Andreas Unterbergers Tagebuch: Ein Roadtrip vor der Wahl

Von Wiener Zeitung Chefredakteur Andreas Unterberger

US-Wahlkämpfe zählen zu den spannendsten Höhepunkten der Berichterstattung. Dabei kann man viele politische Trends erkennen, die oft erst Jahre später nach Österreich herüberschwappen; in diesen Wahlkämpfen spiegelt sich die ganze gesellschaftliche Realität der USA; sie entscheiden über jenes Amt, das als das mächtigste der Welt gilt.

Für unsere Berichterstattung haben wir uns daher heuer etwas Besonderes einfallen lassen. Unser langjähriger Redakteur Mag. Matthias Bernold wird drei Monate lang im Bus durch Amerika touren und dabei alle Winkel des riesigen Landes durchleuchten. Er wird darüber auf den außenpolitischen Seiten der “Wiener Zeitung” berichten. Wir wünschen abwechslungsreiche Lektüre.

Erschienen in der Wiener Zeitung vom 1. August 2008

ROADTRIP TO THE WHITE HOUSE

“What are Americans like today?” John Steinbeck wanted to know when he started the trip that he later turned into the book Travels with Charley. 50 years later, it is time to ask the same question again and to follow the great US-American writer’s trail.

This is a multimedia-reporting project. From August to November 2008, a group of international reporters will travel the United States to draw a profile of the USA in the election year. News is provided multilingual in a blog, in print articles, photos, interactive maps, audio-slideshows and/or video, depending on the demands of the media-organisations.

The tour investigates the key issues of these elections – immigration, health care, environment, crime, private possession of firearms and security. It picks up the voices of the men and women in the streets. It will be politics, episodes and anecdotes, a mosaic of stories, an attempt to describe the diversities and contradictions of this nation.

The journey will take us to the battleground states. We will explore the Mexican border and the Bible-Belt. We will compare big city urban areas to old and new suburbia and to the generally declining rural towns of America. We are going to see places hard hit by globalization. There will be excursions to Native American reservations, to places of school shootings and an investigation of the rebuilding process in New Orleans.

Coordinator of the tour is Matthias Bernold, who graduated from the Columbia University Graduate School of Journalism in New York City in May 2008. Bernold works for the Austrian daily newspaper Wiener Zeitung and for the Austrian weekly Falter.

Roadtrip to the White House in der Wiener Zeitung

Bremsenlos trendy

„Ein Bahnrad ist sexy“, behauptet Dave, der gerade frisch in meine WG gezogen ist und der sich jetzt eines kaufen will. Dave hat ein sicheres Gespür für Trends. Und Bahnräder, weiß Dave, sind in New York der letzte Schrei.

Ein Bahnrad ist ein Fahrrad ohne Bremsen und ohne Gangschaltung. Jedes überflüssige Gramm wurde eingespart, um auf der Rennstrecke entscheidende Zehntel- oder Hundertstelsekunden gutzumachen.

In Stadtverkehr sind Bahnräder unpraktisch und unsinnig. Das gilt schon für Wien, wo man auf dem Ringradweg alsbald mit einer Touristengruppe kollidieren würde. Es gilt aber in noch weit höherem Maß für New York. Denn diese Stadt ist für Tretende die Hölle.

Vergessen wir einmal die Qualität der Straßen mit ihren tiefen Schlaglöchern, mit den Asphaltfugen und den gemeingefährlichen Kanaldeckeln, in denen die Reifen hängen bleiben. Vergessen wir die immer blockierten oder verparkten Fahrradstreifen. Das Problem ist, dass New Yorks Autofahrern kein Konzept eines Rad fahrenden Menschen haben: Es ist, als gäbe es Radfahrer gar nicht. Man wird geschnitten. Des Vorranges beraubt. Oder – und das ist eine der größten Gefahren – man kollidiert mit einer sich plötzlich öffnenden Autotür. Alle paar Wochen kommt ein Radfahrer im Straßenverkehr zu Tode.

