Mediaforschung: Warum werben Sie mit Frauen für Whopper, Herr Mesaric?

 

Alltagssituation in einer Westernstadt: Am Schuppen lehnt ein Cowboy und klemmt seine Daumen in den Hosenbund. Vor ihm posieren eine Blondine und eine Brünette, die zum Negligé Revolver und hochhackige Schuhe tragen. Ihr Blick: herausfordernd.

Diese angefeuchtete Variante einer Karl-May-Fantasie ist der jüngsten Plakat- und Printkampagne der Restaurantkette Burger King entschlüpft, die damit auf ihren neuen Western Whopper – ein 752 Kalorien starker Hamburger mit Speck und Barbecuesauce – aufmerksam macht. „Wir wollten eine Werbelinie mit mehr Emotion und mehr Menschen“, erklärt dazu Harald Mesaric, Chef der Werbeagentur z-works.

Die neue Kampagne ist mit November in Österreich und in der Schweiz angelaufen. Beim Fotoshooting in der Brigittenauer Millennium City traf Aktfotograf Manfred Baumann auf Modelle wie etwa Anna Hammel, die Miss Austria 2009. Mit den Maßen 90-63-92 entspricht Hammel, rehäugig, aus Gmunden, nicht dem Bild, das man sich gemeinhin von Fast-Food-Konsumentinnen macht. Widerspruch im Werbekonzept sieht Mesaric dennoch keinen. Erstens habe man Mädchen gewählt, „von denen Beobachter sagen: Das könnte auch ich sein.“ Zweitens werde niemand von einem einzigen Western Whopper dick und unansehnlich.

Auch seien nicht diätaffine Frauen Zielgruppe, sondern fleischeslustige Männer. Die reagieren, weiß der Werber, auf elementare Reize. Und verfügen offenbar über das nötige Abstraktionsvermögen, von Frauenleib auf Fleischlaberl zu schließen. „Wir konnten in den letzten neun Jahren tun, was wir wollten“, sagt Mesaric, „aber die Resonanz war minimal.“ Nun sei es anders. „Die Leute“, sagt er, „interessieren sich eben vor allem für Sodom und Gomorrha. Leider.“

Falter” Nr. 46/09 vom 11.11.2009 Seite: 21 Ressort: Medien

Denk doch nicht so viel nach: Hackel lieber!

Machen statt Schlafen, Schimpfen, Träumen“ lautet die neue Kampagne der Wiener ÖVP. Endlich affichiert jemand, was längst gesagt gehört: Mit Schlafen beginnt der Müßig- und der Untergang. Im Bett sterben die Leut. Zumindest sind sie unproduktiv. Zwischen Schlafen und wohlig Räkeln ist nur ein Augenblick. Wer liegt, hat vielleicht die Hände unter der Tuchent oder – schlimmer – brütet vor sich hin. Träumt von der Zukunft, von Pensionen, Berufschancen oder – noch lächerlicher – von sozialer Gerechtigkeit oder Klimaschutz. Wenn er aufsteht, ist sein Hirn so voll mit Dreck, dass er schimpfen, geifern, aufbegehren muss. Er besetzt Unis, blockiert sogar den Autoverkehr. Dem Ratschlag der ÖVP ist zu folgen: Bürger, lasst die Politiker machen! Selbst wenn euch deren Ideenlosigkeit langweilt: Schlaft bloß nicht ein.

Falter” Nr. 46/09 vom 11.11.2009 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung

Dolm der Woche: Christoph Gruber Cartellverband-Chef

Christoph Gruber will nicht, dass sich Studenten in alles einmischen

Sieht aus wie ein Dolm, redet wie ein Dolm und ist: ein CVler! Wir wissen schon, auf Altherrenseilschaften hinhacken, bloß weil sie ulkige Kappen tragen, ist boshaft und gemein. Wer es aber so vehement einfordert wie Christoph Gruber vom Cartellverband, der verdient es nicht besser. Schlimm genug, dass er zur ORF-Sendung „Im Zentrum“ im Wichs erschien und aussah wie der Villacher Faschingsprinz, hatte er während zwei Stunden Diskussion nichts zu sagen, außer: dass Studenten zu gesellschaftlichen Fragen schweigen sollen. Guter Gedanke, Herr Gruber. Jeder kümmere sich um seinen eigenen Kram: Studenten um die Mitschrift, Omis um die Pension, Banker um die Marie. Und für Sie organisieren wir demnächst eine Diskussion, die Sie mehr interessiert. Etwas rund um Korpsgeist und Klüngel zum Beispiel.

