Mediaforschung: Warum werben Sie mit Frauen für Whopper, Herr Mesaric?

12 11 2009

 

Alltagssituation in einer Westernstadt: Am Schuppen lehnt ein Cowboy und klemmt seine Daumen in den Hosenbund. Vor ihm posieren eine Blondine und eine Brünette, die zum Negligé Revolver und hochhackige Schuhe tragen. Ihr Blick: herausfordernd.

Diese angefeuchtete Variante einer Karl-May-Fantasie ist der jüngsten Plakat- und Printkampagne der Restaurantkette Burger King entschlüpft, die damit auf ihren neuen Western Whopper – ein 752 Kalorien starker Hamburger mit Speck und Barbecuesauce – aufmerksam macht. „Wir wollten eine Werbelinie mit mehr Emotion und mehr Menschen“, erklärt dazu Harald Mesaric, Chef der Werbeagentur z-works.

Die neue Kampagne ist mit November in Österreich und in der Schweiz angelaufen. Beim Fotoshooting in der Brigittenauer Millennium City traf Aktfotograf Manfred Baumann auf Modelle wie etwa Anna Hammel, die Miss Austria 2009. Mit den Maßen 90-63-92 entspricht Hammel, rehäugig, aus Gmunden, nicht dem Bild, das man sich gemeinhin von Fast-Food-Konsumentinnen macht. Widerspruch im Werbekonzept sieht Mesaric dennoch keinen. Erstens habe man Mädchen gewählt, „von denen Beobachter sagen: Das könnte auch ich sein.“ Zweitens werde niemand von einem einzigen Western Whopper dick und unansehnlich.

Auch seien nicht diätaffine Frauen Zielgruppe, sondern fleischeslustige Männer. Die reagieren, weiß der Werber, auf elementare Reize. Und verfügen offenbar über das nötige Abstraktionsvermögen, von Frauenleib auf Fleischlaberl zu schließen. „Wir konnten in den letzten neun Jahren tun, was wir wollten“, sagt Mesaric, „aber die Resonanz war minimal.“ Nun sei es anders. „Die Leute“, sagt er, „interessieren sich eben vor allem für Sodom und Gomorrha. Leider.“

Falter” Nr. 46/09 vom 11.11.2009 Seite: 21 Ressort: Medien





Denk doch nicht so viel nach: Hackel lieber!

11 11 2009

Machen statt Schlafen, Schimpfen, Träumen“ lautet die neue Kampagne der Wiener ÖVP. Endlich affichiert jemand, was längst gesagt gehört: Mit Schlafen beginnt der Müßig- und der Untergang. Im Bett sterben die Leut. Zumindest sind sie unproduktiv. Zwischen Schlafen und wohlig Räkeln ist nur ein Augenblick. Wer liegt, hat vielleicht die Hände unter der Tuchent oder – schlimmer – brütet vor sich hin. Träumt von der Zukunft, von Pensionen, Berufschancen oder – noch lächerlicher – von sozialer Gerechtigkeit oder Klimaschutz. Wenn er aufsteht, ist sein Hirn so voll mit Dreck, dass er schimpfen, geifern, aufbegehren muss. Er besetzt Unis, blockiert sogar den Autoverkehr. Dem Ratschlag der ÖVP ist zu folgen: Bürger, lasst die Politiker machen! Selbst wenn euch deren Ideenlosigkeit langweilt: Schlaft bloß nicht ein.

Falter” Nr. 46/09 vom 11.11.2009 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung





Dolm der Woche: Christoph Gruber Cartellverband-Chef

11 11 2009

Christoph Gruber will nicht, dass sich Studenten in alles einmischen

Sieht aus wie ein Dolm, redet wie ein Dolm und ist: ein CVler! Wir wissen schon, auf Altherrenseilschaften hinhacken, bloß weil sie ulkige Kappen tragen, ist boshaft und gemein. Wer es aber so vehement einfordert wie Christoph Gruber vom Cartellverband, der verdient es nicht besser. Schlimm genug, dass er zur ORF-Sendung „Im Zentrum“ im Wichs erschien und aussah wie der Villacher Faschingsprinz, hatte er während zwei Stunden Diskussion nichts zu sagen, außer: dass Studenten zu gesellschaftlichen Fragen schweigen sollen. Guter Gedanke, Herr Gruber. Jeder kümmere sich um seinen eigenen Kram: Studenten um die Mitschrift, Omis um die Pension, Banker um die Marie. Und für Sie organisieren wir demnächst eine Diskussion, die Sie mehr interessiert. Etwas rund um Korpsgeist und Klüngel zum Beispiel.





Endstation Selzthal

7 11 2009

In Selzthal, der Gemeinde, die einmal Rußloch genannt wurde, zittern die Eisenbahner um ihre Zukunft…

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Blick auf Selzthal. Die Bahn drückt den Ort förmlich gegen die Berge

Da, wo sich der Gleiskörper öffnet, um seine Schienenglieder in Richtung Bischofshofen und Richtung Rottenmann auszustrecken, ebenda kam Andreas Sandner auf die Welt. Der Mann, der mit seinen graumelierten Haaren und dem Schnurrbart der Fußballlegende Hans Krankl ähnelt, deutet auf ein Fenster im Oberstock seines Elternhauses. Hinter dieser Scheibe, wo in eineinhalb Meter Entfernung die Dampfloks vorbeirumpelten und sich der Ruß aus den Rauchfangen in dicken Flocken sammelte, rückte ihn vor 56 Jahren die Mutter ins Leben. “Die Eisenbahn hat Selzthal geboren”, sagt Sandner heute, “wenn die Eisenbahn stirbt, wird auch Selzthal zugrunde gehen”.

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Andreas Sandner vor seinem Geburtshaus

Wie ein Seismograf verzeichnet die steirische Gemeinde die kleinen und großen Erschütterungen der Österreichischen Bundesbahn. Wenn im Nationalrat – so wie in der vergangenen Woche – ÖBB-Bedienstete in Bausch und Bogen als Tachinierer verunglimpft werden. Wenn die ÖBB-Güterverkehrstochter Rail Cargo Austria (RCA) ankündigt, Güter künftig vermehrt mit Lkw zu transportieren. Wenn Generaldirektoren Millionen Euro in den Abort der Finanzmärkte spülen und Personalchefs kranken Dienstnehmern unter die Bettdecke lugen. Dann bedeutet das für die Bewohner Selzthals den Bruch einer jahrelang geübten Solidarität und – vor allem – die Bedrohung der eigenen Existenz.

