Klimawandel: Man wird bescheiden

3 12 2009

Mit der traurigsten Kyoto-Bilanz aller EU-Staaten reist Österreich nach Kopenhagen. Wie gehen die Verhandler damit um?

Wer den Lebensminister an seinem Arbeitsplatz besucht, dem fallen die beiden KTM-Fahrräder im Vorzimmer auf: Vor der Sitzgruppe beim Fenster lehnt ein Elektrofahrrad, daneben ein buntes Citybike für Damen. Mit ersterem war Nikolaus Berlakovich sogar schon auf dem Großglockner. Ansonsten dürften die Gefährte die Räumlichkeiten des Kabinetts noch nicht sehr oft verlassen haben. Die Ketten sind staubfrei, die Reifen recken noch die kleinen Gummitentakel in die Höhe, die sie erst nach ein paar Kilometern Asphalt verlieren.

Die prominent platzierten Fahrräder stehen symbolisch für den österreichischen Klimaschutz. Nur vordergründig bemüht man sich um ein untadeliges Öko-Image: beschließt halbherzige Ökostrompakete und Klimaverträglichkeitsprüfungen. Vor zwei Wochen veröffentlichte die EU-Kommission einen Bericht, wonach Österreich als einziges Mitglied der EU15 sein Kyoto-Ziel verpassen wird. Statt gegenzusteuern, wird in der Wirtschaftskrise mit einer Verschrottungsprämie zum Autokauf animiert. Auch das hat Symbolwert: Am autofreien Tag, den immerhin sein eigenes Ressort zusammen mit dem Klimaschutzbündnis veranstaltete, pendelte der Umweltminister mit dem Dienstwagen vom Burgenland in die Innenstadt.

Welchen Beitrag kann Österreich bei dieser kläglichen Ausgangslage zum Weltklimagipfel leisten? Wie ehrlich ist es, sich neu zu verpflichten, wenn das Land schon bei der Erfüllung des alten Paktes scheiterte? Und wie geht es den österreichischen Unterhändlern, die nächste Woche nach Kopenhagen fahren?

Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, kann man sich ins Umweltministerium begeben, jenen Teil des Lebensressorts, der getrennt vom Landwirtschaftsressort und dem Ministerbüro – in einem dunklen 1970er-Jahre Zweckbau in der Stubenbastei untergebracht ist.

In einem winzigen Büro mit Aquarellen an den Wänden bereitet sich dieser Tage die Juristin Gertraud Wolansky auf die Klimakonferenz vor. Über ihren Schreibtisch wandert seit zwei Jahren jedes Stück Papier, jeder Vertragsentwurf und jeder Abänderungsantrag, der in der vorbereitenden Arbeitsgruppe „Verpflichtungen für Industrieländer“ zum Klimagipfel, in der Wolansky den stellvertretenden Vorsitz führt, besprochen wird.

Zwölf Jahre ist Gertraud Wolansky schon mit internationalen Umweltschutzverträgen befasst. „Man wird bescheiden“, sagt sie heute, „auch uns geht es in den Verhandlungen oft zu langsam“.

Internationale Vertragsverhandlungen laufen in der Regel so ab: Die Vorsitzenden verfassen einen Basistext. Die Parteien reichen sodann Ergänzungen und Änderungsvorschläge ein, die in eckigen Klammern zum Kernentwurf gestellt werden. Bei den Klimakonferenzen auf Expertenebene – heuer gab es bereits fünf – feilschen die Beamten in den Sitzungssälen, während der Text an die Wand projiziert wird. „Die Kenntnis der Geschäftsordnung ist dabei das allerwichtigste“, sagt Günther Liebl, Sektionschef im Umweltministerium, „wenn du nicht weißt, in welchem Verhandlungssaal du gerade sein musst, wie die Abstimmungsmodalitäten sind und wann in welcher Form du einen Antrag einbringen kannst, bist du verloren.“ Wieder und wieder stimmt man über die Optionen ab, schließt Varianten aus, präzisiert Formulierungen. Schrumpft den Text von ursprünglich mehreren hundert Seiten immer weiter zusammen. Das letzte Wort sprechen die Umweltminister. Bis zum Schluss – wie im Fall des Kyoto-Protokolls zum Beispiel – gerade einmal 34 Seiten stehen.

Zwei Kernziele verfolgt man in Kopenhagen: Ein Nachfolgeabkommen für die 2012 endende erste Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls zu beschließen. Und – zweitens – auch jene Staaten ins Boot zu holen, die beim letzten Mal draußengeblieben waren. Vor allem die USA und China, die beiden größten Dreckschleudern: Von den rund 28 Milliarden Tonnen Treibhausgas, die der Mensch jährlich in die Atmosphäre stößt, stammt die Hälfte von dort.

Obwohl über die Dimensionen des Klimawandels und dessen verheerende Auswirkungen heute unter Wissenschaftlern und Politikern weitgehend Konsens herrscht, stehen die Chancen für eine Einigung momentan schlecht. Zum einen, weil die USA keine verbindlichen Zugeständnisse machen können, da ihr nationales Klimapaket im Senat feststeckt. Zäh laufen die Verhandlungen aber auch, weil es um mehr geht als nur um die Berechnung und Begrenzung von Gaspartikeln. „Die Entwicklungsländer versuchen“, sagt Michael Desser, der für das Außenministerium nach Kopenhagen fährt, „über die Gespräche zum Klimaschutz auch die historische Ungerechtigkeit in der Welt zu beseitigen“.

Da geht es um den Nord-Süd-Konflikt zwischen den reichen Industrienationen, mit ihren ehemaligen Kolonien, die heute in der Schuldenfalle sitzen und kein Geld für teure Anpassungs- und Schutzmaßnahmen haben. Es geht um Ernährungsfragen, um Wasserverteilung, um schwelende Konflikte, die durch den Klimawandel angeheizt werden. Um Millionen Menschen auf der Flucht. Es geht um wirtschaftliche Interessen wie Standortschutz, Konkurrenz und um Patente auf Grüne Technologie. Dazu bringen die Staaten ihre Partikularinteressen ein: Für Österreich – das seine Position mit den anderen EU-Staaten in Einklang bringen muss – wird das etwa die Bewertung von Nuklearenergie sein, oder auch die Frage der CO2-Bilanz der Forstwirtschaft.

Unter den rund 15.000 Delegierten, die ab Montag im Bella Center am Stadtrand von Kopenhagen aufeinander treffen, sind – neben den verhandelnden Beamten – auch Wissenschaftler, Lobbyisten und die Vertreter von NGOs. Alle versuchen, in letzter Minute noch ihre Anliegen in den Vertragstext zu quetschen.

Österreich entsendet insgesamt 25 Delegierte. Neben den Unterhändlern sind Leute wie Andreas Zahner von der Entwicklungshilfeorganisation Care dabei, der ankündigt, ein bisschen Bewegung in dieses „Mikadospiel“ zu bringen, „in dem der verliert, der sich zuerst bewegt“. Der studierte Biologe will vor allem eines erreichen: „Dass Menschen in extremer Armut die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.“ In Zahlen übersetzt heißt das: Jährlich rund 100 Milliarden Euro an Grünen Investitionen, damit sich die Entwicklungsländer an die Erderwärmung anpassen können. Von dieser Zahl geht zumindest Nicholas Stern, der ehemalige Weltbank-Chefökonom und jetzige Leiter des volkswirtschaftlichen Dienstes der britischen Regierung, aus. Für die Umweltorganisation Global 2000 reist der gebürtige Schweizer Manuel Graf nach Kopenhagen, der darauf drängen will, dass die EU ehrgeizigere Ziele fasst als 20 Prozent Emissionsreduktionen bis 2020: „Weil jeder Europäer pro Kopf etwa drei Mal so viel CO2 emitiert wie ein Chinese.“

Interessensvertreter wie Graf oder Care-Mann Zahner sehen die Konferenz als Chance, nahe an Entscheidungsträger heranzukommen, die hier von acht Uhr morgens, wenn das Tagesprogramm festgelegt wird, bis spät in die Nacht zwischen Verhandlungen und Rahmenveranstaltungen hin- und herwuseln. Im Gepäck haben Graf und Zahner, die nicht bei allen Verhandlungen dabei sein dürfen, wissenschaftliche Analysen und Forderungskataloge, die sie bei Gelegenheit den Delegierten zustecken. Während die Vertragstexte in den Verhandlungsrunden kleiner und kleiner werden, „achten wir darauf, dass nichts Wichtiges rausfällt“, sagt Zahner. „Wir haben eine Watchdog-Funktion“, erklärt Graf, „wir halten die Leute draußen darüber auf dem Laufenden, was drinnen passiert.“

