Im Zweifelsfall milder

Fall Krems: Wie ein ambitionierter Richter die Wahrheit suchte und am Korpsgeist der Ermittler scheiterte

Im Korneuburger Gasthof Zum Rattenfänger tunkt ein Mann mit Sorgenfalten auf der Stirn einen Schinkenkäsetoast ins Ketchup. Robert P. wartet auf das Ende der Mittagspause von Verhandlung 503Hv21/10h. In drei Stunden wird er wissen, wie das Landesgericht Korneuburg über jenen Streifenpolizisten urteilte, der seinen 14-jährigen Sohn aus zwei Meter Entfernung in den Rücken schoss. Und er wird „fassungslos“ sein.

„Ich kann nicht verstehen“, wird er sagen, „wie der Richter, nachdem er alles so genau wissen wollte, nachdem er alles aufgedeckt und jede Lüge entlarvt hat, so ein mildes Urteil fällen kann.“

Acht Monate Freiheitsstrafe, bedingt, fasste Revierinspektor Andreas K. aus. Er ist schuldig, Florian P. fahrlässig und unter besonders gefährlichen Verhältnissen getötet zu haben. Das (zu Redaktionsschluss noch nicht rechtskräftige) Urteil ist strenger als alle gerichtlichen Entscheidungen, die je in Österreich gegen Polizisten nach einem Todesschuss gefällt wurden (siehe Kommentar auf Seite 6). Aber es ist mild genug, sodass auch dieser Beamte seine Karriere fortsetzen kann. Das Verfahren wiederum ist ein Beispiel dafür, wie falsch verstandener Korpsgeist unter Polizisten und angstvolle Behäbigkeit der Staatsanwaltschaft die Wahrheitsfindung erschweren.

„Wenn Sie Ihren Job ordentlich erledigt hätten, wäre Florian heute noch am Leben“, sagte Richter Manfred Hohenecker bei der Urteilsverkündung: „Ich werde Ihre Dienstwaffe an Ihr Polizeikommando senden. Und ich hoffe, dass Ihnen diese Waffe nie wieder ausgehändigt wird.“

Zurück zu den Geschehnissen in der Sommernacht des 5. August 2009, wie sie Richter Hohenecker mit Zeugenaussagen, ballistischen, chemischen, medizinischen und psychologischen Gutachtern minutiös zu rekonstruieren suchte.

Es ist 2.35 Uhr, als die Polizeistreife mit Andreas K. und seiner Kollegin Ingrid G. beim Kremser Merkur-Markt eintrifft. In einem dunklen Verbindungsgang stoßen die beiden auf Florian P. und dessen damals 16-jährigen Komplizen Roland T., die sich dort in einer Mauernische verstecken. Im Licht der Taschenlampen springen die Jugendlichen hervor und flüchten. „Wir haben nur die Kapuzen gesehen, die Vermummung“, erinnern sich die Beamten im Prozess, „wir sind total erschrocken.“ Es folgen die ersten beiden Schüsse: Andreas K. setzt einen Warnschuss, der wenige Zentimeter über den Köpfen der Flüchtenden vorbeizischt. Polizistin G. schießt Roland T. in die Oberschenkel. Die Polizisten folgen den beiden Jugendlichen mit der Waffe im Anschlag in den hellerleuchteten Verkaufsraum.

Roland T. liegt gleich hinter der Türe auf dem Boden, wo er infolge seiner Schussverletzung zusammenbrach. Florian P. versteckt sich hinter einem Stapel Flaschen. Als sich der Polizist nähert, springt der 14-Jährige auf. Erschreckt und abgelenkt von einem, wie der Angeklagte sagt, „Schatten oder Geräusch“, drückt er ab und trifft den Burschen aus zwei Meter Entfernung. In den Rücken deshalb, rechtfertigt sich der Polizist, weil der Jugendliche gerade eine „Drehbewegung“ durchführt.

Die Mediziner finden die Eintrittswunde links hinten in Höhe des neunten Brustwirbels. Das Projektil quetschte das Rückenmark, durchbohrte die Lunge und trat vorne wieder aus. Florian stürzt auf die rechte Gesichtshälfte und erleidet einen Schädelbruch.

Als der Arzt mit seinen Ausführungen beginnt, hält es den Vater nicht länger im Gerichtssaal. Er hört nicht mehr, wie besprochen wird, dass nach einer zweiten Streife ein Krankentransporter eintrifft: ohne Notarzt. Dass die Sanitäter seinen Sohn notdürftig versorgen, ihm eine Atemmaske aufs Gesicht pressen, obwohl seine kollabierten Lungenflügel gar keinen Sauerstoff mehr aufnehmen können. Dass es Florian zwar noch ins Spital schaffte, wo man aber – weil die Telefonverbindung nicht funktionierte – keine Zeit hatte, eine Notoperation vorzubereiten. Auch als der Arzt erzählt, dass Florian verblutete und erstickte, ist sein Vater nicht im Saal.

Was Robert P. allerdings sehr wohl mitbekommt, ist, wie die Kremser Polizisten versucht hatten, den Vorfall zu verschleiern. „Verantworten Sie sich wahrheitsgemäß“, mahnt der Richter, „das ist bei mir immer das Beste.“ Die Erinnerung erfolgt aus gutem Grund: Im Merkur-Supermarkt bereits wurde mit der Verschleierung begonnen. Ungeklärt ist bis heute, warum der durch den Schuss gelähmte Verletzte auf dem Rücken liegend aufgefunden wurde. Warum im ersten Festnahmebericht nicht von einem Angriff seitens der Einbrecher die Rede war, obwohl Andreas K. später erklärte, dass der 14-Jährige mit einer Gartenkralle auf ihn losgesprungen sei. Warum in späteren Einvernahmen Tatorte vertauscht, Distanzen falsch eingeschätzt und Licht mit völliger Dunkelheit verwechselt wurde. Warum man sogar vergaß zu erwähnen, dass Florian in den Rücken geschossen wurde.

Aber nicht nur die mangelnde Kooperation des angeklagten Polizisten und seiner Partnerin erschwerte die Aufklärung. Wie die ermittelnden Kriminalisten aus Oberösterreich im Prozess darlegen, wurden sie bei ihren Untersuchungen massiv behindert. Laut Aktenvermerk des Leiters der Sonderkommission, Oberst Wolfgang Palmetshofer, war bei der Staatsanwaltschaft Korneuburg tagelang kein zuständiger Sachbearbeiter erreichbar, um eine U-Haft gegen den Beschuldigten zu veranlassen oder dessen Vernehmungsfähigkeit zu überprüfen.

Gut möglich, dass sich in den Reihen der Staatsanwaltschaft – auch unter dem Eindruck von Aussagen höchstrangiger Politiker – niemand darum riss, den brisanten Fall anzufassen. Für Heinz Patzelt von Amnesty International jedenfalls ist die Tatsache, dass erst nach vier Tagen ein zuständiger Staatsanwalt bestimmt war, „indiskutabel“: „Es kann nicht sein“, sagt Patzelt, „dass die Ermittler tagelang im luftleeren Raum arbeiten müssen.“

Als der Angeklagte am dritten Prozesstag seine Verantwortung von unschuldig auf schuldig ändert, ist Richter Hohenecker bereit, dieses – späte – Geständnis als mildernden Umstand zu berücksichtigen. „Im Zweifel ist anzunehmen“, schließt Hohenecker, „dass K. den Tod nicht in Kauf genommen hat und dass er in Verteidigungsabsicht handelte“: „Putativnotwehrexzess“ heißt das im Juristendeutsch.

Am Samstagvormittag nach dem Urteilsspruch weht ein starker Wind über den Kremser Friedhof. Wie jeden Tag ist der Vater da, um vor dem reich geschmückten Grab seines Sohnes zu gedenken. Auch 22 Jugendliche sind gekommen, sie diskutieren. Acht Monate bedingt: „So sieht Gerechtigkeit nicht aus“, sind sie sich einig. „Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren“, sagt der Vater. Bis man Trauer, Wut und Fassungslosigkeit überwinde, sei es ein langer Weg. „Auch bis man akzeptiert, was da passiert ist“, sagt er. „Ich kann noch immer nicht glauben, dass Florian da drinnen liegt.“

“Falter” Nr. 11/10 vom 17.03.2010 Seite: 14 Ressort: Politik

Kommentar: Schrott, Straßen, Speckgürtel: warum Klimapolitik scheitert

Als der damalige VP-Umweltminister Martin Bartenstein 1997 in Kioto seine Unterschrift unter das UN-Klimaprotokoll setzte, kommentierte er vollmundig: „Das war nur ein Anfang. Wir haben den Fuß in der Tür, die wir in den nächsten Jahren aufstoßen müssen.“ Zwölf Jahre später zeigt sich, dass die Tür in der Zwischenzeit nicht aufgestoßen wurde, sondern vernagelt.

