“Wir alle können Watchdog sein”


Der britische Blogger und Investigativjournalist Paul Bradshaw über das Phänomen Wikileaks

Interview

Seit die Afghanistan-Protokolle zeitgleich auf dem Onlineportal Wikileaks und in drei Qualitätszeitungen veröffentlicht wurden, ist die Medienbranche in Aufruhr. Blogger und Kommentatoren in den alten Medien diskutieren Methode und Erfolg der investigativen Plattform des geheimnisumrankten australischen Internetnomaden Julian Assange. Dem Falter erklärt Paul Bradshaw, einer der versiertesten und einflussreichsten Onlinejournalisten Großbritanniens, der mit helpmeinvestigate.com seine eigene Aufdeckerplattform betreibt, was vom Phänomen Wikileaks zu halten ist.

Falter: Was ist der Unterschied zwischen Ihrer eigenen investigativen Plattform helpmeinvestigate.com und Wikileaks?

Paul Bradshaw: Verglichen mit der extrem ausgefeilten Technologie von Wikileaks haben wir ein simples, um nicht zu sagen primitives Produkt. Wikileaks hat viel Energie und Know-how investiert, um sich so aufzustellen, dass es von der Judikatur eines einzelnen Staates nicht mehr erfassbar ist. Zum anderen hat es Wege gefunden, Whistleblower auf optimale Weise zu schützen. So gut geht es uns bei Helpmeinvestigate nicht: Wir sind natürlich an das britische Recht gebunden. Wenn uns einer für etwas, was auf unserem Blog steht, klagt, stehen wir vor Gericht. Der andere Unterschied ist die internationale Ausrichtung. Wikileaks wird inzwischen von Informanten aus der ganzen Welt gespeist. Wenn Sie sich die Seite ansehen, finden Sie dort das Video über den US-Kampfhubschraubereinsatz gegen Zivilisten, das unter dem Titel Collateral Murder bekannt wurde, aber auch Berichte über die Finanzgebarung der britischen Scientology-Kirche oder die E-Mail-Korrespondenz von Klimaforschern. Einige besonders brisante Themen pickt Wikileaks heraus, um sie aufzubereiten. So wie eben jetzt bei den Afghanistan-Protokollen.

Handelt es sich bei Wikileaks um so etwas wie die Neuerfindung des Journalismus, oder kommt der alte investigative Journalismus nur im neuen Gewand daher?

Bradshaw: Ich würde sagen: Zweiteres. Es ist ein moralischer Journalismus mit einer gewissen pazifistischen Agenda, ohne kommerzielle oder politische Zwänge. Das hat es schon davor gegeben. Weil sich das Ganze im Internet abspielt, ist man nicht an räumliche Zwänge wie in einer Tageszeitung gebunden. Man kann die Rohmaterialien veröffentlichen und die Öffentlichkeit an der Sichtung dieser Materialien teilhaben lassen. Auch das gab es schon in der Vergangenheit. Aber die technisch perfekte Umsetzung ist definitiv etwas, was so noch nicht da war. Bemerkenswert ist natürlich die Person von Wikileaks-Gründer Julian Assange, der nicht nur besessen ist von dieser Idee, sondern der auch die nötigen technischen Fähigkeiten mitbrachte, so etwas zu schaffen.

Wikileaks gibt es seit dreieinhalb Jahren. Warum ist das öffentliche Interesse erst jetzt so groß?

Bradshaw: Ich würde meinen, das liegt an der Kooperation, die Julian Assange mit Guardian, New York Times und Spiegel eingegangen ist. Es ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Assange hat kalkuliert, dass Medien wesentlich mehr Interesse entwickeln, wenn er ihnen ein exklusives Vorabdruckrecht einräumt oder Zeit gibt, das Thema aufzubereiten. Diese Kalkulation ist letztlich aufgegangen.

Einerseits lässt Wikileaks traditionelle Medien alt aussehen, andererseits griff Assange für seinen jüngsten Scoop auf eben diese traditionellen Medien zurück. Warum?