Mit Ausnahme von Barack Obama, der in der ersten Woche vorbeischauen wird, stoßen die Regierungsmitglieder – so auch Berlakovich – erst in Woche zwei zu der Tagung. „Gerade in den letzten Tagen gibt es eine große Dynamik“, sagt Berlakovich, „da sind Überraschungen möglich.“

Auch wenn der Minister beteuert, wegen der traurigen österreichische Kyoto-Bilanz keinen Nachteil zu haben: Leicht verhandelt es sich mit so einer Ausgangslage nicht. Als einziges EU-Mitgliedsland verfehlt Österreich nicht nur sein Kyoto-Ziel der Reduktion der Treibhausgase. Sondern die Emissionen stiegen im Vergleich zum Basisjahr 1990 sogar noch. Der Klimaschutzbericht des österreichischen Umweltbundesamtes, geht davon aus, dass das Kyoto Ziel für Österreich unerreichbar geworden ist. Für das Jahr 2020 rechnen die Experten den CO2-Ausstoß zumindest auf 90 Millionen Tonnen CO2 hoch. Wenn nicht gegengesteuert wird, werden es sogar 98 Millionen Tonnen sein – ein Plus von 20 Prozent. Für diesen Verstoß gegen den völkerrechtlichen Vertrag müsste Österreich bis zu 500 Millionen Euro zusätzliche CO2-Zertifikate ankaufen.

„Wir brauchen eine nationale Kraftanstrengung“, mahnt Umweltminister Berlakovich. Aber die engen Kompetenzen seines Ressorts lähmen sein Vorhaben. „Es ist nicht so“, betont Berlakovich, dass Klimaschutz nur den Umweltminister etwas angeht. Ich hoffe, dass im Lichte des Klimagipfels ein allgemeines Umdenken statfindet“.

Bisher vermochte die österreichische Klimastrategie nicht zu überzeugen. Reduktionen bei Raumwärme und Landwirtschaft durch die Förderung der thermischen Sanierung oder die Produktion von Biosprit sind zwar ehrenhaft. Doch der Autoverkehr, der heute doppelt so viele Emissionen wie 1990 erzeugt, bleibt unangetastet. Maßnahmen wie stärkere Geschwindigkeitskontrollen und erhöhte Treibstoffeffizienz genügen nicht, um die Vervielfachung des Straßenverkehrsaufkommens zu kompensieren. Weitergehende Ansätze, wie eine Hebung der Mineralölsteuer, sind nicht einmal angedacht. Das schlechte Abschneiden bei den Kyoto-Zielen darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Österreich 2006 bei den Treibhausgasemissionen pro Bruttoinlandsprodukt immer noch an drittbester Stelle lag. Nur Schweden und Frankreich wiesen niedrigere Emissionen pro Kaufkraftstandard auf.

An diese im internationalen Vergleich günstige Bilanz erinnert auch Dieter Drexel, der Umweltbeauftragte der Industriellenvereinigung, der dagegen ankämpft, dass die EU beim Klimaschutz „weiter vorprescht“. Ähnlich wie Drexel argumentiert auch Isabella Plimon, die Klimalobbyistin der Wirtschaftskammer, die die Notwendigkeit einer globalen Vereinbarung hervorstreicht und ansonsten auf positive Anreize setzt: Windräder, Biomassekraftwerke. „Wir müssen das Klimaproblem mit Hilfe innovativer Technologie lösen“, sagt Plimon.

Zwischen Lobbyisten und Umweltschützern, umgeben von seinen Beamten und im Einklang mit den anderen EU-Ministern, wird Umweltminister Berlakovich in zwei Wochen das letzte politische Wort sprechen. Zwei Herausforderungen hat er dabei zu meistern: Dass er – anders als seine Vorgänger – ein Abkommen schließt, das für Österreich erfüllbar ist und dem Land nicht neuerlich Strafzahlungen beschert. Und: dass er die umweltpolitische Wende in diesem Land wirklich vorantreibt und nicht nur so tut als ob.

Das hätte Symbolkraft: wenn er die Fahrräder, die in seinem Zimmer parken, auch bestiege.

“Falter” Nr. 49/09-Extra vom 02.12.2009 Seite: k6 FALTER KLIMA-SPECIAL




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1 12 2009
By Stefan Apfl & Matthias G. Bernold
Behind the scenes, politics & business has long courted immigrants

Two weeks ago, the Orient and Occident collided in a pub by the same name in Vienna’s Naschmarkt.

Three Turkish-speaking television teams adjust their cameras, a dozen Turkish journalists pull out their writing pads. They are to report on a novelty: This fall, the mobile telephone company, 3 (Drei), is bringing out for the first time in Austria, a fixed rate package especially for an ethnic community. Five cents for a long-distance call to Ankara and Istanbul, with Turkish TV and radio channels via UMTS streaming. “3 brings ‘home’ to your mobile phone,” says the slogan, which is quoted across the Turkish media the next day.

The media hype in the form of “Multikulti-chic” is an expression of a phenomenon which is fundamentally changing Austrian society: Immigrants are being seen as customers and voters.

Cultural philistines such as the FPÖ (Austria’s Freedom Party) leader H.C. Strache want to prove the civil immaturity of Muslims; Vice-Chancellor Josef Pröll of the ÖVP (Austria’s People Party) holds speeches without even mentioning the topic of immigration; Josef Cap of the SPÖ (Austria’s Social Democratic Party) comments on the election defeats with the sentence “It is time to focus more on the Austrian people”; and journalists such as Die Presse managing editor Fleischhacker characterize political correctness as “crazy,” and the Kronenzeitung headlines read “Large majority for stricter immigration policies; Fear rules on the eastern borders.”

While the media and politics face the immigration question with the same old answers, more and more companies and politicians – hesitantly and largely unnoticed – target immigrants and their offspring.

“We are currently witnessing a quiet revolution,” says the Viennese integration worker, Kenan Güngör. “Public institutions and the economy have discovered the immigrants,” believes Kosmo managing editor Nedad Memic. “In the mid-term, you can’t make money or votes without multi-ethnic strategies,” observes Christoph Hofinger, of the polling institute, Sora.

Read the whole article in The Vienna Review:





Kommentar: Schrott, Straßen, Speckgürtel: warum Klimapolitik scheitert

21 11 2009

Als der damalige VP-Umweltminister Martin Bartenstein 1997 in Kioto seine Unterschrift unter das UN-Klimaprotokoll setzte, kommentierte er vollmundig: „Das war nur ein Anfang. Wir haben den Fuß in der Tür, die wir in den nächsten Jahren aufstoßen müssen.“ Zwölf Jahre später zeigt sich, dass die Tür in der Zwischenzeit nicht aufgestoßen wurde, sondern vernagelt.

Der Klimabericht der EU-Kommission von vergangener Woche ist ein weiterer Beleg dafür: Das Land verfehlt als einziges der alten EU-15 seine vertraglichen Ziele bei der Emissionsreduktion. Die Gründe dafür sind eine einlullend günstige Ausgangslage zu Beginn der 90er-Jahre sowie Feigheit und Fantasielosigkeit. Das zeigte sich etwa, wenn Wirtschaftsminister – unter ihnen auch Bartenstein, der dieses Ressort später übernahm – die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen im Dienste der Industrie hintertrieben. Das zeigte sich beim Ökostromgesetz, das man zugunsten der Energiekonzerne in lendenlahmer Fassung beschloss.

Vor allem zeigt es sich beim Autoverkehr, der für ein Drittel der CO2-Emissionen verantwortlich ist und dessen Anteil stetig wächst.

Statt auf den Verzicht fossiler Brennstoffe und auf ein geringeres Verkehrsaufkommen hinzuwirken, setzt die Politik kontraproduktive Anreize: Sie bietet Verschrottungsprämien, treibt die Zersiedelung voran, baut Umfahrungen, Tunnelröhren und legt Bahnlinien still. Sie will sogar den Gütertransport von der Schiene auf die Straße verlagern.

Keine leichte Ausgangslage für die österreichischen Verhandler in Kopenhagen. Wenigstens kann diesmal keiner behaupten, dass in Österreich alles zum Besten stünde.

