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Reportage in der Wienerin: Lektionen aus der Apokalypse

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eine Reportage in der Dezember-Ausgabe der Wienerin
Kein heißes Wasser, kein Strom, keine Heizung, dafür verzweifelte Menschen, die sich stundenlang für Benzin anstellten – so apokalyptisch ging es nach dem Wirbelsturm Sandy in New York City zu. Und die nächste (Natur-)Katastrophe kommt bestimmt, wenn auch voraussichtlich nicht am 21. Dezember. Höchste Zeit also für WIENERIN-Autor Matthias Bernold, von Endzeit-Predigern und Survival-Experten zu lernen.

Er trägt Springerstiefel, Militär-Parka und Khakihosen mit Camouflagedruck, dazu blonde Surfer-Locken, die ihm lustig in die Stirn hängen. Den Wanderstock aus Buche hat er in eine Ecke gelehnt. Hund Bruno, eine Dobermann-Schäferhund-Mischung, sieht ihm zu, wie er sein Seil mittels Mastwurf am Gaszähler im Vorzimmer befestigt. Das andere Ende knüpft er an seinen behelfsmäßigen Klettergurt: “So. Jetzt können wir uns aus deinem Fenster in den Hof hinunterlassen!“

Martin Mollay ist Survival-Trainer. Aus seiner Liebe zur Natur, zum Kampfsport und zu Aktivitäten wie Wandern, Klettern und Rafting hat sich der ehemalige Elektrotechniker und Bundesheer-Ausbildner ein eigenes Berufsbild erschaffen. Jetzt bringt der 37-Jährige anderen Menschen – in diesem Falle mir – bei, wie sie ohne die Hilfsmittel der bürgerlichen Welt überleben können. Oder eben, wie sie aus dem dritten Stock flüchten könnten, wenn die Endzeit das Stiegenhaus unpassierbar gemacht hat. (Link zu Martin Mollays Website)

Zivilisation am Ende. Wie schnell das zivilisatorische Fundament einer Gesellschaft wegbrechen kann, zeigte sich zuletzt in New York, wo die Bürger nach dem Wirbelsturm Sandy tagelang ohne Heizung, Strom und Benzin auskommen mussten – aber kaum konnten. Für Menschen wie Martin Mollay sind derlei Ereignisse die Bestätigung, dass die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr lange stehen wird: “Es gibt zwei Szenarien: eines des revolutionären Umbruchs und eines des sanften Wandels“, sagt er. “Entweder alles kollabiert mit einem Schlag – gefolgt von Chaos und einer Neu-Formierung der Gesellschaft, die friedlich oder gewaltdominiert sein kann. Oder aber es wird ein schleichender Umbruch. Die Menschen erkennen, dass sie die Gesellschaft ändern müssen, um sie zu erhalten.“

Lust am Untergang. Mit seinen Ideen steht Martin nicht allein da. Die Gruselindustrie, die vor dem “bewussten“ 21. Dezember sicher noch ein paar skurrile Blüten treibt, zeigt das deutlich. Apokalyptische Visionen begleiten den Menschen, seit er sich Glaubenssysteme schuf, um die Rätsel des Lebens zu verstehen. Religiösen Geboten Nachdruck zu verleihen, mag ein Grund für die Menetekel gewesen sein. Dazu die Bedrohungen, vor denen weder der urzeitliche noch moderne Mensch gefeit ist: Kometen auf Kollisionskurs, Vulkanausbrüche, Fluten, später dann: Weltkriege, altersschwache Atom-Meiler und schmelzende Polarkappen.

Es gibt, weiß die Literaturwissenschafterin Judith Schossböck, die sich dem Thema in ihrem Buch Letzte Menschen näherte (s. Interview), eine ungebrochene Lust am Untergang. Wer auf amazon.com etwa “End of the World“ eingibt, erhält 342.115 Treffer (Stand: 15. November 2012), darunter Ratgeber, Romane, sogar Survival-Kits mit Trockennahrung, Chlortabletten und Kompass.

Bei vielen steckt hinter der Beschäftigung mit dem Untergang die Sehnsucht, auszubrechen – aus einer immer komplexer, immer technisierter und künstlicher werdenden Welt. Diese Sehnsucht schlägt sich in Urban Gardening, Gemüsekistl-Abos, Lastenfahrrädern und Wald-Kindergärten nieder. Und es gibt sie wahrscheinlich bereits ebenso lange wie den technischen Fortschritt. So formulierte Henry David Thoreau in seinem Werk Walden bereits im Jahr 1854: “Luxus und Komfort sind nicht nur überflüssig, sondern der menschlichen Entwicklung sogar hinderlich.“ Anzustreben sei, so formulierte es der US-Schriftsteller, der sich zum Schreiben des Buches zwei Jahre lang in eine primitive Holzhütte an einem Teich im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts zurückgezogen hatte, ein “Leben in Einfachheit und Unabhängigkeit, gekennzeichnet von Großmut und Vertrauen“.

Technik schützt nicht. Einfach leben: Genau das fasziniert auch Martin Mollay. Schon als Kind fühlte sich der gebürtige Wiener Neustädter am wohlsten im Wald. Nach der HTL verschlug es den sportlichen jungen Mann zum Jagdkommando, der Eliteeinheit des österreichischen Bundesheeres. Knapp fünf Jahre lang blieb er dort, stieg auf, wurde selbst Ausbilder.

