Anne Headaway, eine der Gründerinnen der Rollergirls. Foto: Andreas Jakwerth

Reportage in der Wienerin: Wo die wilden Mädels wohnen


Starke Frauen, männliche Cheerleader und ein Hüftschwung, der umhaut: Roller Derby ist schnell, körperbetont und schweißtreibend. Dabei purzeln nicht nur die Gegenspielerinnen auf dem glatten Parkett: Sondern auch Geschlechterklischees werden gehörig durcheinander gewirbelt. Zu Besuch bei den Vienna Rollergirls.

Meine Reportage für die aktuelle Wienerin, mit Fotos von Andreas Jakwerth

Dicht aneinander und synchron gleiten Hans-A-Blast und Calamity Ka entlang der elliptischen Bahn. Klara Kroft, sie trägt über dem Helm, was aussieht wie eine Badehaube mit Stern, nähert sich den beiden in hoher Geschwindigkeit. Als sie versucht zu überholen, schieben sich die beiden anderen in den Weg: Es wird gestoßen, gedrängelt, geschubst. Schließlich landet Hans-A-Blast einen besonders gut platzierten Hüftcheck: Kroft verliert das Gleichgewicht, stürzt, schlittert auf den Knien von der Bahn.

Was – auch dank martialisch anmutenden Schutz-Ausrüstung samt Punk-Ästhetik mit Netzstrümpfen, Piercings und Tätowierungen – aussieht wie eine Szene aus einem Endzeit-Film á la Mad Max oder Die Jugger, ist Trainingsalltag bei den Vienna Rollergirls. Seit das junge Team im Mai 2011 gegründet wurde, kennt Österreich eine weitere Sportart. Oder besser: Kennen Österreichs Frauen eine weitere Sportart. Denn Roller Derby – wie der in den 1930er-Jahren in den USA aus Rollschuh-Rennen entstandene Vollkontakt-Sport heißt, ist nicht nur schnell, hart und wild, sondern vor allem eines: Exklusiv für Menschen mit XX-Chromosom-Kombination.

TEAMGEIST Neben der Freude an der Bewegung und am Kräftemessen zählt für die Rollergirls die Community. Das Klischee, wonach Rollergirls ausschließlich böse Mädchen mit Hang zu Metall-Musik und Punk-Ästhetik wären, ist heute überholt.

„Es ist schön, stark zu sein“, sagt Playing Captain Sandra Laube alias Zandy Zunder aus Berlin, die heute das Freitagabend-Training leitet. Mit Trillerpfeife und Zurufen dirigiert die gebürtige Berlinerin mit der schwarzen Kurzhaarfrisur und dem augenfälligen Tattoo am Hals die neun Spielerinnen in der Multifunktions-Sporthalle beim Ferry Dusika-Stadion. Vor einer Viertelstunde waren Hans-A-Blast, Klara Kroft und Calamity Ka noch Frauen in Zivilkleidung mit großen Sporttaschen oder Rollenköfferchen. In den Garderoben jedoch machten sie eine fast magische Wandlung durch: Mit Überstreifen der Trikots, mit Festzurren der bunten Schuhbänder und Einsetzen des Zahnschutzes wurden sie zu grimmigen Kämpferinnen: Zu Vienna Rollergirls eben.

Anne Headaway, eine der Gründerinnen der Rollergirls. Foto: Andreas Jakwerth

Die Truppe trainiert in einem baulichen Ambiente, das eine der Spielerinnen als „freundliche DDR-Atmosphäre“ bezeichnet. In der Halle wird zeitgleich Tischtennis, Beachvolleyball und Basketball gespielt. Schrille Zurufe und Kinderlachen sorgen für eine dichte Geräuschkulisse. Die Roller Girls eröffnen ihr Training mit einer einstündigen Aufwärmphase „off skates“: unzählige Liegestütze, Handstände an der Wand, Bauchmuskelübungen. Erst danach geht es in Rollschuhen gegen den Uhrzeigersinn um den Inline-Hockey-Platz. Geübt werden Spielsituationen wie die eingangs beschriebene und geheimnisvolle Tricks wie „Catch the Egg“.

Auch wenn das Spiel reich an taktischen Finessen ist: das Prinzip ist simpel. Zwei Vierer-Teams laufen zeitgleich Runden auf einer ovalen Bahn. Ziel dabei ist es, dass die sogenannte Jammerin im Team (sie trägt die Sternhaube) die Spielerinnen des andere Teams so oft wie möglich überrundet. Pro überholter Gegenspielerin gibt es einen Punkt. Die Blockerinnen haben die Aufgabe, die eigene Jammerin zu schützen und ungehindert Runden drehen zu lassen, während sie zugleich die gegnerische Jammerin möglichst lange aufhalten oder am passieren hindern. „Dabei soll es trotzdem immer fair zugehen“, betont Trainerin Zandy, „Kopf- oder Ellbogenstöße sind nicht erlaubt. Auch festhalten ist verboten.“ Nachsatz: „Ein guter Check wirft die Gegnerin um. Aber er verletzt sie nicht“.