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung




„Sie nennen mich einen Spinner“

21 11 2009


Ludwig Adamovich ist der angesehenste Jurist des Landes. Nun wurde er von Natascha Kampuschs Mutter geklagt. Wie konnte es dazu kommen? Was treibt den Berater des Bundespräsidenten an?
Porträt: Matthias G. Bernold und Florian Klenk

Rote Tapetentüren, an den Wänden Brokat, ein Kristallluster, der, von der meterhohen Decke hängend, das Licht tausendfach bricht. Hier in der Hofburg, wo einst die Berater des Kaisers logierten, sitzt Ludwig Adamovich, 77, auf einem der weiß-golden lackierten Plüschsessel und sagt: „Die Leute nennen mich einen Spinner. Das kränkt mich.“

Der angesehenste Jurist des Landes hat sich seinen Lebensabend wohl etwas anders vorgestellt. Er war Präsident des Verfassungsgerichtshofs, er ist der ehrenamtliche Berater des Bundespräsidenten. Dann ließ er sich vom Innenminister dazu breitschlagen, als Präsident der Kampusch-Evaluierungskommission zu arbeiten. Und nun das: ein Ehrenbeleidigungsprozess.

Nicht nur Adamovich ist dieser Tage gekränkt. Auch Brigitte Sirny, eine Schneiderin aus der Donaustädter Rennbahnwegsiedlung fühlt sich beleidigt – durch ihn, den Ehrenmann. Das Leben in Priklopils Gefangenschaft könnte für ihre Tochter Natascha Kampusch „allemal besser gewesen als das, was sie davor erlebt hat“, spekulierte Adamovich im Krone-Interview.

Wer die Leidensgeschichte von Natascha Kampusch kennt, die einen Teil ihrer Kindheit in einem unterirdischen Verlies verbringen musste – 181 Zentimeter breit, 246 Zentimeter lang, gesichert durch eine Betontüre, die jeden Schrei schluckt –, der wird die Empörung von Sirny begreifen. Auch Natascha Kampusch selbst sprach Montag Abend in einem ORF-Interview von einer „anmaßenden, unverständlichen“ Äußerung.

Doch Adamovich will sich nicht entschuldigen für seine „Hypothese“, auch wenn man über Formulierungen natürlich reden könne. Es sei „relativ gesehen denkbar, dass der Unterschied nicht übertrieben groß war, zumal man auch weiß, dass ihre Mutter nicht gerade zärtlich mit ihr umgegangen ist“. Adamovich: „Meine Stoßrichtung ist, dass es vorher vielleicht nicht so besonders gut und nachher nicht so besonders schlecht war.“

„Relativ gesehen denkbar“? „Allemal besser“? „Nicht besonders schlecht“? Was ist in Adamovich gefahren?

Wer dem Präsidenten dieser Tage gegenübersitzt, hat keinen Wirrkopf vor sich. Sorgfältig wählt Adamovich seine Formulierungen, so wie er es sein ganzes Leben lang tat. Er, den Freunde liebevoll „Fips“ nennen, ist Doktor honoris causa multiplex, war Professor für Verfassungsrecht in Graz. Sein Vater, Ludwig senior, sperrte 1945 als Justizminister der Zwischenkriegszeit den Verfassungsgerichtshof persönlich auf, damit wieder Recht herrschen möge in diesem zerbombten Land. Der Sohn, heute ein bürgerlich liberaler Freigeist, wollte eigentlich Gehirnchirurg werden. Doch auf Wunsch des Vaters begann auch er mit der Juristerei. Er arbeitete sich im Verfassungsdienst des Bundeskanzleramts hoch, und Bruno Kreisky ernannte ihn 1984 zum Präsidenten des Höchstgerichts, das er 2002 verließ. Als zurückhaltender, humorvoller Jurist war Adamovich dort bekannt. Bei Sessionen zitierte er Richard Wagners „Meistersinger“. „Fanget an!“, ermunterte er einmal seinen Nachfolger Karl Korinek, der mit den Worten „Der Sänger wartet!“ ungeduldig seinen Vortrag angekündigt hatte.

Feine Klinge, leiser Humor, das sind die Waffen von Adamovich, der nicht einmal die Fassung verlor, als er sich von Jörg Haider wegen eines Erkenntnisses zu den Ortstafeln ob seines Namens nach seiner Aufenthaltsbewilligung fragen lassen musste. Und jetzt zückt er den Holzhammer, um auf die Mutter eines Opfers einzuschlagen?

Ereilt ihn bald das gleiche Schicksal wie diesen entrückten Grazer Richter Martin Wabl? Auch der unterstellte Mutter Kampusch eine Verwicklung in die Entführung und wurde dafür verurteilt.

Was also sind die Beweise, Herr Adamovich? „Brigitte Sirnys Biografie etwa“, sagt er, in der sie schildert, wie sie ihrer Natascha einen Klaps auf den Mund gegeben habe. Dann wären da noch Kinderfotos, die die kleine Natascha in Reitstiefeln zeigen – die Bilder landeten im April 1998 beim profil, das Kinderpornografie witterte. Heute spricht viel dafür, dass sich das Mädchen nur zum Spaß verkleidet hatte. Bei den Betrachtern des Bildes war wohl die Fantasie durchgegangen.

Adamovich aber meint, in den Ohrfeigen, im rüden Ton des Gemeindebaus und in den Fotos Indizien erkennen zu können. Was, wenn diese Fotos in die Hände von einem wie Priklopil gelangten? Was, fragt er, „wenn Priklopil, der unbestrittenerweise ein Bösewicht war, nicht diese Art Bösewicht war, die wir in ihm zu erkennen glauben. Dass es zum Beispiel ein Perverser war, aber einer, der mit ihr menschlich umgegangen ist?“

„Menschlich umgegangen“? Priklopil mit Kampusch? Wer die Einvernahmeprotokolle Kampuschs kennt (sie werden hier aus Respekt vor dem Opfer nicht zitiert) könnte Adamovich nun mit gutem Grund als ignoranten Wichtigtuer abmahnen, der in „paternalistischer Arroganz“ (ein mit dem Fall befasster Anwalt) über eine Arbeiterfamilie herzieht, deren Welt und Nöte der edle Bürger offenbar nicht kennt. Adamovich sagt dann: „Solche Vorwürfe schmerzen mich.“

Man könnte die Geschichte hier enden lassen. Aber Adamovich sagt noch etwas: „Es hat sich nichts bewegt in dieser Republik. Da hat sich eine gewisse Ungeduld eingestellt.“

Vielleicht ist das der Schlüsselsatz, um seine Motivation und seine Verirrung zu verstehen. Dass sich nichts bewegt in der Justiz. Dass man in diesem Land gegen Gummiwände läuft – und dabei vielleicht selbst Schaden nimmt.

Man muss noch einmal zurückblicken ins Jahr 2008, als alles begann. Im April saß ein anderer Würdenträger des Landes bei Melange und Marlboro im Café Eiles hinter dem Parlament und sinnierte: Herwig Haidinger, soeben als Chef des Bundeskriminalamts abgelöst, hatte gerade vor dem Nationalrat über die Sitten im Innenministerium ausgepackt. Im Fall Kampusch sei nicht nur gepfuscht worden, Handlanger der mittlerweile verstorbenen ÖVP-Innenministerin Liese Prokop hätten die Fehler auch noch vertuschen wollen. Das Kabinett der damaligen Innenministerin habe „die Sache ohne Eklat zu Ende bringen“ wollen.

Die schockierte Kampusch drohte mit Amtshaftungsklagen, und der damalige VP-Innenminister Günter Platter rief Adamovich zu Hilfe. Ihm zur Seite standen der Kriminalpsychologe Thomas Müller, eine Wiener Strafrechtsprofessorin, ein hochrangiger Kriminalist, ein Sektionschef und ein Präsident des OGH im Ruhestand.

Im Juni 2008 legte Adamovich seinen Bericht vor. Es war kein Staatsskandal, den er damals enthüllte, aber zwischen den Zeilen skizzierte er das Sittenbild eines von Unprofessionalität, Parteipolitik, Intrigen, und Chaos getriebenen Polizeiapparats, in dem eine Hand nicht weiß, was die andere tut. Es ist ein Staat, der einem wie Adamovich nicht ganz geheuer ist – und dessen Ermittlungen er offenbar nicht mehr traut.

Da ist zunächst diese Sache mit dem Hundeführer Inspektor Christian P. Der Polizist aus Strasshof hatte den Wiener Ermittlern bereits 1998 von einem Muttersöhnchen berichtet, das in Strasshof hinter einer elektronisch gesicherten Hecke lebe. Der Eigenbrötler habe einen „Hang zu Kindern“, sagte P. Er besitze jenen weißen Kastenwagen, in den Kampusch laut Zeugen gezerrt worden sei. Der Name des Manns: Wolfgang Priklopil, er könnte bewaffnet sein.

Die Kriminalisten in Wien legten den Hinweis zu den Akten. Priklopil hatten sie ja schon einige Tage zuvor besucht, seinen Kastenwagen (voller Bauschutt) fotografiert.