Eduard Zimmermann: Ein Jäger der Mörder — ein Gastgeber der Angst

So wohlig konnte der Ofen nicht wärmen, als dass uns keine Gänsehaut am Nacken war. So gut konnte der Riegel nicht schließen, als dass wir die Tür nicht abermals kontrollierten. Draußen im Dunkel vor dem Fenster: Regte sich da nicht was? Und blickte begehrlich in die Stube?

Wenn sich Eduard Zimmermann in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ an seine Zuseher wandte, taten Eltern gut daran, die Kinder zuvor ins Bett zu stecken. Psychotische Raubmörder, sadistische Leuteschinder, Unholde in den Kellern: Zimmermann bat sie hinein in die Wohnungen und mit ihnen die Angst.

Die Erinnerung an den am Sams-tag Verstorbenen weckt Erinnerung an ein Stück Fernsehen, das keine Spezialeffekte brauchte, um Horror zu erzeugen. Keine Stunts, keine Explosionen, keine FBI-Agenten mit Übersinn. Ein paar Laiendarsteller mit Damenstrümpfen überm Kopf waren genug.

Und Zimmermann, der die Zuseher durch dicke Brillen anstarrte, während er mit sonorer Stimme „sachdienliche Hinweise“ forderte. Dem beamtenhaft wirkenden Moderator, der selbst lange Kleinkrimineller war und als Spion in der DDR fünf Jahre in Haft saß, verdankte die seit 1967 ausgestrahlte Sendung ihren Erfolg. 40 Prozent der Fälle wurden laut ZDF aufgeklärt.

Als „Treibjagd mit moralischem Alibi“ kritisierte der Spiegel das Format. Doch mehr als die Täter mussten sich wahrscheinlich die Zuseher vor Zimmermann fürchten. Für seine Hinwendung zum Guten ließ der Mitbegründer der Verbrechensopferhilfeorganisation Weißer Ring die Gesellschaft bitter büßen: durch stete Erinnerung an das Böse.

“Falter” Nr. 39/09 vom 23.09.2009 Seite: 6 Ressort: Meinung

Endlich: Geschlechterkampf ist obsolet!

Unterwegs mit dem Mazda 3 MPS: Macht Spaß.
Unterwegs mit dem Mazda 3 MPS: Macht Spaß.
Was wir in Kindertagen lernen, brennt sich in unser Gedächtnis wie heißer Gummi auf harten Asphalt. Gut kann ich mich an Familienausflüge mit dem Auto erinnern. Ich saß hinten und sekkierte meine Schwester. Auf dem Beifahrersitz saß Mama mit der Straßenkarte, die sie hektisch wendete und drehte. Hinter dem Steuer saß mein Vater und schrie.

Damals begriff ich, dass es sich bei Autofahrten um intersexuelle Extremsituationen handelt. Ich lernte, dass sich Männer häufig verfahren und dass ihre Frauen daran Schuld tragen. Einmal, als Papa wieder besonders zornig war, wurde es Mama zu blöd: Sie schmiss die Straßenkarte aus dem Fenster. Ich blickte dem Papier durch die Heckscheibe nach, wie es über die Autobahn flatterte und schließlich hinter einer Schallschutzmauer verschwand.