Um die Denkweise der Selzthaler, deren Leben wie nirgendwo sonst an der Eisenbahn hängt, zu verstehen, lohnt sich ein Gespräch mit Sandner, dem Obmann des Sterbevereins. Seit mehr als 80 Jahren gibt es diese Einrichtung. Wenn einer heiratet, so die Tradition, tritt er zugleich dem Sterbeverein bei. Solidarisch teilen sich die Mitglieder im Todesfall die Begräbniskosten. Den Leichnam festlich kleiden, ihn abholen, einsargen, aufbahren und einen Trauermarsch blasen – all das machten die Eisenbahner jahrzehntelang selber, ohne dazu ein kommerzielles Bestattungsunternehmen zu benötigen.

“Aber es funktioniert nur”, erklärt Sandner, “solange hinten einer nachkommt, wenn vorne einer stirbt.” Früher sei klar gewesen, dass, wenn der Vater Eisenbahner war, auch der Bub Eisenbahner würde. Aber jetzt sterben die Alten vorne, und die Jungen hinten gehen weg. Weg von der Eisenbahn, weg von Selzthal.

Lebten in den 60er- und 70er-Jahren knapp 3000 Menschen hier, so sind es heute gerade einmal 1749. Noch immer arbeiten 400 auf dem Bahnhof. Selzthal ist eine schrumpfende Stadt, ähnlich den Stahlindustrie- und Automobilstädten im Rust Belt von Nordamerika, wie Detroit, Pittsburgh oder Youngstown. Sollte die ÖBB, die aufgrund der Wirtschaftskrise massive Einbrüche beim Gütertransport verzeichnet, ihren Stückguttransport wie geplant auf die Straße verlagern, bedeutet das nicht nur 14.000 zusätzliche Lkw, sondern auch deutlich weniger Arbeit für das Verschubzentrum Selzthal. Jobs kostet auch die Schließung von Nebenstrecken, wie zuletzt die der bei Pendlern und Touristen beliebten Gesäusebahn nach Kleinreifling heuer im September.

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Blick aus einer Verschublok

Weniger Arbeit, das heißt weniger Bürger, weniger Kommunalabgaben und weniger Geld für die Gemeinde aus dem Finanzausgleich. Für den Sterbeverein von Andreas Sandner heißt das, dass man nicht mehr die vollen Kosten für die rund 25 Begräbnisse im Jahr übernehmen kann. Den Mitgliederschwund spüren auch der Musikverein, die Naturfreunde und der Eisenbahner-Fußballclub, der nur noch deshalb eine Kampfmannschaft zustande bringt, weil er sich mit dem Nachbarort und einstigen Lokalrivalen Rottenmann zusammenschloss. Heute stehen im Ortskern Geschäftslokale leer. Die Post sperrte 2001 ihre Filiale, die Polizei ihr Wachzimmer.

Die Selzthaler müssen nicht nur immer häufiger zur Arbeit in die umliegenden Orte pendeln, sie kaufen auch anderswo ein. “Ich vergleiche Selzthal mit einer Goldgräberstadt, der das Gold ausgeht”, sagt Bürgermeister Alois Eckmann, Jahrgang 1959, der selbstverständlich vor Beginn seiner politischen Karriere ebenfalls Eisenbahner war. Das Gold von Selzthal ist seine verkehrstechnisch günstige Lage im Zentrum Österreichs.


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Der Ort entstand erst, als die k.k. priv. Kronprinz-Rudolf-Bahn Aktiengesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts mit den Bauarbeiten begann, um die bestehende West- an die Südbahnstrecke anzuschließen. Entlang der Gleise baute die Bahn Wohnbaracken für ihre Arbeiter, die aus allen Teilen des Staatsgebiets kamen. Die Einzigen, die schon früher den sumpfigen Talgrund besiedelt hatten, waren böhmische Torfstecher der Firma Pesendorfer. Das Wasser aus den Gebirgsbächen fand in den Dampfkesseln der Loks Verwendung und das Eis aus dem Speckmoser Teich im Kühlhaus, wo die Brauerei Gösser während des Sommers ihre Bierfässer lagerte, die man mit Pferdewagen zu den durstigen Torfstechern und Eisenbahnern brachte.

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Draisine

Wer von einem der umliegenden Berge auf Selzthal blickt, sieht, wie sich das Bahnhofsareal um die Häuser des Ortes legt wie eine schützende Hand. Eine Hand jedoch, die sehr fest zupackt. Eingekeilt zwischen dem Gleiskörper mit seinen 80 Haupt- und Nebengleisen und den steilen Hängen des Hausbergs Dürrenschöberl, ist nur wenig Raum für weitere Entfaltung oder die Hervorbringung alternativer Geschäftszweige. Der Bahnhof nimmt fast mehr Fläche ein als der Ort selbst. Stählernes Ratatata im Zehnminutentakt – für die Selzthaler gehört es zum Alltag. Täglich kommen rund 60 Reise- und ebenso viele Güterzüge durch: Aus dem Nordwesten aus Salzburg und Bayern, aus dem Nordosten aus Wels und Linz, in südlicher Richtung geht es nach Bruck, Graz und Richtung Westen durch das Ennstal weiter nach Bischofshofen.

“Ich habe die Eisenbahn nie als laut wahrgenommen?, erzählt Traudl Horvath, die ihre Jugend in Selzthal verbrachte, dann für 15 Jahre nach Stuttgart zog, um schließlich mit ihrer Familie in die Gegend zurückzukehren: “Da stört mich der Lärm der Autobahn mehr. Dieses Rauschen, das nie abreißt.” Ein Spaziergang mit Traudl Horvath wird zur Zeitreise in die Hochblüte des Ortes. Es sind die 60er-Jahre, und die Eisenbahner dürfen sich über Lohnerhöhungen und stete Verbesserungen ihrer sozialen Lage freuen.

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Zerstörte Glastür am alten Bahnhofsgebäude

Vom schattigen Ortskern führt der Weg zur Kirche mit dem Café Kurka vis-à-vis, das 1968 Treffpunkt der kräftigen Selzthaler Flower-Power-Bewegung war. Vorbei an der Volksschule, die damals nicht nur 42, sondern 200 Kinder besuchten. Vorbei an der Sparda-Bank und an einer Adeg-Filiale im Gebäude des ehemaligen Kinos. Hin zum neueren Teil des Ortes, der – weil er mehr Sonne hat – “Rosenviertel” genannt wird. 15 Gehminuten vom alten Ortskern baute die Eisenbahn ihren Mitarbeitern Wohnblocks und legte Schrebergärten an.