Ein Fehler? Die Polizisten hatten bei ihrem Besuch nicht einmal die Personenbeschreibung jener Schülerin zur Hand, die die Entführung beobachtet hatte. Sie arbeiteten ohne Software, die Hinweise digital verknüpfen würde. Obwohl sie 2170 weitere Verdächtige überprüfen mussten.

All das ist tragisch, aber noch kein Skandal. Die Polizisten hätten damals wohl auch keinen Hausdurchsuchungsbefehl bekommen – und selbst dann wäre es fraglich, ob sie Kampusch im Verlies entdeckt hätten. Doch acht Jahre später, als Kampusch über die Hecke sprang und die Ermittler schockiert erkannten, dass sie den Hinweis auf Priklopil verschlampt hatten, da wurden die Fehler von einst vertuscht.

Generalmajor Nikolaus Koch, der Leiter der Kampusch-Ermittlung, schickte zwei Polizisten zum Hundeführer. „Bitte sag nichts!“, baten sie ihn. Dann schrieben die Polizisten einen Aktenvermerk: Der Hundeführer, so behaupteten sie, habe damals gar keinen Hinweis auf die pädophilen Neigungen Priklopils gegeben. Koch stellte sich vor die Presse und sagte keck: „Herr Priklopil hatte damals ein Alibi.“

Es sind solche Unsitten, die Adamovich misstrauisch machten. Führungskräfte der Polizei und sogar der Minister, heißt es in dem Bericht, hätten sich aufgrund unklarer Verantwortlichkeiten „ins Dunkle zurückziehen können“. Spitzenleute seien oft nicht nach fachlichen Kriterien, sondern aufgrund von „persönlichen Verbindungen und Zugehörigkeiten“ zu ihrem Job gekommen.

Auch der auf die Spitze getriebene Opferschutz missfällt ihm. Die Richter hatten Protokolle Kampuschs einfach in den Tresor gesperrt, aus Angst, die Dokumente könnten von geldgierigen Polizisten an die Presse verkauft werden. Nicht einmal der BKA-Chef Haidinger durfte eine Kopie erhalten. Auch Videokassetten und Tagebücher seien Kampusch zu früh ausgehändigt worden. Die Opferschützer hätten „eine Art Schutzschirm bilden können, der die ohnehin schon schwierigen Ermittlungen erheblich erschwerte“. Gleichzeitig, moniert Adamovich, habe das Innenministerium eine medial unerfahrene Beamtin vor die Kameras gestellt, die intime Details aus dem ersten Verhör Kampuschs gegenüber dem ORF ausplauderte.

Es ist diese Melange aus mangelnder Professionalität, Chaos und Unfähigkeit, dieAdamovich heute wohl so misstrauisch macht und die vielleicht erklärt, wieso er die Öffentlichkeit mit gewagten Hypothesen aufschrecken will.

Wie aber sind Adamovichs Andeutungen zu verstehen? Bedeutet all das schon, dass Kampuschs Mutter irgendwie in den Fall involviert ist? Bedeutet es, dass Kampusch mögliche Mitwisser schützen will – etwa den Freund Priklopils, den Techniker Ernst H., der am Wochenende noch einmal vernommen wurde. Was spricht für die Thesen, dass Kampusch in Lebensgefahr schwebe, wie Adamovich einmal behauptete?

Adamovich bietet keinerlei Beweise, aber er zeigt Widersprüche bei den Ermittlungsergebnissen auf. „Ich spüre schlicht und ergreifend: dass irgendetwas hier nicht stimmt. Es passt einfach nicht zusammen. Ich will einfach, dass sich jemand mit Energie und Konsequenz dahintersetzt. Was dabei herauskommt, kann ich nicht sagen.“

Diesen Wunsch hat das Justizministerium Adamovich erfüllt. Man übertrug die Causa dem Grazer Oberstaatsanwalt Thomas Mühlbacher. Er soll die Mosaiksteinchen erneut zusammensetzen, um zu sehen, ob sich darin ein neues Bild zeigt.

Da ist einmal die Behauptung der Schülerin Ischtar A., die bei der Entführung zwei Männer gesehen haben will. Dann gibt es diese Aussage von Kampusch. Sie kenne keine Namen von Mittätern, sagte sie. Bedeutet das, dass es welche gab und sie nur deren Namen nicht kennt?

Priklopil, sagte sie weiters aus, sei mit dem Bus, in dem sie gefesselt lag, zunächst auf einen Feldweg gefahren. Er habe dort telefoniert und gesagt: „Sie kommen nicht.“ Wen hatte er damit gemeint? Polizeiliche Verfolger? Oder Komplizen?

Dann sind da noch die Aussagen jener Polizisten, die Ernst H. in der Nacht von Priklopils Selbstmord observierten. Auffällig nervös sei der Kumpel des Täters damals gewesen. Er habe in einer Lagerhalle Kisten in einen Bus geschleppt, und bei einer ersten Begegnung mit einer Polizistin fragte er: „Hat er sie umgebracht?“ Er musste von Kampusch also gewusst haben.

Doch in der ersten Einvernahme sagte H. aus, von Priklopils Taten nichts erfahren zu haben. Die beiden seien zwar sechs Stunden im Auto gesessen, aber Priklopil habe bloß eine Alkofahrt gestanden.

Das war gelogen, wie die Staatsanwaltschaft seit Freitag weiß. Priklopil, so H.s neue Verantwortung, habe damals seine Lebensbeichte abgelegt. Auch bezüglich anderer Details hat H. nun anders ausgesagt. „Wir müssen klären, warum“, sagt Staatsanwalt Mühlbacher. „Mein Mandant hatte Angst“, erklärt H.s Anwalt Manfred Ainedter. Noch etwas ärgert die Kriminalisten. Die Kisten, die H. in der Tatnacht hektisch wegschaffte, wurden nie beschlagnahmt. Sein Wagen wurde nie auf Spuren untersucht. „In der Hektik“, erzählt ein Polizist, „wurde damals massiv geschlampt.“

Das soll nicht mehr passieren. Mühlbacher ließ deshalb sogar Material beim deutschen „IT-Spezialisten“ Thomas Vogel beschlagnahmen. Der besachwalterte Verschwörungstheoretiker mit dem Musketierbart gilt in Deutschland als Spinner, seine „Arbeitsfelder“, so sagte er einmal, seien „Visualisation, Telefon, Telepathie“. In Österreich wurde der Mann, der vorgibt, ein Sexvideo mit Kampusch zu besitzen, dennoch als Kronzeuge angeführt. In einem wirren Youtube-Video behauptet er, dass auch Mutter Kampusch in den Fall involviert sei.

Dass Vogel ein Spinner ist, weiß auch Adamovich, und doch begrüßt er die Hausdurchsuchung: „Herr Vogel bewegt sich in demselben Milieu, in dem sich auch Priklopil bewegt hat. Es ist nicht undenkbar, dass er etwas weiß.“

Der Absonderliche und der Präsident. Sie beide stellen ähnliche Hypothesen im Fall Kampusch auf, freilich aus völlig anderen Motiven. Was für den einen Narretei, ist für Adamovich Teil einer mühseligen Suche nach Erkenntnis.

Viel Platz, um auf die Gefühle der Opfer und ihrer Angehörigen Rücksicht zu nehmen, bleibt da nicht. „Es ist ein Risiko, das jeder trägt, der in eine strafbare Handlung hineingezogen wird“, sagt Adamovich. Das seien, wenn man so will, Kollateralschäden der Wahrheitsfindung.

Ist das so? Adamovich wird sich nun vor Gericht gegen Kampuschs Mutter in einer ungewohnten Perspektive wiederfinden: als Beschuldigter. Es gelten in seinem Fall mildernde Umstände.

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 10 Ressort: Politik




„Unsere Freiheit endet im Stau“

21 11 2009

Gegen Verkehr, Zersiedelung, Apathie: Wie Claus Leggewie die Klimakrise kleinkriegen will

Matthias G. Bernold im Gespräch mit Claus Leggewie

Man könnte Claus Leggewie einen Hans Dampf in allen Gassen nennen. Der deutsche Kulturwissenschaftler forschte über Terror und Medien, verfasste Bücher über die Türkei und Europa, Bosnien nach dem Bürgerkrieg, die Globalisierung und den weltpolitischen Einfluss der USA. In seinem jüngsten Buch befasst sich Leggewie mit dem Klimawandel, und er entwirft die Utopie einer neuen Gesellschaft.

Falter: Warum ist Klimawandel ein Thema für einen Kulturwissenschaftler?

