„Unsere Freiheit endet im Stau“


Gegen Verkehr, Zersiedelung, Apathie: Wie Claus Leggewie die Klimakrise kleinkriegen will

Matthias G. Bernold im Gespräch mit Claus Leggewie

Man könnte Claus Leggewie einen Hans Dampf in allen Gassen nennen. Der deutsche Kulturwissenschaftler forschte über Terror und Medien, verfasste Bücher über die Türkei und Europa, Bosnien nach dem Bürgerkrieg, die Globalisierung und den weltpolitischen Einfluss der USA. In seinem jüngsten Buch befasst sich Leggewie mit dem Klimawandel, und er entwirft die Utopie einer neuen Gesellschaft.

Falter: Warum ist Klimawandel ein Thema für einen Kulturwissenschaftler?

Claus Leggewie: Klimawandel heißt Kulturwandel. Und die Art und Weise wie wir das Klima – etwas das wir nicht riechen, schmecken und fühlen können – erfahren, ist kulturell geprägt. Die Naturforscher haben lange naiv geglaubt, dass die Menschen ihr Verhalten ändern würden, wenn man nur über die abstrakte Bedrohung aufklärt. Das geschieht aber nicht. Deswegen sind Kulturwissenschaftler gefragt, weil sie die symbolische, emotionale und Verhaltensebene in den Blick nehmen.

In Ihrem Buch führen Sie aus, dass mit den Rohstoffen auch die Errungenschaften der westlichen Moderne – Marktwirtschaft, Zivilgesellschaft und Demokratie – zur Neige gehen. Am Horizont lauert die Megakrise. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Leggewie: Die Erschöpfung der Marktgesellschaft hat man an der Wirtschaftskrise gesehen. Wir haben es mit dem größten Marktversagen der Geschichte zu tun. Es ist eben nicht so, dass alles eingepreist wird und die unsichtbare Hand des Marktes zu den erwünschten Resultaten führt. Gerade beim Klimawandel besteht ein Regulierungsproblem, für das die uns zur Verfügung stehenden nationalstaatlichen Instrumente nicht reichen. Es fehlt eine neue Architektur globaler Kooperation.

Als Gegenmaßnahme schlagen Sie in Ihrem Buch eine große gesellschaftliche Transformation vor: Bitte skizzieren Sie diesen Wandel.

Leggewie: Da sich das Gelegenheitsfenster zur Klimaschutzpolitik rasch schließt, ist breites Gegensteuern durch Gesetze und Marktanreize erforderlich, eine noch nie dagewesene Technologieentwicklung und erhebliche Lebensstiländerungen im Zeitraffertempo. Gleichzeitig müssen wir unseren Lebensalltag entschleunigen und uns von den Mustern industrieller Dynamik trennen, die am Wachstumsfetisch hängen. Ohne eine neue Kultur der politischen Partizipation der Bürger, die den Fernseher abstellen und aktiv werden, schaffen wir das nicht.

Wie muss sich unser Leben ändern?

Leggewie: Wir müssen an den großen drei Klimasünden ansetzen. Erstens: Unsere Ernährungsweise darf nicht länger die Ressourcen der Welt plündern. Zweitens: Unsere individuelle Mobilität muss energieeffizienter und reduziert werden. Drittens: unsere verschwenderische Raumnutzung muss urbanen, verdichteten Lebensräumen mit intelligenten Verkehrskonzepten weichen.

Sie kritisieren die Reparaturmaßnahmen in der Wirtschaftskrise als Bruch des Generationenvertrages, weil überkommene Industrien auf Pump erhalten werden und kein nachhaltiger Umbau betrieben wird. Hätten Sie die Konjunktur nicht gestützt?

Leggewie: Doch. Die Frage ist nur wie. Länder wie Südkorea oder China haben es vorgezeigt. Dort gibt es viel mehr Grün in den Stimulus-Packages als in den USA und Europa. Eine Abwrackprämie Umweltprämie zu nennen, zeigt ja, wie schlecht das Gewissen derjenigen sein muss, die so einen Blödsinn veranlassen. Fünf Milliarden Euro wurden ausgegeben, die nun nicht für eine energiepolitische Wende zur Verfügung stehen. Das Irre ist: die Politiker, mit denen man redet, wissen das, und die die Prämie in Anspruch nehmen auch. Weil wir wie die Junkies von der strukturellen und symbolischen Bedeutung des Automobils abhängig sind. Die Deutschen versichern selbstverständlich die Chromfelgen ihrer Autos, wären aber nicht bereit für eine Pflegeversicherung im Alter zu zahlen.