Bradshaw: Ich glaube, dass es eine programmatische Entscheidung war. Assange hat eine technische Lösung für ein Problem gefunden. Aber die Frage der Distribution hat er noch nicht gelöst. Wikileaks war zwar unter Bloggern, Internet-Geeks und einigen Experten bekannt, es hatte aber kein Mainstreampublikum. Genau darüber verfügen große Nachrichtenorganisationen. Wikileaks ist die Kooperation eingegangen, um deren Leserschaft direkt anzusprechen. Natürlich auch um diese gewaltige Informationsmenge aufzubereiten. Die Berichte der Soldaten, um die es sich bei den 92.000 Akten ja handelt, sind Informationen, die Journalisten in dieser Form zuvor selten zu bearbeiten hatten. Damit muss man sich einige Zeit lang auseinandersetzen, da muss man Experten finden und bezahlen, die sich mit so etwas auskennen. Erst dann kann man etwas Sinnvolles herauslesen. Auch wenn es darum geht, diese Protokolle in Geschichten zu gießen, sind Qualitätsmedien die richtige Anlaufstelle: Das ist deren Geschäft und deren Stärke.

Bitte erklären Sie uns, wie das Verhältnis zwischen neuen journalistischen Plattformen wie Wikileaks und traditionellen Medien in Zukunft aussehen wird: Wird es Kooperation sein? Wird es Konkurrenz sein? Werden die einen die anderen verdrängen?

Bradshaw: Was wir jetzt beobachten konnten, eignet sich durchaus als Modell für die Zukunft. Vor allem bei großen journalistischen Projekten, die international bedeutsame Themen berühren, werden Onlinemedien und Nachrichtenorganisationen zusammenarbeiten. Während Wikileaks den Vorteil hat, international und weitgehend ohne rechtliche Schranken zu operieren, versorgen Qualitätsmedien ihre Kunden mit schön portionierten und fein zubereiteten Informationshappen. Ich glaube, die traditionellen Medienhäuser beginnen langsam zu verstehen, dass sie nicht die Einzigen auf dem Markt sind. Sie müssen sich an die neuen Verhältnisse anpassen.

Inwiefern?

Bradshaw: Grundsätzlich müssen sie damit aufhören, Erfüllungsgehilfen beim Werbeauftritt großer Konzerne zu sein, die über ihre Inserate wirtschaftlichen Druck auf Medien ausüben. Medienkonsumenten wollen unabhängig informiert und nicht manipuliert werden. Abgesehen davon gibt es wahrscheinlich zwei Wege, die Zeitungen in Zukunft gehen können: einzigartigen Content schaffen durch sehr spezifische, auch lokal eng umgrenzte Berichterstattung. Oder durch den Anspruch, das Weltgeschehen besser als alle anderen zu erklären: Hier werden sich, glaube ich, nur wenige Zeitungen halten: Blätter wie die New York Times gehören dazu.

In der Debatte rund um die Afghanistan-Tagebücher wurden Bedenken laut, das Veröffentlichen derartiger geheimer Informationen stelle eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit dar. Können Sie diese Bedenken nachvollziehen?

Bradshaw: Die US-Regierung hat anfangs behauptet, die Dokumente würden die nationale Sicherheit gefährden. Inzwischen ist man von dieser Darstellung abgerückt. Ich bezweifle, dass dieses Argument viel für sich hat.

Aufgrund seiner spezifischen Konstruktion mit Servern in mehreren Staaten, mit verschleierten Organisationsstrukturen und anonymen Redakteuren hat Wikileaks Sicherheitsmechanismen installiert, die es Regierungen unmöglich machen, die Seite zu sperren oder gerichtlich zu verfolgen. Während dies ein Vorteil im Kampf gegen kriminelle Regimes sein kann, entzieht sich Wikileaks aber auch der Kontrolle in demokratischen Staaten. Ist Wikileaks in diesem Sinn undemokratisch?

Bradshaw: Letztlich nicht. Demokratie beruht darauf, dass die Wähler über Informationen verfügen, aufgrund derer sie ihre demokratische Wahl treffen können. Das Gesetz hingegen verfolgt sehr oft das Ziel, Leute zum Stillhalten zu veranlassen und das Öffentlichwerden von Informationen zu verhindern, was wiederum die demokratische Mitbestimmung schwächt.