Claus Leggewie: Klimawandel heißt Kulturwandel. Und die Art und Weise wie wir das Klima – etwas das wir nicht riechen, schmecken und fühlen können – erfahren, ist kulturell geprägt. Die Naturforscher haben lange naiv geglaubt, dass die Menschen ihr Verhalten ändern würden, wenn man nur über die abstrakte Bedrohung aufklärt. Das geschieht aber nicht. Deswegen sind Kulturwissenschaftler gefragt, weil sie die symbolische, emotionale und Verhaltensebene in den Blick nehmen.

In Ihrem Buch führen Sie aus, dass mit den Rohstoffen auch die Errungenschaften der westlichen Moderne – Marktwirtschaft, Zivilgesellschaft und Demokratie – zur Neige gehen. Am Horizont lauert die Megakrise. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

Leggewie: Die Erschöpfung der Marktgesellschaft hat man an der Wirtschaftskrise gesehen. Wir haben es mit dem größten Marktversagen der Geschichte zu tun. Es ist eben nicht so, dass alles eingepreist wird und die unsichtbare Hand des Marktes zu den erwünschten Resultaten führt. Gerade beim Klimawandel besteht ein Regulierungsproblem, für das die uns zur Verfügung stehenden nationalstaatlichen Instrumente nicht reichen. Es fehlt eine neue Architektur globaler Kooperation.

Als Gegenmaßnahme schlagen Sie in Ihrem Buch eine große gesellschaftliche Transformation vor: Bitte skizzieren Sie diesen Wandel.

Leggewie: Da sich das Gelegenheitsfenster zur Klimaschutzpolitik rasch schließt, ist breites Gegensteuern durch Gesetze und Marktanreize erforderlich, eine noch nie dagewesene Technologieentwicklung und erhebliche Lebensstiländerungen im Zeitraffertempo. Gleichzeitig müssen wir unseren Lebensalltag entschleunigen und uns von den Mustern industrieller Dynamik trennen, die am Wachstumsfetisch hängen. Ohne eine neue Kultur der politischen Partizipation der Bürger, die den Fernseher abstellen und aktiv werden, schaffen wir das nicht.

Wie muss sich unser Leben ändern?

Leggewie: Wir müssen an den großen drei Klimasünden ansetzen. Erstens: Unsere Ernährungsweise darf nicht länger die Ressourcen der Welt plündern. Zweitens: Unsere individuelle Mobilität muss energieeffizienter und reduziert werden. Drittens: unsere verschwenderische Raumnutzung muss urbanen, verdichteten Lebensräumen mit intelligenten Verkehrskonzepten weichen.

Sie kritisieren die Reparaturmaßnahmen in der Wirtschaftskrise als Bruch des Generationenvertrages, weil überkommene Industrien auf Pump erhalten werden und kein nachhaltiger Umbau betrieben wird. Hätten Sie die Konjunktur nicht gestützt?

Leggewie: Doch. Die Frage ist nur wie. Länder wie Südkorea oder China haben es vorgezeigt. Dort gibt es viel mehr Grün in den Stimulus-Packages als in den USA und Europa. Eine Abwrackprämie Umweltprämie zu nennen, zeigt ja, wie schlecht das Gewissen derjenigen sein muss, die so einen Blödsinn veranlassen. Fünf Milliarden Euro wurden ausgegeben, die nun nicht für eine energiepolitische Wende zur Verfügung stehen. Das Irre ist: die Politiker, mit denen man redet, wissen das, und die die Prämie in Anspruch nehmen auch. Weil wir wie die Junkies von der strukturellen und symbolischen Bedeutung des Automobils abhängig sind. Die Deutschen versichern selbstverständlich die Chromfelgen ihrer Autos, wären aber nicht bereit für eine Pflegeversicherung im Alter zu zahlen.

Aber es gibt eine kräftige Umweltbewegung. Menschen organisieren sich im Internet, grünes Gedankengut wird politischer Mainstream, und seit zwei Jahren ringen die Staaten um ein neues Klimaschutzabkommen, das in Kopenhagen unterzeichnet werden soll. Da tut sich doch was …

Leggewie: Das ist ja die Botschaft unseres Buches. Das Problem sind die vielen Meinungsführer und Schwerst-Intellektuellen, die uns mit Kopfschütteln begegnen und die sagen: Das schaffen wir nie. Als Trittbrettfahrer des Wohlstands und des Friedens der vergangenen 30, 40 Jahre, starren die 68er voller Pessimismus auf die nachfolgenden Generationen und sagen: So, das war’s. Diese Sorte von Defätismus und Zynismus der Meinungsführer ist lähmend.

Die Aussichten sind ja tatsächlich nicht rosig. Die Arbeitslosigkeit steigt, die Pensionen gelten als unsicher, die Generation Praktikum taumelt von einem prekären Dienstverhältnis ins nächste, und dazu der Klimawandel mit seinen Horrorszenarien. Davon auszugehen, dass man den Lebensstandard der Eltern nicht mehr erreichen wird, ist doch nachvollziehbar.

Leggewie: Natürlich, aber das macht auch Spaß.

Wie meinen Sie das?

Leggewie: Das meiste, was wir als Freiheitsgewinn durch Wohlstand, Mobilität, Gourmetküche und so weiter erleben, ist Zwangsbeglückung oder oberflächliche Ablenkung. Die Freiheit, Auto zu fahren endet beispielsweise im Stau auf der Südosttangente. Mobilität ist oft Zwangsmobilität, weil man zur Arbeit oder in den Supermarkt fährt, die so weit weg sind.

Reden Sie uns den Verzicht schön?

Leggewie: Wir müssen uns auf Änderungen des Lebensstils einstellen, die wir aber nicht als Verzicht, sondern als Entlastung von Scheinfreiheiten und Zugewinnmöglichkeiten durch eine vita activa begreifen müssen. Dazu gehört auch die Möglichkeit einer stärkeren politischen Partizipation, um überkommene Parteien- und Ressortpolitik, für die Österreich das beste Beispiel ist, aufzubrechen.

Sind die Hochschulproteste, wie wir sie gerade erleben, ein Beispiel für eine politische Partizipation in Ihrem Sinn?

Leggewie: Im Kern ist es das, was wir uns als Form der außerparlamentarischen Opposition erhoffen. Ich wünschte mir allerdings Protestbewegungen zu erleben, die nicht bloß von einem pseudo-gewerkschaftlichen Gesichtspunkt und der Verteidigung von Besitzstandswahrung motiviert sind oder davon, die Piefkes von den Unis wegzukriegen. Das große Ganze einer Bildungsreform sollte sich der Frage widmen: wie richten wir uns die Welt von morgen ein?

Wo geht es nur um Wahrung von Besitzständen und wo um die Gestaltung einer besseren Welt?

Leggewie: Ich denunziere materielle Interessenvertretung nicht. Ich wundere mich sogar, welchen Abbau des Wohlfahrtsstaates wir ohne nennenswerte Massenproteste zugelassen haben. Ich hätte nur die Vorstellung, dass zum Klein-Klein des Interessenkampfes Zukunftspathos tritt.

Wenn man Sie einen weltfremden Utopisten nennt, würde Sie das stören?

Leggewie: Nein. Da bin ich stolz drauf. Blamiert haben sich doch gerade die „Realisten“.

Zwei Fragen hätte ich noch: Welches Auto fahren Sie? Und: Auf wieviel Quadratmeter Raum wohnen Sie?

Leggewie: Solche Fragen finde ich überflüssig. Ich gebe nicht den Ökoengel und kann meine Thesen als Klimasünder genauso vertreten.

Mich interessiert, wie Sie es als Autor, der einen nachhaltigen Lebensstil einmahnt, persönlich mit dem Klimaschutz halten.

Leggewie: Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Ich habe einen spritschluckenden Oldie vor der Tür und fahre fast nur mit der Bahn, und in meiner Riesenaltbauwohnung herrscht eine durchschnittliche Raumtemperatur von 18 bis19 Grad. Dadurch und durch vieles andere unterschreitet mein ökologischer Fußabdruck den Mittelklassedurchschnitt nachweislich bei weitem.

Zur Person:

Claus Leggewie (geboren am 27. März 1950 in Wanne-Eickel) ist Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen.  1995 und 2006 war Leggewie Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien

Leggewie, Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten S. Fischer, 278 S., € 19,95

“Falter” Nr. 47/09 vom 18.11.2009 Seite: 16 Ressort: Politik




Mediaforschung: Warum werben Sie mit Frauen für Whopper, Herr Mesaric?