Aber es gibt eine kräftige Umweltbewegung. Menschen organisieren sich im Internet, grünes Gedankengut wird politischer Mainstream, und seit zwei Jahren ringen die Staaten um ein neues Klimaschutzabkommen, das in Kopenhagen unterzeichnet werden soll. Da tut sich doch was …

Leggewie: Das ist ja die Botschaft unseres Buches. Das Problem sind die vielen Meinungsführer und Schwerst-Intellektuellen, die uns mit Kopfschütteln begegnen und die sagen: Das schaffen wir nie. Als Trittbrettfahrer des Wohlstands und des Friedens der vergangenen 30, 40 Jahre, starren die 68er voller Pessimismus auf die nachfolgenden Generationen und sagen: So, das war’s. Diese Sorte von Defätismus und Zynismus der Meinungsführer ist lähmend.

Die Aussichten sind ja tatsächlich nicht rosig. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Pensionen gelten als unsicher, die Generation Praktikum taumelt von einem prekären Dienstverhältnis ins nächste, und dazu der Klimawandel mit seinen Horrorszenarien. Davon auszugehen, dass man den Lebensstandard der Eltern nicht mehr erreichen wird, ist doch nachvollziehbar.

Leggewie: Natürlich, aber das macht auch Spaß.

Wie meinen Sie das?

Leggewie: Das meiste, was wir als Freiheitsgewinn durch Wohlstand, Mobilität, Gourmetküche und so weiter erleben, ist Zwangsbeglückung oder oberflächliche Ablenkung. Die Freiheit, Auto zu fahren endet beispielsweise im Stau auf der Südosttangente. Mobilität ist oft Zwangsmobilität, weil man zur Arbeit oder in den Supermarkt fährt, die so weit weg sind.

Reden Sie uns den Verzicht schön?

Leggewie: Wir müssen uns auf Änderungen des Lebensstils einstellen, die wir aber nicht als Verzicht, sondern als Entlastung von Scheinfreiheiten und Zugewinnmöglichkeiten durch eine vita activa begreifen müssen. Dazu gehört auch die Möglichkeit einer stärkeren politischen Partizipation, um überkommene Parteien- und Ressortpolitik, für die Österreich das beste Beispiel ist, aufzubrechen.

Sind die Hochschulproteste, wie wir sie gerade erleben, ein Beispiel für eine politische Partizipation in Ihrem Sinn?

Leggewie: Im Kern ist es das, was wir uns als Form der außerparlamentarischen Opposition erhoffen. Ich wünschte mir allerdings Protestbewegungen zu erleben, die nicht bloß von einem pseudo-gewerkschaftlichen Gesichtspunkt und der Verteidigung von Besitzstandswahrung motiviert sind oder davon, die Piefkes von den Unis wegzukriegen. Das große Ganze einer Bildungsreform sollte sich der Frage widmen: wie richten wir uns die Welt von morgen ein?

Wo geht es nur um Wahrung von Besitzständen und wo um die Gestaltung einer besseren Welt?

Leggewie: Ich denunziere materielle Interessenvertretung nicht. Ich wundere mich sogar, welchen Abbau des Wohlfahrtsstaates wir ohne nennenswerte Massenproteste zugelassen haben. Ich hätte nur die Vorstellung, dass zum Klein-Klein des Interessenkampfes Zukunftspathos tritt.

Wenn man Sie einen weltfremden Utopisten nennt, würde Sie das stören?

Leggewie: Nein. Da bin ich stolz drauf. Blamiert haben sich doch gerade die „Realisten“.

Zwei Fragen hätte ich noch: Welches Auto fahren Sie? Und: Auf wieviel Quadratmeter Raum wohnen Sie?

Leggewie: Solche Fragen finde ich überflüssig. Ich gebe nicht den Ökoengel und kann meine Thesen als Klimasünder genauso vertreten.

Mich interessiert, wie Sie es als Autor, der einen nachhaltigen Lebensstil einmahnt, persönlich mit dem Klimaschutz halten.

Leggewie: Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Ich habe einen spritschluckenden Oldie vor der Tür und fahre fast nur mit der Bahn, und in meiner Riesenaltbauwohnung herrscht eine durchschnittliche Raumtemperatur von 18 bis19 Grad. Dadurch und durch vieles andere unterschreitet mein ökologischer Fußabdruck den Mittelklassedurchschnitt nachweislich bei weitem.

Zur Person:

Claus Leggewie (geboren am 27. März 1950 in Wanne-Eickel) ist Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen.  1995 und 2006 war Leggewie Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien

Leggewie, Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten S. Fischer, 278 S., € 19,95

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 16 Ressort: Politik
Advertisements

About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

No comments yet... Be the first to leave a reply!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: