Schäfchen zu Schäfern

Missbrauchsfälle, Kirchenkrise, Papstbrief. Auch Menschen im Priesterseminar erfahren dieser Tage Ungemach

Der Tag beginnt mit Gott. Danach erst gibt es Frühstück. Schon kurz vor sieben Uhr sammelt sich ein Dutzend Männer in der „Santa Maria de Mercede“-Kirche schräg vis-à-vis der amerikanischen Botschaft. Unter einer prunkvollen Stuckdecke liest der Priester aus dem Johannes-Evangelium. Auf Fürbitten folgt die Eucharistie. Kurz nach halb acht segnet er die Gläubigen und entlässt sie in Frieden, um hernach den Ministranten durch ein Holztürchen neben dem Altar zu folgen. Auch die übrigen Anwesenden schlüpfen – ein paar Momente der Besinnung später – durch diesen schmalen Gang. Einer nimmt das Gebetsbuch mit. Ein zweiter Kelch und Patene. Der Letzte löscht die Kerzen und sperrt die kleine Türe zu.

Misstöne stören die Harmonie

Die frühmorgendliche Messe ist Teil des Ausbildungsprogramms, das aus Schäfchen Schäfer machen soll und aus Ökonomen, Psychologen, Journalisten und Amtsdirektoren Prediger. Dem Ruf Gottes sind sie in die Wiener Boltzmanngasse gefolgt. Allein: Zurzeit überlagern schrille Misstöne die göttliche Harmonie.

Seitdem in Irland, Deutschland und Österreich immer mehr Fälle von Missbrauch und Gewalt durch Geistliche bekannt werden, seitdem sich Kirchenaustritte häufen und Facebook-Seiten gegen katholische Kinderschänder wettern. Seit selbst der Papst verdächtigt wird, als Präfekt der Glaubenskongregation Missbrauch gedeckt zu haben, und sich am Wochenende genötigt sah, einen Hirtenbrief zu den ungustiösen Übergriffen zu verfassen, herrscht Irritation unter den werdenden Priestern. Der gewohnte Ablauf aus Beten, Arbeiten und Studieren ist durcheinandergeraten. „Machen wir uns nichts vor“, fasst ein Wiener Seminarist die vergangenen Wochen zusammen, „es ist eine Scheißsituation.“

„Sie schauen uns komisch an“

Wie sich die Stimmung in den vergangenen Tagen gegen Vertreter der katholischen Kirche wendete, hat Richard Tatzreiter, der Subregens des Wiener Priesterseminars, persönlich erlebt. Er spricht von einem Generalverdacht, der sich „wie ein schwarzer Mantel“ über die Geistlichen gelegt habe: „Viele schauen uns auf der Straße komisch an, wenn wir als Priester erkenntlich sind“, sagt er, „erst vor zwei Tagen hat man mich angerempelt und beschimpft, als ich auf die Straßenbahn gewartet habe.“

Tatzreiter, der auch am Morgen die Messe leitete, hat im obersten Stock des Priesterseminars seine Unterkunft, „auf der Alm“, wie das hausintern heißt. Seit fast 100 Jahren ist das Haus mit den langen, hellen Gängen und den vielen Zimmern mit ihren grün getünchten Kassettentüren Ausbildungsstätte und Wohnsitz.

Tagsüber sind die angehenden Priester draußen, studieren Theologie, nehmen Unterricht in Stimmbildung, arbeiten als Religionslehrer oder in Pfarren. Am Abend trifft man sich im Kreis der Kollegen, studiert in der Bibliothek und nimmt gemeinsam die Mahlzeiten ein. Den Werdegang von Subregens Tatzreiter, der bereits als 18-Jähriger ins Priesterseminar eintrat, darf man nach heutigen Maßstäben getrost als untypisch bezeichnen. Während der Subregens früh um seine Bestimmung wusste, ereilte die meisten der heutigen Aspiranten der göttliche Ruf erst Jahre später.

„Es ist ein Prozess“, erklärt etwa der 36-jährige Thomas Marosch, „irgendwann deuten so viele Dinge in diese Richtung, dass es der einzig logische Weg ist.“ Wenngleich in einem katholischen Milieu groß geworden, erlernt die Mehrheit der Seminaristen zunächst einen weltlichen Beruf, einige heiraten sogar, bis sie eines Tages ein „Gotteserlebnis“ haben oder bis sich der Wunsch, ihr Leben Gott zu weihen, nicht mehr unterdrücken lässt.

Spätberufen ins Priesteramt

Einer jener Spätberufenen ist auch Wolfgang Kimmel. In der „Bar“ im Erdgeschoß, die ganz im Stil der 70er-Jahre eingerichtet und deren Spirituosenkühlschrank mit einem Vorhängeschloss gesichert ist, sitzt er neben seinem grauen Windhund Pimperl auf der braunen Ledercouch. Mit seinen 41 Jahren hat Kimmel schon einiges erlebt: Nach der Matura verbrachte er sechs Jahre als Mönch in Stift Göttweig. Um Theologie zu studieren, verließ er das Benediktinerkloster. Und wandte sich danach profaneren Geschäften zu: profil-Innenpolitikredakteur, parlamentarischer Mitarbeiter des Liberalen Forums und schließlich Konzernsprecher waren Zwischenstationen, bis er – wenn alles nach Plan verläuft – im Juni die Priestersoutane überstreifen wird.

Wie die meisten im Seminar sieht Kimmel sexuellen Missbrauch von Jugendlichen weniger als Problem der katholischen Kirche denn als Problem geschlossener Systeme. „In Familien, die sich hermetisch abschließen, in schulischen Einrichtungen, speziell, wenn ein verqueres Elitedenken dazukommt“, erklärt er, „speziell in Männergesellschaften und Männerbünden besteht immer die Gefahr von sadistischen und pädophilen Tendenzen.“

Das typisch Katholische an den Fällen, die jetzt bekannt werden, sagt er, sei auch die verkorkste Sexualmoral des 19. Jahrhunderts, die bis heute nachwirke. Sowie das Unter-den-Teppich-Kehren durch Bischöfe in der Vergangenheit: „Ich halte es“, sagt Kimmel, „für unentschuldbar, dass man pädophile Priester von einer Pfarre in die nächste verschoben hat.“

Seit dem Skandal um Kardinal Hans Hermann Groër, der Mitte der 1990er-Jahre Österreich schockierte, habe sich in Österreich allerdings Erhebliches getan.

Tatsächlich wurde die Priesterausbildung seit der Jahrtausendwende umfassend erneuert. „Wir versuchen, die Sexualität unserer Seminaristen und ihre biografischen und geistigen Wurzeln zu durchleuchten“, erklärt Nikolaus Krasa, der Regens des Priesterseminars, „um festzustellen, ob einer verklemmt ist oder frei, offen oder verschlossen.“ In vorbereitenden Gesprächen, durch ständige Supervision, mit Hilfe von Psychologen und im Zusammenleben versuche man zu verhindern, dass „seltsame Typen“ die Priesterweihe erlangen.

Eine der wichtigsten Veränderungen war die Einführung des sogenannten Propädeutikums vor acht Jahren: ein einjähriger Intensivlehrgang im niederösterreichischen Städtchen Horn. „Es geht dabei um eine ganzheitliche Einführung in den Lebensstil des Priesters“, erklärt Spiritual Harald Mally, der in Horn Seminaristen sozusagen als Vertrauenslehrer betreut. Sexuelle Gefühle – weiß Mally – gehörten zum Menschsein dazu: „Es kann sein, dass man an gewissen Idealvorstellungen scheitert. Manchmal hat vielleicht einer in einem Punkt eine Schwäche, oder es passiert ihm öfters Masturbation. Dann soll man nicht so tun, als ob das die schwerste Sünde wäre. Es gibt Schlimmeres.“

Zölibat ist auch Befreiuung

Während der Zölibat von vielen außerhalb der Kirche als eine Wurzel des Übels gesehen wird, verneinen viele im Seminar einen Zusammenhang des priesterlichen Keuschheitsgebots mit den sexuellen Irrungen, die zum Missbrauch Minderjähriger führen. „Zölibat ist Verzicht, keine Frage“, wehrt sich Seminarist Kimmel, „aber es ist nicht so, wie alle glauben, dass mir Sexualität dauernd im Kopf sitzt und aus jeder Pore dringt.“ Zölibat sei vergleichbar mit einer monogamen Beziehung: „Es ist eine Befreiung: Man ist nicht mehr getrieben auf der Suche nach Liebe, Partys oder Konsum.“