“Zwischen den Gärten haben wir Verstecken gespielt”, erinnert sich die energische Endfünfzigerin, “und auf der Straße Völkerball”. Gehörten die Straßen am Tag den spielenden Kindern, so nahmen den Ort in den Abendstunden durchreisende Zugmannschaften in Beschlag, die auf der Suche nach Zerstreuung von Gasthaus zu Gasthaus zogen.

“Heute gibt es noch drei Wirtshäuser, damals waren es 14, alle voll besetzt?, erinnert sich Karl Binder, ein ehemaliger Signalmeister und Musikant, “dazu ein paar Bauern, die schwarz ausgeschenkt haben”. Noch heute zeugen die Boxernasen vieler alteingesessener Bahnpensionisten von den Momenten, in denen raue Späße in rohe Handgreiflichkeit übergingen.

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Karl Binder

Wo 90 Prozent der Menschen einem Dienstherrn verpflichtet waren, der nicht nur für Wohnraum, sondern auch für Gesundheit und Alterssicherung sorgte, bildete sich eine Solidarität mit der ÖBB. Und mit der Partei, die traditionell die Interessen der Eisenbahner vertritt: der SPÖ. Selzthal ist blutrot.

Sozialdemokratischer als jede andere Gemeinde Österreichs: Ab 1925 hatten hier die republikanischen Schutzbündler einen Stützpunkt. In der Nazizeit wurde der Trafikant von der NSDAP zum Verwalter des Ortes eingesetzt, während in den Wäldern eine Gruppe Deserteure und Kommunisten ein Widerstandsnest errichtete. Die Selzthaler erzählen heute mit Stolz vom “Kommunistenputsch”, als aus dem Wald angeblich auf das Gemeindeamt geschossen wurde. Aber insgesamt blieb es vergleichsweise ruhig in Selzthal. Qualifizierter Bahnarbeiter zu sein, bedeutete sowohl im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg einen gewaltigen Vorteil. Denn während Bauern und ungelernte Hilfskräfte an die Front gingen, brauchte man die Eisenbahner, um den Nachschub sicherzustellen.

Im April 1945 entrichtete der Ort allerdings hohen Blutzoll, als bei einem Bombenangriff der Alliierten 70 Menschen starben.

“Eisenbahner ist man 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, ein ganzes Leben lang”, erklärt Sterbevereinsobmann Sandner. Er beschreibt Lebensgefühl und Berufsstolz, die Außenstehenden anachronistisch anmuten. Umso mehr, als Eisenbahner heute nur noch als Krankenstandserschleicher, als desorganisierte Verspätungsverursacher und als privilegierte Frühpensionisten in die Schlagzeilen geraten.

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Hans-Peter Groß (l.) und Didi Wassertheurer

Gerade die Diskussion um das niedrige Pensionsalter empfinden viele hier als ärgerlich und ungerecht. “Wie ich nach der Lehre zur Bahn gegangen bin, haben meine Kollegen aus der Privatwirtschaft gesagt: Du bist ja deppert”, erzählt Sandner, “die haben als Lehrlinge mehr verdient als ich als Ausgelernter bei der Bahn nach fünf Jahren. Selbstverständlich bin ich auch deswegen zur Bahn gegangen, weil mir gesagt wurde, dass es ein sicherer Job ist und dass ich mit 35 Dienstjahren in Pension gehen kann.”

Am Stammtisch im Gasthof Eder lassen die Anwesenden kein gutes Haar an der Politik in Wien und an Managern, die – wie es Didi Wassertheurer ausdrückt – “mit Auszeichnung studiert haben, aber von Zügen so wenig verstehen, dass ihnen sogar eine Modelleisenbahn entgleisen würde”.  In Selzthal, der stärksten SPÖ-Gemeinde des Bundesgebietes, wo die Sozialdemokraten trotz Verlusten an die FPÖ immer noch mehr als 70 Prozent der Stimmen halten, ist man enttäuscht.

Hans-Peter Groß, früher Wagenmeister und heute Obmann des Sportvereins, ärgert sich über Lkw-Frächter im ÖBB-Aufsichtsrat, die “nur an einer Schwächung der Eisenbahn Interesse haben”. Egon Sinzinger, der Altbürgermeister, sieht in der Verkehrspolitik der vergangenen zehn Jahre sogar eine “gezielte Demontage” der Bahn.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle eine kleine Rückschau auf die Unternehmensentwicklung der ÖBB halten. Der Staatsbetrieb, der zuletzt auf der Schiene 200 Millionen Fahrgäste und 19.000 Tonnen Güter transportierte, wird für die hohen (und starren) Kosten seiner rund 40.000 Mitarbeiter, für seine hohe Subventionierung durch den Bund (je nach Darstellung wird die Bahn mit zwei bis sieben Milliarden Euro gestützt) sowie für seine unausgegorene Strategie bei Großprojekten von Rechnungshof, Opposition und Medien kritisiert: Je nach politischer Wetterlage werden millionenschwere Investitionen wie der Bau des Wiener Zentralbahnhofs, des Koralm- oder des Semmeringbasistunnels einmal vorangetrieben, dann wieder blockiert. Fünf Jahrzehnte schon reichen die Versuche zurück, die Organisation des stählernen Riesen zu verbessern.

Wenn der Altbürgermeiser von Selzthal von Demontage spricht, dann meint er das Bundesbahnstrukturgesetz der schwarz-blauen Wenderegierung: Die ÖBB wurde damit in Teilunternehmen gespaltet, um auf diese Weise eine transparentere Verwendung von Betriebsmitteln sicherzustellen. Ab 2005 arbeiteten die ÖBBler nicht mehr alle für einen Arbeitgeber, sondern für zehn verschiedene, die bald unterschiedliche und mitunter widerstreitende Unternehmensziele zu verfolgen begannen.

“Wir waren auf einmal nicht mehr Kollegen”, erzählt Groß, “sondern wir mussten jeden Arbeitsvorgang gegenverrechnen”. Die Reform treibt skurrile Blüten. Eine neuerrichtete Werkstatt, die im Jahr 2000 noch von der ÖBB als am besten geführte Servicestelle des Landes gefeiert wird, stellt nach der Strukturreform ihren Betrieb ein. “Wir durften keine Reparaturen mehr selbst durchführen”, sagt Groß, “weil dafür war eine Abteilung in Linz zuständig, und die sind dafür eigens jedes Mal angereist.”