Emanzipatorische Befreiungsschläge wie dieser sind heute glücklicherweise obsolet. Die Technologie hat den Geschlechterkampf in den Cockpits überflüssig gemacht. Nehmen wir den neuen Mazda 3 MPS. 2000 Kilometer quer durch Deutschland und Österreich – dank Navigationssystem schafft das heute jeder Trottel. Zur Not auch ohne Beifahrerin. Nur die Frauenstimme des Fahrtencomputers erinnert noch subtil daran, wie es früher einmal war. Weitere Kontrolleinrichtungen – Regensensoren, Scheinwerferautomatik, Seitenspiegel, die sich bei Gefahr selbsttätig einklappen, und Einparkhilfen – verhindern, dass man der Beifahrerin den in der Arbeitswoche aufgestauten Groll entgegenrotzt. Wut und geschlechtliche Spannung weichen daher Philemon-und-Baucis-hafter Harmonie. Hier gleitet ein Idealbild der Partnerschaftlichkeit durch die kurvenreiche Tauernregion.

Vorbei an schroffen Gebirgsformationen und kleinen Bergdörfern. Vorbei an Kühen und Haflingerfohlen und an einem dicken Dachs, der gerade noch heil die Straße quert. Was für ein Leben! Welcher Steuermann könnte da noch grantig sein? Noch dazu, wenn er von der Geliebten mit deftigen Bergkäsebroten gelabt wird. In Vorarlberg heißt das „Bräand“.

Die beschte Beifahrerin von allen.
Die beschte Beifahrerin von allen.

Was den Mazda für Menschen mit Spieltrieb interessant macht, ist natürlich der Motor. Die japanischen Ingenieure zauberten aus dem kleinen 2,3-Liter-Vierzylinder-Reihenaggregat 260 Pferdestärken. Das ist mächtig viel Dampf für ein frontgetriebenes Fahrzeug. Für Fahrwerk und Elektronik bedeutet es einen großen Aufwand, um den breit grinsenden Boliden auf Kurs zu halten. Der Mazda zeigt nicht nur direkten Konkurrenten wie Golf GTI, Honda Civic Type R und Audi A4 den Stinkefinger, sondern er düpiert auch jene, die sonst gewöhnt sind, anderen durch Aufblenden und Auffahren ihre finanzielle Überlegenheit zu bedeuten. Die Kraft kommt beim MPS übrigens aus einem Turbolader, der durch auffällige Nüstern in der Motorhaube Luft saugt, um sie dann verdichtet in die Brennräume zu pressen. Schon bei leichtem Tritt aufs gelochte Gaspedal drückt es dich in den Schalensitz, krallen sich deine schwitzigen Finger nacktschneckenhaft ins Lenkrad. Bei Geschwindigkeiten von weit jenseits der 200 km/h auf der Autobahn zwischen München und Lindau wird es still im Wagen. Kurz hört sogar mein Mädchen zu plaudern auf. Zeit, ein bisschen über den Tod nachzudenken.

Doch fort, ihr düsteren Gedanken! Das dichte Verkehrsaufkommen verhindert jeden weiteren Geschwindigkeitsexzess. Pastellige Gelassenheit füllt erneut den Innenraum. Erst am Rückweg von Vorarlberg über Osttirol und Kärnten habe ich endlich Gelegenheit, an Kindertage anzuknüpfen. Als wir uns unerwartet auf der Brennerautobahn finden, obwohl wir doch über den Felberpass nach Osttirol wollten, herrsche ich geistesgegenwärtig meine Begleiterin an: „Weißt du nicht, dass es ein Matrei am Brenner und ein Matrei in Osttirol gibt? Kannst du nicht besser darauf achten, was ich ins GPS eintippe?“

“Falter” Nr. 39/09 vom 23.09.2009 Seite: 34 Ressort: Mobilität

Hero der Woche: Joschka Fischer

Von Joschka Fischer können wir lernen, was es heißt, Farbe zu bekennen

Tigerenten mögen bunt und drollig sein, aber nichts hat Farbenpracht wie Joschka Fischer. Der Mann ist ein Chamäleon, das den politischen Regenbogen diagonal entlanggaloppiert. Je älter er wird, umso schneller galoppiert er. Je schneller er galoppiert, umso rasanter wechseln die Farben. Einst am blutroten Rand, warf er Steine gegen die Ordnungsmacht. 15 Jahre später changierte er als Grüner mit weißen Sportschuhen in die hessische Landesregierung. Alle paar Jahre verblasste ein Farbton, trat ein neuer hinzu: Realo, Bundestagsabgeordneter, Außenminister in dunklem Anzug. Inzwischen schimmert Fischer in Kontrastfarben. Steht als Nabucco-Berater im Sold der Erdöl- und für BMW im Sold der Automobilindustrie. Listig, Herr Fischer, listig: Wer seine Feinde nicht besiegen kann, der nehme ihre Farbe an.

