Stille in Eberau


Sie stimmten dagegen. Porträt eines widerständigen Dorfes

Das Eberau von Günther Krobath ist ein arkadischer Ort. Er fährt vorbei an den putzigen Bauernhäusern der Alteingesessenen, vorbei an den modernen Wohnwürfeln der Pendler und Jungfamilien. Die schmale Straße den Hügel hinauf. Wo die Eberauer ihre Äcker und Weingärten haben. Wo sie an lauen Sommerabenden in der Buschenschank beieinandersitzen und hinunterblicken ins Kleine Pinkatal.

Am Fuß des Hügels zweigt von der Weinstraße ein Feldweg ab. Krobath steigt aus dem Wagen. Auf einem Acker im Ortsteil Kulm steht er im knöchelhohen Schnee, um auf zwei Parzellen zu deuten. Hier sollte das dritte österreichische Asyl-Erstaufnahmezentrum mit einer Kapazität für 300 Menschen entstehen.

Der südburgenländische Ort Eberau ist Sinnbild für den jämmerlichen Zustand österreichischer Asylpolitik und für falsches Selbstverständnis von Machthabern auf Bundes- und auf lokaler Ebene. Ein Sinnbild dafür, wie Politiker unsinnige Pläne an den Wünschen und Sorgen ihrer Bürger vorbeischummeln wollen. Ein Beispiel dafür, wie Widerstand effizient sein kann. Wie sich sogar ein kleiner Streifenpolizist gegen die Innenministerin durchsetzen kann.

„Ich hätte mir nichts Schlimmeres vorstellen können“, sagt Krobath. Er erzählt vom Abend des 18. Dezember 2009, als ihn der Bürgermeister anrief, um ihm von den neuen Jobs zu erzählen. Jobs für Polizisten, fünf Gehminuten von seinem Haus entfernt.

Krobath jagt als Streifenpolizist Einbrecher, Schmuggler und Menschenhändler auf heimischen Autobahnen. Er hat die Welt kennengelernt. Vor allem ihre dunklen Seiten. Das Flüchtlingsprojekt, über das der Bürgermeister mit der Innenministerin gemauschelt hatte, hätte die „Gemütlichkeit Eberaus“, wie Krobath sie kennt, zerstört: zu fremd, zu groß, zu gefährlich für eine Gemeinde mit 900 Einwohnern. Und, folgt man der Meinung vieler Asylexperten, unsinnig, weil viel zu weit weg vom urbanen Raum.

Eberau, bis zum Friedensvertrag von Trianon 1921 nach dem Ersten Weltkrieg ein ungarisches Dorf mit Namen Monyorókerék, hat Wurzeln, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Ein ärmliches Gebiet, dessen ländliche Bewohner unter der jeweiligen Herrschaft malochten. Erst 1848 erlebte der Pinkaboden ein freies Bauerntum. Nach dem Zweiten Weltkrieg – in den Weingärten auf den Hügeln stellte sich die Wehrmacht den anrollenden russischen Truppen entgegen – folgte auf den Wiederaufbau eine Zeit relativen Wohlstands. Mit dem Eisernen Vorhangs stand Eberau jedoch wieder im Winkel. Ein „totes Gebiet“ nennt es Josef Polzer (84), der ehemalige Volksschuldirektor, das die Jungen zum Arbeiten und zum Studieren verlassen.