Es ist eine absurde Irrung, dass das Bahnrad in New York zum unentbehrlichen Stilmittel werden konnte. Aber im Stadtteil Williamsburg in Brooklyn, wo Trends geboren und aufgezogen werden. Wo man zuerst Frauen in bunten Gummistiefeln und Männer in hautengen Skinny Jeans und übergroßen 80er-Jahre Hornbrillen erblickte. Dort, bei den jungen Kreativen gibt es keine anderen Räder mehr. Als wären entbehrliche Einfältigkeiten wie Bremsen, Klingeln, stoßgedämpfte Gabeln oder Gepäckträger überhaupt nie erfunden worden.

Wer sich diese Mode ausgedacht hat, weiß ich nicht. Vielleicht die Fahrradboten. Diese tätowierten, wadenmuskelbepackten Helden der Großstadt, die in aberwitzigem Tempo durch die Autokolonnen mäandern, sind häufig auf den Spezialrädern unterwegs. „Ich brauche die Bremse eigentlich nicht“, erklärt mir einer von ihnen und betrachtet dabei so verächtlich das Einkaufskörbchen an meinem Lenker, dass ich mich augenblicklich dafür schäme. Er arretiert sein Rad gerade am selben Laternenmast, von dem ich meines löse. „Ich bleibe selten stehen“, sagt er, „sollte es doch einmal nötig sein, dann mache ich es so: Ich hebe mit einem Ruck den Hinterreifen an und stemme mich gegen die Pedale. Dann lasse ich das blockierende Hinterrad hinunter und bleibe mit einem Schleiferl stehen“.

Das – muss ich mir eingestehen, während ich noch überlege, mein Einkaufskörbchen abzuschrauben – hat dann doch wieder etwas. Sollte ich umsatteln?

Glosse im Extra, der Wochenendbeilage der Wiener Zeitung

Hirte einer nervoesen Herde

New York. Sonntag, 10 Uhr, St. Patrick’s Cathedral, Fünfte Avenue, Manhattan. Vor dem Haupteingang: eine Traube Touristen. Also ums Eck in die 50. Straße. An der Seite steht die Türe einen Spalt breit offen. Ein Sicherheitsmann mit Kabel am Ohr winkt mich herein, wirft einen Blick in meinen Rucksack. “Es ist o.k”, sagt er, “in einer Viertelstunde beginnt die Messe”. Drinnen ist es still. Hin und wieder klickt ein Fotoapparat. Die Reihen im Mittelschiff sind dicht besetzt. Geschätzte 1500 Gläubige werden es sein. Und immer mehr strömen herein. Auf der Suche nach einem Sitzplatz laufen sie über den hellen Marmorboden.

Am Samstag wird der Papst über denselben Stein schreiten. Seine Gegenwart ist jetzt schon spürbar.

“Willkommen in St. Patrick’s”, sagt Erzbischof Kardinal Edward Egan nachdem der letzten Ton des Orgel-Präludiums verklungen ist. Egan ist der Hausherr hier. Seine Kirche in der 5. Avenue in Midtown vis-à-vis vom Rockefeller Center dient der Erzdiözese New York als Sitz. Das Bauwerk im neo-gotischen Stil wurde vergangene Woche 200 Jahre alt. Ein Anlass zum Feiern. “Und jetzt nähern wir uns schon wieder einem Ereignis historischer Bedeutung”, ruft der Kardinal von der Kanzel in sein Ansteck-Mikrophon und weiter in die Menge: “Der Heilige Vater wird uns nächste Woche besuchen. Wir hoffen auf seinen Segen. Wir beten, dass der Himmel klar sein möge und uns kein Tropfen Regen stört.”

Der New Yorker Erzbischof, der seine sonntägliche Predigt ganz auf den Besuch Benedikts XVI. zugeschnitten hat, wartet sehnlich auf seinen obersten Hirten. Von der Visite des deutschen Papstes – es ist seine erste in den USA – erhoffen sich viele konservative Katholiken Zuspruch und eine neue Orientierung. Die Herde westlich des Atlantik ist nämlich in Aufruhr: Priestermangel, finanzielle Kalamitäten, aufgelassene Kirchen. Und schwer über allem hängt – penetrant wie eine Wolke Weihrauch im Gewölbe – ein hochpeinlicher Missbrauchsskandal.