12 11 2009

 

Alltagssituation in einer Westernstadt: Am Schuppen lehnt ein Cowboy und klemmt seine Daumen in den Hosenbund. Vor ihm posieren eine Blondine und eine Brünette, die zum Negligé Revolver und hochhackige Schuhe tragen. Ihr Blick: herausfordernd.

Diese angefeuchtete Variante einer Karl-May-Fantasie ist der jüngsten Plakat- und Printkampagne der Restaurantkette Burger King entschlüpft, die damit auf ihren neuen Western Whopper – ein 752 Kalorien starker Hamburger mit Speck und Barbecuesauce – aufmerksam macht. „Wir wollten eine Werbelinie mit mehr Emotion und mehr Menschen“, erklärt dazu Harald Mesaric, Chef der Werbeagentur z-works.

Die neue Kampagne ist mit November in Österreich und in der Schweiz angelaufen. Beim Fotoshooting in der Brigittenauer Millennium City traf Aktfotograf Manfred Baumann auf Modelle wie etwa Anna Hammel, die Miss Austria 2009. Mit den Maßen 90-63-92 entspricht Hammel, rehäugig, aus Gmunden, nicht dem Bild, das man sich gemeinhin von Fast-Food-Konsumentinnen macht. Widerspruch im Werbekonzept sieht Mesaric dennoch keinen. Erstens habe man Mädchen gewählt, „von denen Beobachter sagen: Das könnte auch ich sein.“ Zweitens werde niemand von einem einzigen Western Whopper dick und unansehnlich.

Auch seien nicht diätaffine Frauen Zielgruppe, sondern fleischeslustige Männer. Die reagieren, weiß der Werber, auf elementare Reize. Und verfügen offenbar über das nötige Abstraktionsvermögen, von Frauenleib auf Fleischlaberl zu schließen. „Wir konnten in den letzten neun Jahren tun, was wir wollten“, sagt Mesaric, „aber die Resonanz war minimal.“ Nun sei es anders. „Die Leute“, sagt er, „interessieren sich eben vor allem für Sodom und Gomorrha. Leider.“

Falter” Nr. 46/09 vom 11.11.2009 Seite: 21 Ressort: Medien





Denk doch nicht so viel nach: Hackel lieber!

11 11 2009

Machen statt Schlafen, Schimpfen, Träumen“ lautet die neue Kampagne der Wiener ÖVP. Endlich affichiert jemand, was längst gesagt gehört: Mit Schlafen beginnt der Müßig- und der Untergang. Im Bett sterben die Leut. Zumindest sind sie unproduktiv. Zwischen Schlafen und wohlig Räkeln ist nur ein Augenblick. Wer liegt, hat vielleicht die Hände unter der Tuchent oder – schlimmer – brütet vor sich hin. Träumt von der Zukunft, von Pensionen, Berufschancen oder – noch lächerlicher – von sozialer Gerechtigkeit oder Klimaschutz. Wenn er aufsteht, ist sein Hirn so voll mit Dreck, dass er schimpfen, geifern, aufbegehren muss. Er besetzt Unis, blockiert sogar den Autoverkehr. Dem Ratschlag der ÖVP ist zu folgen: Bürger, lasst die Politiker machen! Selbst wenn euch deren Ideenlosigkeit langweilt: Schlaft bloß nicht ein.

Falter” Nr. 46/09 vom 11.11.2009 Seite: 6 Ressort: Falter & Meinung





Dolm der Woche: Christoph Gruber Cartellverband-Chef

11 11 2009

Christoph Gruber will nicht, dass sich Studenten in alles einmischen

Sieht aus wie ein Dolm, redet wie ein Dolm und ist: ein CVler! Wir wissen schon, auf Altherrenseilschaften hinhacken, bloß weil sie ulkige Kappen tragen, ist boshaft und gemein. Wer es aber so vehement einfordert wie Christoph Gruber vom Cartellverband, der verdient es nicht besser. Schlimm genug, dass er zur ORF-Sendung „Im Zentrum“ im Wichs erschien und aussah wie der Villacher Faschingsprinz, hatte er während zwei Stunden Diskussion nichts zu sagen, außer: dass Studenten zu gesellschaftlichen Fragen schweigen sollen. Guter Gedanke, Herr Gruber. Jeder kümmere sich um seinen eigenen Kram: Studenten um die Mitschrift, Omis um die Pension, Banker um die Marie. Und für Sie organisieren wir demnächst eine Diskussion, die Sie mehr interessiert. Etwas rund um Korpsgeist und Klüngel zum Beispiel.





Endstation Selzthal

7 11 2009

In Selzthal, der Gemeinde, die einmal Rußloch genannt wurde, zittern die Eisenbahner um ihre Zukunft…

panorama

Blick auf Selzthal. Die Bahn drückt den Ort förmlich gegen die Berge

Da, wo sich der Gleiskörper öffnet, um seine Schienenglieder in Richtung Bischofshofen und Richtung Rottenmann auszustrecken, ebenda kam Andreas Sandner auf die Welt. Der Mann, der mit seinen graumelierten Haaren und dem Schnurrbart der Fußballlegende Hans Krankl ähnelt, deutet auf ein Fenster im Oberstock seines Elternhauses. Hinter dieser Scheibe, wo in eineinhalb Meter Entfernung die Dampfloks vorbeirumpelten und sich der Ruß aus den Rauchfangen in dicken Flocken sammelte, rückte ihn vor 56 Jahren die Mutter ins Leben. “Die Eisenbahn hat Selzthal geboren”, sagt Sandner heute, “wenn die Eisenbahn stirbt, wird auch Selzthal zugrunde gehen”.

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Andreas Sandner vor seinem Geburtshaus

Wie ein Seismograf verzeichnet die steirische Gemeinde die kleinen und großen Erschütterungen der Österreichischen Bundesbahn. Wenn im Nationalrat – so wie in der vergangenen Woche – ÖBB-Bedienstete in Bausch und Bogen als Tachinierer verunglimpft werden. Wenn die ÖBB-Güterverkehrstochter Rail Cargo Austria (RCA) ankündigt, Güter künftig vermehrt mit Lkw zu transportieren. Wenn Generaldirektoren Millionen Euro in den Abort der Finanzmärkte spülen und Personalchefs kranken Dienstnehmern unter die Bettdecke lugen. Dann bedeutet das für die Bewohner Selzthals den Bruch einer jahrelang geübten Solidarität und – vor allem – die Bedrohung der eigenen Existenz.

Um die Denkweise der Selzthaler, deren Leben wie nirgendwo sonst an der Eisenbahn hängt, zu verstehen, lohnt sich ein Gespräch mit Sandner, dem Obmann des Sterbevereins. Seit mehr als 80 Jahren gibt es diese Einrichtung. Wenn einer heiratet, so die Tradition, tritt er zugleich dem Sterbeverein bei. Solidarisch teilen sich die Mitglieder im Todesfall die Begräbniskosten. Den Leichnam festlich kleiden, ihn abholen, einsargen, aufbahren und einen Trauermarsch blasen – all das machten die Eisenbahner jahrzehntelang selber, ohne dazu ein kommerzielles Bestattungsunternehmen zu benötigen.

“Aber es funktioniert nur”, erklärt Sandner, “solange hinten einer nachkommt, wenn vorne einer stirbt.” Früher sei klar gewesen, dass, wenn der Vater Eisenbahner war, auch der Bub Eisenbahner würde. Aber jetzt sterben die Alten vorne, und die Jungen hinten gehen weg. Weg von der Eisenbahn, weg von Selzthal.

Lebten in den 60er- und 70er-Jahren knapp 3000 Menschen hier, so sind es heute gerade einmal 1749. Noch immer arbeiten 400 auf dem Bahnhof. Selzthal ist eine schrumpfende Stadt, ähnlich den Stahlindustrie- und Automobilstädten im Rust Belt von Nordamerika, wie Detroit, Pittsburgh oder Youngstown. Sollte die ÖBB, die aufgrund der Wirtschaftskrise massive Einbrüche beim Gütertransport verzeichnet, ihren Stückguttransport wie geplant auf die Straße verlagern, bedeutet das nicht nur 14.000 zusätzliche Lkw, sondern auch deutlich weniger Arbeit für das Verschubzentrum Selzthal. Jobs kostet auch die Schließung von Nebenstrecken, wie zuletzt die der bei Pendlern und Touristen beliebten Gesäusebahn nach Kleinreifling heuer im September.

