Drohbriefe, Hakenkreuze, Brandanschläge: Wie Skinheads in einem Floridsdorfer Zuwandererheim Terror verbreiten


Zuammen mit Vera Bandion

Noch sind die Spuren nicht verwischt. Auch Tage nach dem Anschlag hängt Brandgeruch im Stiegenhaus. Die Säule in der Eingangshalle ist vom Feuer geschwärzt. Hinter dem ersten dünnen Anstrich, den der Hausmeister dem Stiegenhaus am nächsten Morgen verpasst hat, schimmern dunkel die Hakenkreuze durch. Und vor dem Apartmenthaus krümmt sich ein rotgrünes Gebilde aus verschmortem Plastik, das bis vor kurzem noch ein Altpapiercontainer war.

In dem Apartmenthaus für Zuwanderer aus den Bundesländern und aus dem Ausland in der Linken Nordbahngasse in der Nähe des Franz-Jonas-Platzes geht die Angst um. Nach Hakenkreuz- und Anti-AusländerSchmierereien, nach einer rassistischen Todesdrohung gegen einen türkischen Studenten steckten in der Nacht auf Mittwoch unbekannte Täter einen Altpapiercontainer im Hausflur in Brand. So dicht füllten die Rauchschwaden die Gänge, dass für die Bewohner akute Lebensgefahr bestand. In der Nacht auf Montag kehrten die Täter zurück; wieder stand ein Mistkübel in Flammen.

Noch ist unklar, wer die Täter waren: militante Trittbrettfahrer der Protestbewegung gegen das nahe Islamzentrum? International vernetzte Neonazis, die hier einen Anschlag durchführten? Oder war alles doch nur der Höhepunkt einer privaten Auseinandersetzung?

„Wir wollen euch hier nicht. Wir werden dein Baby umbringen. Und auch dich. Wir wollen keine Türken und Jugos hier und werden sie einzeln umbringen.“ Das ist der Inhalt jenes Drohbriefs, den der junge türkische Student – vorsichtshalber will er anonym bleiben – an seiner Wohnungstüre fand, als er am Dienstag gegen ein Uhr morgens nach Hause kam. Zusammen mit acht anderen Nachbarn sitzt er jetzt, zwei Tage später, auf der überdachten Gemeinschaftsterrasse im ersten Stock des modernen Wohnheims mit den 293 Apartments. Es sind Studenten aus der Türkei, die sich aufgeregt über das unterhalten, was sie in den letzten Tagen beobachtet haben und was sie seither nicht mehr ruhig schlafen lässt: Männer mit kahlgeschorenen Köpfen, die durch das Heim schlichen. „Es muss 23.30 Uhr gewesen sein“, erinnert sich einer, „da hat ein Skinhead die Wände beschmiert.“ Am nächsten Tag entdecken sie Sprüche wie: „Hier leben bald tote Tschuschen“, „Hammerskinz (sic!) rule Floridsdorf“, „Scheiß Tschuschen Sieg Heil“, „Jugos und Türken sind Homos“.

Mehrmals an diesem Abend rufen sie die Polizei. Die bemerkt zwar die Schmierereien, zieht jedoch bald wieder ab. „Wir haben die Polizei um eine Streife gebeten, die das Haus bewacht“, erzählt ein Hausbewohner, „aber sie haben gesagt, wir sollen uns keine Sorgen machen.“ Ein anderer berichtet, dass die Polizisten erklärten, „eigentlich eh nichts dagegen machen zu können“. Wirklich ernst nehmen die Polizisten die Sache erst, als die Brandmelder des Hauses gegen drei Uhr nachts Alarm schlagen: Unten in der Eingangshalle hat jemand die Altpapiertonnen in Brand gesteckt.

Wer sich zum Zeitpunkt des Brandes in den Gängen befand, erklärt Ernst Georg Klammer von der Feuerwache Floridsdorf, der den ersten Einsatz leitete, sei akut in Lebensgefahr gewesen: „Der Rauch hat diesen Fluchtweg unpassierbar gemacht.“ Mit Atemschutzgeräten und mit dem Strahlrohr dämmt die Feuerwehr die Feuersbrunst ein; mit Ventilatoren treibt sie das Rauchgas aus dem Gebäude. Der Täter, vermutet Klammer, habe sich jedenfalls in derselben Nacht Richtung Angerer Straße davongemacht, wo nur wenige Minuten später ein Mistkübel vor einem Würstelstand brannte.

Wurde der Vorfall von der Polizei zunächst heruntergespielt – weder erging eine Warnung an die Hausparteien, noch verschickte die Polizei eine Presseaussendung –, erhöhte man inzwischen die Zahl der Streifen rund um das Heim. Das Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung hat die Ermittlungen übernommen. Ein atmosphärischer Hintergrund der Tat könnte die Stimmung vieler Leute im Bezirk sein, die sich zuletzt in einer Protestbewegung gegen ein nahes Islamzentrum niederschlug. Vor allem wenn man weiß, dass bei einer Demonstration gegen das Islamzentrum vor einigen Wochen auch eine Handvoll Skinheads mitmarschierte. Noch ein Umstand macht die Behörden stutzig: dass eine der Schmierereien das Wort „Hammerskinz“ enthielt, den Namen einer bisher nur in der Schweiz aktiven Gruppierung, der mehrere Brandanschläge auf Ausländerbetreuungseinrichtungen angelastet werden.

Während die Polizei nach den Tätern sucht, herrscht im Wohnheim Angst. Der Student, der den Drohbrief fand, will lieber heute als morgen ausziehen. Die Familie aus Ägypten von nebenan ebenfalls. Bis heute denkt der Ehemann, dass die bedrohliche Botschaft eigentlich ihm galt. „Die müssen die Türnummern verwechselt haben. Ich bin der Einzige in diesem Gang, der Kinder hat. Ich habe Angst, dass sie wiederkommen“, sagt er mit leiser Stimme am Freitag. Und er sollte Recht behalten: In der Nacht auf Montag brannte wieder ein Müllcontainer, diesmal einer vor dem Haus. Und am nächsten Tag stand der Spruch „Wir sind wieder da, ihr Kanaken“ an der Wand.

“Falter” Nr. 28/10 vom 14.07.2010 Seite: 13 Ressort: Politik

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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