Das Eberau, wie es der Besucher an einem gewöhnlichen Wochentag kennenlernt, ist eines der Ruhe. Ein Hahn kräht. Die erste Honigbiene trudelt verwirrt durch den Eberauer Luftraum. Auf der einen Seite des Platzes befinden sich Gemeindeamt und Gasthaus, auf der anderen die Kirche und das Anwesen des Grafen. Nah&Frisch-Filiale und Mehlspeis-Paradies Ganzfuss sind zwischen zwölf und fünfzehn Uhr geschlossen. Zwei Präsenzdiener in orangen Warnwesten schlendern über die Straße, um das „subjektive Sicherheitsgefühl“, von dem Politiker gerne sprechen, zu verteidigen. Mit symbolhafter Politik wollte sich Walter Strobl, der Bürgermeister, nicht zufriedengeben. Er erzählt von der Suche nach neuen Chancen. Vom Energieradweg. Von der katholischen Privatschule. Als Tourismus- und als Weinbaugemeinde wollte man Eberau etablieren. Allein – die rote Landesverwaltung habe die schwarze Gemeinde stiefmütterlich behandelt. Die einzige Attraktion im Ort, ein Wasserschloss mittelalterlichen Ursprungs im Besitz derer von Erdödy, will der Graf partout nicht der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Acht Jahre lang war Strobl erster und mächtigster Mann im Dorf. Einer, gegen dessen Willen man nicht leichtfertig aufbegehrte. Der es gewohnt war, für andere zu entscheiden. „Wie ein Lottogewinn“, sagt er, sei ihm das Angebot aus der Herrengasse vorgekommen. Und Innenministerin Maria Fekter legte zu den 130 Jobs, die sie den Eberauern versprach, ein paar Schmankerln auf den Tisch: 250.000 Euro extra für die Gemeindekasse, neue Feuerwehrautos, Sanierung des Schulgebäudes, Sanierung des Gemeindeamtes, bessere ärztliche Versorgung.

Welcher Bürgermeister hätte da nicht zugelangt?

Um zu vermeiden, dass der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl das Zentrum per Gesetz verhindern konnte, blieb der Pakt bis kurz vor Weihnachten geheim. Als Fekter dann an die Öffentlichkeit ging, machte sich Strobl binnen zwei Monaten mehr Feinde als andere Politiker während ihrer gesamten Berufslaufbahn. Drei blaue Aktenordner bewahrt Strobl im Schrank: voll mit Schmähbriefen und Drohungen. Im Jänner – wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt – schickte ihm jemand sogar einen Strick.

Als Polizist Krobath von den Plänen erfährt, setzt er sich ans Telefon und ruft jeden an, den er kennt. Innerhalb weniger Tage entsteht eine Unterschriftenliste, wenig später konstituiert sich eine Bürgerinitiative. Unterstützt von allen Landtagsparteien, von NGOs, Medien und allerlei xenophoben Trittbrettfahrern, erzeugt sie gewaltigen Druck. Zorn und Misstrauen in der Gemeinde werden so groß, dass sich eines Tages ein Mob vor einem Weinkeller versammelt, weil das Gerücht kursiert, ein Gemeinderat führe hier Geheimgespräche mit der Innenministerin. Bis heute sieht Gastwirt Hannes Buch einen „Keil, der die Dorfgemeinschaft spaltet“.

Irgendwann kippt der Gemeinderat, sogar der Bürgermeister ändert seine Meinung. Als die Eberauer einander am Freitag zur letzten Informationsveranstaltung vor der Abstimmung treffen, ist die Sache längst gelaufen. Da half es auch nichts, dass die Innenministerin mit Werner Miedl einen eloquenten Fürsprecher nach Eberau entsandt hatte, um eine Informationsoffensive zu starten. Der ehemalige Grazer Stadtrat harrte zwar tapfer mehrere Wochen im Hinterzimmer des Gasthofs aus, doch nur wenige wollten sachlich über eine Entscheidung informiert werden, nachdem man so unsachlich über sie hinweg entschieden hatte.

„Wir waren blauäugig“, gibt Strobl heute zu, „wir haben das Menschliche außer Acht gelassen.“ Zurücktreten will er nicht. Auch wenn er weiß, dass seine Zeit seit Sonntag, als neun von zehn Bürgern mit Nein stimmten, abgelaufen ist. Günther Krobath, der kleine Streifenpolizist, hat dem Ort die Stille zurückgegeben. Wer weiß, vielleicht kann er dies bald vom Sessel des Bürgermeisters aus tun. Ambitionen, Herr Krobath? „Wer kritisiert“, sagt der, „muss auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen.“

Bild: Ansichten eines aufmüpfigen Dorfes. Das Bild unten aus dem Jahr
1969 zeigt den neugestalteten Hauptplatz

Bild: Günther Krobath startete den Kampf gegen den Bau des
Asylzentrums

Bild: Auf diesem Acker hätte das Zentrum errichtet werden sollen

Bild: Bürgermeister Walter Strobl und die Ordner mit den Drohbriefen

“Falter” Nr. 08/10 vom 24.02.2010 Seite: 14 Ressort: Politik

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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