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Blick aus einer Verschublok

Weniger Arbeit, das heißt weniger Bürger, weniger Kommunalabgaben und weniger Geld für die Gemeinde aus dem Finanzausgleich. Für den Sterbeverein von Andreas Sandner heißt das, dass man nicht mehr die vollen Kosten für die rund 25 Begräbnisse im Jahr übernehmen kann. Den Mitgliederschwund spüren auch der Musikverein, die Naturfreunde und der Eisenbahner-Fußballclub, der nur noch deshalb eine Kampfmannschaft zustande bringt, weil er sich mit dem Nachbarort und einstigen Lokalrivalen Rottenmann zusammenschloss. Heute stehen im Ortskern Geschäftslokale leer. Die Post sperrte 2001 ihre Filiale, die Polizei ihr Wachzimmer.

Die Selzthaler müssen nicht nur immer häufiger zur Arbeit in die umliegenden Orte pendeln, sie kaufen auch anderswo ein. “Ich vergleiche Selzthal mit einer Goldgräberstadt, der das Gold ausgeht”, sagt Bürgermeister Alois Eckmann, Jahrgang 1959, der selbstverständlich vor Beginn seiner politischen Karriere ebenfalls Eisenbahner war. Das Gold von Selzthal ist seine verkehrstechnisch günstige Lage im Zentrum Österreichs.


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Der Ort entstand erst, als die k.k. priv. Kronprinz-Rudolf-Bahn Aktiengesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts mit den Bauarbeiten begann, um die bestehende West- an die Südbahnstrecke anzuschließen. Entlang der Gleise baute die Bahn Wohnbaracken für ihre Arbeiter, die aus allen Teilen des Staatsgebiets kamen. Die Einzigen, die schon früher den sumpfigen Talgrund besiedelt hatten, waren böhmische Torfstecher der Firma Pesendorfer. Das Wasser aus den Gebirgsbächen fand in den Dampfkesseln der Loks Verwendung und das Eis aus dem Speckmoser Teich im Kühlhaus, wo die Brauerei Gösser während des Sommers ihre Bierfässer lagerte, die man mit Pferdewagen zu den durstigen Torfstechern und Eisenbahnern brachte.

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Draisine

Wer von einem der umliegenden Berge auf Selzthal blickt, sieht, wie sich das Bahnhofsareal um die Häuser des Ortes legt wie eine schützende Hand. Eine Hand jedoch, die sehr fest zupackt. Eingekeilt zwischen dem Gleiskörper mit seinen 80 Haupt- und Nebengleisen und den steilen Hängen des Hausbergs Dürrenschöberl, ist nur wenig Raum für weitere Entfaltung oder die Hervorbringung alternativer Geschäftszweige. Der Bahnhof nimmt fast mehr Fläche ein als der Ort selbst. Stählernes Ratatata im Zehnminutentakt – für die Selzthaler gehört es zum Alltag. Täglich kommen rund 60 Reise- und ebenso viele Güterzüge durch: Aus dem Nordwesten aus Salzburg und Bayern, aus dem Nordosten aus Wels und Linz, in südlicher Richtung geht es nach Bruck, Graz und Richtung Westen durch das Ennstal weiter nach Bischofshofen.

“Ich habe die Eisenbahn nie als laut wahrgenommen?, erzählt Traudl Horvath, die ihre Jugend in Selzthal verbrachte, dann für 15 Jahre nach Stuttgart zog, um schließlich mit ihrer Familie in die Gegend zurückzukehren: “Da stört mich der Lärm der Autobahn mehr. Dieses Rauschen, das nie abreißt.” Ein Spaziergang mit Traudl Horvath wird zur Zeitreise in die Hochblüte des Ortes. Es sind die 60er-Jahre, und die Eisenbahner dürfen sich über Lohnerhöhungen und stete Verbesserungen ihrer sozialen Lage freuen.

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Zerstörte Glastür am alten Bahnhofsgebäude

Vom schattigen Ortskern führt der Weg zur Kirche mit dem Café Kurka vis-à-vis, das 1968 Treffpunkt der kräftigen Selzthaler Flower-Power-Bewegung war. Vorbei an der Volksschule, die damals nicht nur 42, sondern 200 Kinder besuchten. Vorbei an der Sparda-Bank und an einer Adeg-Filiale im Gebäude des ehemaligen Kinos. Hin zum neueren Teil des Ortes, der – weil er mehr Sonne hat – “Rosenviertel” genannt wird. 15 Gehminuten vom alten Ortskern baute die Eisenbahn ihren Mitarbeitern Wohnblocks und legte Schrebergärten an.

“Zwischen den Gärten haben wir Verstecken gespielt”, erinnert sich die energische Endfünfzigerin, “und auf der Straße Völkerball”. Gehörten die Straßen am Tag den spielenden Kindern, so nahmen den Ort in den Abendstunden durchreisende Zugmannschaften in Beschlag, die auf der Suche nach Zerstreuung von Gasthaus zu Gasthaus zogen.

“Heute gibt es noch drei Wirtshäuser, damals waren es 14, alle voll besetzt?, erinnert sich Karl Binder, ein ehemaliger Signalmeister und Musikant, “dazu ein paar Bauern, die schwarz ausgeschenkt haben”. Noch heute zeugen die Boxernasen vieler alteingesessener Bahnpensionisten von den Momenten, in denen raue Späße in rohe Handgreiflichkeit übergingen.

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Karl Binder

Wo 90 Prozent der Menschen einem Dienstherrn verpflichtet waren, der nicht nur für Wohnraum, sondern auch für Gesundheit und Alterssicherung sorgte, bildete sich eine Solidarität mit der ÖBB. Und mit der Partei, die traditionell die Interessen der Eisenbahner vertritt: der SPÖ. Selzthal ist blutrot.

Sozialdemokratischer als jede andere Gemeinde Österreichs: Ab 1925 hatten hier die republikanischen Schutzbündler einen Stützpunkt. In der Nazizeit wurde der Trafikant von der NSDAP zum Verwalter des Ortes eingesetzt, während in den Wäldern eine Gruppe Deserteure und Kommunisten ein Widerstandsnest errichtete. Die Selzthaler erzählen heute mit Stolz vom “Kommunistenputsch”, als aus dem Wald angeblich auf das Gemeindeamt geschossen wurde. Aber insgesamt blieb es vergleichsweise ruhig in Selzthal. Qualifizierter Bahnarbeiter zu sein, bedeutete sowohl im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg einen gewaltigen Vorteil. Denn während Bauern und ungelernte Hilfskräfte an die Front gingen, brauchte man die Eisenbahner, um den Nachschub sicherzustellen.

Im April 1945 entrichtete der Ort allerdings hohen Blutzoll, als bei einem Bombenangriff der Alliierten 70 Menschen starben.

“Eisenbahner ist man 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, ein ganzes Leben lang”, erklärt Sterbevereinsobmann Sandner. Er beschreibt Lebensgefühl und Berufsstolz, die Außenstehenden anachronistisch anmuten. Umso mehr, als Eisenbahner heute nur noch als Krankenstandserschleicher, als desorganisierte Verspätungsverursacher und als privilegierte Frühpensionisten in die Schlagzeilen geraten.

didi und hanspeter

Hans-Peter Groß (l.) und Didi Wassertheurer

Gerade die Diskussion um das niedrige Pensionsalter empfinden viele hier als ärgerlich und ungerecht. “Wie ich nach der Lehre zur Bahn gegangen bin, haben meine Kollegen aus der Privatwirtschaft gesagt: Du bist ja deppert”, erzählt Sandner, “die haben als Lehrlinge mehr verdient als ich als Ausgelernter bei der Bahn nach fünf Jahren. Selbstverständlich bin ich auch deswegen zur Bahn gegangen, weil mir gesagt wurde, dass es ein sicherer Job ist und dass ich mit 35 Dienstjahren in Pension gehen kann.”

Am Stammtisch im Gasthof Eder lassen die Anwesenden kein gutes Haar an der Politik in Wien und an Managern, die – wie es Didi Wassertheurer ausdrückt – “mit Auszeichnung studiert haben, aber von Zügen so wenig verstehen, dass ihnen sogar eine Modelleisenbahn entgleisen würde”.  In Selzthal, der stärksten SPÖ-Gemeinde des Bundesgebietes, wo die Sozialdemokraten trotz Verlusten an die FPÖ immer noch mehr als 70 Prozent der Stimmen halten, ist man enttäuscht.