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Alle zehn Minuten fährt ein Zug durch Selzthal

Auch wenn die schwarz-blaue Regierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Verkehrsminister Hubert Gorbach inzwischen Geschichte ist. Obwohl SPÖ-Verkehrsministerin Doris Bures gerade dabei ist, das auch von Rechnungshof und ausländischen Experten kritisierte Strukturreformpaket teilweise rückgängig zu machen, ist den Selzthalern eines klar: Ihr Soziotop, wo Vereins- und Gartenarbeit das Leben der vielen Jungpensionisten bestimmten, wo man gemeinsam anpackte, um 10.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden in den Bau einer neuen Eisstockhalle und die Errichtung eines neuen Proberaums für den Musikverein zu stecken, und wo soziale Wärme herrschte, selbst wenn sich zur Winterzeit die Schneewächten auf den Schienensträngen häuften, ist ein Auslaufmodell.

Die Welt draußen ist eine andere geworden. Eine, in der sich auch Infrastruktur in erster Linie einmal rechnen muss, bevor sie der Gesellschaft nützlich sein darf. Eine Welt, in der zwar viel von Klimaschutz und Schiene statt Verkehrslawine gesprochen wird, in der aber die Verkehrspolitik entgegen ihren Worten handelt. Eine Welt der Transferkonten, in der jeder dem anderen das Schnitzel auf dem Teller neidet. Wo – wie Traudl Horvath es ausdrückt – “in einer Woche die Eisenbahner an den Pranger gestellt werden, in der nächsten die Lehrer, dann die Studenten, dann die Pensionisten und schließlich die Ausländer.” Die Hoffnung, die ÖBB würde sich auf ewig um ihre Stadt kümmern, gibt es nicht mehr. Lieber lässt die zuständige Infrastrukturgesellschaft Nutzflächen brachliegen, Werkstätten stillstehen und Gebäude verfallen, als sie der Gemeinde unter dem Marktpreis abzutreten.

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Ungewisse Zukunft

Die Bewohner suchen nach einer neuen Vision, abseits des Albtraums einer sterbenden ÖBB-Exklave. Der Bürgermeister will Wohnbauprojekte, der Sportvereinsobmann mehr Sportveranstaltungen. Doch viele hängen noch an der Vorstellung, dass der Zug der Zeit auch einmal in die Gegenrichtung abdampfen könnte. Was, wenn der Erdölpreis explosiv stiege? Was, wenn die SPÖ wieder mehr auf ihre Eisenbahner schaute? Was, wenn die ÖBB nach Schweizer Vorbild reformiert würde, sodass die Züge pünktlicher und öfter fahren?

Glaubt man Andreas Sandner, der als Obmann des Sterbevereins viel mit dem Ende zu tun hat, dann hat Selzthal bald die Endstation erreicht. Aber noch fahren die Züge. Und vom höher gelegenen Friedhof im Rosenviertel blickt man über das Tal und zu den Gleisen. Unten fährt gerade eine einzelne Taurus-Lok in Richtung Wels. Bei den Bahnschranken, ungefähr auf Höhe des Friedhofs, betätigt der Lokführer das Signalhorn. Als pfeife er seinen Kollegen einen letzten Salut.

“Falter” Nr. 44/09 vom 28.10.2009 Seite: 20 Ressort: Politik





Hegemon der Straße

6 11 2009

An der Kreuzung Vesterbrogade und Bernstorffsgade springt die Ampel auf Rot. Doch ein Radfahrer schafft es nicht mehr, anzuhalten. Auf seinem bremsenlosen Eingangfahrrad – dem dümmsten Trend seit Erfindung des Segway Stehrollers – jagt er weiter, schleift mit den Füßen am Asphalt, um sein Vehikel zu entschleunigen. Alles vergebens. Quietschend bremsen die Autofahrer. Endlich bekommt der Mann sein Rad unter Kontrolle, biegt links ab und fährt fort, als wäre nichts geschehen.

Was in Wien einen Proteststurm ausgelöst hätte, lässt die Kopenhagener völlig kalt. Kein Hupen, kein Stinkefinger, niemand öffnet das Seitenfenster, um den Mann wüst zu beschimpfen. In der dänischen Hauptstadt haben sich Radfahrer anscheinend einen völlig anderen Status erkämpft. Die Wertschätzung für Drahtesel und deren Fahrer schließt offensichtlich sogar Fehlverhalten mit ein. Immerhin, wissen die Dänen, ist das Fahrrad die perfekte Maschine, konkurrenzlos in Bezug auf Umweltfreundlichkeit, Kosten-Nutzen, Energieeffizienz und Fitnessmehrwert.

Die Kopenhagener Stadtverwaltung hat dies ebenfalls erkannt: Das Radwegenetz ist dicht, sodass keiner auf den Gehsteig auszuweichen braucht. Die Zahl der Stellplätze ist hoch. Die Fahrradwege sind breit genug – bis zu vier Radlern haben nebeneinander Platz, sodass Eltern ihre Kinder und Einkäufe auf dreirädrigen Lastenrädern bequem und sicher durch die Stadt bringen können.

Man muss der Stadt Wien zugestehen, dass auch sie einiges getan hat. Doch selbst, wenn das Radwegenetz ständig erweitert wird, sind die verkehrspolitischen Lösungen immer noch patschert und mitunter gefährlich. Das beginnt bei der mangelhaften Markierung, geht über abenteuerliche Streckenführung bis hin zu klaffenden Lücken im Radwegenetz, etwa entlang der Nussdorfer Straße. Ein offenes Bekenntnis, privaten Autoverkehr zugunsten von Radlern und Flaneuren aus den Innenbezirken zu entfernen, fehlt in Wien.

Als Konsequenz dieser Halbherzigkeit ist der Autofahrer in Wien nach wie vor der unbestrittene Hegemon des öffentlichen Raumes. Was das bedeutet, zeigte sich kürzlich am Nationalfeiertag. Radfahrer, die es wagten, den Ring entlang zu fahren, wurden von Fußgängern, die zwischen Parlament und Universität in Hunderschaften auf den Radwegen promenierten, beschimpft: “Hast keine Haxen!”, “Musst heute mit dem Fahrrad fahren, Depperter!” und ähnliches. In die Empörung mischte sich – so schien es mir – Genugtuung darüber, es den Gehsteigfahrern, Durchschlänglern, Autoverkehrbehinderern endlich heimzahlen zu können.

Auf die Idee, sich mit derselben Präpotenz auf die Ringstraße zu wagen, um auch den Autofahrern ein Stück Öffentlichkeit abzutrotzen, kam allerdings niemand.