Nicht einspurige Inline-Skates kommen zum Einsatz, sondern altmodisch anmutenden Rollschuhe mit vier Rollen auf zwei Achsen. Vorne sitzt ein fetter Gummi-Stopper, der mehrere wesentliche Funktionen erfüllt. Wird er doch nicht nur dazu benutzt, plötzlich abzubremsen, sondern auch dafür, kurze Strecken trippelnd zurückzulegen, sich gegen den Stoß einer Gegnerin zu stemmen oder sogar, um sich vom Boden abzustoßen und über eine gestürzte Spielerin zu hechten. „Am Anfang sind die Schuhe ziemlich ungewohnt“, erklärt Karin (Calamity Ka): „Sie sind viel wendiger, aber auch irgendwie wackeliger und instabiler als Inline-Skates.“

An das Gleichgewichts-Gefühl wie an die Kraft-Ausdauer-Leistung der Sportlerinnen stellt das Spiel hohe Anforderungen. Bei mittsommerlichen Temperaturen sind die Frauen binnen Sekunden völlig durchgeschwitzt. Von der Stirn rinnt es ihnen ins Gesicht und in die Augen. Manche Köpfe sind rot wie Paradeiser. In den kurzen Pausen, während Zandy die nächste Übung bespricht, schnappen die Mädels nach Luft und ihren Wasserflaschen. „Am Anfang glaubst du, du kommst um“, bestätigen die Rollergirls einhellig. Aber: „Mit jedem Training wird es besser.“

Längst ist der Sport nicht mehr nur subkultureller Zeitvertreib gepiercte Mädel mit Faible für Metall-Musik: Von der Chefredakteurin über die Sozialpädagogin, von der Sekretärin bis hin zur Studentin sind alle Berufsgruppen vertreten. Auch altersmäßig ist das Spektrum weit: Klara alias Klara Kroft, die lange wettkampfmäßig Karate trainierte und gerade eine Ausbildung zur Gebärdendolmetscherin absolviert, ist mit 19 Jahren das – in ihren eigenen Worten – „Küken im Team“. Den entsprechenden Ehrgeiz und Biss vorausgesetzt ist frau allerdings auch mit ein, zwei Jahrzehnten mehr in den Muskelfasern voll dabei.

„Wir rekrutieren gerade für unseren Kader“, erklärt Biene (Hans-A-Blast), die ebenfalls im Trainerinnen-Komitee sitzt: „Aber nicht nur voll austrainierte Athletinnen. Für jeden Körperbau findet sich im Roller Derby die richtige Rolle.“ Die nötige Fitness komme mit dem Training sowieso. Ebenso die Fähigkeit, zu stürzen ohne sich dabei zu verletzen.

Dass es die Vienna Rollergirls überhaupt gibt, verdanken sie der Initiative von Anna (Anne Headaway), die zusammen mit ein paar Freundinnen Rollerderby nach Österreich holte. Auch unter Eindruck von Drew Barrymoores Film „Whip It“ gründete sie im Mai 2011 den Verein. Seither organisiert sie zusammen mit den anderen die Trainings und versucht, den Sport populärer zu machen. In Ermangelung von Gegnern in Österreich reist die Truppe für Spiele ins Ausland: Zuletzt nach Stuttgart, wo die Wienerinnen gegen das B Team der Stuttgart Valley RollergirZ, „ein super Auftritt“ hinlegten, wie Biene betont. Am 18. August gibt es dann das erste Heimspiel gegen Barockcity Ludwigsburg. (In welcher Sporthalle steht allerdings noch nicht fest, die Details werden auf der Webseite der Rollergirls und auf Facebook bekannt gegeben).

Für Anna, die selbst lange Handball spielte, machte den Reiz des Spiels der Teamaspekt aus, die Körperlichkeit und das Gemeinschaftsgefühl. Auch die Tatsache, dass es sich um einen reinen Frauensport handelt. In einer männlich dominierten Welt sei Rollerderby so etwas wie ein feministisches Statement: „Männer kommen im Rollerderby nur als Cheerleader oder als Schiedsrichter vor.“

Um 21.30 Uhr gleiten Hans-A-Blast, Klara Kroft, Zandy Zunder & Co von der Bahn, beäugen noch einmal kurz die kleinen Blessuren und blauen Flecken, um sich danach in die Umkleidekabine zurück zu ziehen. Wenig später sind es nicht mehr wilden Kämpferinnen, sondern freundliche junge Damen, die auf den Heurigenbänken beim Buffet Platz nehmen. Bis zum Training nächste Woche bleiben die Rollergirls hinter der zivilen Schale verborgen. Vergessen sind sie allerdings nie. „Dein Rollergirl-Alter Ego begleitet dich 24 Stunden am Tag“, sagt Calamity Ka: „und schenkt dir Kraft und Selbstvertrauen“.

wienerin reportage als PDF

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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