Holding Hands in Obama’s Church

Mit geschlossenen Augen halte ich Händchen mit einem mir bis dahin unbekannten Rastamann im Martin Luther King-Leibchen. Wir sitzen in der Trinity United Church of Christ, jener Kirche im Süden Chicagos, der auch Barack Obama angehörte. „Wer Angst vor Berührungen hat, ist bei uns falsch“, erklärt Pastor Otis Moss, „wir glauben an die göttliche Macht der Umarmung“. Trinity Church befindet sich in einem Stadtteil, in den selten ein Weißer kommt. Gerade legen 150 Gospelsänger in bunten, afrikanischen Gewändern ein kraftvolles Glaubensbekenntnis ab. Auf einem Podest steht Moss zwischen – geschätzt – 2.000 Anhängern. Mal predigt er ruhig, mal rhythmisch. Dann singt er auf einmal los wie James Brown.

Die Suche nach den Wurzeln Obamas hat uns hierher geführt. Trinity Church war eines seiner Netzwerkzentren, um sich als Lokalpolitiker zu etablieren. Die 1961 gegründete Kirche betreibt Sozialprojekte – vor allem aber ist sie Ort des Politisierens und der afroamerikanischen Identitätssuche. Ins Gerede kam das Gotteshaus im März, als der Nachrichtensender ABC Zusammenschnitte aus den Predigten des emeritierten Pastors Jeremiah Wright zeigte. Der Vertraute Obamas kritisierte die US-Regierung vor allem wegen des Irakkriegs und des vorgeschobenen Arguments der Massenvernichtungswaffen. Außerdem bezeichnete er Aids als Waffe der Weißen zur Dezimierung der Schwarzen.

Massive Kritik veranlasste Obama, von der Kirche und von Wright abzurücken. „Natürlich waren wir enttäuscht“, sagt Linda Thomas, evangelische Theologin und Mitglied der Kongregation, „aber er setzte diesen Schritt, um ein höheres Ziel zu erreichen“. Wie viele hier, ärgerte sie sich über die Berichterstattung: „Die Zitate wurden aus dem Zusammenhang gerissen.“ Trotz des Grants über Reporter begegnen uns die Leute freundlich. Dutzende kommen, uns zu umarmen und anzulächeln. Nur Fotografieren ist nicht erlaubt. „Wenn ich die Kamera sehe“, sagt der Securitymann im Hawaiihemd, „ist sie weg“.