Die Ölpest von nebenan


Wie der austroamerikanische Historiker Günter Bischof die Erdölkatastrophe im Golf von Mexiko erlebt

Interview

Seit mehr als 20 Jahren Jahren verlässt Günter Bischof im Sommer Louisiana, um sich nach Innsbruck zu begeben. Der gebürtige Vorarlberger, der seit fast 30 Jahren in den USA lebt und seit 1989 an der Universität von New Orleans (UNO) amerikanische Zeitgeschichte unterrichtet, leitet in Tirols Landeshauptstadt die UNO International Summer School, ein Kooperationsprojekt zwischen UNO und Universität Innsbruck, an dem 300 österreichische und amerikanische Studenten teilnehmen. Heuer standen die Sommerkurse auch im Zeichen der Ölpest vor Nordamerikas Südküste.

Falter: Am Wochenende hat es noch geheißen, dass Bohrloch sei endlich gestopft, jetzt tritt offenbar weiterhin Öl aus: Wie geht es Ihnen damit?

Günter Bischof: Es war klar, dass die Sache nicht so schnell erledigt ist. BP hat in der Vergangenheit schon so viele vergebliche Versuche unternommen. Dazu kommt, dass man nicht sicher sein kann, dass BP das Loch überhaupt schließen will. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber da unten lagert ein riesiges Ölreservoir. Ich denke, dass es sich BP zweimal überlegt, die Quelle nicht mehr zu nutzen. Immerhin hat der Konzern Milliarden Dollar investiert, um das Macondo-Loch zu bohren.

Sie glauben, BP will den Standort halten?

Bischof: Wenn sie eine sichere Methode fänden, wäre ihnen das lieber. Nicht jetzt natürlich, in der Zeit der Hurrikans, wenn dort kein Tanker hinfahren kann.

Ist es nicht absurd, nach einer derartigen Katastrophe an eine Fortsetzung der Ölförderung auch nur zu denken?

Bischof: Dazu muss man wissen, dass im Golf von Mexiko seit dem Zweiten Weltkrieg nach Öl gebohrt wird. Die deutsche Marine hat 1942 hier viele Schiffe versenkt. Danach ist auch immer wieder etwas passiert: Nach Katrina etwa sind Millionen Liter Öl ins Meer geflossen. Die Gegend ist seit langem Schauplatz von Umweltkatastrophen. Inzwischen ist die Erdölindustrie in immer tiefere Gewässer vorgedrungen, mit immer höheren Risiken.

Wollen Sie damit sagen, dass die Leute Umweltschäden inzwischen in Kauf nehmen?

Bischof: Die Ölindustrie in den Küstengebieten am Golf von Mexiko ist einer der wichtigsten Arbeitgeber. Unter denen, die auf Ölplattformen gearbeitet haben, gibt es viel Gejammer, dass Präsident Barack Obama die bestehenden 33 Tiefseeplattformen schließen will. Ingenieure, Anwälte, auch Universitätsprofessoren sind mit Ölfirmen verbandelt oder haben irgendwann als Konsulenten gearbeitet. Wenn die Leute so abhängig sind, trauen sie sich nicht auf die Pauke zu hauen. Was nicht heißt, dass sie das Risiko nicht sehen oder nicht an den Folgen leiden würden. Durch die meisten Familien in den Küstenregionen geht ein Riss. Ich sehe das bei der Familie meiner Frau: Wie in vielen Cajun-Familien gibt es da Leute, die vom Fischfang leben, und Leute im Ölgeschäft. Alle sorgen sich massiv um ihre Zukunft, weil ihre Einkunftsquelle für Jahre vernichtet sein könnte.

Erzählen Sie uns bitte, wie sich der Lebensalltag seit der Explosion verändert hat.

Bischof: Wir haben 13 Jahre lang an der Cajun-Küste in Louisiana gelebt. Dort hat die Ölkatastrophe massive Auswirkungen auf den Way of Life. Die Landschaft ist durchzogen von Flüssen und Feuchtgebieten mit der fantastischsten Tier- und Pflanzenwelt. Da ist das Vogelleben von Amerika konzentriert. Da haben Krabben und Shrimps ihre Laichplätze. Auch für jene, die nicht in der Fischindustrie arbeiten, gehört das Leben in der Natur zum Alltag. Nach der Arbeit geht es raus zum Fischen oder zum Schwimmen. Vor jedem Haus steht ein Boot im Garten.

Kann man den ökonomischen Schaden einschätzen?

Bischof: Neben der Erdölindustrie und dem Fischfang ist in vielen Regionen der Tourismus zum Erliegen gekommen. An den Küsten von Mississippi, Alabama und Texas tauchen keine Sommergäste mehr auf. Das Öl ist zwar noch nicht im Süden Floridas, also am unteren Teil des Bundesstaates, angekommen, aber bereits bis in die Gegend von Pensacola haben wir ölverseuchte Strände. Das ist dort aber das wichtigste Urlaubs- und Erholungsgebiet für den ganzen Süden: Die Amerikaner nennen das die Redneck Coast.

Wie sind die Auswirkungen für New Orleans?

