Ein Fernsehrad für Wien

Im April 2015 gingen wir erstmals mit dem TV-Radl, einem mobilen TV-Studio auf Basis eines Lastenrades auf Sendung. Hier der Bericht darüber von Christian Rösner in der “Wiener Zeitung”.

Wien. Der Stadtsender W24, die „Wiener Zeitung“ und das Lastenrad-Unternehmen Cyclecraft haben zusammen ein TV-Studio-Fahrrad entwickelt. Beim Argus Bike Festival wird das extravagante Teil offiziell der Öffentlichkeit präsentiert.

Wenn heute und morgen (11. und 12. April) am Rathausplatz das Argus Bike Festival stattfindet, ist es um eine Attraktion reicher: ein mobiles TV-Studio-Fahrrad, auf dem – auch während der Fahrt – Interviews und Streitgespräche geführt werden können. Das weltweit erste mit Muskelkraft betriebene TV-Studio entstand aus einer Idee des „Wiener Zeitung“-Journalisten Matthias Bernold, der für die Tageszeitung auch den Fahrrad-Blog „Freitritt“ betreibt. Das fahrende Studio wurde von den Wiener Lastenradspezialisten Cyclecraft für den Stadtsender W24 und die „Wiener Zeitung“ konstruiert.

Als Basis für das TV-Bike dient ein niederländisches Fietsfabriek-Lastendreirad. Die Cyclecraft Designer Helmuth Bronnenmayer und Alexander Wolf, die in der Vergangenheit schon Kaffee-, Bier-, Musik- und Eisfahrräder bauten, konstruierten dazu den TV-Studio-Aufbau aus Holz und Alu-Dibond. Das hundert Kilo schwere, 2,70 Meter lange und 85 Zentimeter breite Gefährt ist mit einem Pedelec-Elektromotor ausgestattet, damit es auch mit Zuladung relativ mühelos bewegt werden kann. Zwei Fahrgästen finden im Studio-Fahrrad Platz. „An dem Projekt zeigt sich, welche Möglichkeiten Lastenrädern eröffnen können“, erklärt Wolf, der für Design und Bau des Rades knapp drei Monate benötigte.

Erste Tests in der Praxis

Am Donnerstag wurde das TV-Rad erstmals in der Praxis getestet: Bernold radelte vom W24-Studio im 14. Bezirk zum Burgtheater, wo erste Test-Interviews stattfanden. „Natürlich fährt es sich nicht wie ein Rennrad, und man muss sich erst an das Handling gewöhnen“, erklärte er nach der ersten Ausfahrt: „Aber es ist ja auch nicht für die Österreich-Radrundfahrt gebaut.“

Für das erste Test-Interview stellte sich Martin Blum, der Chef der Mobilitätsagentur, den Fragen von W24-Reporterin Jenny Posch. Das Gespräch fand am Ringradweg und im Volksgarten statt. Fazit: Das TV-Rad bewährt sich, und es erzeugte gewaltiges Interesse bei den Zaungästen.

Für den Regelbetrieb muss die Technik für das Pilotprojekt noch optimiert und feinjustiert werden. „Die mobile Stromversorgung ist für uns die größte Herausforderung“, sagt Werner Stolarz, der bei W24 Produktion und Technik leitet. Eine Autobatterie unter einem der beiden Gästesitze versorgt die drei LED-Scheinwerfer, die vier On-Board-Kameras, die Mikrofone und den Tascam-Recorder für den Ton mit Strom. Seinen ersten richtigen Einsatz hat das TV-Rad am Samstag beim Argus Bike Festival, wo es in Anwesenheit der Konstrukteure und Medienpartner präsentiert wird.

„Urbanität und Innovation sind Themen, die uns in dieser Kooperation besonders interessieren“, erklärt W24-Programmdirektor Michael Kofler: „Das erste mobile TV-Studio ist Ausdruck und Symbol eines umwelt- und lebensfreundlichen Zeitgeistes.“

Das Argus Bike Festival am Rathausplatz ist die größte Fahrrad-Veranstaltung Österreichs und das größte Bike-Festival Europas. Es findet Samstag und Sonntag jeweils von 9 bis 18 Uhr statt.

Reportage in der Wiener Zeitung: Räder mit Seele

In dieser Wohnküche wird primär weder gewohnt, noch gekocht. Sondern geschraubt. Ein Fahrrad-Rahmen in Weiß hängt in einer Monatagehalterung in der Mitte des Zimmers, daneben liegen Kästen mit Werkzeug und Komponenten. Ein Dutzend halb fertige Räder lehnen in der Ecke. Rahmen, Bremsen, Naben, Felgen, Ketten, ja sogar die Speichen leuchten in den wildesten Farben. Eine psychedelische Farbenkammer mitten in der Leopoldstadt.