“Wiener Zeitung”, Extra; vom Samstag, 07. November 2009





Lugner for President

5 11 2009

Nix gegen Heinz Fischer. Aber als Präsident bringt der’s nicht mehr. Er twittert nicht mal. In einer Zeit allgemeinen Selbstdarstellungsbrechdurchfalls brauchen wir aber einen, der da rausragt. Einen wie Richard Lugner. Als erfolgreicher Unternehmer und Opernballanarchist beweist er Gespür für Themen: gestern noch Michael-Jackson-Imitator, morgen Bundespräsident. Lugner als Staatsoberhaupt, das hieße: totale politische Transparenz von der Angelobung (in der Lugner City) bis hin zu 24/7-Übertragungen aus der Burg. Mit Hofräten und Gesandten statt der Reichen, Schönen und Dummschwätzer, die eh schon keiner mehr sehen will. Gäbe es dazu Präsidialpraktikantinnen vom Format einer Bambi Bruckner, übernähme Österreich vor Italien und Frankreich sogar die erotische Themenführerschaft. Transparenz und gute Laune Nix gegen Heinz Fischer. Aber als Präsident bringt der’s nicht mehr. Er twittert nicht mal. In einer Zeit allgemeinen Selbstdarstellungsbrechdurchfalls brauchen wir aber einen, der da rausragt. Einen wie Richard Lugner. Als erfolgreicher Unternehmer und Opernballanarchist beweist er Gespür für Themen: gestern noch Michael-Jackson-Imitator, morgen Bundespräsident. Lugner als Staatsoberhaupt, das hieße: totale politische Transparenz von der Angelobung (in der Lugner City) bis hin zu 24/7-Übertragungen aus der Burg. Mit Hofräten und Gesandten statt der Reichen, Schönen und Dummschwätzer, die eh schon keiner mehr sehen will. Gäbe es dazu Präsidialpraktikantinnen vom Format einer Bambi Bruckner, übernähme Österreich vor Italien und Frankreich sogar die erotische Themenführerschaft.

“Falter” Nr. 45/09 vom 04.11.2009 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung





Kauf das!

21 10 2009

Der umworbene Tschusch: Ausländerfeindlichkeit prägt Alltag und Wahlkämpfe in Österreich. Hinter den Kulissen werben Politik und Wirtschaft längst um die Zuwanderer

Bericht: Stefan Apfl, Matthias G.Bernold

Vor zwei Wochen trafen Orient und Okzident im gleichnamigen Lokal am Wiener Naschmarkt aufeinander. Drei türkischsprachige Fernsehteams justierten ihre Kameras, ein Dutzend türkischer Journalisten zückte die Schreibblöcke. Sie sollten über eine Novität berichten: Der Mobilfunkanbieter Drei bringt in diesem Herbst sein erstes, eigens für eine ethnische Community geschnürtes Tarifpaket auf den österreichischen Markt. Fünf Cent für Ferngespräche nach Ankara und Istanbul, dazu türkische TV- und Radiosender via UMTS-Streaming. „3 bringt die Heimat aufs Handy“, lautete der Slogan, der am nächsten Tag quer durch die türkische Medienlandschaft zitiert wurde.

Der Medienrummel im Multikultichic ist Ausdruck eines Phänomens, das die österreichische Gesellschaft grundlegend verändert: Zuwanderer werden als Kunden und Wähler wahrgenommen.

Während Kulturrabauken wie FPÖ-Chef H.C. Strache Muslimen zivilisatorische Unreife nachweisen wollen; Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP) Reden hält, ohne das Thema Immigration auch nur zu erwähnen; Josef Cap (SPÖ) Wahlniederlagen mit dem Satz kommentiert: „Es ist Zeit, wieder mehr auf die Österreicher zu schauen“; und Journalisten wie Presse-Chefredakteur Fleischhacker politisch Korrekte als „verrückt“ bezeichnen – und die Krone mit „Große Mehrheit für strengere Ausländer-Politik. An der Ostgrenze regiert die Angst“ titelt. Während Medien und Politik wie gehabt die Ausländerfrage beantworten, werben – zaghaft noch und weitgehend unbemerkt – immer mehr Unternehmen und Politiker um den Ausländer und seinen Spross.

„Wir erleben gerade eine stille Revolution“, sagt der Wiener Integrationsberater Kenan Güngör. „Öffentliche Institutionen und die Wirtschaft haben die Zuwanderer entdeckt“, glaubt Kosmo-Chefredakteur Nedad Memic. „Mittelfristig kann man in Österreich ohne multiethnische Strategien weder Geld noch Stimmen machen“, prophezeit Christoph Hofinger vom Meinungsforschungsinstitut Sora.

Türken als perfekte Zielgruppe

Das begriff auch Drei-Marketingchef Thomas Malleschitz, als man die Kundenstruktur analysierte: Der Anteil türkischsprachiger Kunden war 20 Prozent höher als in der Bevölkerungsverteilung. „Unsere junge türkische Zielgruppe ist sehr kommunikativ. Sie ist technikaffin, heimatverbunden, marken- und konsumorientiert“, sagt Malleschitz. Eine perfekte Zielgruppe? Jedenfalls wächst sie viel schneller als die der österreichischen Plaudertaschen.

Jedes Jahr wandern 20.000 Menschen aus dem Ausland nach Wien ein. Inzwischen hat jeder dritte Wiener einen sogenannten Migrationshintergrund, in Bezirken wie Margareten oder der Brigittenau fast jeder zweite: Migrationshintergrund bedeutet, dass man entweder selbst im Ausland geboren wurde oder Kind von im Ausland geborenen Eltern ist.

Bundesweit trifft das auf 1,44 Millionen Menschen zu. Überrascht? Österreich ist eine Einwanderungsgesellschaft. Das ist ein Faktum. Spin-Doktoren und Integrationsberater raten Politikern noch ab, solche „angstbesetzten“ Begriffe zu verwenden. Denn nach wie vor assoziiert man „Einwanderung“ und „Ausländer“ hierzulande zuallererst mit Problemen. Wie eine vergangene Woche präsentierte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung darlegt, haben Kinder von Einwanderern in Österreich – im Unterschied zu der Schweiz oder zu den USA – selbst bei gleicher Qualifikation deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Der deutsch-kurdische Integrationsexperte Kenan Güngör, der die Stadt Wien berät, ortet in Österreich eine ambivalente Situation: „Einerseits nehmen auf abstrakter politischer und medialer Ebene Xenophobie und Hysterisierung zu“, andererseits sei in Wirtschaft, in Verwaltung und auf landespolitischer Ebene eine zunehmende Pragmatisierung und Professionalisierung feststellbar. Immer mehr Unternehmen folgen den Empfehlungen von Ethnomarketingexperten, den „First-Mover-Advantage“ zu nutzen und rasch die neuen Marktnischen zu besetzen.

