Im industriellen Hinterhof

Im Ort Matamoros an der texanisch-mexikanischen Grenze beginnt der industrielle Hinterhof der USA mit seinen Fabriken, den so genannten Maquilas. Begünstigt von Zollfreiabkommen und später von der Nordatlantischen Freihandelszone (NAFTA) besorgen US-amerikanische und einige internationale Unternehmen hier die Endfertigung von Autoteilen, Kleidung und Elektronikartikeln für den Export in die USA. Die Unternehmen nutzen das niedrige Lohnniveau in der Region. Im Grenzgebiet gibt es mehr als 3.000 solcher Produktionsstätten mit rund einer Million Beschäftigten. Ein gewaltiger Wirtschaftsmotor, verantwortlich für die Hälfte aller mexikanischen Exporte. Auch ein Magnet für Migranten aus dem Süden Mexikos und Einwanderer aus Zentral- und Südamerika.

Raphaela Castro fährt mich im Auto durch den Industriepark von Masamoros. Sie arbeitet für die Organisation De Communitades Maristas, eine christliche Vereinigung, die sich für bessere Arbeitsbedingungen und Umweltschutz einsetzt. Die Unternehmen kritisiert sie heftig für deren Lohnpolitik Während der gesetzliche Stundenlohn in Texas zumindest 5.50 Dollar beträgt, sind es hier oft nur 55 Pesos (4,50 Dollar) am Tag. „Wie kann es sein, dass man für die selbe Arbeit unterschiedlich entlohnt wird?“, fragt Castro.

Die 52-Jährige wird nostalgisch, wenn sie an die Zeit denkt, bevor die ersten US-Firmen ihre Betriebe nach Mexiko verlagerten. „Früher hatten die Leute kein Geld, aber sie brauchten auch keines. Sei bauten an, was sie zum Essen benötigten. Waren weniger krank, die Umwelt war weniger verschmutzt. Es war ein System der Kollektivwirtschaft, in dem keiner zu kurz kam.“

Mit Spannung erwarten die Menschen in Matamoros den Ausgang der US-Präsidentenwahl und die Behandlung der Wirtschaftskrise. Jeder weiß, dass die Zukunft der Fabriken von der US-Wirtschaft abhängt. Globalisierung brachte die Arbeit, aber sie verlagert sie bereits in andere Regionen. Denn in Mittelamerika, Indien und Taiwan schwitzen Menschen für noch weniger Lohn.

Das Fleisch der Einwanderer


„Get the fuck out of here!”, schreit der Vorarbeiter. Ich bin auf eine metallene Plattform geklettert, um die Hunderten Rinder zu fotografieren, die hier darauf warten, geschlachtet zu werden. Mein Besuch in dem Schlachthaus im Süden von Omaha, Nebraska, dem zweitgrößten Fleischverarbeitungszentrum der USA, freut hier allerdings niemanden.

24.000 Menschen arbeiten in den Fleisch verarbeitenden Betrieben in und um Omaha, erklärt Soziologin Lourdes Gouveia: 80 Prozent der Beschäftigten sind illegale Einwanderer aus Lateinamerika. „Wer eine Sozialversicherungsnummer vorweist, wird eingestellt”, erklärt der Mexikaner Jose Ramirez (Name v. d. Red. geändert. Anm.), der vor vier Jahren den Rio Bravo durchschwamm, um hier einen Job zu finden. Heute arbeitet er als Buchhalter in einer der Fleischfabriken. „Die Unternehmen stellen keine Fragen. Selbst, wenn einer sagt, dass er Joe Smith heißt – obwohl er kein Wort Englisch kann.“

Ab Ende der 1980-Jahre – als es noch einfach war, Arbeitsbewilligungen zu bekommen – warb man in Mexiko um Gastarbeiter. Heute geschieht die Einwanderung in einer Dunkelzone. Zwischen 3.000 und 6.000 Dollar kostet eine Sozialversicherungsnummer. Um die gesetzlichen Mindestlöhne von 19 Dollar pro Stunde (inklusive Steuern und Sozialabgaben) zu umgehen, beauftragen die Fleischereien Leiharbeitsfirmen, was den Lohn auf fünf bis acht Dollar pro Stunde drückt.

Die für die US-Wirtschaft überlebenswichtigen Kräfte aus Lateinamerika ändern auch die Ausgangslage bei den Wahlen. „Traditionell haben die Latinos demokratisch gewählt, aber das muss nicht so bleiben“, sagt Gouveia. Beide Kandidaten haben im Senat für Gesetze gestimmt, die illegalen Immigranten den Aufenthalt erleichtern. Inzwischen spreche sich John McCain unter Rücksichtnahme auf den rechten Flügel seiner Partei allerdings für strengere Grenzkontrollen aus. „Ich weiß nicht, wie es ausgehen wird. Aber ich weiß, dass beide Parteien sehr hart um die Stimmen der Latinos kämpfen müssen.“