“Was in Wien als Citybike verkauft wird, ist meistens unauffällig und grau”, sagt Marcin Dopieralski, “dabei ist Radfahren etwas, das extrem viel Freude bereitet. Ich finde, das Rad soll diese Freude verkörpern “.

Seit fünfzehn Jahren montiert der Absolvent der Bildhauerei-Klasse an der Universität für Angewandte Kunst in Wien in seiner Wohnung Fahrräder. Sogar aus Holz-, Harz und Bambusteilen hat der 33-Jährige schon Gefährte konstruiert. Bisher bloß aus Zeitvertreib. Jetzt formen restaurierte Stahl-Rahmen, moderne Komponenten und ein künstlerisches Farbkonzept eine Geschäftsidee.

Marcin in seiner Wohnküchenwerkstatt in Wien 2. Foto: Bernold

Marcin in seiner Wohnküchenwerkstatt in Wien 2. Foto: Bernold

Die Inspiration dafür kam zu Marcin letzten Winter in Gestalt seiner Bekannten Verena. Die vermochte nämlich kein Rad zu finden, das ihr gefiel, und sie wusste um Marcels Leidenschaft für stählerne Rösser. “Klassisch sollte es sein, und elegant und ,mädchenhaft’ in rosa und weiß gehalten und schnell”, erinnert sich Marcin: “Ich habe zu ihr gesagt: Du kannst so ein Fahrrad nirgends kaufen. Aber vielleicht kann ich dir eines bauen”.

Marcin trieb einen alten Mixte-Rahmen auf, reinigte und lackierte ihn, tauschte, was zu tauschen war und irgendwann stand es da, das alte neue Rad. Verena war glücklich. Marcin war stolz. Und auf der Straße erkundigten sich andauernd Leute, woher Verena schicker Flitzer stamme.

Schicke Farben in Marcins Wohnküchenwerkstatt Foto: Bernold

Schicke Farben in Marcins Wohnküchenwerkstatt Foto: Bernold

Das Interesse bestärkte Marcin. Er löst einen Gewerbeschein und begann sich nach geeigneten Teilen umzusehen. Wie für Verenas Prototypen verwendet er auch für die späteren Modelle klassische alte Rahmen aus Stahl, die nicht nur – wie er sagt –”wahnsinnig viel aushalten”, sondern auch “eine Seele haben”. Über das Internet kauft er die Rahmen in Deutschland, Österreich und Osteuropa ein, kontrolliert sie auf Dellen oder Risse und klärt die Rahmennummern mit der Polizei ab, um nicht an Hehlerware zu geraten. An der Technischen Universität in Krakau lässt er die Rahmen mit Sandstrahl reinigen und den Altlack entfernen. Dank Pulverbeschichtung erstrahlen die Teile bald in neuer Farbenpracht.

Modell Agresia. Foto: http://biq-shop.com/

Modell Agresia. Foto: http://biq-shop.com/

Zurück in Wien versieht Marcin die Rahmen mit Sattelstützen, Felgen und allen sonstigen Komponenten. Farblich abgestimmt und zur Bauart der Rahmen passend. “Alte Gabeln aus den 1970er- und 1980er-Jahren erlauben nicht jede beliebige Art Bremsen und Schaltsätze”, erklärt er. Jedes Fahrrad ist ein Einzelstück und kostet ab 900 Euro aufwärts. “Die Farben können sich meine Kunden aussuchen”, sagt Marcin, “im Endeffekt ist alles möglich”.

Rund 20.000 Euro hat Marcin bisher in seinen Fuhrpark investiert. Derzeit sind im Grazer Mobilitätszentrum zwei Modelle – Agresia und Vagant – ausgestellt. Die komplette Kollektion kann man sich auf Marcins Web-Seite anschauen.

Modell Vagant. Foto: http://biq-shop.com/

Modell Vagant. Foto: http://biq-shop.com/

Im Frühling, hofft Marcin, könnten seine “Räder mit Seele” bereits das Stadtbild bereichern. Für ihn selbst hat sich sein Engagement schon jetzt ausgezahlt. Und zwar in einem ganz anderen Lebensbereich. Seine erste Kundin Verena gewann nämlich nicht nur das rosaweiße Fahrrad lieb, sondern auch den Monteur: Seit Sommer vergangenen Jahres sind Marcin und Verena ein Paar…

Link zu Freitritt, dem Radblog der Wiener Zeitung

Das Sein und der Sinn

Glosse in Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung

Das Deutsche kennt Wörter wie unsinnig, leichtsinnig, widersinnig und freisinnig. Aber es kennt kein Gegenstück zum Wort tiefsinnig. Dabei bräuchten wir eines, um die Gedanken zu beschreiben, die einem beim Radfahren durch den Kopf gehen.