Der Klimabericht der EU-Kommission von vergangener Woche ist ein weiterer Beleg dafür: Das Land verfehlt als einziges der alten EU-15 seine vertraglichen Ziele bei der Emissionsreduktion. Die Gründe dafür sind eine einlullend günstige Ausgangslage zu Beginn der 90er-Jahre sowie Feigheit und Fantasielosigkeit. Das zeigte sich etwa, wenn Wirtschaftsminister – unter ihnen auch Bartenstein, der dieses Ressort später übernahm – die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen im Dienste der Industrie hintertrieben. Das zeigte sich beim Ökostromgesetz, das man zugunsten der Energiekonzerne in lendenlahmer Fassung beschloss.

Vor allem zeigt es sich beim Autoverkehr, der für ein Drittel der CO2-Emissionen verantwortlich ist und dessen Anteil stetig wächst.

Statt auf den Verzicht fossiler Brennstoffe und auf ein geringeres Verkehrsaufkommen hinzuwirken, setzt die Politik kontraproduktive Anreize: Sie bietet Verschrottungsprämien, treibt die Zersiedelung voran, baut Umfahrungen, Tunnelröhren und legt Bahnlinien still. Sie will sogar den Gütertransport von der Schiene auf die Straße verlagern.

Keine leichte Ausgangslage für die österreichischen Verhandler in Kopenhagen. Wenigstens kann diesmal keiner behaupten, dass in Österreich alles zum Besten stünde.

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung

„Sie nennen mich einen Spinner“


Ludwig Adamovich ist der angesehenste Jurist des Landes. Nun wurde er von Natascha Kampuschs Mutter geklagt. Wie konnte es dazu kommen? Was treibt den Berater des Bundespräsidenten an?
Porträt: Matthias G. Bernold und Florian Klenk

Rote Tapetentüren, an den Wänden Brokat, ein Kristallluster, der, von der meterhohen Decke hängend, das Licht tausendfach bricht. Hier in der Hofburg, wo einst die Berater des Kaisers logierten, sitzt Ludwig Adamovich, 77, auf einem der weiß-golden lackierten Plüschsessel und sagt: „Die Leute nennen mich einen Spinner. Das kränkt mich.“

Der angesehenste Jurist des Landes hat sich seinen Lebensabend wohl etwas anders vorgestellt. Er war Präsident des Verfassungsgerichtshofs, er ist der ehrenamtliche Berater des Bundespräsidenten. Dann ließ er sich vom Innenminister dazu breitschlagen, als Präsident der Kampusch-Evaluierungskommission zu arbeiten. Und nun das: ein Ehrenbeleidigungsprozess.

Nicht nur Adamovich ist dieser Tage gekränkt. Auch Brigitte Sirny, eine Schneiderin aus der Donaustädter Rennbahnwegsiedlung fühlt sich beleidigt – durch ihn, den Ehrenmann. Das Leben in Priklopils Gefangenschaft könnte für ihre Tochter Natascha Kampusch „allemal besser gewesen als das, was sie davor erlebt hat“, spekulierte Adamovich im Krone-Interview.

Wer die Leidensgeschichte von Natascha Kampusch kennt, die einen Teil ihrer Kindheit in einem unterirdischen Verlies verbringen musste – 181 Zentimeter breit, 246 Zentimeter lang, gesichert durch eine Betontüre, die jeden Schrei schluckt –, der wird die Empörung von Sirny begreifen. Auch Natascha Kampusch selbst sprach Montag Abend in einem ORF-Interview von einer „anmaßenden, unverständlichen“ Äußerung.

Doch Adamovich will sich nicht entschuldigen für seine „Hypothese“, auch wenn man über Formulierungen natürlich reden könne. Es sei „relativ gesehen denkbar, dass der Unterschied nicht übertrieben groß war, zumal man auch weiß, dass ihre Mutter nicht gerade zärtlich mit ihr umgegangen ist“. Adamovich: „Meine Stoßrichtung ist, dass es vorher vielleicht nicht so besonders gut und nachher nicht so besonders schlecht war.“

„Relativ gesehen denkbar“? „Allemal besser“? „Nicht besonders schlecht“? Was ist in Adamovich gefahren?

Wer dem Präsidenten dieser Tage gegenübersitzt, hat keinen Wirrkopf vor sich. Sorgfältig wählt Adamovich seine Formulierungen, so wie er es sein ganzes Leben lang tat. Er, den Freunde liebevoll „Fips“ nennen, ist Doktor honoris causa multiplex, war Professor für Verfassungsrecht in Graz. Sein Vater, Ludwig senior, sperrte 1945 als Justizminister der Zwischenkriegszeit den Verfassungsgerichtshof persönlich auf, damit wieder Recht herrschen möge in diesem zerbombten Land. Der Sohn, heute ein bürgerlich liberaler Freigeist, wollte eigentlich Gehirnchirurg werden. Doch auf Wunsch des Vaters begann auch er mit der Juristerei. Er arbeitete sich im Verfassungsdienst des Bundeskanzleramts hoch, und Bruno Kreisky ernannte ihn 1984 zum Präsidenten des Höchstgerichts, das er 2002 verließ. Als zurückhaltender, humorvoller Jurist war Adamovich dort bekannt. Bei Sessionen zitierte er Richard Wagners „Meistersinger“. „Fanget an!“, ermunterte er einmal seinen Nachfolger Karl Korinek, der mit den Worten „Der Sänger wartet!“ ungeduldig seinen Vortrag angekündigt hatte.

Feine Klinge, leiser Humor, das sind die Waffen von Adamovich, der nicht einmal die Fassung verlor, als er sich von Jörg Haider wegen eines Erkenntnisses zu den Ortstafeln ob seines Namens nach seiner Aufenthaltsbewilligung fragen lassen musste. Und jetzt zückt er den Holzhammer, um auf die Mutter eines Opfers einzuschlagen?

Ereilt ihn bald das gleiche Schicksal wie diesen entrückten Grazer Richter Martin Wabl? Auch der unterstellte Mutter Kampusch eine Verwicklung in die Entführung und wurde dafür verurteilt.

Was also sind die Beweise, Herr Adamovich? „Brigitte Sirnys Biografie etwa“, sagt er, in der sie schildert, wie sie ihrer Natascha einen Klaps auf den Mund gegeben habe. Dann wären da noch Kinderfotos, die die kleine Natascha in Reitstiefeln zeigen – die Bilder landeten im April 1998 beim profil, das Kinderpornografie witterte. Heute spricht viel dafür, dass sich das Mädchen nur zum Spaß verkleidet hatte. Bei den Betrachtern des Bildes war wohl die Fantasie durchgegangen.

Adamovich aber meint, in den Ohrfeigen, im rüden Ton des Gemeindebaus und in den Fotos Indizien erkennen zu können. Was, wenn diese Fotos in die Hände von einem wie Priklopil gelangten? Was, fragt er, „wenn Priklopil, der unbestrittenerweise ein Bösewicht war, nicht diese Art Bösewicht war, die wir in ihm zu erkennen glauben. Dass es zum Beispiel ein Perverser war, aber einer, der mit ihr menschlich umgegangen ist?“

„Menschlich umgegangen“? Priklopil mit Kampusch? Wer die Einvernahmeprotokolle Kampuschs kennt (sie werden hier aus Respekt vor dem Opfer nicht zitiert) könnte Adamovich nun mit gutem Grund als ignoranten Wichtigtuer abmahnen, der in „paternalistischer Arroganz“ (ein mit dem Fall befasster Anwalt) über eine Arbeiterfamilie herzieht, deren Welt und Nöte der edle Bürger offenbar nicht kennt. Adamovich sagt dann: „Solche Vorwürfe schmerzen mich.“

Man könnte die Geschichte hier enden lassen. Aber Adamovich sagt noch etwas: „Es hat sich nichts bewegt in dieser Republik. Da hat sich eine gewisse Ungeduld eingestellt.“

Vielleicht ist das der Schlüsselsatz, um seine Motivation und seine Verirrung zu verstehen. Dass sich nichts bewegt in der Justiz. Dass man in diesem Land gegen Gummiwände läuft – und dabei vielleicht selbst Schaden nimmt.