Der Möbelhersteller Kika etwa startet im November eine mehrsprachige Kampagne. Der Lebensmittelkonzern Rewe (Billa, Spar) hat bereits die ersten Ethnofoodregale eingerichtet. Und der Milchverarbeiter NÖM überlegt, islamgerechte Produkte anzubieten. Der Mobilfunker Drei schickt dutzende junge Türken mit Flugblättern in Vereinslokale, Bäckereien und Moscheen. „Wenn es sich als Erfolg erweist“, sagt Marketingchef Malleschitz, „werden wir das Angebot auch auf andere Communitys wie die der Exjugoslawen ausdehnen.“ Schließlich leben in Österreich 750.000 Menschen mit familiären Banden nach Serbien, Bosnien und Kroatien.

Anbiederung an die Parallelwelt?

„Die Nachkommen der Einwanderergenerationen geben das, was sie in Österreich verdienen, auch hier aus“, sagt Ivana Cucujkic, Journalistin beim Immigrantenmagazin Biber und Autorin einer Diplomarbeit zum Thema Ethnomarketing. „99 Prozent der jungen Leute verschwenden keinen Gedanken mehr daran, etwas in Kroatien oder Serbien zu investieren“, sagt Cucujkic. „Unsere Eltern haben unten noch ein Haus gebaut, aber das interessiert mich und meine Freunde nicht mehr.“ Cucujkic ist Teil einer Generation, die ihre Muttersprache nicht mehr als Handicap sieht, sondern als Bereicherung ihres Lebenslaufs.Ein Blick nach Deutschland, wo Ethnomarketing seit mehreren Jahren professionell betrieben wird, gibt einen Vorgeschmack auf die eigene Zukunft. Der Telekommunikationsanbieter E-Plus war 2004 einer der Ersten, die mit ay yildiz einen eigenen Tarif für Deutsch-Türken anboten. Mittlerweile schalten Unternehmen wie Citibank, Mercedes und Schuhhändler wie Jello Kampagnen auf Türkisch.

Ein Erfolgsbeispiel für die Erschließung eines ethnischen Markts sind Gummibären von Haribo. Um dieses Produkt für die 3,2 Millionen türkischstämmigen Deutschen genießbar zu machen, musste es erst „halal“ werden, also vereinbar mit den islamischen Ernährungsregeln. Weil Gummibären üblicherweise mit Schweinegelatine hergestellt werden, sind sie für gläubige Muslime tabu. Die deutsche Werbeagentur EthnoIQ empfahl Haribo daher, Gummibären aus Rindergelatine nach Deutschland zu importieren. „Seit zwei Jahren verkaufen wir Haribo halal in Supermärkten in Deutschland“, erklärt Engin Ergün, Chef von EthnoIQ, die auch Drei bei der aktuellen Kampagne berät.

Oder überfällige Normalisierung?

„Hurra, wir kapitulieren!“, würde der deutsche Integrationsskeptiker Henryk M. Broder angesichts dieser Entwicklung wohl ausrufen und die Wirtschaft zeihen, Erfüllungsgehilfe einer Parallelgesellschaft zu sein. Doch tatsächlich findet hier eine Annäherung statt. Zwei unterschiedliche Denkmuster treffen aufeinander, zwei Welten. Der Gummibär als waberndes Symbol eines Prinzips, auf dem auch die europäische Einigung fußt: Handel als Vehikel der Integration.

Es gibt auch in Österreich viele wie Broder, die vom Thron ihrer kulturellen Überlegenheit Ausländer zum Integrationsunterricht verdonnern. Zwar sprechen sie die richtigen Probleme an, seien es Patriarchat, Bildungsferne oder individuelle Unfreiheit im Namen der Religion. Doch übersehen sie dabei gerne, dass Integration zuallererst im Alltag passiert und oft mehr mit Coca-Cola, iPhone und Gummibären zu tun hat und weniger mit Einbürgerungstests, Verfassungstexten und Gesetzen. Sozialromantik verwechseln sie mit sozialen Realitäten.

Von einer „längst überfälligen Normalisierung“ spricht Darko Miloradovic. Der Austroserbe verdankt seinen Job bei der PR-Agentur Ecker & Partner der Tatsache, dass von Unternehmen immer häufiger Anfragen kamen, wie man „die Zielgruppe der neuen Österreicher“, wie er sie nennt, am besten anspreche. Seit Februar sitzt der ehemalige Möbelverkäufer in der neuen Stabsstelle für Migration und interkulturelle Kommunikation und macht, was er am besten kann: Er bringt Leute unterschiedlicher Herkunft zusammen und sorgt dafür, dass Werbung Menschen aus Exjugoslawien, China oder der Türkei erreicht.

„In der Werbung setzt man auf Emotionen“, sagt Miloradovic, „und dieses Gefühl der Nostalgie, der Verbundenheit zu einem Land oder einer Sprache und einer damit verbundenen kulturellen Sehnsucht kann man ansprechen.“ Experten wie Miloradovic helfen dabei, Fallen auszuweichen. So werden etwa die österreichischen Lotterien mit dem Spruch „Heute schon Schwein gehabt?“ langfristig nicht weit kommen. Schließlich sollen laut Schätzungen der Statistik Austria im Jahr 2050 zwei Millionen Muslime in Österreich leben.

Miloradovics wichtigste Partner sind Ethnomedien. Die deutschsprachige Zeitschrift Biber etwa, die eine junge, freche Migrantengeneration vor den Vorhang holt. Oder die türkische Monatszeitung Yeni Vatan Gazetesi (Neue Heimat Zeitung), die vom streitbaren Austrotürken Birol Kilic in einer Auflage von 50.000 Stück herausgegeben wird. Oder das serbokroatische Magazin Kosmo, das seit Mai monatlich in einer Auflage von 120.000 Stück gratis in Vereinslokalen, Geschäften und Zügen verteilt wird. „Wir haben Kosmo trotz der Wirtschaftskrise gelauncht“, sagt Chefredakteur Nedad Memic, „weil öffentliche Institutionen und die Wirtschaft gerade die Zuwanderer entdecken.“

Wer diese Zeitschriften durchblättert, der stößt nicht nur auf fremdsprachige Inserate von Raiffeisen und Volkshochschulen, von Dorotheum oder der Nationalbank. Er bemerkt auch Anzeigen österreichischer Parteien.

Politiker buhlen um die Zuwanderer

Längst buhlen heimische Parteien um die Stimmen der eingebürgerten Zuwanderer, auch wenn dies, verglichen mit den Ethnowahlkämpfen in den USA, noch zaghaft und verstohlen geschieht.

