Die Entwurzelten

MÄRZ 1938 Die einstigen Österreicher sind Juden, Kommunisten oder revolutionäre Sozialisten. Nach dem „Anschluss“ flüchteten sie vor den Nazis nach New York.Wie stehen sie heute zu Österreich?

Arnold Greissle-Schönberg ist zerrissen. „Wenn ich in New York bin, will ich nach Österreich“, sagt er, „bin ich in Österreich, will ich wieder nach New York zurück.“ Seit er im Mai 1938 mit seinen Eltern von Mödling nach Antwerpen und weiter nach New York flüchtete, lebt der Enkel des großen Komponisten in Manhattan. Dutzende Verwandte hat er in den Vernichtungslagern der Nazis verloren. Dennoch ist er bereit zu vergeben: „Ich sage heute: Let’s forget it and move on.“

Greissle-Schönberg ist einer von mehreren tausend von den Nazis Verfolgten, die in die USA entkamen. Auf Österreich blicken sie heute mit gemischten Gefühlen. Für manche – so wie Schönberg – war die Emigration eine Entwurzelung, die bis heute nachwirkt. Andere haben den Verlust der Heimat besser weggesteckt…

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US-Wahlkampf: Piepsstimme und Bibelsprache

New York. Andie Tucher war Fernsehjournalistin, bevor sie im Wahlkampf 1992 die Reden für Bill Clinton und Al Gore schrieb. Nach ihrem Ausflug in die Politik arbeitete sie für den Nachrichtensender ABC, bevor sie an der Columbia Universität in New York Geschichte zu unterrichten begann. Für die „Wiener Zeitung“ analysiert die promovierte Historikerin die rhetorischen Qualitäten der US-Präsidentschaftskandidaten.

Wer hält die besten Reden unter den Präsidentschaftskandidaten?
Viele bewundern Obama für seinen Stil. Es ist ein Stil, der tief verwurzelt ist in der Tradition afroamerikanischer Redner und Prediger. Ein Stil, den Martin Luther King perfektioniert hat. Das fühlt sich bei Obama richtig und mitreißend an. Hillary könnte nicht so reden. Sie hält andere Reden. Reden, die informativ sind, praktisch, die sie als jemand präsentieren, der bodenständig ist und seriös. Die Art der Rede sagt viel darüber aus, wie sich die Kandidaten inszenieren. Obama sagt: Ich will Leute inspirieren und zusammenbringen. Hillary sagt: Ich arbeite hart für euch. John McCaine ist jemand, der manchmal so wirkt, als würde er sich auf der Bühne nicht sehr wohl fühlen. Ähnlich übrigens, wie Al Gore, den viele als hölzern beschrieben. McCain macht die Leute nicht wirklich euphorisch. Auch wenn Reporter, die ihn näher kennen, schwören, er sei wahnsinnig unterhaltsam im kleinen Kreis…

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Trinkgeld inakzeptabel

Drei mickrige Shrimps in dicker Panier auf einem Häufchen kaltem Erdäpfelpüree. Dazu ein Tiegelchen mit Honigchili-sauce. Das Ganze wird mich dreizehn Dollar kosten, und – das weiß ich sofort – nicht sättigen. Der Kellner hat mir das Gericht empfohlen, nachdem er mich zwanzig Minuten hatte warten lassen. Es schmeckt mir überhaupt nicht, aber Studienkollegin Nadja aus Kanada ist heute 30 Jahre alt geworden und allein deshalb schon traurig. Da will ich ihr die Laune mit Beschwerden nicht noch mehr verderben. Ich spüle den Ärger mit Corona-Bier hinunter.

Zwanzig Leute sitzen an drei Tischen, die für die Geburtstagsfeier zusammen geschoben wurden. Während ich noch im Püree stochere, beginnt der Kellner, leere Sessel zu entfernen. Dann zieht er mir plötzlich den Tisch samt Teller unter der Gabel weg. “Sorry” , sagt er lapidar, “dieser Tisch ist für 20.30 Uhr reserviert” . Beim Zahlen gebe ich nur zwei Dollar Trinkgeld. Für dieses Service, so meine Überlegung, ist das immer noch zu viel. Doch der Kellner sieht das anders: “Zwei Dollar sind nicht akzeptabel” , sagt er.

Welches “Tip” akzeptabel ist und welches nicht, beschäftigt offenbar nicht nur mich und meinen Kellner. Eine Woche nach dem Besuch im “Havana Central” stellt die “New York Times” in einem langen Artikel die Frage, wie man Servierpersonal vor ausländischen Touristen schützen könne, “die sich nicht den lokalen Trinkgeldgebräuchen beugen wollen” . Die Vorschläge des Zeitungs-reporters reichten von fixen Aufschlägen von rund einem Fünftel des Rechnungsbetrages, wie sie schon jetzt in manchen Restaurants üblich sind, bis zu einer Trinkgeldpauschale für Touristen. “Allerdings könnte dies” , merkte der Autor weitsichtig an, “zu Diskriminierungsbedenken führen” . Auch sei es nicht immer leicht, Touristen nur aufgrund des Äußeren von Einwanderern zu unterscheiden.

Nun will ich mich den lokalen Gebräuchen ja nicht verschließen. Ich gebe gerne Trinkgeld. Nicht zuletzt, weil das Service hier um Klassen besser ist als in Wien. Es ist schneller, freundlicher und aufmerksamer. Und ohne die penetrante Aufdringlichkeit, wie in anderen Landesteilen der USA.

Klappt es mit dem Service einmal nicht so gut, fällt einem das umso mehr auf. Nach einigen Minuten zähen Verhandelns mit dem Kellner im “Havana Central” erhöhe ich das “Tip” um einen weiteren Dollar. Er fühlt sich dennoch ungerecht behandelt und ist beleidigt. Nur nicht aufregen, denke ich, als ich mir auf dem Gehsteig vor dem Lokal eine Zigarette anzünde. Der erste Zug hätte mir Erleichterung verschaffen sollen, da legt sich eine Hand auf meine Schulter. Es ist die des Kellners. “Könnten Sie bitte nicht vor dem Lokal rauchen” , sagt er, “es weht den Rauch nämlich ins Lokal, und das ärgert die Gäste.”

Glosse in der Wiener Zeitung

Der superfette Dienstag

New York. Fasching, Football, Vorwahlen. An diesen Dienstag werden sich die New Yorker noch lange erinnern. Die Mardi Gras-(französisch für fetter Dienstag)-Feierlichkeiten sind noch das Wenigste, die gibt es auch in New York in jedem Jahr. Aber der närrische Tag fiel heuer mit dem Super Tuesday zusammen: dem größten Vorwahltag in der Geschichte der US-amerikanischen Präsidentenwahlen. Obendrein gab es noch den Sieg der New York Giants vom Sonntag zu feiern.

Ab sechs Uhr Früh standen Mitglieder der Wahlkomitees parat und vor den Wahllokalen die Amerikaner in der Schlange. Hier, im Herzen des Stadtteils Harlem, mit seiner mehrheitlich schwarzen und hispanischen Bevölkerung, ist die Stimmungslage klar demokratisch. “Die Republikaner sind für die Reichen”, erklärt Jenny Mahorn, die gerade die Schule verlässt…

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