Man muss noch einmal zurückblicken ins Jahr 2008, als alles begann. Im April saß ein anderer Würdenträger des Landes bei Melange und Marlboro im Café Eiles hinter dem Parlament und sinnierte: Herwig Haidinger, soeben als Chef des Bundeskriminalamts abgelöst, hatte gerade vor dem Nationalrat über die Sitten im Innenministerium ausgepackt. Im Fall Kampusch sei nicht nur gepfuscht worden, Handlanger der mittlerweile verstorbenen ÖVP-Innenministerin Liese Prokop hätten die Fehler auch noch vertuschen wollen. Das Kabinett der damaligen Innenministerin habe „die Sache ohne Eklat zu Ende bringen“ wollen.

Die schockierte Kampusch drohte mit Amtshaftungsklagen, und der damalige VP-Innenminister Günter Platter rief Adamovich zu Hilfe. Ihm zur Seite standen der Kriminalpsychologe Thomas Müller, eine Wiener Strafrechtsprofessorin, ein hochrangiger Kriminalist, ein Sektionschef und ein Präsident des OGH im Ruhestand.

Im Juni 2008 legte Adamovich seinen Bericht vor. Es war kein Staatsskandal, den er damals enthüllte, aber zwischen den Zeilen skizzierte er das Sittenbild eines von Unprofessionalität, Parteipolitik, Intrigen, und Chaos getriebenen Polizeiapparats, in dem eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Es ist ein Staat, der einem wie Adamovich nicht ganz geheuer ist – und dessen Ermittlungen er offenbar nicht mehr traut.

Da ist zunächst diese Sache mit dem Hundeführer Inspektor Christian P. Der Polizist aus Strasshof hatte den Wiener Ermittlern bereits 1998 von einem Muttersöhnchen berichtet, das in Strasshof hinter einer elektronisch gesicherten Hecke lebe. Der Eigenbrötler habe einen „Hang zu Kindern“, sagte P. Er besitze jenen weißen Kastenwagen, in den Kampusch laut Zeugen gezerrt worden sei. Der Name des Manns: Wolfgang Priklopil, er könnte bewaffnet sein.

Die Kriminalisten in Wien legten den Hinweis zu den Akten. Priklopil hatten sie ja schon einige Tage zuvor besucht, seinen Kastenwagen (voller Bauschutt) fotografiert.

Ein Fehler? Die Polizisten hatten bei ihrem Besuch nicht einmal die Personenbeschreibung jener Schülerin zur Hand, die die Entführung beobachtet hatte. Sie arbeiteten ohne Software, die Hinweise digital verknüpfen würde. Obwohl sie 2170 weitere Verdächtige überprüfen mussten.

All das ist tragisch, aber noch kein Skandal. Die Polizisten hätten damals wohl auch keinen Hausdurchsuchungsbefehl bekommen – und selbst dann wäre es fraglich, ob sie Kampusch im Verlies entdeckt hätten. Doch acht Jahre später, als Kampusch über die Hecke sprang und die Ermittler schockiert erkannten, dass sie den Hinweis auf Priklopil verschlampt hatten, da wurden die Fehler von einst vertuscht.

Generalmajor Nikolaus Koch, der Leiter der Kampusch-Ermittlung, schickte zwei Polizisten zum Hundeführer. „Bitte sag nichts!“, baten sie ihn. Dann schrieben die Polizisten einen Aktenvermerk: Der Hundeführer, so behaupteten sie, habe damals gar keinen Hinweis auf die pädophilen Neigungen Priklopils gegeben. Koch stellte sich vor die Presse und sagte keck: „Herr Priklopil hatte damals ein Alibi.“

Es sind solche Unsitten, die Adamovich misstrauisch machten. Führungskräfte der Polizei und sogar der Minister, heißt es in dem Bericht, hätten sich aufgrund unklarer Verantwortlichkeiten „ins Dunkle zurückziehen können“. Spitzenleute seien oft nicht nach fachlichen Kriterien, sondern aufgrund von „persönlichen Verbindungen und Zugehörigkeiten“ zu ihrem Job gekommen.

Auch der auf die Spitze getriebene Opferschutz missfällt ihm. Die Richter hatten Protokolle Kampuschs einfach in den Tresor gesperrt, aus Angst, die Dokumente könnten von geldgierigen Polizisten an die Presse verkauft werden. Nicht einmal der BKA-Chef Haidinger durfte eine Kopie erhalten. Auch Videokassetten und Tagebücher seien Kampusch zu früh ausgehändigt worden. Die Opferschützer hätten „eine Art Schutzschirm bilden können, der die ohnehin schon schwierigen Ermittlungen erheblich erschwerte“. Gleichzeitig, moniert Adamovich, habe das Innenministerium eine medial unerfahrene Beamtin vor die Kameras gestellt, die intime Details aus dem ersten Verhör Kampuschs gegenüber dem ORF ausplauderte.

Es ist diese Melange aus mangelnder Professionalität, Chaos und Unfähigkeit, dieAdamovich heute wohl so misstrauisch macht und die vielleicht erklärt, wieso er die Öffentlichkeit mit gewagten Hypothesen aufschrecken will.

Wie aber sind Adamovichs Andeutungen zu verstehen? Bedeutet all das schon, dass Kampuschs Mutter irgendwie in den Fall involviert ist? Bedeutet es, dass Kampusch mögliche Mitwisser schützen will – etwa den Freund Priklopils, den Techniker Ernst H., der am Wochenende noch einmal vernommen wurde. Was spricht für die Thesen, dass Kampusch in Lebensgefahr schwebe, wie Adamovich einmal behauptete?

Adamovich bietet keinerlei Beweise, aber er zeigt Widersprüche bei den Ermittlungsergebnissen auf. „Ich spüre schlicht und ergreifend: dass irgendetwas hier nicht stimmt. Es passt einfach nicht zusammen. Ich will einfach, dass sich jemand mit Energie und Konsequenz dahintersetzt. Was dabei herauskommt, kann ich nicht sagen.“

Diesen Wunsch hat das Justizministerium Adamovich erfüllt. Man übertrug die Causa dem Grazer Oberstaatsanwalt Thomas Mühlbacher. Er soll die Mosaiksteinchen erneut zusammensetzen, um zu sehen, ob sich darin ein neues Bild zeigt.

Da ist einmal die Behauptung der Schülerin Ischtar A., die bei der Entführung zwei Männer gesehen haben will. Dann gibt es diese Aussage von Kampusch. Sie kenne keine Namen von Mittätern, sagte sie. Bedeutet das, dass es welche gab und sie nur deren Namen nicht kennt?

Priklopil, sagte sie weiters aus, sei mit dem Bus, in dem sie gefesselt lag, zunächst auf einen Feldweg gefahren. Er habe dort telefoniert und gesagt: „Sie kommen nicht.“ Wen hatte er damit gemeint? Polizeiliche Verfolger? Oder Komplizen?

Dann sind da noch die Aussagen jener Polizisten, die Ernst H. in der Nacht von Priklopils Selbstmord observierten. Auffällig nervös sei der Kumpel des Täters damals gewesen. Er habe in einer Lagerhalle Kisten in einen Bus geschleppt, und bei einer ersten Begegnung mit einer Polizistin fragte er: „Hat er sie umgebracht?“ Er musste von Kampusch also gewusst haben.

Doch in der ersten Einvernahme sagte H. aus, von Priklopils Taten nichts erfahren zu haben. Die beiden seien zwar sechs Stunden im Auto gesessen, aber Priklopil habe bloß eine Alkofahrt gestanden.

Das war gelogen, wie die Staatsanwaltschaft seit Freitag weiß. Priklopil, so H.s neue Verantwortung, habe damals seine Lebensbeichte abgelegt. Auch bezüglich anderer Details hat H. nun anders ausgesagt. „Wir müssen klären, warum“, sagt Staatsanwalt Mühlbacher. „Mein Mandant hatte Angst“, erklärt H.s Anwalt Manfred Ainedter. Noch etwas ärgert die Kriminalisten. Die Kisten, die H. in der Tatnacht hektisch wegschaffte, wurden nie beschlagnahmt. Sein Wagen wurde nie auf Spuren untersucht. „In der Hektik“, erzählt ein Polizist, „wurde damals massiv geschlampt.“

Das soll nicht mehr passieren. Mühlbacher ließ deshalb sogar Material beim deutschen „IT-Spezialisten“ Thomas Vogel beschlagnahmen. Der besachwalterte Verschwörungstheoretiker mit dem Musketierbart gilt in Deutschland als Spinner, seine „Arbeitsfelder“, so sagte er einmal, seien „Visualisation, Telefon, Telepathie“. In Österreich wurde der Mann, der vorgibt, ein Sexvideo mit Kampusch zu besitzen, dennoch als Kronzeuge angeführt. In einem wirren Youtube-Video behauptet er, dass auch Mutter Kampusch in den Fall involviert sei.