“Falter” Nr. 39/09 vom 23.09.2009 Seite: 9 Ressort: Politik

Es wird heiß!

Noch 100 Tage bis zur Weltklimakonferenz. Wie schlimm steht es um den Planeten? Eine Erkundungstour.

Hans Lindler auf dem Dach der Wetterstation am Sonnblick
Hans Lindler auf dem Dach der Wetterstation am Sonnblick

Wenn seine zehntägige Schicht vorbei ist, schnallt der gelernte Tischler Hans Lindler Steigeisen an und stapft über die Schneefelder hinab ins Mölltal zu seiner Frau. Schon 35 Jahre lang macht er das so. Seine Nachfolger allerdings werden für den Weg von der Wetterstation vermutlich keine Steigeisen brauchen. Denn das Goldberg-Kees am Hohen Sonnblick schmilzt schneller als jeder andere Gletscher in Österreich.

Seit dem Jahr 1886 beobachten Wissenschaftler das Wetter vom 3106 Meter hohen Sonnblick in der Tauernregion. Heute geschieht dies mit einem Arsenal modernster Instrumente, die ihre Fühler in den Wind strecken, um Feuchtigkeit, Windstärke, Temperatur und Luftdruck zu messen. Sondierungsstollen schneiden metertief ins Gestein, um Druckunterschiede und Permafrost auszumachen. Spektralradiometer zeichnen die UV-Strahlung auf, kreisförmige Scheiben aus Papier in futuristisch anmutenden Apparturen sammeln Staubpartikel aus der Luft.

Lindler betreut und wartet die Instrumente, betrachtet die Wolken am Himmel und erlebt, wie sich Gewitter zusammenbrauen und entladen. Wenn er seinen Blick schweifen lässt, sieht er heute ein anderes Bergpanorama als vor 30 Jahren. „Früher waren hier fast keine Steine zu sehen“, erinnert er sich. „Ab 2400 Meter war nur Schnee und Eis.“

Das Observatorium am Hohen Sonnblick auf 3106m. Seit 123 Jahren wird hier das Wetter beobachtet
Das Observatorium am Hohen Sonnblick auf 3106m. Seit 123 Jahren wird hier das Wetter beobachtet

Am Hohen Sonnblick stiegen die Temperaturen seit Anfang der 80er-Jahre im Jahresmittel um mehr als zwei Grad Celsius. Was nach Lappalie klingt, macht im hochalpinen Bereich einen Riesenunterschied. Die Skifahrer quälen sich über apere Stellen, Hütten auf tauenden Permafrostböden drohen einzustürzen. Und die Gletscher sind, was Schönwetter angeht, die ärgsten Sensibelchen: Sie lösen sich einfach auf. Verglichen mit anderen Folgen der Erderwärmung zählt das Verschwinden der Gletscher wahrscheinlich zu den geringeren Übeln. Aber die Dynamik des Klimawandels wird selten so gut sichtbar. Kein Wunder, dass die Umweltschutzorganisation Greenpeace am Goldberg-Kees ihre Aktion gegen die globale Erwärmung veranstaltet. „Gletscher sind die Pandabären des Klimaschutzes“, sagt Wolfgang Schöner von der Zentralanstalt für Meteorologie.

Milliarden Tonnen Eis schmelzen

Es ist ein Prozess, auf den die Welt nach Jahren der Ignoranz jetzt mit Entsetzen blickt. Getrieben von Fluten, Wirbelstürmen und Jahrhundert- unwettern, begünstigt von der Wirtschaftskrise und einem ehrgeizigen US-Präsidenten, rückt der Klimaschutz in der Prioritätenliste der internationalen Politik ganz nach oben. Die Ziele des Kioto-Protokolls von 1997, mit dem die Unterzeichnerstaaten klimaschädliche Gase bis 2012 um 5,2 Prozent reduzieren wollten, mag man verfehlt haben, aber der multilaterale Vertrag markierte wenigstens einen ersten Schritt. Inzwischen signalisieren selbst die bockigsten Blockierer unter den Staaten – die USA, China und Russland – ein Umdenken. Für den großen Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember, bei dem sich auch die Entwicklungsländer Emissionsbeschränkungen unterwerfen sollen, ist die Grundstimmung unter Experten vorsichtig optimistisch.