Auch Regens Krasa warnt vor Kurzschlussargumentation „nach dem Muster: Missbrauch ist gleich ein Problem der Priester ist gleich ein Problem des Zölibats.“ Die mediale Berichterstattung sei von Stereotypen und Klischees geprägt. „Wir bedauern jedes Opfer zutiefst“, sagt Krasa, „aber man muss die Wahrheit sagen: Es gibt kein Ausbildungssystem, das 100-prozentig garantieren kann, dass kein Pädophiler dabei ist. Weder in der Kirche noch sonstwo.“

Mit Spannung beobachten die jungen Priesteramtsanwärter, wie sich der Papst angesichts der Krise verhält. Dass sich allzu schnell etwas ändert, glauben sie nicht. Eines ist sicher: Auch morgen Früh werden sie nach althergebrachtem Ritus ihre Eucharistie begehen. Allen Dissonanzen zum Trotz.

“Falter” Nr. 12/10 vom 24.03.2010 Seite: 14 Ressort: Politik

Sternchen im Staub

Wie Österreichs Boulevard seine Stars erschafft, um sie anschließend zu entwürdigen. Der Fall von Anastasia Sokol

“Der Lugner ist ja immer so stolz, wie lieb ihn das Katzi hat – das hat sie ja gelernt“, sagt Dominic Heinzl in der ORF-Sendung „Chili“ und präsentiert zum Beweis verfängliche Fotos von Richard Lugners jüngster Freundin. „Das berühmteste Haustier des Landes ist für jeden sichtbar rollig“, formuliert Österreich. „Eine ganz schöne Nachteule“, höhnt der Kurier.

Es ist der Tiefpunkt im österreichischen Boulevard: die Bloßstellung einer 20-Jährigen, die angeblich als Callgirl gearbeitet hat. Wieder erklang eine Tonart, die die Kronen Zeitung bereits vor 20 Jahren mit ihrer Berichterstattung über die „Lainzer Mordschwestern“ anschlug, die sie als „Schweinchen, die alles machen“ beschimpfte. Dieselbe Tonart, die Wolfgang Fellners Hefte und Gratisblätter wie Heute weiter perfektionierten: wenn Anklageschriften bei schweren Sexualverbrechen – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Opfer – im Wortlaut zum Download angeboten werden (so wie im Fall Fritzl). Wenn Verbrechensopfern, Jahre nachdem sie ihren Peinigern entkamen, beim Schmusen aufgelauert wird (Natascha Kampusch). Oder wenn – so wie im Fall von Anastasia Sokol – anonyme Kronzeuginnen als „Puff-Kolleginnen“ auspacken.

Bedenkt man, dass sie wochenlang unter medialem Dauerbeschuss stand, betritt Anastasia Sokol – in Glitzershirt und Lederhose – sehr gelassen den Salon des Nobelfriseurs in der Wiener Innenstadt. „Ich weiß schon, dass sie auf mich losgehen, weil sie eigentlich dem Richard eine draufgeben wollen“, sagt sie, „aber ich hätte mir nicht erwartet, dass sie so über mich herziehen.“ In einem Eck des Frisiersalons erzählt sie, wie sie ihrer Mutter im Jahr 2002 aus Litauen nach Österreich folgte, wie es sie nach der Schule in Retz nach Wien verschlug, wie sie bei Fotoshootings mitmachte, um schließlich bei einer Castingshow für ein Abendessen mit Lugner den Baumeister kennenzulernen. Von einem Tag auf den anderen tauchte sie in eine Glitzerwelt ein, „die anstrengend ist, aber Spaß macht“, schüttelte Politikern und Wirtschaftsbossen die Hand und fand sich auf Hochglanzfotos in Zeitungen wieder.

Nur knapp zwei Wochen nachdem sie die Nachfolge von Nina „Bambi“ Bruckner an der Seite Lugners angetreten hatte, platzte das, was Journalisten die Bombe nennen.

„Ich habe durch eine Kollegin von Katzi den entscheidenden Tipp bekommen“, erklärt Heinzl. Wenige Tage vor dem Opernball zeigte er Fotos, die auf dem Onlineportal eines Nachtklubs und auf einer Kontaktseite gepostet waren, in der ORF-Sendung „Chili“. Damit hatte Heinzl seinen Coup. Das Boulevardkarussell war in Gang gesetzt: eine Hetzjagd, in der sich „Chili“, Österreich & Co mit immer neuen Enthüllungen überboten.

