Stresstest Vorarlberg: Rückenwind nach der Krise


Neue Serie: Nachdem Vorarlberg die Wirtschaftskrise 2009 kräftig ins Ruder gefahren ist, liegt das westlichste Bundesland inzwischen wieder auf Kurs. Im Windschatten der deutschen Konjunktur könnte Vorarlberg sogar schneller Fahrt aufnehmen als das restliche Österreich.

Schinda, schaffa, späre, husa – d’Katz verkaufa, sealbr musa“* – so ironisiert ein Sprichwort die Vorarlberger. Nicht selten bestätigen die Wirtschaftsdaten das Klischee: Das Bruttoregionalprodukt pro Einwohner ist mit 35.800 € höher als im Österreich-Schnitt. Beim Haushaltseinkommen (19.800 €) liegen die Vorarlberger ­hinter Wienern und Niederösterreichern an dritter Stelle. Bei eingereichten Patenten ist das westliche Bundesland sogar Spitze.

Vorarlberg weist Österreichs größte Industriedichte auf: 2008 entfielen 177 Industriebeschäftigte auf 1000 unselbstständig Erwerbstätige; Österreichweit sind es nur 117. Auffallend: Mehr als die Hälfte der Produktion geht ins Ausland. Bezogen auf die Wohnbevölkerung liegen die Exporte um 50 Prozent höher als der Österreich-Schnitt.

Die Kehrseite: Vorarlberg erlebte im Krisenjahr 2009 einen starken Einbruch. So sank das Bruttoregionalprodukt um 5,5 Prozent, die Arbeitslosenquote stieg auf fünf Prozent. Nur Wien lag mit 7,5 Prozent darüber. Im vergangenen Jahr setzte der Aufholprozess ein: Im ersten Halbjahr wuchs die Wirtschaft um 1,6 Prozent. Für heuer rechnen Ökonomen wie Peter Mayerhofer vom Wifo mit plus 2,2 Prozent. Der Aufschwung sei derzeit allerdings „nicht hausgemacht, sondern aus Deutschland importiert“.

Wunschliste

Im Wirtschaftsbarometer der Wirtschaftskammer problematisieren Unternehmer Billiglohnkonkurrenz aus dem Ausland, Facharbeitermangel sowie beschränkte und kostspielige Betriebserweiterungsmöglichkeiten. Auf der Wunschliste vieler – erklärt Armin Immler von der WKÖ  Vorarlberg – stehe der Ausbau des Güterbahnhofs Wolfurt und der Rheintalautobahn.
Wie die EU-Statistikbehörde Eurostat aufzeigt, liegt Vorarlberg mit einer Forschungsquote von 1,4 Prozent am Bruttoregionalprodukt abgeschlagen unter den letzten drei Bundesländern und weit hinten im EU-Vergleich. Andererseits meldet kein Österreicher mehr Patente an als der Vorarlberger: 480 allein im Jahr 2005. Relativ folgsam zeigen sich die Vorarlberger gegenüber dem Rechnungshof: Von 29 Empfehlungen im Jahr 2008 – der Rechnungshof untersuchte den Katastrophenfond, die Umsetzung des Natura 2000-Netzwerks sowie kommunale Projekte – waren 2009 bereits 16 umgesetzt. Auch räumt der Rechnungshof ein, dass es dem Land gelungen sei, das Pensionssystem für seine Beamten an das Niveau der Bundes­beamten anzugleichen.
Größter Pluspunkt im Ländle ist schließlich die ­Budgetdisziplin: Während das Land sogar im Krisenjahr 2009 mit einem moderaten Minus von fünf  Millionen € bilanzierte, verzeichneten die Vorarlberger Gemeinden ein Plus von 16 Millionen €.

Bevölkerungsdichte

Zum Hintergrund: Mit einer Fläche von 2601 Quadratkilometern ist Vorarlberg (nach Wien) das zweitkleinste Bundesland. 2009 lebten hier ca. 368.000 Personen, 4,4 Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung. Mit 141 Einwohnern je Quadratkilometer erreicht das Ländle – nach Wien – die höchste Bevölkerungsdichte. Spürbar wird das im Rheintal, das sich zu einer zersiedelten Super-Vorstadt entwickelt, wo auf rund 20 Prozent der Fläche des Landes 80 Prozent der Bevölkerung leben.

Starker Wandel

Die Ökonomie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt. So sank der Anteil von Land- und Forstwirtschaft von 36 Prozent im Jahr 1910 auf heute zwei Prozent, und der Dienstleistungs­sektor erhöhte sich von 18 Prozent auf 58 Prozent. Der Anteil der Sachgüterproduktion reduzierte sich seit 1910 zwar nur von 46 auf 40 Prozent, allerdings sind die ­Güter heute völlig andere.

Dominierten einst Textilbetriebe, liegt inzwischen der Maschinen-Metall-Sektor mit einem Anteil von 51  Prozent vorne, dahinter folgen Nahrungsmittel, Elektronik und Holz. Die 372 Industrie- und die rund 7500 Gewerbe­betriebe erbringen ein Drittel der Wertschöpfung.

* Übersetzung: „Schinden, Arbeiten, Sparen, Hausbauen – die Katze verkaufen und selber mausen.“

Aus der Serie “Stresstest Bundesland” für das Wirtschaftsblatt

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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