Es könnte allerdings bereits zu spät sein. „Der Klimawandel kommt nicht, er ist bereits da“, warnt etwa Österreichs bekannteste Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, „und es ist überhaupt keine Frage, dass er weitergehen wird.“ Bereits jetzt sind die Konsequenzen der Erderwärmung dramatisch. Der Meeresspiegel etwa ist heute bereits 20 Zentimeter höher als im Jahr 1880, was als direkte Folge des Temperaturanstiegs gilt. In Grönland schmelzen jährlich 140 Milliarden Tonnen Festlandeis. In der Antarktis sind es 200 Milliarden Tonnen. Der Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) aus dem Jahr 2007, der die Ergebnisse der Klimaforschung zusammenfasst, geht für dieses Jahrhundert von einem Anstieg des Meeresspiegels zwischen 18 und 59 Zentimetern aus. Inzwischen gelten selbst diese Prognosen als überholt. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, einer der Leitautoren des IPCC-Berichts, rechnet damit, dass es wohl 0,5 bis 1,5 Meter sein werden.

Millionen Menschen, die weniger als einen Meter über dem derzeitigen Meeresspiegel leben, sind dadurch bereits jetzt in ihrer Existenz bedroht. Teilweise können sie nur leben, wo sie leben, weil ausgedehnte Deichanlagen die Wassermaßen bändigen, so etwa in den Niederlanden. Die Hilfsorganisation Oxfam veröffentlichte kürzlich eine Studie, wonach bis zum Jahr 2050 bis zu 75 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Betroffen sind vor allem Flussdeltaregionen in Asien und tief liegende Atolle wie die Malediven, die Marshall-Inseln, Tuvalu oder die Carteret-Inseln in Papua-Neuguinea, aber auch deutsche Küstengebiete und Großstädte wie New York City. „Was dort heute als Jahrhundertflut gilt, das werden wir bei einem Anstieg um einen Meter wohl alle drei Jahre sehen“, sagt Rahmstorf, „aber die Welt erwacht erst, wenn sich die Katastrophen häufen.“

Hurrikan Katrina als Weckruf

Bild: Greenpeace-Aktion zur Kampagne für den Klimaschutz auf dem Goldberg-Kees
Bild: Greenpeace-Aktion zur Kampagne für den Klimaschutz auf dem Goldberg-Kees

Wie ein Weckruf wirkte in den USA die Flutkatastrophe von New Orleans 2005, als Hurrikan Katrina mit einer Geschwindigkeit von 280 km/h über Florida und Louisiana fegte und eine Flutwelle schlug, die ganze Stadtteile fortspülte. Fast 3000 Menschen kamen ums Leben, Hunderttausende wurden obdachlos. Die Katastrophe beendete eine Phase, in der die globale Erwärmung viele kalt ließ. Das Obskure daran: Gerade in New Orleans verursacht weniger der Klimawandel, sondern die leichtsinnige Stadtplanung das Desaster. Die Flut leitete dennoch einen Paradigmenwechsel ein. Nach einer von kurzsichtigen Interessen der US-Industrie dominierten Politik unter George W. Bush knüpft der neue US-Präsident Barack Obama an die Klimapolitik des früheren Vizepräsidenten Al Gore an. In den USA soll es erstmals ein bundesweites Klimagesetz geben, das die CO2-Emissionen bis 2020 um 17 Prozent und bis 2050 um 83 Prozent senken wird. Vorausgesetzt, es tritt jemals in Kraft. Im Juni passierte die Vorlage mit knapper Mehrheit das Abgeordnetenhaus, im September wird es in den Senat gelangen.