Während die Wiener SPÖ ihren irakischstämmigen Gemeinderat Omar Al-Rawi schon seit Jahren zum Stimmenfang in Moscheen entsendet, haben die Grünen mit Alev Korun sogar eine türkischstämmige Alevitin im Nationalrat. Bislang war diese Strategie – Migranten mit Migranten zu fischen – am erfolgversprechendsten.

Auch die FPÖ hat dazugelernt. FPÖ-Chef Strache posierte im Nationalratswahlkampf 2008 mit Brojanica, einem serbischen Armband. Er zieht die Grenze zwischen Gut und Böse seither nicht mehr zwischen Inländern und Ausländern, sondern zwischen Christen und Muslimen. Und selbst diese Grenze verschwimmt. So reiste der freiheitliche EU-Abgeordnete Andreas Mölzer Anfang des Jahres in die osttürkische Kurdenhochburg Dyarbakir, weil in der krausen Gedankenwelt des deutschtümelnden Burschenschafters Kurden arischer scheinen als Türken. Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Die ÖVP wiederum versucht derzeit, über katholische Kanäle innerhalb der kroatischen Community zu mobilisieren. Und BZÖ-Exvolksanwalt Ewald Stadler suchte im April gar die Armenier heim, als sie des Genozids durch die Türken gedachten.

Einen Ausländerwahlkampf der anderen Art musste auch der rote AK-Chef Herbert Tumpel bei den diesjährigen Arbeiterkammer-Wahlen ausfechten. Bei Kammer-Wahlen sind Migranten ohne österreichischen Pass stimmberechtigt – in Wien sind das bereits 60 Prozent der Wahlberechtigten. Die sozialdemokratische Fraktion schaltete daher nicht nur mehrsprachige Anzeigen in türkischen und serbischen Medien. Tumpel ließ sich aus Kalkül bei Vereinsveranstaltungen, Fußballspielen und gesellschaftlichen Anlässen von Neoösterreichern blicken.

„Machtopportunismus“ nennt Integrationsfachmann Güngör derlei Verhalten von Politikern: „Sie fragen sich: Wenn ich diese Gruppe gewinne, welche andere Gruppe verliere ich dadurch?“ Wer etwa um die Türken buhlt, könnte sich bei Armeniern und Kurden schwertun. Wer auf Serben fokussiert, vergrault Kroaten und Albaner. Und wer zu selbstbewusst auf Migranten zugeht, verliert die Stimmen mancher Einheimischen.

Integration als Wählerbetreuung

Auf die massiven Änderungen der Demografie hat auch die Stadt Wien reagiert, die mit mehrsprachigen Informationsbroschüren und eigenen Aufklärungskampagnen in den Zuwanderercommunitys präsent ist. „Dass die Wirtschaft die Zuwanderer entdeckt“, sagt die Wiener Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ), „ist ein wichtiger Schritt in Richtung Normalisierung.“

Zusammen mit Wirtschaftskammer und Wirtschaftsförderungsfonds unterstützt die Stadt Programme für Zuwanderer als Arbeitskräfte und Unternehmer. Für die SPÖ ist das Engagement nicht zuletzt auch eine Investition in eigene Kernwählerschichten. „Migranten sind das neue Proletariat von Wien“, sagt Frauenberger. So wird Integrationsarbeit zur permanenten Wählerbetreuung. Frauenberger: „Die Menschen merken ja, wer kurz vor der Wahl auf einen Sprung vorbeischaut und wer sich wirklich um sie kümmert.“

Wie erfolgreich die Annäherungsversuche von Parteien und Unternehmen letztlich sind, lässt sich derzeit nicht sagen. Noch gibt es zu wenige Untersuchungen zu Konsum- und Wahlverhalten von Migranten. „Migranten sind politisch kaum festgelegt“, sagt Sora-Meinungsforscher Christoph Hofinger, „sie hatten lange das Gefühl, der österreichischen Politik wurscht zu sein.“ Das Interesse am Alltag von Zuwanderern steige laut Hofinger jedenfalls. Mit gutem Grund. In einer Stadt wie Wien, wo jeder Zweite unter 18 Jahren Migrationshintergrund hat, komme weder Wirtschaft noch Politik ohne multikulturelle Strategien aus.

Ab dem Moment, wo Migranten politische Wahlen und Unternehmensumsätze maßgeblich mitbestimmen, so die Hoffnung, könnte das die öffentliche Wahrnehmung von Migranten und letztlich den Ton in den heimischen Integrationsdebatten verändern. Dieser Moment scheint gekommen. Wie es weitergeht?

„Die Einteilung von Zielgruppen nach ethnischen Kriterien wird im politischen und wirtschaftlichen Marketing langfristig eher abnehmen“, sagt Meinungsforscher Hofinger. Mit zunehmender Eingliederung der Einwanderergruppen in die Gesellschaft geht es nicht mehr darum, woher jemand kommt, ob Orient oder Okzident, sondern welche politischen und ökonomischen Verhaltensmuster und Werte er aufweist.

“Falter” Nr. 43/09 vom 21.10.2009 Seite: 10 Ressort: Politik





Eduard Zimmermann: Ein Jäger der Mörder — ein Gastgeber der Angst

22 09 2009

So wohlig konnte der Ofen nicht wärmen, als dass uns keine Gänsehaut am Nacken war. So gut konnte der Riegel nicht schließen, als dass wir die Tür nicht abermals kontrollierten. Draußen im Dunkel vor dem Fenster: Regte sich da nicht was? Und blickte begehrlich in die Stube?

Wenn sich Eduard Zimmermann in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ an seine Zuseher wandte, taten Eltern gut daran, die Kinder zuvor ins Bett zu stecken. Psychotische Raubmörder, sadistische Leuteschinder, Unholde in den Kellern: Zimmermann bat sie hinein in die Wohnungen und mit ihnen die Angst.

Die Erinnerung an den am Sams-tag Verstorbenen weckt Erinnerung an ein Stück Fernsehen, das keine Spezialeffekte brauchte, um Horror zu erzeugen. Keine Stunts, keine Explosionen, keine FBI-Agenten mit Übersinn. Ein paar Laiendarsteller mit Damenstrümpfen überm Kopf waren genug.

Und Zimmermann, der die Zuseher durch dicke Brillen anstarrte, während er mit sonorer Stimme „sachdienliche Hinweise“ forderte. Dem beamtenhaft wirkenden Moderator, der selbst lange Kleinkrimineller war und als Spion in der DDR fünf Jahre in Haft saß, verdankte die seit 1967 ausgestrahlte Sendung ihren Erfolg. 40 Prozent der Fälle wurden laut ZDF aufgeklärt.