Dass Vogel ein Spinner ist, weiß auch Adamovich, und doch begrüßt er die Hausdurchsuchung: „Herr Vogel bewegt sich in demselben Milieu, in dem sich auch Priklopil bewegt hat. Es ist nicht undenkbar, dass er etwas weiß.“

Der Absonderliche und der Präsident. Sie beide stellen ähnliche Hypothesen im Fall Kampusch auf, freilich aus völlig anderen Motiven. Was für den einen Narretei, ist für Adamovich Teil einer mühseligen Suche nach Erkenntnis.

Viel Platz, um auf die Gefühle der Opfer und ihrer Angehörigen Rücksicht zu nehmen, bleibt da nicht. „Es ist ein Risiko, das jeder trägt, der in eine strafbare Handlung hineingezogen wird“, sagt Adamovich. Das seien, wenn man so will, Kollateralschäden der Wahrheitsfindung.

Ist das so? Adamovich wird sich nun vor Gericht gegen Kampuschs Mutter in einer ungewohnten Perspektive wiederfinden: als Beschuldigter. Es gelten in seinem Fall mildernde Umstände.

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 10 Ressort: Politik

„Unsere Freiheit endet im Stau“

Gegen Verkehr, Zersiedelung, Apathie: Wie Claus Leggewie die Klimakrise kleinkriegen will

Matthias G. Bernold im Gespräch mit Claus Leggewie

Man könnte Claus Leggewie einen Hans Dampf in allen Gassen nennen. Der deutsche Kulturwissenschaftler forschte über Terror und Medien, verfasste Bücher über die Türkei und Europa, Bosnien nach dem Bürgerkrieg, die Globalisierung und den weltpolitischen Einfluss der USA. In seinem jüngsten Buch befasst sich Leggewie mit dem Klimawandel, und er entwirft die Utopie einer neuen Gesellschaft.

Falter: Warum ist Klimawandel ein Thema für einen Kulturwissenschaftler?

Claus Leggewie: Klimawandel heißt Kulturwandel. Und die Art und Weise wie wir das Klima – etwas das wir nicht riechen, schmecken und fühlen können – erfahren, ist kulturell geprägt. Die Naturforscher haben lange naiv geglaubt, dass die Menschen ihr Verhalten ändern würden, wenn man nur über die abstrakte Bedrohung aufklärt. Das geschieht aber nicht. Deswegen sind Kulturwissenschaftler gefragt, weil sie die symbolische, emotionale und Verhaltensebene in den Blick nehmen.

In Ihrem Buch führen Sie aus, dass mit den Rohstoffen auch die Errungenschaften der westlichen Moderne – Marktwirtschaft, Zivilgesellschaft und Demokratie – zur Neige gehen. Am Horizont lauert die Megakrise. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Leggewie: Die Erschöpfung der Marktgesellschaft hat man an der Wirtschaftskrise gesehen. Wir haben es mit dem größten Marktversagen der Geschichte zu tun. Es ist eben nicht so, dass alles eingepreist wird und die unsichtbare Hand des Marktes zu den erwünschten Resultaten führt. Gerade beim Klimawandel besteht ein Regulierungsproblem, für das die uns zur Verfügung stehenden nationalstaatlichen Instrumente nicht reichen. Es fehlt eine neue Architektur globaler Kooperation.

Als Gegenmaßnahme schlagen Sie in Ihrem Buch eine große gesellschaftliche Transformation vor: Bitte skizzieren Sie diesen Wandel.

Leggewie: Da sich das Gelegenheitsfenster zur Klimaschutzpolitik rasch schließt, ist breites Gegensteuern durch Gesetze und Marktanreize erforderlich, eine noch nie dagewesene Technologieentwicklung und erhebliche Lebensstiländerungen im Zeitraffertempo. Gleichzeitig müssen wir unseren Lebensalltag entschleunigen und uns von den Mustern industrieller Dynamik trennen, die am Wachstumsfetisch hängen. Ohne eine neue Kultur der politischen Partizipation der Bürger, die den Fernseher abstellen und aktiv werden, schaffen wir das nicht.

Wie muss sich unser Leben ändern?

Leggewie: Wir müssen an den großen drei Klimasünden ansetzen. Erstens: Unsere Ernährungsweise darf nicht länger die Ressourcen der Welt plündern. Zweitens: Unsere individuelle Mobilität muss energieeffizienter und reduziert werden. Drittens: unsere verschwenderische Raumnutzung muss urbanen, verdichteten Lebensräumen mit intelligenten Verkehrskonzepten weichen.

Sie kritisieren die Reparaturmaßnahmen in der Wirtschaftskrise als Bruch des Generationenvertrages, weil überkommene Industrien auf Pump erhalten werden und kein nachhaltiger Umbau betrieben wird. Hätten Sie die Konjunktur nicht gestützt?

Leggewie: Doch. Die Frage ist nur wie. Länder wie Südkorea oder China haben es vorgezeigt. Dort gibt es viel mehr Grün in den Stimulus-Packages als in den USA und Europa. Eine Abwrackprämie Umweltprämie zu nennen, zeigt ja, wie schlecht das Gewissen derjenigen sein muss, die so einen Blödsinn veranlassen. Fünf Milliarden Euro wurden ausgegeben, die nun nicht für eine energiepolitische Wende zur Verfügung stehen. Das Irre ist: die Politiker, mit denen man redet, wissen das, und die die Prämie in Anspruch nehmen auch. Weil wir wie die Junkies von der strukturellen und symbolischen Bedeutung des Automobils abhängig sind. Die Deutschen versichern selbstverständlich die Chromfelgen ihrer Autos, wären aber nicht bereit für eine Pflegeversicherung im Alter zu zahlen.

Aber es gibt eine kräftige Umweltbewegung. Menschen organisieren sich im Internet, grünes Gedankengut wird politischer Mainstream, und seit zwei Jahren ringen die Staaten um ein neues Klimaschutzabkommen, das in Kopenhagen unterzeichnet werden soll. Da tut sich doch was …

Leggewie: Das ist ja die Botschaft unseres Buches. Das Problem sind die vielen Meinungsführer und Schwerst-Intellektuellen, die uns mit Kopfschütteln begegnen und die sagen: Das schaffen wir nie. Als Trittbrettfahrer des Wohlstands und des Friedens der vergangenen 30, 40 Jahre, starren die 68er voller Pessimismus auf die nachfolgenden Generationen und sagen: So, das war’s. Diese Sorte von Defätismus und Zynismus der Meinungsführer ist lähmend.

Die Aussichten sind ja tatsächlich nicht rosig. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Pensionen gelten als unsicher, die Generation Praktikum taumelt von einem prekären Dienstverhältnis ins nächste, und dazu der Klimawandel mit seinen Horrorszenarien. Davon auszugehen, dass man den Lebensstandard der Eltern nicht mehr erreichen wird, ist doch nachvollziehbar.

Leggewie: Natürlich, aber das macht auch Spaß.

Wie meinen Sie das?

Leggewie: Das meiste, was wir als Freiheitsgewinn durch Wohlstand, Mobilität, Gourmetküche und so weiter erleben, ist Zwangsbeglückung oder oberflächliche Ablenkung. Die Freiheit, Auto zu fahren endet beispielsweise im Stau auf der Südosttangente. Mobilität ist oft Zwangsmobilität, weil man zur Arbeit oder in den Supermarkt fährt, die so weit weg sind.

Reden Sie uns den Verzicht schön?

Leggewie: Wir müssen uns auf Änderungen des Lebensstils einstellen, die wir aber nicht als Verzicht, sondern als Entlastung von Scheinfreiheiten und Zugewinnmöglichkeiten durch eine vita activa begreifen müssen. Dazu gehört auch die Möglichkeit einer stärkeren politischen Partizipation, um überkommene Parteien- und Ressortpolitik, für die Österreich das beste Beispiel ist, aufzubrechen.

Sind die Hochschulproteste, wie wir sie gerade erleben, ein Beispiel für eine politische Partizipation in Ihrem Sinn?

