Kabbala und Liebe


Nach den Gürtelrazzien: ein Rotlichtbaron zwischen Puff und Mystik

Es ist zwei Uhr in der Früh, und im Baum-des-Lebens-Institut in Wien-Leopoldstadt hat gerade der Tag begonnen. 15 Männer sitzen zu dieser nachtschlafenden Stunde zwischen kabbalistischen Büchern und Tafeln, die Kreise, Pfeile und Planeten zeigen. An der Stirnseite des Raumes hängt ein Flachbildschirm, von dem Rav Michael Laitman, der spirituelle Führer der kabbalistischen Vereinigung Bnei Baruch, auf ein globales Publikum einredet. Der weißbärtige Mann mit Kippa erläutert via Live-Übertragung aus Jerusalem Zusammenhänge, die sich Nichteingeweihten nur schwer erschließen.

„Das schöpferische Licht“, sagt er gerade, „bewirkt zweierlei: die Vergrößerung des Willens und danach dessen Korrektur.“

Es ist eine merkwürdige Welt, die sich jede Nacht, wie es die Tradition verlangt, zwischen zwei und fünf Uhr morgens in der Oberen Augartenstraße auftut. Wie um diese Eigentümlichkeit noch zu verstärken, sitzt in der letzten Reihe vor einer Tasse Grüntee einer, den man nur aus einer anderen Welt kannte: Harald Hauke, bis Ende der 1990er-Jahre König der Wiener Unterwelt. Drei Jahre Haft wegen Vergewaltigung büßte er ab, bis er im Frühling 2007 entlassen wurde. „Ein Fehlurteil“ habe ihn hinter Gitter gebracht, wie er bis heute betont, Folge einer Intrige korrupter Wiener Polizisten und rivalisierender Pülcher. Hauke wurde 2004 im Rahmen einer Polizeiaktion verhaftet, die jener Polizeiaktion stark ähnelt, die seit dem Osterwochenende am Wiener Gürtel stattfindet: dieselben Rotlichtlokale, dieselben Verdächtigen, ähnliche Vorwürfe wie damals. Von Nötigung, Schutzgelderpressung und Menschenhandel ist die Rede.

Kreisten 2004 die Ermittlungen um Hauke, an dem schließlich die Vergewaltigung hängen blieb, geht es diesmal vor allem gegen Haukes langjährigen Rivalen Richard Steiner, der es mit Buchpräsentationen in seiner Bar Pour Platin bis in die „Seitenblicke“ schaffte und dessen pompöser Lebenswandel zwischen Wien und der Dominikanischen Republik die Aufmerksamkeit der Behörden erregte.

Auch wenn heute zwölf seiner Widersacher in Haft sind, empfinde er keine Schadenfreude, beteuert Hauke. Die Wut, mit der er vor drei Jahren gegen seine Feinde in der Polizei und am Gürtel ins Feld zog, sei verraucht. „Wie ich aus dem Gefängnis gekommen bin, war ich ein Wilder mit solchen Muskeln, angefressen auf die Polizisten, die mich gelegt haben“, sagt Hauke, „inzwischen – schau mich an – sitzt ein anderer Mensch vor dir: im Tai-Chi-Hemd, mit Crocs.“ Beruflich hat sich Hauke allerdings nur bedingt verändert: Vor einem Jahr eröffnete er in der Triester Straße ein sogenanntes Laufhaus – eine Art Bordell ohne Barbetrieb. Es wäre jedoch nicht Hauke, würde er sich mit der Rolle des Laufhausbetreibers zufriedengeben. Bereits 2007 erzählte er dem Falter von seiner Sinnsuche und seinem großen Interesse an Meditation und Tai Chi. Nicht unähnlich übrigens seinem Widersacher Steiner, der sich ebenfalls in der Rolle des vergeistigten Philosophen gefällt.

Im Tai-Chi-Unterricht lernte Hauke schließlich Moshe Akopdjanov kennen, einen Programmierer und begeisterten Kabbalisten, der irgendwann beschloss, Hauke mit ins Institut zu nehmen: „Weil wir alle passiv geworden sind und unsere Lehre zu sehr Gewohnheit wurde“, doziert der gregorianische Christ und schmunzelt. „Ich habe mir gedacht: Wenn der Harry dazukommt, zerstört er entweder alles – oder er gibt der Bewegung einen neuen Impuls.“

Es sei sehr kompliziert gewesen am Anfang, bestätigt auch Eduard Yusupov, der Kabbala-Einführungskurse gibt und der den Unterricht auf Hebräisch simultan übersetzt. „Er hat geredet wie ein Wasserfall. Weil er einen sehr ausgeprägten Charakter und viele unsortierte Gedanken hat, konnten wir ihn kaum stoppen. Wir haben gesagt: Harry warte, höre zu, sitze. Mit der Zeit hat er gelernt, etwas ruhiger zu sein.“

„Der Eddy“, berichtet Hauke, „hat irgendwann zu mir gesagt: Möchtest du wissen, wie ein Haar entsteht? Und damit hat er mich gehabt. Weil da hab ich mir gedacht: Ja, das möcht ich wissen.“ Von da an fuhr Hauke mehrmals die Woche nach der Arbeit im Laufhaus in die Stadt.

Jetzt sitzen Hauke, Akopdjanov, Yusupov und sechs weitere zusammen, um zu erklären, was die Kabbala, jene durch die Sängerin Madonna wieder populär gewordene Lehre, eigentlich ausmacht: Es gehe darum, „zurück zur Natur zu gehen“, sagt der Erste, „den Schöpfer verstehen“, sagt ein Zweiter, „den Egoismus gegen Liebe und Altruismus, Leid gegen Glück tauschen“, ein Dritter.

Dass Hauke sein Geld im Rotlichtmilieu verdient, in einem gewalttätigen und frauenfeindlichen Biotop, schreckt hier niemanden: „Wir machen keinen Unterschied, ob einer Bundeskanzler ist oder Bauarbeiter“, sagt Yusupov, „es kommt weniger darauf an, was einer tut, als wonach er strebt.“ Hauke trage, glaubt Jussubow, der im Zivilberuf Unternehmensberater ist, eine große Liebe in sich, die nur schwer nach außen dringe, weil ihn selbstzerstörerischer Hass daran hindere. „Er ist jemand, der in einem tiefen Abgrund war“, sagt Yusupov, „doch umso tiefer der Abgrund, desto höher kann man steigen.“

In den Worten von Hauke klingt das – wie immer – direkter: „Ich bin ein riesengroßes Arschloch, das niemand haben will – aber hier wollten sie mich.”

“Falter” Nr. 15/10 vom 14.04.2010 Seite: 37 Ressort: Stadtleben

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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