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Matthias Bernold

Trinkgeld inakzeptabel

Drei mickrige Shrimps in dicker Panier auf einem Häufchen kaltem Erdäpfelpüree. Dazu ein Tiegelchen mit Honigchili-sauce. Das Ganze wird mich dreizehn Dollar kosten, und – das weiß ich sofort – nicht sättigen. Der Kellner hat mir das Gericht empfohlen, nachdem er mich zwanzig Minuten hatte warten lassen. Es schmeckt mir überhaupt nicht, aber Studienkollegin Nadja aus Kanada ist heute 30 Jahre alt geworden und allein deshalb schon traurig. Da will ich ihr die Laune mit Beschwerden nicht noch mehr verderben. Ich spüle den Ärger mit Corona-Bier hinunter.

Zwanzig Leute sitzen an drei Tischen, die für die Geburtstagsfeier zusammen geschoben wurden. Während ich noch im Püree stochere, beginnt der Kellner, leere Sessel zu entfernen. Dann zieht er mir plötzlich den Tisch samt Teller unter der Gabel weg. “Sorry” , sagt er lapidar, “dieser Tisch ist für 20.30 Uhr reserviert” . Beim Zahlen gebe ich nur zwei Dollar Trinkgeld. Für dieses Service, so meine Überlegung, ist das immer noch zu viel. Doch der Kellner sieht das anders: “Zwei Dollar sind nicht akzeptabel” , sagt er.

Welches “Tip” akzeptabel ist und welches nicht, beschäftigt offenbar nicht nur mich und meinen Kellner. Eine Woche nach dem Besuch im “Havana Central” stellt die “New York Times” in einem langen Artikel die Frage, wie man Servierpersonal vor ausländischen Touristen schützen könne, “die sich nicht den lokalen Trinkgeldgebräuchen beugen wollen” . Die Vorschläge des Zeitungs-reporters reichten von fixen Aufschlägen von rund einem Fünftel des Rechnungsbetrages, wie sie schon jetzt in manchen Restaurants üblich sind, bis zu einer Trinkgeldpauschale für Touristen. “Allerdings könnte dies” , merkte der Autor weitsichtig an, “zu Diskriminierungsbedenken führen” . Auch sei es nicht immer leicht, Touristen nur aufgrund des Äußeren von Einwanderern zu unterscheiden.

Nun will ich mich den lokalen Gebräuchen ja nicht verschließen. Ich gebe gerne Trinkgeld. Nicht zuletzt, weil das Service hier um Klassen besser ist als in Wien. Es ist schneller, freundlicher und aufmerksamer. Und ohne die penetrante Aufdringlichkeit, wie in anderen Landesteilen der USA.

Klappt es mit dem Service einmal nicht so gut, fällt einem das umso mehr auf. Nach einigen Minuten zähen Verhandelns mit dem Kellner im “Havana Central” erhöhe ich das “Tip” um einen weiteren Dollar. Er fühlt sich dennoch ungerecht behandelt und ist beleidigt. Nur nicht aufregen, denke ich, als ich mir auf dem Gehsteig vor dem Lokal eine Zigarette anzünde. Der erste Zug hätte mir Erleichterung verschaffen sollen, da legt sich eine Hand auf meine Schulter. Es ist die des Kellners. “Könnten Sie bitte nicht vor dem Lokal rauchen” , sagt er, “es weht den Rauch nämlich ins Lokal, und das ärgert die Gäste.”

Glosse in der Wiener Zeitung

Der superfette Dienstag

New York. Fasching, Football, Vorwahlen. An diesen Dienstag werden sich die New Yorker noch lange erinnern. Die Mardi Gras-(französisch für fetter Dienstag)-Feierlichkeiten sind noch das Wenigste, die gibt es auch in New York in jedem Jahr. Aber der närrische Tag fiel heuer mit dem Super Tuesday zusammen: dem größten Vorwahltag in der Geschichte der US-amerikanischen Präsidentenwahlen. Obendrein gab es noch den Sieg der New York Giants vom Sonntag zu feiern.

Ab sechs Uhr Früh standen Mitglieder der Wahlkomitees parat und vor den Wahllokalen die Amerikaner in der Schlange. Hier, im Herzen des Stadtteils Harlem, mit seiner mehrheitlich schwarzen und hispanischen Bevölkerung, ist die Stimmungslage klar demokratisch. “Die Republikaner sind für die Reichen”, erklärt Jenny Mahorn, die gerade die Schule verlässt…

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