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Blumen und Stacheldraht

A reminder at Cole Hall, at the University of Northern Illinios

A reminder at Cole Hall, at the University of Northern Illinios

In den Türgriffen steckt ein Strauß vertrockneter Rosen und zwei Karten im A6-Format. Eine zeigt ein Foto von Papst Benedikt XVI, die andere ein Bild von Jesus Christus. Das Tor ist mit einer Kette verschlossen.

Wir befinden uns vor der Cole Halle der University of Northern Illinois (NIU) in Dekalb. Auf dem Weg von Chicago nach Denver, wo am Montag die Convention der Demokraten beginnt, haben wir hier Halt gemacht. Die Stadt liegt eineinhalb Autostunden westlich von Chicago und hat 40.000 Einwohner. Mehr als die Hälfte davon sind Studenten. Bekannt ist Dekalb für seine Landwirtschaft, für Joseph Glidden, den Erfinder des Stacheldrahtes. Und – seit Februar 2008 – für eine Schulschießerei, bei der ein ehemaliger Student sechs Menschen und dann sich selbst erschoss.

„Wenn sie die Halle nicht verwenden, sollen sie zumindest das Licht abdrehen“, sagt Larry McSwain, den wir vor dem Gebäude treffen, „ist es nicht ein absurdes Kasperltheater?“ Der Student spricht die politischen Streitereien an, die nach dem Massaker losbrachen. Cole Halle war für die NIU so etwas wie das Audimax für die Uni Wien: der Platz für große Vorlesungen und Veranstaltungen. Nach dem Massaker überboten sich Politiker zunächst mit Mitleidsbekundungen. George W. Bush und Barack Obama kondolierten. Rod Blagojevich, der demokratische Gouverneur von Illinois, sagte der Universität ad hoc 40 Millionen Dollar zu, um das Gebäude abreißen und ein neues hinstellen.

An der Uni begannen Diskussionen, ob das Geld hierfür am besten verwendet sei. Letztlich stimmten die Studenten gegen den Vorschlag ab. „Das Gebäude niederreißen, hieße“, erklärt mir Ben Gross, ein Reporter der Studentenzeitung, „sich dem Amokläufer und der Gewalt geschlagen geben. Das wollen wir nicht.“ Als die Fakultätsvertretung vorschlug, das Geld für andere Projekte zu verwenden, zog der Gouverneur seinen Vorschlag zurück. Zum Frust der Studenten. „Der Gouverneur ist ein Pülcher“, sagt Gross, „es ist ihm nur darum gegangen, gut dazustehen“.

Was weiß Phil?

Drei Tage verbrachten wir in den sterbenden Stahlarbeitergebieten rund um Steubenville. Als uns die Ruinen in depressive Stimmung versetzten, war es Zeit für etwas Natur. Wir fuhren 200 Meilen Richtung Nordosten durch das ländliche Pennsylvania mit seinen weitläufigen Farmen und Wäldern in den Ort Punxsatawney, bekannt aus dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit Bill Murray. (Gedreht wurde der Film allerdings in Woodstock, Illinois.) Punxsatawney – Platz der Sandfliegen in der Sprache der Delaware Indianer – ist der Ort, an dem Murmeltier Phil jeweils am 2. Februar das Wetter vorherzusagen pflegt.

Alljährlich ziehen Tausend zum Gobbler’s Knob auf einem Hügel neben der Stadt, wo Phil seinen Auftritt hat. Erwacht der Murmler und wirft er einen Schatten – so die Legende – bleibt es noch sechs Wochen lang Winter. In der Stadt dreht sich alles um das Nagetier: Dutzende mannsgroße Phil-Standbilder zieren die Straßen. Im Zentrum logiert er mit seiner Gefährtin Philia hinter einem Schaufenster. Touristenhochburg ist Punxsatawney dennoch nie geworden. Das einzige Hotel ist zugleich Souvenirshop. Geschäfte schließen um drei Uhr Nachmittags.

„Wir sind traditionell ein Republikanergemeinde“, erklärt uns Bill Cooper, der Vorsitzende des Groundhog Club, den wir zu Phil, Punxsatawney und Politik befragen. Als Zeichen seiner Funktion trägt er einen lustigen Zylinderhut. Die Stimmung der Menschen hier beschreibt er so: „Erschöpft. Wir haben die PR-Botschaften satt. Uns kommt vor, wir kennen die Spin Doktoren und politischen Berater schon besser als die Kandidaten selber.“ Cooper ist im Hauptberuf Banker und er zerstört unsere Hoffnung, dass Phil den Ausgang der Präsidentenwahl vorhersagen könnte. „Alles Mögliche wollte man von ihm wissen: Prognosen über Liebesglück. über die Superbowl. CNN war da, um ihn über Wahlen zu befragen. Aber das ist zwecklos. Es gibt nichts, wofür er sich weniger interessieren könnte als Politik.“

Phil is dead