Hans-Peter Groß, früher Wagenmeister und heute Obmann des Sportvereins, ärgert sich über Lkw-Frächter im ÖBB-Aufsichtsrat, die “nur an einer Schwächung der Eisenbahn Interesse haben”. Egon Sinzinger, der Altbürgermeister, sieht in der Verkehrspolitik der vergangenen zehn Jahre sogar eine “gezielte Demontage” der Bahn.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle eine kleine Rückschau auf die Unternehmensentwicklung der ÖBB halten. Der Staatsbetrieb, der zuletzt auf der Schiene 200 Millionen Fahrgäste und 19.000 Tonnen Güter transportierte, wird für die hohen (und starren) Kosten seiner rund 40.000 Mitarbeiter, für seine hohe Subventionierung durch den Bund (je nach Darstellung wird die Bahn mit zwei bis sieben Milliarden Euro gestützt) sowie für seine unausgegorene Strategie bei Großprojekten von Rechnungshof, Opposition und Medien kritisiert: Je nach politischer Wetterlage werden millionenschwere Investitionen wie der Bau des Wiener Zentralbahnhofs, des Koralm- oder des Semmeringbasistunnels einmal vorangetrieben, dann wieder blockiert. Fünf Jahrzehnte schon reichen die Versuche zurück, die Organisation des stählernen Riesen zu verbessern.

Wenn der Altbürgermeiser von Selzthal von Demontage spricht, dann meint er das Bundesbahnstrukturgesetz der schwarz-blauen Wenderegierung: Die ÖBB wurde damit in Teilunternehmen gespaltet, um auf diese Weise eine transparentere Verwendung von Betriebsmitteln sicherzustellen. Ab 2005 arbeiteten die ÖBBler nicht mehr alle für einen Arbeitgeber, sondern für zehn verschiedene, die bald unterschiedliche und mitunter widerstreitende Unternehmensziele zu verfolgen begannen.

“Wir waren auf einmal nicht mehr Kollegen”, erzählt Groß, “sondern wir mussten jeden Arbeitsvorgang gegenverrechnen”. Die Reform treibt skurrile Blüten. Eine neuerrichtete Werkstatt, die im Jahr 2000 noch von der ÖBB als am besten geführte Servicestelle des Landes gefeiert wird, stellt nach der Strukturreform ihren Betrieb ein. “Wir durften keine Reparaturen mehr selbst durchführen”, sagt Groß, “weil dafür war eine Abteilung in Linz zuständig, und die sind dafür eigens jedes Mal angereist.”

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Alle zehn Minuten fährt ein Zug durch Selzthal

Auch wenn die schwarz-blaue Regierung unter Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Verkehrsminister Hubert Gorbach inzwischen Geschichte ist. Obwohl SPÖ-Verkehrsministerin Doris Bures gerade dabei ist, das auch von Rechnungshof und ausländischen Experten kritisierte Strukturreformpaket teilweise rückgängig zu machen, ist den Selzthalern eines klar: Ihr Soziotop, wo Vereins- und Gartenarbeit das Leben der vielen Jungpensionisten bestimmten, wo man gemeinsam anpackte, um 10.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden in den Bau einer neuen Eisstockhalle und die Errichtung eines neuen Proberaums für den Musikverein zu stecken, und wo soziale Wärme herrschte, selbst wenn sich zur Winterzeit die Schneewächten auf den Schienensträngen häuften, ist ein Auslaufmodell.

Die Welt draußen ist eine andere geworden. Eine, in der sich auch Infrastruktur in erster Linie einmal rechnen muss, bevor sie der Gesellschaft nützlich sein darf. Eine Welt, in der zwar viel von Klimaschutz und Schiene statt Verkehrslawine gesprochen wird, in der aber die Verkehrspolitik entgegen ihren Worten handelt. Eine Welt der Transferkonten, in der jeder dem anderen das Schnitzel auf dem Teller neidet. Wo – wie Traudl Horvath es ausdrückt – “in einer Woche die Eisenbahner an den Pranger gestellt werden, in der nächsten die Lehrer, dann die Studenten, dann die Pensionisten und schließlich die Ausländer.” Die Hoffnung, die ÖBB würde sich auf ewig um ihre Stadt kümmern, gibt es nicht mehr. Lieber lässt die zuständige Infrastrukturgesellschaft Nutzflächen brachliegen, Werkstätten stillstehen und Gebäude verfallen, als sie der Gemeinde unter dem Marktpreis abzutreten.

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Ungewisse Zukunft

Die Bewohner suchen nach einer neuen Vision, abseits des Albtraums einer sterbenden ÖBB-Exklave. Der Bürgermeister will Wohnbauprojekte, der Sportvereinsobmann mehr Sportveranstaltungen. Doch viele hängen noch an der Vorstellung, dass der Zug der Zeit auch einmal in die Gegenrichtung abdampfen könnte. Was, wenn der Erdölpreis explosiv stiege? Was, wenn die SPÖ wieder mehr auf ihre Eisenbahner schaute? Was, wenn die ÖBB nach Schweizer Vorbild reformiert würde, sodass die Züge pünktlicher und öfter fahren?

Glaubt man Andreas Sandner, der als Obmann des Sterbevereins viel mit dem Ende zu tun hat, dann hat Selzthal bald die Endstation erreicht. Aber noch fahren die Züge. Und vom höher gelegenen Friedhof im Rosenviertel blickt man über das Tal und zu den Gleisen. Unten fährt gerade eine einzelne Taurus-Lok in Richtung Wels. Bei den Bahnschranken, ungefähr auf Höhe des Friedhofs, betätigt der Lokführer das Signalhorn. Als pfeife er seinen Kollegen einen letzten Salut.

“Falter” Nr. 44/09 vom 28.10.2009 Seite: 20 Ressort: Politik





Hegemon der Straße

6 11 2009

An der Kreuzung Vesterbrogade und Bernstorffsgade springt die Ampel auf Rot. Doch ein Radfahrer schafft es nicht mehr, anzuhalten. Auf seinem bremsenlosen Eingangfahrrad – dem dümmsten Trend seit Erfindung des Segway Stehrollers – jagt er weiter, schleift mit den Füßen am Asphalt, um sein Vehikel zu entschleunigen. Alles vergebens. Quietschend bremsen die Autofahrer. Endlich bekommt der Mann sein Rad unter Kontrolle, biegt links ab und fährt fort, als wäre nichts geschehen.

Was in Wien einen Proteststurm ausgelöst hätte, lässt die Kopenhagener völlig kalt. Kein Hupen, kein Stinkefinger, niemand öffnet das Seitenfenster, um den Mann wüst zu beschimpfen. In der dänischen Hauptstadt haben sich Radfahrer anscheinend einen völlig anderen Status erkämpft. Die Wertschätzung für Drahtesel und deren Fahrer schließt offensichtlich sogar Fehlverhalten mit ein. Immerhin, wissen die Dänen, ist das Fahrrad die perfekte Maschine, konkurrenzlos in Bezug auf Umweltfreundlichkeit, Kosten-Nutzen, Energieeffizienz und Fitnessmehrwert.

Die Kopenhagener Stadtverwaltung hat dies ebenfalls erkannt: Das Radwegenetz ist dicht, sodass keiner auf den Gehsteig auszuweichen braucht. Die Zahl der Stellplätze ist hoch. Die Fahrradwege sind breit genug – bis zu vier Radlern haben nebeneinander Platz, sodass Eltern ihre Kinder und Einkäufe auf dreirädrigen Lastenrädern bequem und sicher durch die Stadt bringen können.

Man muss der Stadt Wien zugestehen, dass auch sie einiges getan hat. Doch selbst, wenn das Radwegenetz ständig erweitert wird, sind die verkehrspolitischen Lösungen immer noch patschert und mitunter gefährlich. Das beginnt bei der mangelhaften Markierung, geht über abenteuerliche Streckenführung bis hin zu klaffenden Lücken im Radwegenetz, etwa entlang der Nussdorfer Straße. Ein offenes Bekenntnis, privaten Autoverkehr zugunsten von Radlern und Flaneuren aus den Innenbezirken zu entfernen, fehlt in Wien.

Als Konsequenz dieser Halbherzigkeit ist der Autofahrer in Wien nach wie vor der unbestrittene Hegemon des öffentlichen Raumes. Was das bedeutet, zeigte sich kürzlich am Nationalfeiertag. Radfahrer, die es wagten, den Ring entlang zu fahren, wurden von Fußgängern, die zwischen Parlament und Universität in Hunderschaften auf den Radwegen promenierten, beschimpft: “Hast keine Haxen!”, “Musst heute mit dem Fahrrad fahren, Depperter!” und ähnliches. In die Empörung mischte sich – so schien es mir – Genugtuung darüber, es den Gehsteigfahrern, Durchschlänglern, Autoverkehrbehinderern endlich heimzahlen zu können.

Auf die Idee, sich mit derselben Präpotenz auf die Ringstraße zu wagen, um auch den Autofahrern ein Stück Öffentlichkeit abzutrotzen, kam allerdings niemand.

“Wiener Zeitung”, Extra; vom Samstag, 07. November 2009