Woran der Klimawandel schuld ist

Forscher bestreiten heute weder die Erderwärmung noch, dass der Mensch diese Entwicklung maßgeblich verursacht hat. Die wenigen, die jetzt noch Zweifel äußern, fallen unter die Kategorie „wunderlich“, wie der tschechische Staatspräsident Václav Klaus. Während die durchschnittlichen CO2-Werte über Jahrmillionen bei 280 ppm (parts per million) lagen, erreichen sie inzwischen 385 ppm, berichtet das Wissenschaftsmagazin Science. Das entspricht einem Plus von fast 40 Prozent. Weil Menschen dazu neigen, Probleme ab einer gewissen Größe eher zu verdrängen als sich damit auseinanderzusetzen, führen Umweltaktivisten gerne Unwetter ins Treffen, denen angeblich mit ressourcensparender Lebensweise, Radfahren und Termofenstern begegnet werden kann. Allerdings ist es unter den Meteorologen heftig umstritten, welche Unwetter nun auf den Klimawandel zurückzuführen sind und welche nicht.

Ernest Rudel, Leiter der Abteilung Klimaforschung an der Zentralanstalt für Meteorologie, ortet in dieser Angelegenheit viel Desinformation. „Bei jedem Wirbelsturm in der Karibik, bei jedem größeren Hagelsturm wird erklärt, der Klimawandel sei schuld“, meint der Mann von der Hohen Warte, „das ist Klimaschutz auf Kindergartenniveau.“ Seit jeher sei das Wetter größten Schwankungen unterworfen gewesen – Unwetterkatastrophen gehörten dazu.

Rudel steht im Universum der Meteorologen auf Seiten derer, die beruhigen. Für seine skeptische Haltung gegenüber alarmistischen Prognosen ist er ebenso bekannt wie für sein kompliziertes Verhältnis zu Helga Kromp-Kolb, die mit ihren etwas aufgeregteren Botschaften die mediale Achtung auf sich zieht. Hinter dem Zwist zwischen der Boku und der Zentralanstalt steht ein langjähriger Konflikt, der mit unterschiedlichen Ministeriumszuständigkeiten, Werben um die Forschungsförderung und mit persönlichen Animositäten zu tun hat.

Mit seiner Einschätzung des Zusammenhangs von Wetterkapriolen und Klimawandel steht Rudel nicht alleine da. Auch wenn die Vereinten Nationen davon ausgehen, dass neun von zehn Katastrophen in Afrika mit dem Klima in Zusammenhang stehen. Eine mittelmäßig optimistische Prognose nimmt an, dass die durchschnittliche Oberflächentemperatur auf dem Kontinent bis 2100 um drei bis vier Grad steigen wird, eineinhalbmal mehr als im globalen Durchschnitt. Bei der Niederschlagsmenge wird es große Unterschiede geben: Drohende Dürren im Süden des Kontinents und an der Mittelmeerküste, mehr Regen im tropischen Teil Afrikas und im Osten. „Die Regenzeiten werden sich durch den Klimawandel verschieben“, sagt Herbert Formayer vom Institut für Meteorologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Dort, wo es bisher trocken war, wird es nass, wo bisher viel Regen fiel, droht Verödung. Während reichere Gebiete wie Australien die Ernteausfälle durch Lebensmittelimporte kompensieren könnten, wird es Afrika an Geld fehlen.

Nationale Sicherheit in Gefahr?

Diese düsteren Prognosen machen es notwendig, den Klimawandel nicht länger nur als ökologisches Problem derjenigen zu sehen, die zufällig am falschen Breitengrad wohnen. Erst kürzlich fand sich im Pentagon eine Arbeitsgruppe zusammen, die sich mit dem Klimawandel als Angelegenheit der nationalen Sicherheit befasst. 165 Millionen Klimaflüchtlinge bis 2100 – wie im IPCC-Bericht geschätzt – lassen die Strategen erschaudern. In den nächsten 20 bis 30 Jahren, glaubt das US-Verteidigungsministerium, könnten in den Regionen südlich der Sahara, im Mittleren Osten und in Südostasien Verteilungskämpfe um Nahrung und Wasser losbrechen. Heftiger als je zuvor. Otmar Höll vom Österreichischen Institut für Internationale Politik sieht in der Änderung des Blickwinkels eine Chance. „Jahrelang haben die Industrie und auch die von der Indus- trie bezahlte Wissenschaft in den USA verhindert, dass global weiterdiskutiert wurde und dass sich die USA Klimaschutzbestimmungen unterwarfen“, sagt der Politologe, „jetzt wird das Thema auch vom mächtigen Militär geboostet.“