Bischof: Für die Stadt ist es besonders tragisch, weil hier nach den verheerenden Auswirkungen von Katrina eine Zeit der Erholung eingesetzt hatte. Gerade hatten die Menschen begonnen, wieder an die Zukunft der Stadt zu glauben. In den letzten zwei Jahren sind immer mehr Leute zurückgekommen: Wir haben jetzt wieder eine Bevölkerung von 350.000, vor Katrina waren es 450.000, aber eine Zeitlang waren es nur 250.000. New Orleans lebt vom Tourismus und vom Kongressgeschäft. Ob das ebenso langfristig gestört wird wie nach dem Hurrikan, kann noch niemand sagen. Klar ist, dass der Tourismus in der Stadt nicht zuletzt von der fantastischen Küche lebt. Aber diese Küche besteht vor allem aus frischem Seafood, und das kommt jetzt nicht mehr rein. Das Austerngeschäft ist kaputt. Shrimps werden kaum mehr gefangen, bei vielen Fischarten ist es dasselbe. Was New Orleans betrifft, könnte man von einem double whammie sprechen, einem Doppelschlag: zuerst Katrina und jetzt das.

Noch vor zwei Jahren hinterließ New Orleans ein ambivalentes Bild: Zwar boomte das French Quarter, und die Bars waren voll mit Touristen
aber ein Stück weiter östlich, im Lower Ninth Ward und in den angrenzenden Stadtteilen, standen Ruinen. Ist das jetzt ähnlich?

Bischof: Sie haben Recht, dass Richtung Osten, wo die Verwüstungen auch viel dramatischer waren, relativ wenig passiert ist. Es gibt zwar einige Aufbauprojekte wie etwa jenes von Brad Pitt und anderen. Aber vor allem Schwarze, die in den am stärksten betroffenen Gebieten gewohnt haben, kommen oft nicht mehr zurück. Die haben inzwischen in Atlanta oder sonst wo Jobs gefunden. Eines ist klar: New Orleans wird nicht mehr so groß werden, wie es einmal war. Und es wird anders sein.

Bush wurde für sein Krisenmanagement bei Katrina geprügelt. Einige sagen, es sei ein Grund für seine Wahlniederlage gewesen. Wie zufrieden sind die Amerikaner mit dem Krisenmanagement Barack Obamas?

Bischof: Die Leute waren geschockt, dass ihre eigene Regierung nicht in der Lage war, den Schaden zu bekämpfen; weder mit zivilen noch mit militärischen Mitteln. Die Rede ist immer wieder davon, dass die Ölkatastrophe Obamas Katrina sei. Ich würde auch meinen, dass sein erstes Krisenmanagement nicht so beeindruckend war. Viele Leute haben sich geärgert, dass er nicht schnell genug eingegriffen hat. Dass er zugewartet hat und BP einfach machen ließ. Erst nach einem Monat hat er wenigstens die Praxis gestoppt, dass BP und das Federal Government gemeinsame Pressekonferenzen abgehalten haben. Inzwischen dürfte er auch draufgekommen sein, wie fatal die Freundschaft zwischen Ölkonzernen und dem MMS (Minerals Management Service, die Aufsichtsbehörde des Bundes; Anm.) in der Öffentlichkeit ankommt, und er hat MMS-Chefin Elizabeth Birnbaum gefeuert.

Es heißt, die Erdölförderung in den USA sei nie ausreichend reguliert gewesen. Wie viel Schuld trifft Obama?

Bischof: Dafür, dass man die Erdölförderung in den USA nie genug reguliert und die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften nicht ausreichend kontrollierte, kann man nicht Obama allein verantwortlich machen. Das geht auf die Rechnung von George W. Bush und Dick Cheney, vielleicht noch weiter zurück. Man kann und muss der gesamten politischen Klasse hier Versagen vorwerfen. Jeder Senator und jeder Kongressmann liegt hier mit der Ölindustrie im Bett. Die Ölindustrie hat sich den US-Kongress zum Teil gekauft.

Haben Sie je überlegt, aus Louisiana wegzuziehen?

Bischof: Erst letzte Woche habe ich das kurz mit meiner Frau diskutiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Cajuns wie sie ihr Land aufgeben. Mit 57 Jahren, wo viel glernte Österreicher bereits an die Pensionierung denken, ist es auch nicht mehr so leicht mit dem Wechseln. Die Arbeit macht mir nach wie vor viel Spaß, und ich will sie auch noch gern 15 bis 20 Jahre ausüben. Aber ja, gerade als Zugereister denkt man über so etwas nach, wenn man in einer permanenten Krisenzone lebt.

Mitarbeit: Vera Bandion

Zur Person

Günter Bischof

Der gebürtige Mellauer (Jahrgang 1953) unterrichtet Geschichte an der Universität von New Orleans. Seit 1982 lebt Bischof, der mit einer Amerikanerin verheiratet ist, schon in den USA. Der Harvard-Absolvent befasste sich in zahlreichen Büchern u. a. mit dem Kalten Krieg oder auch der Cajun-Minderheit in Nordamerika

“Falter” Nr. 29/10 vom 21.07.2010 Seite: 16 Ressort: Politik

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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