Leggewie: Im Kern ist es das, was wir uns als Form der außerparlamentarischen Opposition erhoffen. Ich wünschte mir allerdings Protestbewegungen zu erleben, die nicht bloß von einem pseudo-gewerkschaftlichen Gesichtspunkt und der Verteidigung von Besitzstandswahrung motiviert sind oder davon, die Piefkes von den Unis wegzukriegen. Das große Ganze einer Bildungsreform sollte sich der Frage widmen: wie richten wir uns die Welt von morgen ein?

Wo geht es nur um Wahrung von Besitzständen und wo um die Gestaltung einer besseren Welt?

Leggewie: Ich denunziere materielle Interessenvertretung nicht. Ich wundere mich sogar, welchen Abbau des Wohlfahrtsstaates wir ohne nennenswerte Massenproteste zugelassen haben. Ich hätte nur die Vorstellung, dass zum Klein-Klein des Interessenkampfes Zukunftspathos tritt.

Wenn man Sie einen weltfremden Utopisten nennt, würde Sie das stören?

Leggewie: Nein. Da bin ich stolz drauf. Blamiert haben sich doch gerade die „Realisten“.

Zwei Fragen hätte ich noch: Welches Auto fahren Sie? Und: Auf wieviel Quadratmeter Raum wohnen Sie?

Leggewie: Solche Fragen finde ich überflüssig. Ich gebe nicht den Ökoengel und kann meine Thesen als Klimasünder genauso vertreten.

Mich interessiert, wie Sie es als Autor, der einen nachhaltigen Lebensstil einmahnt, persönlich mit dem Klimaschutz halten.

Leggewie: Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Ich habe einen spritschluckenden Oldie vor der Tür und fahre fast nur mit der Bahn, und in meiner Riesenaltbauwohnung herrscht eine durchschnittliche Raumtemperatur von 18 bis19 Grad. Dadurch und durch vieles andere unterschreitet mein ökologischer Fußabdruck den Mittelklassedurchschnitt nachweislich bei weitem.

Zur Person:

Claus Leggewie (geboren am 27. März 1950 in Wanne-Eickel) ist Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen.  1995 und 2006 war Leggewie Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien

Leggewie, Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten S. Fischer, 278 S., € 19,95

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 16 Ressort: Politik

Es wird heiß!

Noch 100 Tage bis zur Weltklimakonferenz. Wie schlimm steht es um den Planeten? Eine Erkundungstour.

Hans Lindler auf dem Dach der Wetterstation am Sonnblick
Hans Lindler auf dem Dach der Wetterstation am Sonnblick

Wenn seine zehntägige Schicht vorbei ist, schnallt der gelernte Tischler Hans Lindler Steigeisen an und stapft über die Schneefelder hinab ins Mölltal zu seiner Frau. Schon 35 Jahre lang macht er das so. Seine Nachfolger allerdings werden für den Weg von der Wetterstation vermutlich keine Steigeisen brauchen. Denn das Goldberg-Kees am Hohen Sonnblick schmilzt schneller als jeder andere Gletscher in Österreich.

Seit dem Jahr 1886 beobachten Wissenschaftler das Wetter vom 3106 Meter hohen Sonnblick in der Tauernregion. Heute geschieht dies mit einem Arsenal modernster Instrumente, die ihre Fühler in den Wind strecken, um Feuchtigkeit, Windstärke, Temperatur und Luftdruck zu messen. Sondierungsstollen schneiden metertief ins Gestein, um Druckunterschiede und Permafrost auszumachen. Spektralradiometer zeichnen die UV-Strahlung auf, kreisförmige Scheiben aus Papier in futuristisch anmutenden Apparturen sammeln Staubpartikel aus der Luft.

Lindler betreut und wartet die Instrumente, betrachtet die Wolken am Himmel und erlebt, wie sich Gewitter zusammenbrauen und entladen. Wenn er seinen Blick schweifen lässt, sieht er heute ein anderes Bergpanorama als vor 30 Jahren. „Früher waren hier fast keine Steine zu sehen“, erinnert er sich. „Ab 2400 Meter war nur Schnee und Eis.“

Das Observatorium am Hohen Sonnblick auf 3106m. Seit 123 Jahren wird hier das Wetter beobachtet
Das Observatorium am Hohen Sonnblick auf 3106m. Seit 123 Jahren wird hier das Wetter beobachtet

Am Hohen Sonnblick stiegen die Temperaturen seit Anfang der 80er-Jahre im Jahresmittel um mehr als zwei Grad Celsius. Was nach Lappalie klingt, macht im hochalpinen Bereich einen Riesenunterschied. Die Skifahrer quälen sich über apere Stellen, Hütten auf tauenden Permafrostböden drohen einzustürzen. Und die Gletscher sind, was Schönwetter angeht, die ärgsten Sensibelchen: Sie lösen sich einfach auf. Verglichen mit anderen Folgen der Erderwärmung zählt das Verschwinden der Gletscher wahrscheinlich zu den geringeren Übeln. Aber die Dynamik des Klimawandels wird selten so gut sichtbar. Kein Wunder, dass die Umweltschutzorganisation Greenpeace am Goldberg-Kees ihre Aktion gegen die globale Erwärmung veranstaltet. „Gletscher sind die Pandabären des Klimaschutzes“, sagt Wolfgang Schöner von der Zentralanstalt für Meteorologie.

Milliarden Tonnen Eis schmelzen

Es ist ein Prozess, auf den die Welt nach Jahren der Ignoranz jetzt mit Entsetzen blickt. Getrieben von Fluten, Wirbelstürmen und Jahrhundert- unwettern, begünstigt von der Wirtschaftskrise und einem ehrgeizigen US-Präsidenten, rückt der Klimaschutz in der Prioritätenliste der internationalen Politik ganz nach oben. Die Ziele des Kioto-Protokolls von 1997, mit dem die Unterzeichnerstaaten klimaschädliche Gase bis 2012 um 5,2 Prozent reduzieren wollten, mag man verfehlt haben, aber der multilaterale Vertrag markierte wenigstens einen ersten Schritt. Inzwischen signalisieren selbst die bockigsten Blockierer unter den Staaten – die USA, China und Russland – ein Umdenken. Für den großen Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember, bei dem sich auch die Entwicklungsländer Emissionsbeschränkungen unterwerfen sollen, ist die Grundstimmung unter Experten vorsichtig optimistisch.

Es könnte allerdings bereits zu spät sein. „Der Klimawandel kommt nicht, er ist bereits da“, warnt etwa Österreichs bekannteste Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, „und es ist überhaupt keine Frage, dass er weitergehen wird.“ Bereits jetzt sind die Konsequenzen der Erderwärmung dramatisch. Der Meeresspiegel etwa ist heute bereits 20 Zentimeter höher als im Jahr 1880, was als direkte Folge des Temperaturanstiegs gilt. In Grönland schmelzen jährlich 140 Milliarden Tonnen Festlandeis. In der Antarktis sind es 200 Milliarden Tonnen. Der Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) aus dem Jahr 2007, der die Ergebnisse der Klimaforschung zusammenfasst, geht für dieses Jahrhundert von einem Anstieg des Meeresspiegels zwischen 18 und 59 Zentimetern aus. Inzwischen gelten selbst diese Prognosen als überholt. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, einer der Leitautoren des IPCC-Berichts, rechnet damit, dass es wohl 0,5 bis 1,5 Meter sein werden.