Während die Beine ihr Kreiselspiel treiben und die Orte vorüber ziehen, entstehen Gedanken wie Wolkenbilder. Sie sind kurz da, nur um sich gleich wieder aufzulösen. Fragen oder Impulse sind sie. Fragmente. Bin ich durstig? Hungrig? Wie unerträglich schmerzt mein Hintern? Wo geht es weiter? Der Geruch einer feuchten Wiese, die in der Sonne dampft. Hunde, die den Fremden anzeigen. Ein Reh, das die Straße quert. Unheimlich: Die Kirche von Milesov (im böhmischen Mittelgebirge) hinter den beiden mächtigen Kastanienbäumen. Immer wieder: Euphorie, Ärger. „Warum stutzt keiner die Hecke vor dem Hinweisschild?“ „Weshalb überholt mich dieser Autofahrer so respektlos knapp?“ Keine Erörterung findet statt, keine Antworten werden gegeben. Kaum ein Gedanke, der nicht zur Gegenwart gehörte: Melodie einer Filmmusik. Auszug eines Gesprächs mit einem Freund. Erinnerung an eine Frau, die man liebte. Nichts bleibt lange haften. Alles zieht weiter.

Erst wenn das Etappenziel erreicht ist, das Quartier bezogen und der Magen gefüllt, bleibt Zeit für Reflexion. Außer der Schlaf trägt dich sogleich ins Andersland – auch das kommt vor.

Während ich dies schreibe, sitze ich in Teplice, dem Geburtsort meines Großvaters. Ich bin jetzt sechs Tage unterwegs und habe 600 Kilometer zurückgelegt. Am Vorplatz des Schlosses, der immer noch so aussieht wie vor hundert Jahren, stelle mir vor, wie der kleine Fritz und sein Zwillingsbruder auf dem Kopfsteinpflaster spielten. Dann denke ich wieder über das Denken nach.

Der eingangs beschrieben Zustand muss so etwas sein wie eine instinktive Überlebensstrategie aus einer Zeit, in der die Menschen Nomaden waren. Würde der Geist beim Umherziehen einmal dahin wandern und einmal dorthin, kämen wir nirgends unbeschadet an. Beim Erklimmen von Steigungen etwa, wäre Zerstreuung fehl am Platz. Da ziehe ich die Kappe tiefer ins Gesicht, senke den Blick Richtung Oberschenkel und konzentriere mich auf den Rhythmus der Kraft. Treten. Atmen. „Pumpen“, kommandiere ich dazu, „pumpen!“. Bis der Scheitelpunkt erreicht ist, schaue nicht mehr nach vorn.

In der Reise tauschen wir die Flüchtigkeit unserer Gedanken gegen die Flüchtigkeit unserer Verortung. Umherziehen bindet Gedankenkraft, die Überleben sichern muss und sich darin erschöpft. Erst jetzt, in Teplitz, scheint mir, lassen sich die Bilder und Eindrücke der vergangenen Tage ordnen. Morgen geht es dann weiter Richtung Dresden über Krupka und das Erzgebirge. Und wieder hinein in jenen eigentümlichen Sinneszustand, für den das Deutsche kein Wort kennt.

Wiener Zeitung startet Rad-Manifest

Critical Mass im März 2012. Foto: Walter Skokanitsch

Die “Wiener Zeitung” unterstützt die Fahrrad-Kampagne der britischen “Times” und deren Kampagne zur Erhöhung der Radverkehrsfreundlichkeit mit einem Manifest für ein radverkehrsfreundliches Österreich. Auch in Österreich und da vor allem in den städtischen Ballungszentren soll Fahrradfahren sicherer und angenehmer werden. Zusammen mit der Radlobby IG Fahrrad haben wir deshalb einen Entwurf zur Verbesserung der Radsicherheit in Österreich ausgearbeitet, den wir in den nächsten vier Wochen mit den FahrradfahrerInnen diskutieren wollen. Aus den Vorschlägen, Anregungen und Ideen erstellen wir eine endgültige Fassung des Manifests, das an die österreichischen Parlamentsparteien gehen wird. Damit wollen wir einen gemeinsamen Standpunkt zu den nötigen Verbesserungen für Österreichs AlltagsradfahrerInnen entwickeln.

