Minnesota Nice

Freiwillige Helferin in einem Food Store in Minnesota, der Nahrungsmittel an bedürftige Familien verschenkt.
Freiwillige Helferin in einem Food Store in Minnesota, der Nahrungsmittel an bedürftige Familien verschenkt.

Leser Stefan Lagadyn findet, ich sollte mehr auf die guten Seiten der USA eingehen. Welcher Ort aber wäre dafür geeigneter als Minnesota, der Staat der 10.000 Seen, bekannt für das Phänomen des „Minnesota Nice“? Zum ersten Mal kam ich im Sommer 2005 mit einem Journalistenprogramm in die vom Mississippi geteilten Twin Citys St. Paul und Minneapolis, wo jetzt die Republikaner ihren Konvent abhalten. Es ist in den USA einfach, ins Gespräch zu kommen. In den Twin Citys aber ist es unmöglich, nicht ins Gespräch zu kommen. Wenn ich im Bus sitze und auf meinem Communicator eine Notiz verfasse, spüre ich schon den neugierigen Blick des Sitznachbarn, der sich gleich erkundigen wird, was für ein Gerät ich in Gebrauch habe. „Mir gefällt Dein Hut“ – diesen Satz höre ich nirgends so oft wie hier. Vordrängen gibt es nur, wenn es darum geht, einem Fremden Auskunft zu geben. Zum Alltag der Bewohner Minnesotas gehört deren soziales Engagement. Ich kenne niemanden, der nicht für eine Kirche, ein Hilfswerk, eine Suppenküche oder sonst eine karitative Organisation tätig wäre. Keinen Staat zu haben, der einen von der Krippe bis ins Grab umsorgt, ließ die Leute hier Verantwortung füreinander übernehmen.
Ich frage mich, wieso die Republikaner hierher gekommen sind. Die mehrheitlich von Deutsch- und Skandinavischstämmigen bewohnte Metropole – wegen der bitterkalten und schneereichen Winter sind die Gebäude mit Sky Bridges verbunden – ist progressiv und liberal. In den Twin Citys, wo mehr als 60 Prozent der 5 Millionen Einwohner Minnesotas leben, gewannen die Demokraten die letzten fünf Präsidentenwahlen mit komfortablem Abstand. Von der Modeverkäuferin bis zum Trafikanten, vom somalischen Taxler bis zum Obdachlosen – deklariert sich jeder als Obama-Fan. Zum Stereotyp des „Minnesota Nice“ gehört allerdings, dass die Leute Konfrontationen lieber aus dem Weg gehen. „Wenn mich die Delegierten fragen, wen ich wähle“, erklärt mir eine Verkäuferin, „antworte ich, dass ich Geschäftsfrau bin.“