Millionen Menschen, die weniger als einen Meter über dem derzeitigen Meeresspiegel leben, sind dadurch bereits jetzt in ihrer Existenz bedroht. Teilweise können sie nur leben, wo sie leben, weil ausgedehnte Deichanlagen die Wassermaßen bändigen, so etwa in den Niederlanden. Die Hilfsorganisation Oxfam veröffentlichte kürzlich eine Studie, wonach bis zum Jahr 2050 bis zu 75 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Betroffen sind vor allem Flussdeltaregionen in Asien und tief liegende Atolle wie die Malediven, die Marshall-Inseln, Tuvalu oder die Carteret-Inseln in Papua-Neuguinea, aber auch deutsche Küstengebiete und Großstädte wie New York City. „Was dort heute als Jahrhundertflut gilt, das werden wir bei einem Anstieg um einen Meter wohl alle drei Jahre sehen“, sagt Rahmstorf, „aber die Welt erwacht erst, wenn sich die Katastrophen häufen.“

Hurrikan Katrina als Weckruf

Bild: Greenpeace-Aktion zur Kampagne für den Klimaschutz auf dem Goldberg-Kees
Bild: Greenpeace-Aktion zur Kampagne für den Klimaschutz auf dem Goldberg-Kees

Wie ein Weckruf wirkte in den USA die Flutkatastrophe von New Orleans 2005, als Hurrikan Katrina mit einer Geschwindigkeit von 280 km/h über Florida und Louisiana fegte und eine Flutwelle schlug, die ganze Stadtteile fortspülte. Fast 3000 Menschen kamen ums Leben, Hunderttausende wurden obdachlos. Die Katastrophe beendete eine Phase, in der die globale Erwärmung viele kalt ließ. Das Obskure daran: Gerade in New Orleans verursacht weniger der Klimawandel, sondern die leichtsinnige Stadtplanung das Desaster. Die Flut leitete dennoch einen Paradigmenwechsel ein. Nach einer von kurzsichtigen Interessen der US-Industrie dominierten Politik unter George W. Bush knüpft der neue US-Präsident Barack Obama an die Klimapolitik des früheren Vizepräsidenten Al Gore an. In den USA soll es erstmals ein bundesweites Klimagesetz geben, das die CO2-Emissionen bis 2020 um 17 Prozent und bis 2050 um 83 Prozent senken wird. Vorausgesetzt, es tritt jemals in Kraft. Im Juni passierte die Vorlage mit knapper Mehrheit das Abgeordnetenhaus, im September wird es in den Senat gelangen.

Woran der Klimawandel schuld ist

Forscher bestreiten heute weder die Erderwärmung noch, dass der Mensch diese Entwicklung maßgeblich verursacht hat. Die wenigen, die jetzt noch Zweifel äußern, fallen unter die Kategorie „wunderlich“, wie der tschechische Staatspräsident Václav Klaus. Während die durchschnittlichen CO2-Werte über Jahrmillionen bei 280 ppm (parts per million) lagen, erreichen sie inzwischen 385 ppm, berichtet das Wissenschaftsmagazin Science. Das entspricht einem Plus von fast 40 Prozent. Weil Menschen dazu neigen, Probleme ab einer gewissen Größe eher zu verdrängen als sich damit auseinanderzusetzen, führen Umweltaktivisten gerne Unwetter ins Treffen, denen angeblich mit ressourcensparender Lebensweise, Radfahren und Termofenstern begegnet werden kann. Allerdings ist es unter den Meteorologen heftig umstritten, welche Unwetter nun auf den Klimawandel zurückzuführen sind und welche nicht.

Ernest Rudel, Leiter der Abteilung Klimaforschung an der Zentralanstalt für Meteorologie, ortet in dieser Angelegenheit viel Desinformation. „Bei jedem Wirbelsturm in der Karibik, bei jedem größeren Hagelsturm wird erklärt, der Klimawandel sei schuld“, meint der Mann von der Hohen Warte, „das ist Klimaschutz auf Kindergartenniveau.“ Seit jeher sei das Wetter größten Schwankungen unterworfen gewesen – Unwetterkatastrophen gehörten dazu.

Rudel steht im Universum der Meteorologen auf Seiten derer, die beruhigen. Für seine skeptische Haltung gegenüber alarmistischen Prognosen ist er ebenso bekannt wie für sein kompliziertes Verhältnis zu Helga Kromp-Kolb, die mit ihren etwas aufgeregteren Botschaften die mediale Achtung auf sich zieht. Hinter dem Zwist zwischen der Boku und der Zentralanstalt steht ein langjähriger Konflikt, der mit unterschiedlichen Ministeriumszuständigkeiten, Werben um die Forschungsförderung und mit persönlichen Animositäten zu tun hat.

Mit seiner Einschätzung des Zusammenhangs von Wetterkapriolen und Klimawandel steht Rudel nicht alleine da. Auch wenn die Vereinten Nationen davon ausgehen, dass neun von zehn Katastrophen in Afrika mit dem Klima in Zusammenhang stehen. Eine mittelmäßig optimistische Prognose nimmt an, dass die durchschnittliche Oberflächentemperatur auf dem Kontinent bis 2100 um drei bis vier Grad steigen wird, eineinhalbmal mehr als im globalen Durchschnitt. Bei der Niederschlagsmenge wird es große Unterschiede geben: Drohende Dürren im Süden des Kontinents und an der Mittelmeerküste, mehr Regen im tropischen Teil Afrikas und im Osten. „Die Regenzeiten werden sich durch den Klimawandel verschieben“, sagt Herbert Formayer vom Institut für Meteorologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Dort, wo es bisher trocken war, wird es nass, wo bisher viel Regen fiel, droht Verödung. Während reichere Gebiete wie Australien die Ernteausfälle durch Lebensmittelimporte kompensieren könnten, wird es Afrika an Geld fehlen.

Nationale Sicherheit in Gefahr?

Diese düsteren Prognosen machen es notwendig, den Klimawandel nicht länger nur als ökologisches Problem derjenigen zu sehen, die zufällig am falschen Breitengrad wohnen. Erst kürzlich fand sich im Pentagon eine Arbeitsgruppe zusammen, die sich mit dem Klimawandel als Angelegenheit der nationalen Sicherheit befasst. 165 Millionen Klimaflüchtlinge bis 2100 – wie im IPCC-Bericht geschätzt – lassen die Strategen erschaudern. In den nächsten 20 bis 30 Jahren, glaubt das US-Verteidigungsministerium, könnten in den Regionen südlich der Sahara, im Mittleren Osten und in Südostasien Verteilungskämpfe um Nahrung und Wasser losbrechen. Heftiger als je zuvor. Otmar Höll vom Österreichischen Institut für Internationale Politik sieht in der Änderung des Blickwinkels eine Chance. „Jahrelang haben die Industrie und auch die von der Indus- trie bezahlte Wissenschaft in den USA verhindert, dass global weiterdiskutiert wurde und dass sich die USA Klimaschutzbestimmungen unterwarfen“, sagt der Politologe, „jetzt wird das Thema auch vom mächtigen Militär geboostet.“

Auch die Wirtschaftskrise erwies sich für den Klimaschutz als nützlich. Zum einen produzierten die Fabriken mit geringerer Auslastung und emittierten so weniger CO2. Zum anderen verpflichtet das Schlamassel in der Autoindustrie zur Neuorientierung auf alternative Industriezweige. China hat die Zeichen der Zeit bereits erkannt und investiert Unsummen in Umwelttechnologien. In Österreich, das im jährlichen Klimaschutzranking einen Platz hinter China auf Platz 50 eingestuft wurde, hat Umwelttechnologie derzeit einen Anteil von rund 4,2 Prozent an der Sachgütererzeugung. Sechs Milliarden Euro werden laut Wifo in dieser Industrie umgesetzt. Der Anteil hat sich damit zwar seit 1993 verdoppelt. Aber als dominierend kann man den Wirtschaftszweig Umwelttechnologie nicht gerade bezeichnen.

Klimagipfel von Kopenhagen

Ob der Klimaschutzgipfel in Kopenhagen dafür sorgt, dass die Regierungen ihre Gesetze ökologiefreundlicher gestalten, ist derzeit noch ungewiss. Angestrebt wird ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kioto-Protokoll. Die Europäische Union hat beschlossen, ihren Kohlendioxidausstoß bis 2020 um ein Fünftel zu senken. Die Entwicklungsländer sollen mit Milliarden an Hilfsgeldern zum Unterschreiben gelockt werden. „Ich erwarte mir sehr viel von Kopenhagen“, sagt Herbert Formayer vom Institut für Meteorologie an der Boku und spricht aus, was viele Wissenschaftler hoffen, „mit Barack Obama stehen die Chancen so gut wie nie zuvor. “

Vorsicht beim Aufstieg! Die listigen Ziegen stehlen Wanderern gern die Müsliriegel aus dem Sack.
Vorsicht beim Aufstieg! Die listigen Ziegen stehlen Wanderern gern die Müsliriegel aus dem Sack.