Hier unterstützen und verbreiten!

Freitritt – Der Wiener Zeitung Fahrrad-Blog

Ab sofort ist es soweit: Mein Fahrradblog “Freitritt” (Dank an Francesco Campagner für den großartigen Titel!) für die Webseite der Wiener Zeitung ist online. Für den Start haben wir uns gleich eine Menge vorgenommen. Inspiriert von der Rad-Sicherheits-Kampagne der britischen Times haben wir etwas ganz ähnliches für Österreich ausgetüftelt. Zusammen mit der Fahrradlobby IG-Fahrrad entwarfen wir ein Manifest, das wir in den nächsten Tagen im Netz (und auch außerhalb) diskutieren wollen. Und am Samstag wird es ein Porträt von Manfred Schindler geben, einem faszinierenden Mann, der trotz oder besser wegen seiner schweren Gehbehinderung in Wien mit dem Fahrrad unterwegs ist…Viel Vergnügen beim Lesen! Weiter strampeln!

Unsre neue Post

Unlängst fand ich einen Zettel an meiner Tür. Darin wurde ich informiert, dass die Sendung aus London – ich hatte bei einem Sportartikelproduzenten eine Fahrradhose gekauft – infolge meiner Abwesenheit nicht hatte zugestellt werden können. Das Kleidungsstück, hieß es in der Notiz, sei am nächstgelegenen FedEx-Standort abzuholen: In der Rauscherstraße – gute 20 Minuten zu Fuß von meiner Wohnung entfernt.

Mein erster Impuls war: Ärger. Befindet sich doch schräg vis-a-vis meiner Wohnung eine Postfiliale. Hätten mir die Briten mein Packerl auf konventionellem Weg geschickt, murrte ich, befände ich mich schon längst wieder daheim Hose probieren. Der folgende Spaziergang entschädigte mich jedoch für den Komfortverlust. Hatte ich doch Gelegenheit, über den Wandel der Welt nachzudenken. Und wie oft hat man das schon.

In diesen ereignisreichen Tagen erleben wir ja das Internet vor allem als Brandbeschleuniger revolutionärer Kräfte. Darüber vergessen wir allerdings leicht die primäre Auswirkung des Netzes: Die Beschleunigung von Konsum. Mussten wir kauffaule Menschen uns früher durch die Einkaufsstraßen quälen, ordern wir jetzt lümmelnd auf der Couch: Ein komplettes Sommer-Outfit bestellen, ist heute weniger aufwändig als die Bereitung einer Tasse Löskaffee. Allerdings: Man spart sich zwar den Gang durch die Geschäfte, nur spaziert man später durch den halben Bezirk, um das Packerl irgendwo abzuholen.

Irgendwo bedeutete in meinem Fall einen Handy-Shop. Zwischen Vitrinen mit Mobiltelefonen und Freisprecheinrichtungen, zwischen Regalen mit gebrauchten Monitoren und Koffern, lagern die Pakete. Als ich das Geschäft betrat, nickte der Geschäftsmann in Richtung seiner verschleierten Frau, die meinen FedEx-Zettel entgegennahm. “Jetzt müsste ich bitte noch ihren Ausweis sehen”, sagte sie, notierte Führerscheinnummer und meinen Namen, ließ mich unterschreiben und händigte mir die Hose aus.

Schlecht funktioniert hat das eigentlich nicht. Ich musste mich nicht anstellen, keiner drängte sich vor, das Service erfolgte prompt und – wie mir schien – äußerst gewissenhaft. Das ist sie also, die die neue Post, dachte ich.

Warum eigentlich nicht? Wer sagt, dass Einwanderer nur Toiletten reinigen dürfen und rund um die Uhr beim Bäcker Gül arbeiten? Jetzt übernehmen sie ebene Aufgaben, die einst pragmatisierte Postbeamte besorgten. Nur dass globalisierte Transportunternehmen ihren neuen Mitarbeitern Dumpingpreise  bezahlen, für die ein arrivierter Postler nicht ein Mal eine Briefmarke abgeleckt hätte.

Vielleicht muss man die Sache aber auch als gelebte Integration betrachten. Kommen doch im kleinen Handyshop Menschen alle Kulturen und Glaubensrichtungen zusammen, solange sie ihre Hosen im Internet kaufen jedenfalls. In diesem Sinn soll mir die neue Post nur recht sein.

Übrigens: Die Hose passte nicht. Ich musste sie zurückschicken.

Glosse für Extra, die Wochenendbeilage der Wiener Zeitung