Auch die Wirtschaftskrise erwies sich für den Klimaschutz als nützlich. Zum einen produzierten die Fabriken mit geringerer Auslastung und emittierten so weniger CO2. Zum anderen verpflichtet das Schlamassel in der Autoindustrie zur Neuorientierung auf alternative Industriezweige. China hat die Zeichen der Zeit bereits erkannt und investiert Unsummen in Umwelttechnologien. In Österreich, das im jährlichen Klimaschutzranking einen Platz hinter China auf Platz 50 eingestuft wurde, hat Umwelttechnologie derzeit einen Anteil von rund 4,2 Prozent an der Sachgütererzeugung. Sechs Milliarden Euro werden laut Wifo in dieser Industrie umgesetzt. Der Anteil hat sich damit zwar seit 1993 verdoppelt. Aber als dominierend kann man den Wirtschaftszweig Umwelttechnologie nicht gerade bezeichnen.

Klimagipfel von Kopenhagen

Ob der Klimaschutzgipfel in Kopenhagen dafür sorgt, dass die Regierungen ihre Gesetze ökologiefreundlicher gestalten, ist derzeit noch ungewiss. Angestrebt wird ein Nachfolgeabkommen für das 2012 auslaufende Kioto-Protokoll. Die Europäische Union hat beschlossen, ihren Kohlendioxidausstoß bis 2020 um ein Fünftel zu senken. Die Entwicklungsländer sollen mit Milliarden an Hilfsgeldern zum Unterschreiben gelockt werden. „Ich erwarte mir sehr viel von Kopenhagen“, sagt Herbert Formayer vom Institut für Meteorologie an der Boku und spricht aus, was viele Wissenschaftler hoffen, „mit Barack Obama stehen die Chancen so gut wie nie zuvor. “

Vorsicht beim Aufstieg! Die listigen Ziegen stehlen Wanderern gern die Müsliriegel aus dem Sack.
Vorsicht beim Aufstieg! Die listigen Ziegen stehlen Wanderern gern die Müsliriegel aus dem Sack.

Während Umweltaktivisten und Klimaforscher gespannt auf Kopenhagen warten, lugt Sonnblick-Beobachter Hans Lindler gelassen vom Dach des Observatoriums ins grüne Tal. Er hat eine andere Einstellung zur globalen Erwärmung, geprägt von langen, dunklen Wintermonaten in der Einsamkeit. „Ich find das Gletscherschmelzen nicht so schlimm“, sagt er, „die Flechten wachsen immer weiter hinauf. Und das ist doch auch etwas Schönes, wenn’s grüner wird. Schnee und die Steine kann ich schon nicht mehr sehen.“

Schluss mit dem Subventionswettstreit um den Boulevard

Das Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten verrät viel über ein Land. In Italien droht Ministerpräsident Silvio Berlusconi dem staatlichen Fernsehen, sobald es einen Bericht bringt, der regierungskritischer ist als das, was Berlusconis Spaßsender produzieren. In Frankreich erklärt Staatspräsident Nicolas Sarkozy den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur werbefreien Zone, um den Werbekuchen ungeteilt befreundeten Privatfernsehmachern zu überlassen. In Nordkorea inhaftiert man US-Journalistinnen und nutzt sie als Faustpfand, damit der clowneske Staatschef ausländischen Politpensionisten die Hand schütteln darf.

In Österreich zeigt sich zweierlei: Das Land wird von Hans Dichand beherrscht. Und das Land hat fantasielose Politiker, die in ihrer schmachtenden Ergebenheit nicht einmal versuchen, dem Einfluss des greisen Zeitungsmoguls zu entkommen. In dieses Bild passt, dass Bundeskanzler Werner Faymann der Krone am vergangenen Donnerstag eine Aufmerksamkeit in Form einer 20-seitigen Beilage spendierte.