Während Umweltaktivisten und Klimaforscher gespannt auf Kopenhagen warten, lugt Sonnblick-Beobachter Hans Lindler gelassen vom Dach des Observatoriums ins grüne Tal. Er hat eine andere Einstellung zur globalen Erwärmung, geprägt von langen, dunklen Wintermonaten in der Einsamkeit. „Ich find das Gletscherschmelzen nicht so schlimm“, sagt er, „die Flechten wachsen immer weiter hinauf. Und das ist doch auch etwas Schönes, wenn’s grüner wird. Schnee und die Steine kann ich schon nicht mehr sehen.“

Schluss mit dem Subventionswettstreit um den Boulevard

Das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten verrät viel über ein Land. In Italien droht Ministerpräsident Silvio Berlusconi dem staatlichen Fernsehen, sobald es einen Bericht bringt, der regierungskritischer ist als das, was Berlusconis Spaßsender produzieren. In Frankreich erklärt Staatspräsident Nicolas Sarkozy den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur werbefreien Zone, um den Werbekuchen ungeteilt befreundeten Privatfernsehmachern zu überlassen. In Nordkorea inhaftiert man US-Journalistinnen und nutzt sie als Faustpfand, damit der clowneske Staatschef ausländischen Politpensionisten die Hand schütteln darf.

In Österreich zeigt sich zweierlei: Das Land wird von Hans Dichand beherrscht. Und das Land hat fantasielose Politiker, die in ihrer schmachtenden Ergebenheit nicht einmal versuchen, dem Einfluss des greisen Zeitungsmoguls zu entkommen. In dieses Bild passt, dass Bundeskanzler Werner Faymann der Krone am vergangenen Donnerstag eine Aufmerksamkeit in Form einer 20-seitigen Beilage spendierte.

Seit seiner Zeit als Wiener Wohnbaustadtrat ist Faymann Politiker von Dichands Gnaden. Bundeskanzler wurde er, weil ihn der Herausgeber gegen den ungeliebten Alfred Gusenbauer unterstützte. Der gesamte Erfolg Faymanns steht und fällt mit dem Wohlwollen Dichands. Versagt ihm der 88-Jährige die Gunst – wie zuletzt bei den EU-Parlamentswahlen –, dann purzeln die SPÖ-Wahlergebnisse in den Keller. Seine Politik auch auf andere Fundamente zu stellen, hat Faymann bisher verabsäumt. Doch die Unterstützung ist – wie sich zeigt – trügerisch. Denn Dichand, die Nase tief im Abwind des Volkes, hat bereits neue, schickere Handlanger in den beiden Prölls gefunden, die er an die Staatsspitze schreibt.

Die Jubelstrecke im Kleinformat vom vergangenen Donnerstag, in der sich die sozialdemokratisch geführten Ministerien mit ihren Verdiensten brüsten, zeigt, dass Faymann seine Lektion nicht gelernt hat. Tollpatschig bettelt er weiter um die Gunst des Alten, krümmt sich tiefer und tiefer zum Kotau. Der absurde Subventionswettstreit um den Boulevard, den er sich mit Pröll liefert und der die Regierung im Vorjahr 35 Millionen Euro kostete, geht weiter. 2007 gelobten Sozialdemokraten und Volkspartei noch, die vom Rechnungshof 2003 formulierten Grundsätze für politische Werbung in ein Gesetz zu gießen. Nichts geschah. Vielleicht ist es – und das sei dem Kanzler ans Herz gelegt – an der Zeit, sich weniger um die Gunst des Zeitungszaren zu sorgen als um die eigene Glaubwürdigkeit.

Erschienen in Falter 33

Wer zahlt den nächsten Scoop?

Die Zeitung ist sterbenskrank. Traurig oder egal? Vielleicht liegt die Zukunft des Journalismus anderswo

Von San Francisco nach Detroit,von New York bis London: Die Zeitung aus Tinte und Papier ist sterbenskrank. 8000 Journalisten verloren heuer allein in den USA ihren Job. Das Blog „Newspaper Death Watch“ trägt täglich neue Hiobsbotschaften in die Welt. Besser, aber ebenfalls schlecht geht es den Kollegen in Europa. Die fatale Kombination aus sinkenden Werbeeinnahmen und ruinöser Konkurrenz durch Gratis-News im Internet streut Sand in die Druckpressen. Die Herausgeber setzen Journalisten auf die Straße, unterminieren Kollektivverträge und opfern journalistische Qualität auf dem Altar ihrer schmelzenden Profite. Anders als andere Industrien, die sich erholen werden, wenn die Konjunkturmaschine wieder anspringt, ist es fraglich, ob die Printbranche je wieder aus dem Koma erwacht.

Vielleicht ist es falsch, den alten Strukturen nachzutrauern. Vielleicht ist es an der Zeit, dem anzeigenfinanzierten Blätterwald Lebewohl zu sagen. Zeit, vom Gedanken Abstand zu nehmen, dass Journalismus Geld bringen muss. Aber wie ließe sich staatliches Handeln denn sonst kontrollieren? Wer bitte deckt Korruption, Packelei und Misswirtschaft in Zukunft auf? Es lohnt sich, abermals über den Atlantik zu blicken. Dort, wo die Zeitungskrise am härtesten und am längsten wütet, dort gibt es auch eine lange Tradition alternativer Strukturen. Kleine gemeinnützige Initiativen führen weiter, was große Redaktionen aus Kostengründen einschränken oder aufgeben: investigative Projekte, die wochen- oder sogar monatelange Recherche benötigen. Die die Rolle übernehmen, die Medien idealtypischerweise zukommt: Kontrolleure der Mächtigen, Garanten der Rechtschaffenheit und Wachhunde der Demokratie zu sein.

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Die Erschöpfung der Schutzwesen

Am Kobenzl mit der Roten und der Rotzgrünen. Fotos: Ursula Fehle
Am Kobenzl mit der Roten und der Rotzgrünen. Fotos: Ursula Fehle

Die wirklich harten Burschen fahren bekanntlich Motorrad. Fürchten weder Radarfallen noch Tod. Wuchtig drücken sie ihre schweren Maschinen in die Kurve, schleifen die Knie am Asphalt und fühlen die pochenden Herzen ihrer Mädels im Rücken.

Soweit das Ideal. Im richtigen Leben beginnt diese Geschichte mit einem modrigen Motorradhelm, geht weiter mit einer blutenden Blase am Mittelfinger. Auf Todesangst folgt kurzer Triumph, eine jauchzende Beifahrerin und schließlich ein übel zugerichteter Ellenbogen.

Aber der Reihe nach.

Seit ich im Frühling 1997 meine Honda Dominator 500 verkaufte – ein Unfall hatte mir die Euphorie genommen – ruhte der alte Marushin-Helm ungebraucht im Keller. Er muss einer Mäusefamilie als Behausung gedient haben. Das Innenfutter porös, das Visier voll Dreck, roch er so schlimm nach Moder und Verderbnis, dass ich ihn zunächst mit Deo einsprühte, um ihn dann drei Tage auf der Fensterbank atmen zu lassen.

In meiner alten Endurojacke, die wegen ihrer breiten Schulterpolsterung bei den Kollegen große Heiterkeit hervorrief, – „du bist ja so 90er-Jahre”, prustete etwa Apfl und lief davon, ehe ich ihn am Stehkragen seines Kulturenversteherhemdchens packen konnte – stieg ich in den Casinobus nach Wiener Neudorf zur Honda-Vertretung.

Als sie dort vor mir stand, war der Ulk vergessen. Geduckte Haltung. Fette Reifen. Schnauze wie ein zorniges Reptil, das zubeißen will. Ein High Tech Racer in rotzfrechem Grün, futuristisch wie aus The-Fast-and-the-Furious mit Digitaltachometer und dickem Auspuffstummel.

Angst. Zehn Jahre saß ich schon nicht mehr auf einem Motorrad. Und jetzt gleich auf ein 125 PS starkes Gefährt steigen? „Ist nicht so schlimm“, beruhigte die Pressedame, „das ABS ist großartig. Sie fährt sich ganz gemütlich.“ Vorsichtig raus aus dem Industriepark, auf die Südautobahn. Der Helmriemen schließt nicht richtig und trommelt vor sich hin. Die Finger: verkrampft. Weil ich die Handschuhe vergessen habe, wird sich am linken Mittelfinger vom Kuppeln eine blutige Blase bilden.

Doch derlei ist schnell vergessen. Es riecht nach Gummi und Benzin. Hungrig hängt die Maschine am Gas. Zieht unbarmherzig nach vorn. Rauschgefühl! 250 km/h geht die CB1000R laut Prospekt. Krause Theorie. In Ermangelung eines Windschutzes werden die Arme schon bei 130 km/h lang. Würde man die zulässige Höchstgeschwindigkeit um, sagen wir, fünfzig Stundenkilometer überschreiten, fühlte es sich wie Klimmzüge an.