“Eines Tages ist mir bewusst geworden:, He, ich bilde Elitesoldaten aus, die aufs Töten konditioniert sind.‘“ Und das Töten ist Martins Sache nicht. Zwar habe er kein Problem damit, sich zu verteidigen. Doch für den überzeugten Vegetarier hängt das Überleben weniger an Gewaltbereitschaft, Körperkraft und Guerilla-Taktik als am Wissen um alte Kulturtechnik und das Knüpfen von sozialen Netzwerken. “In uns schlummert das Wissen vergangener Generationen“, sagt er. “Aber es geht mehr und mehr verloren.“

Diesen Befund teilt Martin mit Wissenschaftern. Der kanadische Fortschrittskritiker Pat Roy Mooney etwa vertrat heuer in seinem Vortrag im Europäischen Forum Alpbach die These, dass wir die erste Generation seien, die mehr Technologien verliere als gewinne. Zwar werde der Konsument dauernd mit neuen Techno-Gadgets und immer mehr Megapixeln für die Handykamera gelockt. Wirkliche Innovationen, meint der Träger des Alternativen Nobelpreises, seien allerdings rar. Und während sich die Agrarindustrie Patente auf Saatgut sichert, geraten traditionelle Getreidesorten und Ackerbaumethoden in Vergessenheit.

Gedeckter Tisch. Ebenso vom Vergessen bedroht sind Grundtechniken des Kletterns, des Feuermachens, der Heilkunst und des Bauens von Unterständen. Allerdings reagieren die meisten Menschen begeistert, bekommen sie erst eine Chance, die alten Tricks zu erlernen, erzählt der “Survivalist“. “Bei meinen Outdoortrainings legt sich bei den Teilnehmern nach drei Tagen ein Schalter um“, sagt Martin. “Obwohl sie nie im Freien übernachtet haben, wird ihnen die Natur in kürzester Zeit zum Alltag. Viele sagen, sie könnten ewig so weitermachen.“

Zu den für die meisten Menschen erstaunlichsten Erfahrungen gehöre es herauszufinden, dass es gar nicht so schwierig sei, in der Wildnis genügend Nahrung zu finden. “Auch im Herbst findet man im Wald noch so viel zu essen, dass man nicht hungern muss“, sagt Martin: “Ein kundiger Sammler braucht eine Woche, um so viel zu horten, dass er durch den Winter kommt.“ Durch seine Augen betrachtet ist der Wiener Augarten ein gedeckter Tisch und die Donauinsel ein Delikatessengeschäft. Da wird gerupft, gezupft, ausgegraben: Weidenrinde als Aspirin-Ersatz, vitaminreiche Brennnesselsamen, Birkenbast, der zu Spaghetti, Kastanien, die zu Mehl verarbeitet werden können (die Rezepte finden Sie auf http://www.wienerin.at).

Mit Nahrung allein ist es freilich nicht getan. Sie steht bei Mollay sogar ziemlich weit unten auf der Liste. Einer der Grundsätze im Überlebenstraining ist die sogenannte Dreier-Regel: Der Mensch stirbt nach drei Minuten ohne Luft, nach drei Stunden ohne Wärme, nach drei Tagen ohne Wasser und nach drei Wochen ohne Nahrung. “Nach der Regel strukturieren wir unser Vorgehen im Ernstfall“, sagt Martin. Noch wichtiger ist aber die Vorsorge für eben jenen: Denn “wer nicht vorsorgt, muss dann viel Zeit aufwenden, um das Überleben zu sichern“ – und sich etwa nach einer Katastrophe im Supermarkt um die Waren prügeln.

Sicherheitsnetz. Wie und womit sorgt man also vor? Wasser, Chlortabletten zu dessen Reinigung, Waffen, eine Gasmaske, vielleicht ein Funkgerät – all das sei wichtig, um die ersten Tage nach einem Krisenfall zu überstehen, sagt Mollay. Und Vorräte in Form von Hülsenfrüchten, Reis, Weizensamen oder Gerste. Noch wichtiger jedoch ist: “Das eigene Netzwerk.“ Freunde, die über unterschiedliche Ressourcen, handwerkliche Kenntnisse und Know-how verfügen, seien schon im täglichen Leben praktisch. In der Krise entscheide dies aber über Leben und Tod: “Nur in der Gruppe kannst du bestehen“, sagt der Survival-Trainer. “Wenn du aus der Stadt flüchtest, aber niemanden kennst, der dir hilft, wirst du bald im Wald erfrieren.“

Ruhe bewahren. Dennoch: “Survival ist kein Kampf, sondern ein Geschenk“, ist Martin Mollay überzeugt. “Draußen in der Wildnis kommt alles, wie es kommen soll. Wenn ich gerade kein Wasser habe, vertraue ich darauf, dass ich es finde. Es geht da um ein Vertrauen in die Schöpfung und zum Leben, darum, immer Ruhe zu bewahren.“ Klingt vielleicht ein wenig spirituell, aber jedenfalls nach einer Weltsicht, der man auch in den Osttiroler Bergen oder in einer Wiener Altbauwohnung anhängen kann.

Allerdings muss die Entwicklung zum Überlebens-Guru in kleinen Schritten erfolgen: Als sich Martin anschickt, am Seil in den Hof hinunterzuklettern, bremse ich ihn. Was sollen denn die Nachbarn denken, wenn sich plötzlich ein Mann in Tarnkleidung an ihrem Küchenfenster vorbeihantelt: dass vielleicht der Jüngste Tag angebrochen ist?