Doch was hat Anastasia Sokol eigentlich angestellt, um derart entwürdigt zu werden? Was ändert es, ob Katzi ein Callgirl war, eine Verkäuferin oder sonst ein zugereistes Mädel? Wem nutzt die „Investigativarbeit“ eines Dominic Heinzl, der in den Äther rotzt, was ihm aus dem Rotlichtmilieu zugespielt wurde?

Wo sich Heinzl als Aufdecker geriert, der Österreich die Wahrheit über Lugner erzählt, dort geht es in Wahrheit um ein Spiel mit der Demontage der Prominenz, abzielend auf die Schadenfreude der Zuseher. Um eine Art „Happy Slapping“ im ORF.

Der vom österreichischen Rundfunk für ein kolportiertes Jahresbudget von vier Millionen Euro gekaufte Klatschreporter, dem man zugutehalten muss, die kriecherische „Seitenblicke“-Fadesse aufgemischt zu haben, steht seit Beginn der Sendung im Jänner unter Quotendruck. Nachdem in den ersten Tagen 400.000 Seher zu „Chili“ schalteten, war es eine Woche später nur noch die Hälfte. Selbst das nach Heinzls Abgang neu aufgesetzte Format „ATV Life“ hat mitunter mehr Seher als „Chili Backstage“.

Dass Heinzl angesichts dieser Misere härtere Bandagen anlegt, verwundert wenig. Tiefschläge landete der 45-Jährige bereits in der Vergangenheit. So zitierte der ehemalige Ö3-Star in seiner ATV-Sendung aus dem Onlinetagebuch der 16-jährigen Gusenbauer-Tochter Selina. Ein anderes Mal berichtete er über Armin Assingers Ex-Geliebte, die versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Die „Causa Katzi“ ist sein jüngster Streich auf Kosten eines altbewährten Sündenbocks, den ohnehin jeder peinlich findet.

„Der Kunde ist König“, rechtfertigt Heinzl seine Abkehr von Lugner und von genau jenen Stars und Sternchen, mit denen er bei ATV gute Quote machte, „du kannst dir ja nicht vorstellen, wie viele Leute beim ORF angerufen haben, die den Lugner nicht mehr sehen wollen.“

Am Freitag ließ Heinzl via Kurier eine „schwarze Liste“ unerwünschter Personen veröffentlichen, die er in „Chili“ nicht mehr zeigen will. Die Liste umfasst genau die üblichen Verdächtigen, über die sich Heinzl schon seit Jahren lustig macht.

Dass die jüngste Aktion weniger der Versuch ist, dem öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF zu entsprechen, sondern eher jener, über Diskreditierung im Gespräch zu bleiben, liegt auf der Hand. Wenn er die 15 Personen auf der Liste nicht mehr zeigen wollte, könnte er dies ja auch einfach tun, ohne sie als „Lugners Zoo“, als „Malerin nach Zahlen“ (Verena Auersperg-Rotterdam) oder als „Blondine vom Dienst“ (Jeannine Schiller) zu verunglimpfen.

Die unfreiwillige Ironie des Spiels wird offensichtlich, wenn Heinzl voller Stolz im Kurier verkündet: „Mit der Katzi haben wir doch ganz schön was angerührt. Zehn Prozent Marktanteil, 237.000 Zuschauer.“

Wohl nützen die Protagonisten der Seitenblickewelt ihre gewonnene Prominenz zur Werbung für ihre Bauprojekte, für ihre Eventagenturen, ihre Charityveranstaltungen, ihre Designershops oder auch nur einfach dazu, Silikonkissen ins Bild zu heben. Der Preis für diesen Ruhm ist jedoch die nimmersatte Neugier der Yellow Press, die – im Bestreben, das schadenfrohe Publikum zu befriedigen – keine Chance auslässt, die Sternchen, die sie selbst schuf, wieder in den Dreck hinabzureißen.

„Schauen Sie, mir ist egal, ob mich der Heinzl abwatscht“, sagt Richard Lugner, Clown und Parvenü der österreichischen Seitenblickegesellschaft, „aber er soll meine Freundin in Frieden lassen.“

Lugner ist berühmt dafür, keinen Schmerz (mehr) zu empfinden. Zuletzt scheiterte der Kabarettist Robert Palfrader in seiner Talkshow „Wir sind Kaiser“ daran, dem 77-jährigen Blitzlichtjunkie etwas aufzuerlegen, das der als zu demütigend empfinden würde. Sogar als Baby mit Schnuller und Strampelanzug ließ er sich vorführen. So viel Nehmerqualität hat sonst keiner in der Bussi-Bussi-Szene. Zu ehern ist das Bemühen der meisten dort, wichtig und würdig zu wirken.