Als 18-Jähriger schien der Tod so fern: Beim Wettrennen zum Groß Enzersdorfer Eissalon schlitterten wir aus der Kurve und bestellten nachher stolz und dumm einen Coup Dänemark, ehe wir ins Spital fuhren. So locker geht es jetzt nicht mehr. Vorsichtig schleiche ich zur Sophienalpe hinauf. Die Honda scheint in jeder Spitzkehre zu höhnen: „Ist das alles, was du draufhast?“ Meine Beifahrerin auf dem bierdeckelgroßen Sozius hat ebenfalls keine Scheu. Jauchzt, gluckst und jubelt bei jeder Schräglage und bei jedem BMW-Fahrer, den wir in den Auspuff schauen lassen.

Als ich die Maschine zurückgeben muss, bin ich erleichtert. Die schützenden Wesen, die uns angeblich umgeben, sind es vermutlich auch. Sie müssen so erschöpft gewesen sein, dass sie sich im Anschluss an das Wochenende freinahmen. Warum sonst die auffallende Häufung meiner Missgeschicke? Als ich den Orientalen in der Rotenturmstraße nach dem Mittagessen verließ, stolperte ich in den Nebentisch und zerbrach dort alle Gläser. In der Redaktionssitzung bewahrte mich nur ein geistesgegenwärtiger Kollege vor dem Sturz beim Schaukeln. Und als ich mich mit Schwung auf den Bürosessel setzen wollte, verklemmte sich mein Bein zwischen Rücken- und Armlehne und ich rollte ungebremst gegen die Fensterkante, was mir eine Schürfwunde am Unterarm eintrug.

Inzwischen glaube ich sagen zu können, dass sich die Wesenheiten einigermaßen erholt haben. Vielleicht warte ich noch ein zwei Wochen und borg mir dann wieder ein Motorrad aus. Vielleicht bleibe ich auch beim Fahrradfahren. Obwohl, wie das Mädel so hinter mir saß, das fand ich dann doch ziemlich gut.

Fazit: Die CB1000R ist ein aggressives und überraschend handliches Naked Bike zum Angeben und für die Höhenstraße, das sich durch Motorleistung, ein gut abgestimmtes Fahrwerk und eine ungewöhnliche Optik auszeichnet. Negativ: Die brettelharte Sitzbank und die völlig unbrauchbaren Mini-Spiegel.

Erschienen in Falter 32, Mobilitätskolumne

Zeitgeist im Tank, Pudelhaube am Kopf

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Kurvenreich unterwegs in der Steiermark

Am Wochenende fuhr ich mit dem neuen Mazda MX5 Roadster Coupé in die Südsteiermark, wegen der Kurven. Die Dame meiner Wahl war gleich begeistert. Als ich sie abholte, erschien sie im eleganten Kopftuch wie Sophia Loren, mit der größten Reisetasche der Welt und einem LCD-Fernseher mit 52 Zentimetern Bilddiagonale, den wir auf die Schnelle in ihrer Grazer Wohnung abliefern sollten. „Wie soll das jemals reinpassen, du Dummchen?“, lachte ich, „das ist ein Roadster und kein Pinzgauer!“

Bevor ich den Motor starten konnte, hatten sich also bereits drei Klischees realisiert: 1. Frauen reisen niemals leicht, 2. Frauen sind praktischer veranlagt als Männer, 3. Männer meinen immer, alles besser zu wissen.

Wie kam es zu dieser Häufung stereotyper Momente? Vielleicht liegt es am Cabriolet. Nicht jetzt konkret am MX5, sondern am Cabriolet als Idee. Entwicklungshistorisch ist das Fahrzeug ohne Dach nämlich von vorgestern. Bereits die ersten Chauffeure motorisierter Droschken ritten unter freiem Himmel. Nur logisch, dass ein derart unzeitiger Geist, Männer in romantische Kavaliere verzaubert, die der Dame aus dem tiefliegenden Sportsitz auf die Beine helfen.

Noch einen Effekt hat der MX5: Der 126 PS starke Motor zieht unverzagt nach vorn und beglückt vor allem auf Bundesstraßen. Jede Kehre, jedes Beschleunigen ein Jauchzer. Es dauert eine halbe Stunde, und die Mühen der Arbeitswoche sind vergessen. Sechs Stunden, und der Kopf ist angenehm leer.

Apropos Kopf. Der ist bei mir an einem zu langen Hals angebracht, steht also ungünstig hoch hinaus, wild umwirbelt von den Winden. Da werden die Ohren trotz Frühsommersonne ganz schön kalt! Zum Glück habe ich für solche Notfälle immer eine Strickhaube dabei. (Einer Mahnung meiner Mutter aus Kindertagen folgend.) Meine Begleiterin applizierte mir die Haube so geschickt, dass ich die Hände an Lenkrad und Schaltknauf lassen konnte und die Geschwindigkeit nicht senken musste.

Beim Thema Schalten und Schalter muss man den Mazda übrigens scharf kritisieren: Die Fensterheber dort zu positionieren, wo der Ellbogen des Fahrers ruht, ist unzweifelhaft das Schurkenstück eines boshaften Clowns. Ich kann ihn förmlich hören, wie er in Hiroshima (dem Firmensitz von Mazda) am Zeichentisch sitzt und vor Freude prustet, während sich die Hereindreher unter den Cabrio-Kunden durch ungewolltes und wiederholtes Heben und Senken der Fensterscheiben den Spott ihrer Beifahrerinnen zuziehen. Ansonsten merkt man dem Cabrio an, dass es inzwischen schon seit 20 Jahren produziert wird. Da passt einfach alles. Ästhetik, Verarbeitung, Verbrauch.

Am Ende unseres Trips durch die Südsteiermark fuhren wir übrigens in Graz vorbei, um den Fernseher in die Wohnung zu tragen. Entgegen meiner ursprünglichen Erwartung hatte er problemlos Platz. „Du bist so ein Klugscheißer“, triumphierte meine Beifahrerin. Mag sein, ist aber nicht meine Schuld. Es liegt am Unzeitgeist.

Fazit:

Der meistverkaufte zweisitzige Sport-wagen der Welt wurde gründlich überarbeitet. Wer ein Auto zum Spaßhaben und Fernsehertransportieren sucht, ist mit dem MX5 gut bedient.

Mobilitätskolumne, Falter 26

Rebellion in Enzi-Land

Die Jugendlichen blasen zum Kampf um das Museumsquartier. Ist es den Aufstand wert?

Bettina Gross lebt jetzt in der Hölle. Aber das war nicht immer so. Denn vier Jahrzehnte lang wohnte die 47-Jährige im Paradies. Ruhelage, der Charme des Altbaus, zuvorkommende Nachbarn, eine Gehminute von der Mariahilfer Straße entfernt. Bis dann, vor sechs Jahren, die Kultur in die ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen einkehrte. Und mit ihr die Plastikmöbel, die man „Enzis“ nennt. Seither vergeht kein Tag, an dem sich Gross nicht ärgern muss. Es stinkt nach Fett aus den Lokalen. Untertags kreischen die Kinder. Und das Schlimmste, sagt sie, folgt nach Mitternacht: „Raufereien, Brüllereien, Jugendliche auf Drogen, die sich auf der Erde wuzeln, die schreien, pfeifen, trompeten und sogar miauen.“

Für Gross, die seit Jahren mit der Verwaltung des Museumsquartiers im rechtlichen Clinch liegt, war es ein kleiner Triumph, als MQ-Verwalter Wolfgang Waldner Anfang Juni die Hausordnung prominent an den Eingängen platzieren und mittels privater Sicherheitstrupps exekutieren ließ. Allerdings währte die Freude nur kurz. Denn nachdem sich binnen einer Woche auf der Onlineplattform Facebook fast 20.000 „Rebellen“ sammelten, ruderte Waldner zurück. Als am Samstag 2000 Demonstranten aufmarschierten, hatte er bereits zugesichert, die Hausordnung aufzuweichen.

Die Protestbewegung ist aus mehreren Gründen interessant. Sie zeigt, wie einfach sich junge Menschen mobilisieren lassen. Sie zeigt, wie moderne Kommunikationstechnologie diese Mobilisierung begünstigt. Wenn Florian Glöcklhofer und Daniel Renn, die 20-jährigen Organisatoren der Facebook-Gruppe „Freiheit im MQ“, heute dieses Areal als „Wohnzimmer von Wien“ bezeichnen, dann zeigt das auch, was dieses Areal für das Lebensgefühl einer Generation bedeutet.

Weiterlesen in Falter 25/2009 (17.6.2009)