital dorthin, wo die Regeln am lockersten und die Steuern am niedrigsten sind. In Zeiten der Krise, ist das, was die Anleger wollen, Zuversicht und Sicherheit. Und das bekommen sie dort, wo verlässliche Regeln bestehen, die vernünftiges Anlegen gewährleisten.

/Viele Menschen haben Probleme zu verstehen, wie es gerechtfertigt sein kann, einem Vorstandsdirektor einer Bank hunderte Millionen Dollar Einkommen zu bezahlen. Verstehen Sie das?/

Wenn Historiker eines Tages auf diese Zeit zurück blicken, werden sie sich sehr wundern. Derartige Spitzengehälter werden eines jener Rätsel sein, die wohl ewig ungelöst bleiben. Zu ihrer Frage: Nein, ich verstehe es nicht. Es ist nicht die Logik des Marktes. Das steht fest. Es ist das System einer Oligarchie, in der sich Menschen über ihre Tätigkeiten in diversen Aufsichtsräten gegenseitig Spitzenverträge zuschanzen. Es ist auch nicht über Nacht passiert, sondern im Verlauf von 40 Jahren. Einen Vorstand in den 1970er-Jahren hätte nie im Leben ein derartiges Salär akzeptiert. Dem hätte es die Schamesröte ins Gesicht getrieben.

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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