Einmal Heuschrecke und retour


Wie Sparkassen ans schnelle Geld wollten und sich daran vergifteten. Eine kleine Geschichte des Bankwesens

Vier Jahrzehnte lang war Peter Kroneis (Name von der Redaktion geändert. Anm.) Bankangestellter, bis er vor fünf Jahren als Filialleiter in Pension ging. Die Bank, bei der er im Jahr 1967 begann, hieß Zentralsparkasse (Z) und vor jeder Filiale rotierte eine beige-orange-farbene Kugel. Am Weltspartag kamen die Leute in Scharen, um die Münzen aus ihren Sparschweinen gegen Spargeschenke zu tauschen. Aus den Schaufenstern lächelte der Sparefroh. „Damals“, sagt Kroneis, „waren wir die Sparkasse des kleinen Mannes.“

Die Welt, wie Kroneis sie zu Beginn seiner Karriere kennenlernte, ist nicht mehr. Der Schilling wertlos, und keiner drängt sich mehr am Weltspartag in die Banken. Die Zentralsparkasse – gegründet im Oktober 1905 von der Gemeinde Wien – ist heute eine Tochter der italienischen Uni Credit. Die von Hans Hollein entworfenen Kugeln vor den Filialen wurden von Wellen anderer Logos fortgespült.

Die Geschichte der Zentralsparkasse von den 80er-Jahren bis heute ähnelt jener der meisten großen österreichischen Kreditinstitute. Innerhalb von drei Jahrzehnten werden aus Bankbeamten Verkäufer, aus Kunden Anleger, aus Zweigstellen automatisierte Verkaufsbuden und aus gemeinnützigen Institutionen gewinnorientierte Unternehmen, die auf globalen Finanzmärkten um die höchstmöglichen Rendite pokern. Wenn die Märkte schlingern, stellen sich die Banken um staatliche Kapitalspritzen und Haftungsgarantien an. In dieser Woche verhandeln auch die Bawag und ihr neuer Eigentümer, der US-amerikanische Aktienfonds Cerberus, mit der Republik um frisches Geld aus dem österreichischen Steuertopf.

Als Kroneis 1967 Bankangestellter wird und nach einem Jahr Dienst die Prüfung ablegt, um „definitiv“ gestellt, also unkündbar zu werden, ist eine derartige Entwicklung unvorstellbar. Die großen Banken sind – so wie die wichtigsten Industrien – seit dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht oder staatsnah. Die Bankgesetze sind streng. Der Berufsstand des Bankers steht für Seriosität und Verlässlichkeit. Ein gesellschaftlicher Archetyp wie der Pfarrer, der Lehrer oder der Arzt. Wer am Schalter mit Geld hantiert, genießt das Vertrauen seiner Kunden. „Die haben mir alles erzählt“, erinnert sich Kroneis stolz, „ihre Urlaubsanekdoten, ihre privaten Problemchen und ihre amourösen Geschichten. Das darf man heute ja gar nicht mehr sagen: Wir haben getratscht und Schmäh geführt. Das hat die Bindung zum Kunden gestärkt. Der ist nicht gleich zur Konkurrenz gelaufen, nur weil dort der Kredit um einen halben Prozentpunkt billiger war.“

Weiterlesen im Falter

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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