Glosse in der Wiener Zeitung: Schnauz-Zeichen


Meine Glosse in Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung (6. Dezember 2014)…

Der “Movember” ist vorbei und geht – wie immer – nahtlos in den Advent über. Aus Übersee erreichte mich deshalb Nachricht von einer lieben Freundin. Ob ich ihr den Wunsch erfüllen möge und den grauslichen Schnauzer endlich aus meinem Gesicht entferne?

Mit diesem Anliegen ist die Gute nicht allein, auch unter daheimgebliebenen Bekannten gibt es viele, die mein Bärtchen mit Attributen wie “irgendwie unheimlich”, “wie unser ehemaliger Nachbar in Liesing”, “wie ein Statist in einem Mantel- und Degenfilm” oder nur “brrr” belegen. Einigen gefällt er auch, sie sind aber in der Minderheit.

Mit dem Schnauzbart ist es so, dass er jeden zu Positionierung zwingt. Es gibt kein anderes Haar am menschlichen Körper, das derart polarisiert. Das Achselhaar vielleicht: Aber das hat politische Gründe. Nasenhaar oder Ohrhaar wiederum sind relativ einhellig unerwünscht. Keiner lässt sich einen Ohrbusch stehen, um damit ein ästhetisches Zeichen zu setzen oder stilistisch an eine historische Epoche zu erinnern.

Aber der Reihe nach. Vergangenen Monat reiste ich nach Graz, um dort einer Operettenpremiere (“Die lustige Witwe”) beizuwohnen. Für diese Gelegenheit rasierte ich mein Gesicht, mit Ausnahme eines schmalen Streifens auf der Oberlippe. Ein guter Zeitpunkt aus dreierlei Gründen: Erstens, “Die lustige Witwe”, wo Schnurrbart – weil Operette – quasi ohnehin Pflicht. Zweitens, Movember, also medizinisch indiziert (das “Movember” genannte Schnauzerwachsenlassen im November soll auf die Wichtigkeit von Prostata-Vorsorgeuntersuchungen hinweisen). Drittens: Weil ich bald 40 Jahre alt sein werde.

Rund um diese Zeiten-Schneise beobachte ich bei vielen meiner Freunden eine gewisse Irritation, die zur Ausbildung neuer, teilweise recht eigentümlicher Verhaltensweisen führt, etwa zu leistungssportmäßig betriebenem Bodybuilding und Salsa-Tanzen bis in die Morgenstunden. Einer fährt von einem Seminar zum nächsten, um unter Drogeneinfluss die eigene Männlichkeit zu verstehen. Der Nächste reagiert mit totalem sozialen Rückzug oder profunder sexueller Neuorientierung. Manche flüchten auch in die Vaterschaft.

Woher diese Irritation kommt, vermag ich nicht zu erklären. Wohin sie geht, lässt sich beobachten. In meinem Fall: in den Schnauz. Der Bart markiert den Zeitpunkt großer Veränderung. Zeigt starken Wellengang auf dem Meer der Gefühle an.

In diesem Sinn bitte ich also mein Umfeld um größtmöglichen Respekt und Rücksichtnahme. Seht den Schnauz wie ein Fragezeichen, das sich um meine “Oberliebe” schmiegt. Er ist ein Zeichen des Wissen- und des Verstehenwollens. Kann gut sein, dass er sehr bald seinen Zweck erfüllt hat. Ich hoffe es beinahe.

http://www.wienerzeitung.at/meinungen/glossen/720867_Schnauz-Zeichen.html

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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