„Die meisten kriechen irgendwann zu Heinzl zurück“, sagt Charityorganisatorin Jeannine Schiller, die seit drei Jahren vom Klatschreporter durch den Kakao gezogen wird, „und betteln darum, dass er wieder gut ist mit ihnen.“ Schiller, die auch schon in „Best of Böse“ im Falter gehänselt wurde, berichtet, ab wann ihr die Dauerverarsche durch Heinzl zu viel wurde: „Jeder muss einstecken können“, sagt sie, „aber Heinzl hat mich jahrelang gekränkt. Irgendwann war die Grenze überschritten.“ Als sich Schiller bei ATV beschwerte, begann Heinzl, sie fortan nur noch mit vollen Backen beim Buffet zu filmen.

Wer keine dicke Haut hat, der steht das Seitenblickeleben nicht durch, erklärt Helmut Werner. Der burgenländische Eventmanager mit der blonden Mähne und dem Auftreten eines Schlagersängers ist mit Richard Lugners 16-jähriger Tochter Jacqueline liiert. Dieser Umstand und seine finanziellen Schwierigkeiten in der Vergangenheit machten Werner ebenfalls zur Zielscheibe von Spott und Häme. „Die Hälfte von dem, was da berichtet wird“, versichert Wagner, „ist ein inszenierter Schmäh.“

Geklagt wird im System der Verheinzelugnerung wenig. Laut Mediengesetz und Ehrenkodex der Presse ist der „höchstpersönliche Lebensbereich“ eines Menschen zwar tabu. Doch das Risiko einer Prozessführung trägt das Opfer. Dazu kommt, dass dem kleinen Triumph einer finanziellen Entschädigung die jahrelange Ächtung durch das Medium gegenübersteht.

Dabei nimmt die Judikatur in den letzten Jahren immer häufiger auch jene in Schutz, die sich stärkere Eingriffe in ihr Privatleben gefallen lassen mussten, weil sie ins Rampenlicht drängten. Richtungweisend ist das „Caroline-Urteil“: Caroline von Hannover klagte die Münchner Zeitschrift Bunte wegen des Abdrucks von Fotos, die sie mit ihren Kindern zeigen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gab ihr Recht und verurteilte Deutschland zu einer Zahlung von 109.000 Euro. Heute steht die Bunte übrigens erneut am Pranger, weil sie in Verdacht steht, eine Rechercheagentur beauftragt zu haben, die Prominente mithilfe unlauterer Methoden beschattete.

Bis zum Urteil der Straßburger Richter durfte Caroline außerhalb ihrer Wohnung in nahezu jeder Lebenslage fotografiert werden. Jetzt beschränkt sich die Berichterstattung auf jene Momente, in denen sie in öffentlicher Funktion auftritt oder ihr Auftritt zur „öffentlichen Debatte“ beiträgt.

Besonders sensibel ist der Umgang mit Personen im Umfeld von Prominenten, die selbst nicht prominent sind. Ihr gemeinsames Auftreten außerhalb offizieller Anlässe gilt gewöhnlich als „geschützter privater Bereich“. Auch wenn Heinzl die Schutzwürdigkeit von Personen wie Anastasia Sokol nicht erkennen kann – „sie ist über 18 Jahre alt und hat sich freiwillig ins Rampenlicht begeben“ –, hat auch sie ein Recht auf Privatsphäre. Dies auch denn, wenn das Abstecken privater Bereiche in Zeiten fortschreitenden allgemeinen Internetexhibitionismus immer schwieriger wird und rufschädigende Fotos bereits einer beschränkten Öffentlichkeit zugänglich waren.

„Die Grenze der Berichterstattung sollte spätestens dort liegen“, meint Anastasia Sokol, bevor sie sich zum Spiegel setzt, damit die Abendfrisur vorbereitet werden kann, „wo einem Sachen unterstellt werden oder wo Sachen zu Fleiß behauptet werden, um einen bloßzustellen.“

“Falter” Nr. 09/10 vom 03.03.2010 Seite: 17 Ressort: Medien