Gesetze verfolgen mitunter aber auch den Zweck, andere Rechtsgüter zu schützen. Etwa die Privatsphäre der Bürger.

Bradshaw: Es ist in Großbritannien so und es wird in Österreich nicht viel anders sein, dass unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit Rechtsbrüche geschehen, dass öffentliche Gelder nicht dort landen, wo sie landen sollten, dass sich Mächtige zu Unrecht bereichern oder dass Politiker im Geheimen Entscheidungen fällen, ohne dass das Volk je etwas davon erfährt. In diesem Sinne und da gebe ich Julian Assange Recht bedeutet ein Mehr an Information immer auch ein Mehr an Demokratie. Im Übrigen zeigen die unterschiedlichen Gesetze in den unterschiedlichen Ländern ja, dass der Umgang mit Presse- und Meinungsfreiheit auch sehr unterschiedlich gesehen werden kann. Wikileaks bricht keine Gesetze. Es operiert in jedem Land bis zu dem Punkt, der eben erlaubt ist. Wird ein Tun deshalb verwerflich, weil es anderswo verboten ist?

Wollen Sie damit sagen, dass es keinerlei Schranken für Journalisten geben soll, Informationen zu veröffentlichen?

Bradshaw: Doch, und die gibt es. Aber es sind in Wahrheit sehr wenige Fälle. Wenn zum Beispiel das Leben akut bedroht ist. Wenn das Privatleben Einzelner ohne Not und zu deren Nachteil in die Öffentlichkeit gezerrt wird, wie es Klatschreporter gerne tun. Ich glaube aber, dass in der Politikberichterstattung dieses Argument zu oft lediglich als Vorwand von staatlicher Seite missbraucht wird, um lästige Journalisten zu diskreditieren. Im Einzelfall muss derjenige, der versucht, die Veröffentlichung einer Information zu verhindern, ganz genau sagen, warum das gefährlich ist, warum und wen das schädigen kann. In der Regel ist es doch so, dass mehr Schaden dadurch entsteht, dass Informationen zurückgehalten werden.

Wird es in Zukunft mehr Whistleblower geben?

Bradshaw: Vermutlich werden wir mehr Leute sehen, die sich melden, wenn sie auf Ungerechtigkeiten oder Gesetzwidrigkeiten stoßen. Wir alle können wenn man so will Watchdogs sein. Früher musste man einen Journalisten gut kennen, um ihm ein Geheimnis anzuvertrauen. Jetzt ist es wesentlich einfacher, die Informationen sind meistens digital vorhanden. Ich muss nicht einmal mehr Papiere kopieren und in einen Aktenordner stecken. Es passt alles auf einen USB-Stick oder auf eine mobile Festplatte.

Manche amerikanische Kommentatoren haben davor gewarnt, dass die Regierungen angesichts der Möglichkeiten, geheime Informationen herauszuspielen, die Reglementierungen verschärfen und die Strafen für Geheimnisverräter erhöhen könnten. Sehen Sie auch die Gefahr, dass unsere westlichen Gesellschaften in Reaktion auf Seiten wie Wikileaks repressiver werden könnten?

Bradshaw: Das glaube ich nicht. Auch wenn es viele vielleicht insgeheim gerne hätten. Aber gerade in Ländern wie den USA oder Großbritannien ist die Meinungsfreiheit ein Gut, das immens hochgehalten wird. Es wird zum Glück äußerst schwierig sein, da Beschränkungen einzuziehen.

Zur Person

Paul Bradshaw

gilt als einer der einflussreichsten Online-Journalisten Großbritanniens. Auf onlinejournalismblog.com analysiert der Vortragende an der Universität von Birmingham die Entwicklungen des Medienmarktes, mit helpmeinvestigate.com betreibt er eine Plattform für Aufdeckungsjournalismus mit Bürgerbeteiligung.

“Falter” Nr. 31/10 vom 04.08.2010 Seite: 20 Ressort: Medien

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About Matthias Bernold

Matthias G. Bernold ist ein österreichischer Journalist, Jurist und Fotograf. Er lebt derzeit in New York.

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