Seit seiner Zeit als Wiener Wohnbaustadtrat ist Faymann Politiker von Dichands Gnaden. Bundeskanzler wurde er, weil ihn der Herausgeber gegen den ungeliebten Alfred Gusenbauer unterstützte. Der gesamte Erfolg Faymanns steht und fällt mit dem Wohlwollen Dichands. Versagt ihm der 88-Jährige die Gunst – wie zuletzt bei den EU-Parlamentswahlen –, dann purzeln die SPÖ-Wahlergebnisse in den Keller. Seine Politik auch auf andere Fundamente zu stellen, hat Faymann bisher verabsäumt. Doch die Unterstützung ist – wie sich zeigt – trügerisch. Denn Dichand, die Nase tief im Abwind des Volkes, hat bereits neue, schickere Handlanger in den beiden Prölls gefunden, die er an die Staatsspitze schreibt.

Die Jubelstrecke im Kleinformat vom vergangenen Donnerstag, in der sich die sozialdemokratisch geführten Ministerien mit ihren Verdiensten brüsten, zeigt, dass Faymann seine Lektion nicht gelernt hat. Tollpatschig bettelt er weiter um die Gunst des Alten, krümmt sich tiefer und tiefer zum Kotau. Der absurde Subventionswettstreit um den Boulevard, den er sich mit Pröll liefert und der die Regierung im Vorjahr 35 Millionen Euro kostete, geht weiter. 2007 gelobten Sozialdemokraten und Volkspartei noch, die vom Rechnungshof 2003 formulierten Grundsätze für politische Werbung in ein Gesetz zu gießen. Nichts geschah. Vielleicht ist es – und das sei dem Kanzler ans Herz gelegt – an der Zeit, sich weniger um die Gunst des Zeitungszaren zu sorgen als um die eigene Glaubwürdigkeit.

Erschienen in Falter 33

Wer zahlt den nächsten Scoop?

Die Zeitung ist sterbenskrank. Traurig oder egal? Vielleicht liegt die Zukunft des Journalismus anderswo

Von San Francisco nach Detroit,von New York bis London: Die Zeitung aus Tinte und Papier ist sterbenskrank. 8000 Journalisten verloren heuer allein in den USA ihren Job. Das Blog „Newspaper Death Watch“ trägt täglich neue Hiobsbotschaften in die Welt. Besser, aber ebenfalls schlecht geht es den Kollegen in Europa. Die fatale Kombination aus sinkenden Werbeeinnahmen und ruinöser Konkurrenz durch Gratis-News im Internet streut Sand in die Druckpressen. Die Herausgeber setzen Journalisten auf die Straße, unterminieren Kollektivverträge und opfern journalistische Qualität auf dem Altar ihrer schmelzenden Profite. Anders als andere Industrien, die sich erholen werden, wenn die Konjunkturmaschine wieder anspringt, ist es fraglich, ob die Printbranche je wieder aus dem Koma erwacht.

Vielleicht ist es falsch, den alten Strukturen nachzutrauern. Vielleicht ist es an der Zeit, dem anzeigenfinanzierten Blätterwald Lebewohl zu sagen. Zeit, vom Gedanken Abstand zu nehmen, dass Journalismus Geld bringen muss. Aber wie ließe sich staatliches Handeln denn sonst kontrollieren? Wer bitte deckt Korruption, Packelei und Misswirtschaft in Zukunft auf? Es lohnt sich, abermals über den Atlantik zu blicken. Dort, wo die Zeitungskrise am härtesten und am längsten wütet, dort gibt es auch eine lange Tradition alternativer Strukturen. Kleine gemeinnützige Initiativen führen weiter, was große Redaktionen aus Kostengründen einschränken oder aufgeben: investigative Projekte, die wochen- oder sogar monatelange Recherche benötigen. Die die Rolle übernehmen, die Medien idealtypischerweise zukommt: Kontrolleure der Mächtigen, Garanten der Rechtschaffenheit und Wachhunde der Demokratie zu sein.

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