Als „Treibjagd mit moralischem Alibi“ kritisierte der Spiegel das Format. Doch mehr als die Täter mussten sich wahrscheinlich die Zuseher vor Zimmermann fürchten. Für seine Hinwendung zum Guten ließ der Mitbegründer der Verbrechensopferhilfeorganisation Weißer Ring die Gesellschaft bitter büßen: durch stete Erinnerung an das Böse.

“Falter” Nr. 39/09 vom 23.09.2009 Seite: 6 Ressort: Meinung




Endlich: Geschlechterkampf ist obsolet!

22 09 2009

Unterwegs mit dem Mazda 3 MPS: Macht Spaß.

Unterwegs mit dem Mazda 3 MPS: Macht Spaß.

Was wir in Kindertagen lernen, brennt sich in unser Gedächtnis wie heißer Gummi auf harten Asphalt. Gut kann ich mich an Familienausflüge mit dem Auto erinnern. Ich saß hinten und sekkierte meine Schwester. Auf dem Beifahrersitz saß Mama mit der Straßenkarte, die sie hektisch wendete und drehte. Hinter dem Steuer saß mein Vater und schrie.

Damals begriff ich, dass es sich bei Autofahrten um intersexuelle Extremsituationen handelt. Ich lernte, dass sich Männer häufig verfahren und dass ihre Frauen daran Schuld tragen. Einmal, als Papa wieder besonders zornig war, wurde es Mama zu blöd: Sie schmiss die Straßenkarte aus dem Fenster. Ich blickte dem Papier durch die Heckscheibe nach, wie es über die Autobahn flatterte und schließlich hinter einer Schallschutzmauer verschwand.

Emanzipatorische Befreiungsschläge wie dieser sind heute glücklicherweise obsolet. Die Technologie hat den Geschlechterkampf in den Cockpits überflüssig gemacht. Nehmen wir den neuen Mazda 3 MPS. 2000 Kilometer quer durch Deutschland und Österreich – dank Navigationssystem schafft das heute jeder Trottel. Zur Not auch ohne Beifahrerin. Nur die Frauenstimme des Fahrtencomputers erinnert noch subtil daran, wie es früher einmal war. Weitere Kontrolleinrichtungen – Regensensoren, Scheinwerferautomatik, Seitenspiegel, die sich bei Gefahr selbsttätig einklappen, und Einparkhilfen – verhindern, dass man der Beifahrerin den in der Arbeitswoche aufgestauten Groll entgegenrotzt. Wut und geschlechtliche Spannung weichen daher Philemon-und-Baucis-hafter Harmonie. Hier gleitet ein Idealbild der Partnerschaftlichkeit durch die kurvenreiche Tauernregion.

Vorbei an schroffen Gebirgsformationen und kleinen Bergdörfern. Vorbei an Kühen und Haflingerfohlen und an einem dicken Dachs, der gerade noch heil die Straße quert. Was für ein Leben! Welcher Steuermann könnte da noch grantig sein? Noch dazu, wenn er von der Geliebten mit deftigen Bergkäsebroten gelabt wird. In Vorarlberg heißt das „Bräand“.

Die beschte Beifahrerin von allen.

Die beschte Beifahrerin von allen.

Was den Mazda für Menschen mit Spieltrieb interessant macht, ist natürlich der Motor. Die japanischen Ingenieure zauberten aus dem kleinen 2,3-Liter-Vierzylinder-Reihenaggregat 260 Pferdestärken. Das ist mächtig viel Dampf für ein frontgetriebenes Fahrzeug. Für Fahrwerk und Elektronik bedeutet es einen großen Aufwand, um den breit grinsenden Boliden auf Kurs zu halten. Der Mazda zeigt nicht nur direkten Konkurrenten wie Golf GTI, Honda Civic Type R und Audi A4 den Stinkefinger, sondern er düpiert auch jene, die sonst gewöhnt sind, anderen durch Aufblenden und Auffahren ihre finanzielle Überlegenheit zu bedeuten. Die Kraft kommt beim MPS übrigens aus einem Turbolader, der durch auffällige Nüstern in der Motorhaube Luft saugt, um sie dann verdichtet in die Brennräume zu pressen. Schon bei leichtem Tritt aufs gelochte Gaspedal drückt es dich in den Schalensitz, krallen sich deine schwitzigen Finger nacktschneckenhaft ins Lenkrad. Bei Geschwindigkeiten von weit jenseits der 200 km/h auf der Autobahn zwischen München und Lindau wird es still im Wagen. Kurz hört sogar mein Mädchen zu plaudern auf. Zeit, ein bisschen über den Tod nachzudenken.

Doch fort, ihr düsteren Gedanken! Das dichte Verkehrsaufkommen verhindert jeden weiteren Geschwindigkeitsexzess. Pastellige Gelassenheit füllt erneut den Innenraum. Erst am Rückweg von Vorarlberg über Osttirol und Kärnten habe ich endlich Gelegenheit, an Kindertage anzuknüpfen. Als wir uns unerwartet auf der Brennerautobahn finden, obwohl wir doch über den Felberpass nach Osttirol wollten, herrsche ich geistesgegenwärtig meine Begleiterin an: „Weißt du nicht, dass es ein Matrei am Brenner und ein Matrei in Osttirol gibt? Kannst du nicht besser darauf achten, was ich ins GPS eintippe?“

“Falter” Nr. 39/09 vom 23.09.2009 Seite: 34 Ressort: Mobilität




Hero der Woche: Joschka Fischer

22 09 2009

Von Joschka Fischer können wir lernen, was es heißt, Farbe zu bekennen

Tigerenten mögen bunt und drollig sein, aber nichts hat Farbenpracht wie Joschka Fischer. Der Mann ist ein Chamäleon, das den politischen Regenbogen diagonal entlanggaloppiert. Je älter er wird, umso schneller galoppiert er. Je schneller er galoppiert, umso rasanter wechseln die Farben. Einst am blutroten Rand, warf er Steine gegen die Ordnungsmacht. 15 Jahre später changierte er als Grüner mit weißen Sportschuhen in die hessische Landesregierung. Alle paar Jahre verblasste ein Farbton, trat ein neuer hinzu: Realo, Bundestagsabgeordneter, Außenminister in dunklem Anzug. Inzwischen schimmert Fischer in Kontrastfarben. Steht als Nabucco-Berater im Sold der Erdöl- und für BMW im Sold der Automobilindustrie. Listig, Herr Fischer, listig: Wer seine Feinde nicht besiegen kann, der nehme ihre Farbe an.

“Falter” Nr. 39/09 vom 23.09.2009 Seite: 9 Ressort: Politik